Aus den Geheimakten des Welt-Detektivs – Band 10 – 3. Kapitel
Aus den Geheimakten des Weltdetektivs
Band 10
Der Mann mit den sieben Frauen
3. Kapitel
Dandy bezieht eine neue Wohnung
Entsetzt wichen Sherlock Holmes und Harry Taxon vor dem schrecklichen Anblick, den die Leiche im Koffer bot, zurück. Dann rangen sich die Worte über die Lippen des Detektivs: »Ein geheimnisvoller Schurke sendet mir sein Opfer in mein Haus. Er will mich damit verhöhnen, doch wir werden sehen, wer von uns beiden das letzte Wort behält.«
Mit diesem Ausbruch von Heftigkeit hatte die Erregung Sherlock Holmes’ ihren Höhepunkt erreicht und überschritten.
Kalt und ruhig nahm er nun die nötige Untersuchung vor.
»Vor allem, Harry, habe die Güte und schließe die Tür von innen«, sagte er. »Denn wir wollen ungestört sein. Und jetzt sei mir behilflich, die Leiche aus dem Koffer zu heben.
Zum Teufel, zittere nicht! Wenn du ein rechter Detektiv werden willst, musst du dich vor allem an den Anblick des Todes gewöhnen.«
»Sie wissen, Mr. Sherlock Holmes, dass ich schon viele Leichen gesehen habe und dass ich mir das Entsetzen davor längst abgewöhnt habe. Aber diese hier – o, welch eine schöne, arme, junge Frau! Und so grausam ermordet.«
»Man hat ihr, wie es scheint, ein Messer ins Herz gestoßen. Wir werden es bald sehen. Fass an, Harry. Tragen wir die Leiche aufs Sofa hinüber.«
Als der regungslose Körper auf den weichen Polstern des Sofas ruhte, beugte sich Sherlock Holmes tief über ihn und seine Blicke flogen schnell über die holdselige Gestalt.
»Die schöne, unglückliche Frau ist schon längst von der Starre des Todes gestreckt worden!«, sagte er dann.
Dunkelblonde Locken fielen vom Haupt bis tief über die Schultern und den Rücken herab. Die Augen waren halb geschlossen und in der Gegend der Herzgrube war das Hemd durch einen Messerschnitt getrennt worden.
Von da aus hatte sich das Blut über das Hemd ergossen und war auch auf die Kleider im Koffer gesickert.
»Es ist Mary Halton – daran ist nicht zu zweifeln«, sagte Sherlock Holmes ruhig.
»Der Brief, den sie an mich gerichtet hat, war ohne Zweifel der letzte, den sie in diesem Leben geschrieben hat.«
»Wie, Mr. Sherlock Holmes, Sie kennen den Namen dieser Unglücklichen?«
»Ich vermute, dass das ihr Name ist«, antwortete der Detektiv, »doch lass mich die Leiche nochmals betrachten.«
Nachdem Sherlock Holmes etwa fünf Minuten lang den toten Frauenkörper untersucht hatte, rief er aus: »Sie ist erwürgt worden, und zwar von den Händen eines Mannes. Hier am Hals finden sich deutlich die Fingerabdrücke. Erst später hat man ihr das Messer in das Herz gestoßen. Die Marke wurde natürlich aus dem Hemd herausgetrennt, weshalb wir an den Kleidern und der Wäsche, die sich im Koffer befinden, vermutlich nicht viel erkennen werden. Aber wir wollen sie uns ansehen.«
Stück für Stück nahm Sherlock Holmes nun aus dem Koffer heraus.
Es waren elegante Frauenkleider und Wäschestücke, wie sie nur vornehme Damen tragen. Sie waren teilweise reich mit Spitzen besetzt und noch so neu, dass Sherlock Holmes sofort ausrief: »Diese Wäsche stammt aus der Aussteuer von Mrs. Mary Galion. Sie wurde vor etwa sechs Monaten gekauft, aber überall fehlt das Monogramm.
Jetzt kommen die Toilettengegenstände: ein venezianischer Spiegel, ein Necessaire mit Bürsten und Feilen, wie man sie für die Handpflege braucht, und Bücher: Byron, ein Shakespeare-Band, Bulwers Die letzten Tage von Pompeji.«
»Wir sind auf dem Boden des Koffers angekommen, es ist nichts mehr darin«, meldete Harry.
