Deadwood Dick – Der schwarze Reiter der Black Hills – Kapitel 8
Deadwood Dick – Der Prinz der Straße
Oder: Der schwarze Reiter der Black Hills
Von Edward L. Wheeler
Kapitel 8
Noch nicht!
Mit einem Stöhnen fiel Deadwood Dick zu Boden. Blut spritzte aus einer Wunde in seiner Brust. Die Kugel des älteren Filmore hatte ihr Ziel tatsächlich getroffen.
Laut waren die Schreie der Wut und Rache, als etwa zwanzig maskierte Männer aus dem Gebüsch strömten und die Kutsche umzingelten.
»Erschießt den verfluchten Kerl!«, rief einer von ihnen. »Er hat unseren Anführer getötet, und bei allen Heiligen im Kalender soll er dafür büßen!«
»Nein! Nein!«, schrie ein anderer, »macht so etwas nicht. Er soll in der Luft baumeln!«
»Hey!«, rief ein Dritter, der sich neben dem am Boden liegenden Lademeister erhob. »Seid nicht so voreilig, Jungs. Der Captain lebt noch. Er ist nicht einmal schwer verletzt!«
Ein lautes Hurra ertönte aus den Kehlen der zwanzig Männer und hallte tausendfach vom Berghang wider.
»Lassen wir lieber den Captain entscheiden, was wir mit diesem verdammten Kerl machen!«, schlug der Anführer vor. »Es ist schließlich seine Beerdigung, oder?«
»Ja, ja, es ist seine Beerdigung!«
»Dann soll er sich darum kümmern.«
Robber Dick wurde daraufhin in eine sitzende Position gebracht und das reichlich fließende Blut aus seiner Wunde gestillt. Dabei löste sich seine Maske und fiel zu Boden. Er hob sie jedoch so schnell wieder auf und setzte sie wieder auf, dass niemand einen Blick auf sein Gesicht erhaschen konnte.
In der Zwischenzeit hatte Clarence Filmore alle Patronen seiner beiden Six Shooter in die Luft abgefeuert. Er hatte dabei ein Ziel vor Augen: Er dachte, dass die Schüsse bis nach Deadwood zu hören sein würden, das nur eine kurze Meile entfernt hinter der Kurve lag. Das Militär würde alarmiert werden und ihm zu Hilfe kommen.
Nachdem Dicks Wunde versorgt worden war, stand er wieder auf und starrte die beiden Männer auf dem Kutschbock an. Im gespenstischen Mondlicht waren sie deutlich zu erkennen und ihre Gesichtszüge waren gut zu sehen.
»Alexander Filmore!«, rief der junge Straßenräuber mit einer Stimme, deren Bedeutung der kauernde Elende nur zu gut verstand.
»Alexander Filmore, endlich hast du dich zu erkennen gegeben und dein wahres Gesicht gezeigt. Was für ein hinterhältiger, durch und durch verdorbener Schurke du bist! Umso besser. Besser, du nimmst die Sache selbst in die Hand und stellst dich der Verantwortung, als dass du Werkzeuge einsetzt, wie du es bisher getan hast. Ich kann besser gegen ein Dutzend Feinde kämpfen, die mir offen gegenüberstehen, als gegen einen oder zwei, die im Gebüsch lauern.«
Der ältere Filmore stieß einen wilden Fluch aus.
»Jetzt triumphierst du!«, knurrte er und biss sich vor Ärger auf die Unterlippe. »Aber das wird nicht immer so bleiben.«
»Was? Glaubst du nicht? Ich glaube, ich werde dich für eine Weile adoptieren müssen. Jungs, holt die beiden herunter und fesselt sie fest.«
Daraufhin stürmten alle auf die Bühne, um die beiden Passagiere außen zu fesseln. Sie wurden kopfüber heruntergezogen und schnell mit starken Seilen an Hand- und Fußgelenken gefesselt.
Anschließend wandte sich Deadwood Dick an Bill McGucken, der es gewagt hatte, auf den Sitz der Kutsche zu klettern.
»Fahr weiter, du feiger Kerl – fahr weiter! Wir sind vorerst fertig mit dir. Aber denk daran: Kein Wort davon an die Bevölkerung von Deadwood, wenn du jemals wieder eine Reise auf dieser Strecke unternehmen willst! Jetzt fahr!«
Jehu brauchte keine zweite Aufforderung. Er zögerte nie, sich aus einer gefährlichen Situation zu befreien. Er griff nach den Zügeln, gab der langen Peitsche einen besonders kräftigen Schlag, und schon rollte die holprige Kutsche durch die schwarze Schlucht. Einen Moment später verschwand sie hinter der Kurve, hinter der Deadwood lag – die magische Stadt in der Wildnis.