»Gut, dann kommt der Koffer selbst an die Reihe. Durch ihn hoffe ich, feststellen zu können, wer die Tote war – falls es in dieser Beziehung überhaupt noch einen Zweifel gibt. Lass mich nun nochmals den Deckel betrachten, Harry.«
Nachdem der Junge den Deckel wieder niedergedrückt hatte, besichtigte Sherlock Holmes ihn, prüfte die Messingbeschläge und musterte nun auch den Deckel.
Plötzlich hob er das Haupt empor, knackte mit den Fingern und rief fast vergnügt aus: »Das ist wichtig! Ah, welch eine Idee! Also so wurde die Flucht bewerkstelligt. Sehr interessant! Harry, weißt du, wer die Unglückliche in den Koffer hineingelegt hat?«
»Nun, vermutlich ihr Mörder.«
»Ganz und gar nicht – sie hat sich selbst in den Koffer hineingelegt. Ich will dir die ganze Geschichte erzählen, Harry. Gib nur acht: Mary Halton wollte von ihrem Gatten entfliehen. Das war jedoch nicht ohne Weiteres möglich. Nur diesen Koffer konnte die Unglückliche unter einem Vorwand aus dem Haus bringen. Sie legte sich selbst in den Koffer und hoffte, in ihm die Reise bis nach London zurücklegen zu können. Dann sollte er gleich nach seiner Ankunft geöffnet werden – ganz natürlich, damit sie aus ihrem Gefängnis befreit würde.«
»Aber sie wäre unterwegs verhungert«, wandte Harry ein. »Wie lange geht denn ein Gepäckstück von Ashkirk nach London?«
»Ungefähr sechs Tage, mein Junge. Und wir haben die Kleider offenbar nicht sorgsam genug durchgesehen. Suchen wir nochmals, ob wir nichts in den Taschen finden.«
Die Taschen einiger Kleider wurden herumgedreht, und siehe da – es fielen Brotkrumen heraus. Schließlich polterte aus einer Tasche eine leere Weinflasche.
»Es wird immer klarer«, sagte Sherlock Holmes zu sich selbst. »Jetzt weiß ich auch, wo sie ermordet worden ist. Vor allen Dingen, sieh dir nur den Deckel des Koffers an, Harry. Bemerkst du an demselben einige Löcher? Sie sind nicht groß, aber sie haben genügt, der Unglücklichen Luft von Ashkirk bis London zuzuführen. Auch hier an der Seitenwand sind Löcher gebohrt. Das war alles klug und sorgsam vorbereitet. Im Übrigen ist Mary Halton nicht in Ashkirk ermordet worden, sondern erst in London.«
»Woraus schließen Sie denn das, Mr. Sherlock Holmes?«
»Ganz einfach aus dem Umstand, dass der Vorrat, den die Unglückliche im Koffer mitgenommen hat, bis auf die armseligen Krümel aufgezehrt worden ist und die Flasche bis auf den letzten Tropfen geleert wurde. Der Mord ist also erst hier in London begangen worden, und zwar wahrscheinlich auf dem Güterboden der Eisenbahn, die den Koffer in die Hauptstadt gebracht hat. Zu diesem Zweck hat sich der Mörder, nachdem er die Flucht Mary Haltons festgestellt hatte, Hals über Kopf nach London begeben, da er wusste, auf welche Weise sie ihm entwischte – nämlich indem sie sich in dem Koffer versteckt hatte. In einer Verkleidung hat er sich in den Güterboden eingeschlichen, den Koffer geöffnet und sein Opfer getötet.«
»Ich danke Ihnen, Mr. Sherlock Holmes. Ich werde die Leiche holen lassen.«
»Heute Nacht, wenn ich bitten darf«, rief der Detektiv aus, »damit die Sache auf der Straße nicht unnötig auffällt.«
Der Captain versprach, alles zu unternehmen, damit die Leiche so geheim wie möglich aus dem Haus geschafft würde. Dann wechselte er mit Sherlock Holmes einen Händedruck und ging.