Dann führten die Wegelagerer ihre Pferde aus dem Dickicht. Die beiden Gefangenen wurden vor zwei muskulösen Gesetzlosen im Sattel festgeschnallt. Ohne zu zögern, bewegte sich die Kavalkade die Schlucht hinunter. Die sanften Strahlen des hoch stehenden Mondes beleuchteten die Szenerie auf unheimliche Weise.
*
Clarence Filmore hatte gehofft, dass der Knall seiner Pistolenschüsse bis nach Deadwood zu hören sein würde. Wenn ja, dann ging sein Wunsch in Erfüllung. Der Knall erreichte das Ford oberhalb von Deadwood, gerade als ein Reiter den Hügel hinaufgaloppierte: Major R…, der gerade von einem Gelage im Met kam.
»Hallo!«, rief er laut. »Auf die Pferde! Es gibt Ärger in der Schlucht. Die Sioux unter Sitting Bull sind hinter uns her!«
Da das Wort des Majors in der Kaserne Gesetz war, wurde die Garnison in kürzester Zeit geweckt. Angeführt vom Major persönlich ritt eine Kavalkade schläfriger Soldaten die Schlucht hinunter zu dem Ort, von dem die Schüsse gekommen waren.
Mit wilden Schreien und in Erwartung des Sieges galoppierten sie um die scharfe Kurve. Doch dann kam es zu einer furchtbaren Kollision zwischen der ankommenden Postkutsche und der herannahenden Kavallerie. Es folgten das Wiehern und Schreien der Pferde, das Fluchen und Schreien der Verwundeten und allgemeines Chaos.
Die Kutsche, die Passagiere, die Pferde und alles andere wurden umgeworfen und rollten einen steilen Abhang hinunter.
Major R… stürzte kopfüber den Abhang hinunter und sah auf seinem Fall wahrscheinlich mehr als einen hochfliegenden Kometen. Er schlug mit dem Kopf voran in einem schlammigen Bach auf. Noch nie zuvor hatte man in den Black Hills einen trauriger aussehenden Offizier der US-Army gesehen als Major R…, als er aus seinem Bad auftauchte. Sein lächerliches Aussehen brachte den allgemeinen Strom der Gotteslästerung zum Verstummen und verwandelte ihn in ausgelassenes Gelächter.
Es wurde keine Zeit verloren, um alles wieder in Ordnung zu bringen. Noch bevor der Morgen anbrach, sah man in Deadwood die zurückgekehrten Soldaten und die zerstörte Kutsche mit ihren mürrischen Passagieren.
Dick und seine Männer ritten schnell den Canyon hinunter; die beiden Gefangenen bildeten unter der Bewachung von zwei maskierten Wachen die Nachhut.
Diese Wachen waren Brüder und spanisch-mexikanischer Abstammung.
Der ältere Filmore war ein scharfsinniger Menschenkenner und erkannte schnell den wahren Charakter dieser Spanier. Auch ihre gierigen Blicke auf die Diamanten seines Sohnes und seine eigenen entgingen ihm nicht.
»Wir wollen frei sein!«, flüsterte er schließlich, als keiner der Vorreitenden zurückblickte. »Ihr bekommt jeweils fünfhundert Dollar, wenn ihr uns freilasst.«
Die beiden Straßenräuber tauschten Blicke aus.
»Abgemacht!«, antwortete einer von ihnen. »Haltet eure Pferde an und lasst die anderen weiterreiten!«
Die Hauptgruppe ritt zu diesem Zeitpunkt gerade einen steilen Abhang hinunter.
Die vier Pferde wurden ruhig gezügelt. Als die anderen außer Hörweite waren, wurden sie wieder in Richtung Deadwood in den Canyon zurückgelenkt.
»Das wird eine unangenehme Angelegenheit für uns werden, sollten wir Dick jemals wieder begegnen«, sagte einer der Brüder.
»Fürchte ihn nicht!«, antwortete Alexander Filmore mit einem Fluch. »Wenn er dir jemals wieder über den Weg läuft, erschieß ihn wie einen Hund. Ich gebe dir tausend Dollar für diese Arbeit. Je früher er stirbt, desto besser für mich.«
Er sprach mit einem Tonfall, der von tiefstem Hass und Verbitterung zeugte.
Schreibe einen Kommentar