Kaum hatte sich die Tür hinter ihm geschlossen, rief Sherlock Holmes seinem Famulus zu: »Ist dein kleiner Straßenaraber noch im Hausflur?«
»Er sitzt noch immer in der Küche und verzehrt gerade den siebten Pin, welchen ihm Mrs. Bonnet vorgesetzt hat.«
»Dann sage ihm, er möge gütigst eine Pause in seiner höchst schätzenswerten Beschäftigung einlegen und sich für einige Minuten zu mir begeben. Komm mit ihm.«
Wenige Minuten später führte Taxon den kleinen Dandy zu Sherlock Holmes. Der Junge kaute noch mit vollen Backen; er schien sich im letzten Moment noch einen ganzen Pin in den Mund geschoben zu haben.
»Na, schmeckt’s, Dandy?«, fragte Sherlock Holmes.
»Hm, hm«, machte der Junge, denn sprechen konnte er vorläufig noch nicht.
»Na, also, dann warten wir noch ein bisschen«, witzelte der Detektiv und zündete sich seine Pfeife wieder an.
»Schon alles in Ordnung, Mr. Sherlock Holmes«, rief Dandy, der die ganze Ladung mit Todesverachtung durch seine Speiseröhre in den Magen hinabgejagt hatte. »Ich danke bestens, das Frühstück war ausgezeichnet. So etwas habe ich noch nie gegessen.«
»So ein Frühstück sollst du nun immer haben. Wenn du Lust hast, kannst du jetzt dein Glück machen.«
»Mein Glück?«, rief Dandy, »oh, dazu bin ich immer bereit.«
»Ich will mich ein wenig präziser ausdrücken. Du bekommst einen guten Anzug, ein paar vortreffliche Stiefel, reine Wäsche und außerdem die Berechtigung, nicht nur zum Lunch, sondern auch zum Dinner für die Dauer eines Jahres in mein Haus zu kommen.«
»Drei Hochs für Mr. Sherlock Holmes«, stieß Dandy hervor und stand plötzlich auf dem Kopf.
»Junge, du bist ja ein Akrobat.«
»Ach, das bringt jeder echte Straßenaraber fertig«, versetzte Dandy und kehrte auf sein natürliches Piedestal zurück.
»Ich füge überdies noch hinzu, dass du dir während dieses Jahres jeden Sonntag zwei Schilling abholen kannst.«
»Sir, Sie werden mich noch zum König von England ernennen.«
– »Das wohl nicht, aber du weißt, dass du all dieser guten Dinge sicher bist, die ich dir versprochen habe – jedoch unter der Bedingung, dass du mir einen großen Dienst leistest.«
»Mr. Sherlock Holmes, befehlen Sie mir, vom Nelsondenkmal herunterspringen zu sollen, und ich werde es tun.«
»Dabei würdest du dich zerschmettern. Aber der Dienst, den ich dir zumute, ist für dich auch nicht ohne Gefahr. Es handelt sich nämlich um Folgendes – siehst du diesen Koffer?«
»Hm, ein sehr schöner Koffer, so groß, dass man darin wohnen könnte. Die Tonne, in der ich mit Brandymike gewohnt habe, ist nicht viel größer.«
»Ich mache dich darauf aufmerksam, dass es in diesem Koffer verschiedene Luftlöcher gibt. Wir werden sie noch vergrößern, dann wird es in diesem Koffer Luft nach Belieben geben.«
»Luft – wozu?«
»Zum Einatmen.«
»Wer soll atmen?«
»Du.«
»Ich soll in dem Koffer wohnen?«
»Nur für drei Tage. Dieser Koffer wird von hier aus per Express dorthin geschickt, woher er gekommen ist. Das ist in Schottland in der Nähe des Städtchens Ashkirk.
Natürlich werde ich dich mit den nötigen Nahrungsmitteln versorgen, während du die Reise in diesem Koffer machst. Da du ihn selbst gefällig findest, kann dir eigentlich nicht viel passieren, es sei denn, der Koffer würde auf den Kopf gestellt.«
»Aber dann stehe ich auch auf dem Kopf, Mr. Sherlock Holmes. Ich habe Ihnen gerade bewiesen, dass ich auf meinem Kopf mindestens genauso gut leben kann wie auf meinen Füßen.«
»Willigst du also ein?«
»Mr. Sherlock Holmes«, antwortete Dandy, »das, was Sie einen Dienst nennen, ist für mich ganz und gar nichts. Es wird mir nicht die kleinste Mühe machen, in diesem Koffer zu leben. Ich gebe Ihnen die Versicherung, dass ich mit Brandymike viel schlechter gelebt und gewohnt habe. Wie viele Straßenaraber würden mich um diesen schönen Koffer beneiden.«
»Die Sache ist also abgemacht, Junge«, rief Sherlock Holmes. »Du wirst, wenn man es dir sagt, in den Koffer hineinkriechen, und es ist selbstverständlich, dass du dich darin ganz ruhig verhalten musst.«
»Mäuschenstill, Sir. Aber nicht wahr, der Koffer wird doch irgendwann geöffnet werden?«
»Er wird nach drei Tagen geöffnet werden.«
»Und wer wird es tun?«
»Ich selbst.«
»Wo wird das sein?«
»Wahrscheinlich in einem Schloss, aber ich kann dir nicht sagen, in welchem Raum desselben.«
»Und was soll ich eigentlich tun? Soll ich nur eine Reise im Koffer machen?«
»Nein, Dandy, nun kommt die Hauptsache. Pass auf, Junge – komm her und gib mir die Hand. Ich schicke dich in diesem Koffer nach Ashkirk. Du gelangst in ein bestimmtes Haus und hörst alles, was in deiner Nähe gesprochen wird. Die Wände des Koffers sind nicht so dick, dass man nicht hindurchhören könnte. Machen wir einen Versuch – kriech hinein, Dandy!«
Doch Dandy kroch nicht hinein, sondern schwang sich geschickt über die Seitenwände des Koffers und kauerte sich darin nieder. Harry schloss den Deckel.
»Lass einige Zeit vergehen«, sagte Sherlock Holmes, während er seine Uhr hervorzog.
Dandy wollte wahrscheinlich zeigen, dass er tatsächlich die Lautlosigkeit eines Mäuschens besaß, denn aus dem Koffer war kein Geräusch zu hören.
»Wie findest du die Luft in deiner Wohnung, Dandy?«, fragte Sherlock Holmes mit lauter Stimme.
»Ganz vorzüglich. Es ist die beste Luft, die ich je geatmet habe – wenigstens riecht sie nicht nach Branntwein, wie es in der Nähe von Brandymike immer der Fall war.«
»Und gefällt es dir sonst gut im Koffer?«, fragte Sherlock Holmes nun mit bedeutend gedämpfter Stimme.
»Ganz gut, nur etwas zu essen müsste ich haben.«
»Das wirst du bekommen«, frotzelte der Detektiv, zog sich fast bis zum Fenster zurück und fragte dann mit Flüsterstimme: »Wie haben dir die Pins geschmeckt, die Mrs. Bonnet dir gegeben hat?«
»Herrlich, Sir«, rief Dandy sofort mit seiner Kinderstimme aus dem Koffer, »besonders der mit Honig und Rosinen gefüllte. So etwas hat noch nie ein Straßenaraber gegessen.«
»Man hört also ausgezeichnet in dem Koffer«, sagte Sherlock Holmes, während Harry den Deckel wieder zurückschlug und Dandy mit der Behendigkeit einer Eichkatze zum Vorschein kam. »Es ist nicht schwer, ein Gespräch zu belauschen, welches in deiner Nähe geführt wird. Merke dir alles gut – kannst du schreiben?«
»Damit hapert’s«, versetzte Dandy mit rührender Offenheit, »aber Sie können sich auf mein Gedächtnis verlassen, Mr. Sherlock Holmes. Ich werde Ihnen alles wiedererzählen, was ich im Koffer hörte.«
»Gut denn, Dandy«, antwortete der Detektiv, »unser Handel ist abgeschlossen, und ich hoffe, dass der kleine Dienst, den du mir leisten wirst, dir Glück bringen wird. Und jetzt, Harry, meinen Rock, Hut und Stock – ich muss fort.«
Ohne jede Verkleidung verließ Sherlock Holmes sein Haus. Er nahm einen Wagen und rief dem Kutscher zu: »Zur Güterdirektion der Great Northern Railway.«
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