Aus dem Reiche der Phantasie – Heft 4 – Die Weltallschiffer – 9. Teil
Robert Kraft
Aus dem Reiche der Phantasie
Heft 4
Die Weltallschiffer
Verlag H. G. Münchmeyer, Dresden, 1901
Kapitel 9
Ein neuer Planet
Man war noch mit dem Betten und Verbinden der Verwundeten beschäftigt, als mehrere laute Rufe des Staunens die Aufmerksamkeit Richards erregten. Er folgte den ausgestreckten Händen und erblickte im Äther eine große, dunkle Kugel.
Sofort versammelten sich alle Offiziere und Gelehrten. Es begann ein fieberhaftes Messen mit Instrumenten und ein Berechnen. Schon erfüllte ein Gedanke alle mit untrüglicher Gewissheit: Das kann nur ein Planet sein, der von der Erde aus noch nie gesehen worden ist, weil er stets vom Mond verdeckt wird.
Die Lage des Schiffes konnte jederzeit bis zur tausendstel Sekunde bestimmt werden. Dadurch war auch die Berechnung anderer Himmelskörper möglich. Diese ergab, dass der Planet fünfmal so groß wie der Mond war, also ziemlich ein Drittel der Größe der Erde. Außerdem konnte man im Laufe einiger Stunden seine Bahn bestimmen und fand heraus, dass er sich tatsächlich immer hinter dem Mond befand. Die Erde hatte also noch einen weit größeren Mond, den die Menschen aber nie sahen.
Die Aufregung der Ingenieure und besonders der Astronomen bei dieser Entdeckung war ungeheuer, und die ganze Mannschaft war begeistert, als sie erfuhr, dass man aus der Spektralanalyse und anderen Anzeichen auf eine dichte Atmosphäre, und daraus wiederum auf eine Vegetation und die Bewohnbarkeit des Planeten schließen müsse.
Der Kurs wurde geändert und mit voller Kraft auf den neuen Planeten zugesteuert. Der alte Mars lief ja nicht davon. Erst zu diesem neuen! In einigen Tagen konnte man ihn erreichen.
Aber zunächst musste das Kind auch einen Namen haben!
Richard sollte der Hauptpate sein, doch er schlug bescheiden das Angebot aus, seinen Namen am Himmel zu verewigen.
»Das Land der Deutschen hieß einst Germania«, sagte er. »So soll nun Germania neu am Himmel entstehen.«
»Hurra, Germania!«, jubelte es im Schiff.
Unablässig standen die Schiffer an den Fenstern und legten das Fernrohr nicht aus der Hand. Die Kranken aber konnten nicht schlafen, denn die Spannung wuchs immer mehr.
Nun konnte die Dichtigkeit der Atmosphäre gemessen werden – sie glich fast ganz derjenigen der Erde. Man bemerkte Wolken und konnte sogar schon ein Gewitter wahrnehmen. Auch das Vorhandensein von Vegetation war garantiert, denn nach der Dichtigkeit der Atmosphäre musste der Planet schon fest sein. Jetzt konnte man seine Umdrehung um die eigene Achse berechnen. Tag und Nacht wechselten sich innerhalb von fast genau 24 Stunden ab. Alles war ähnlich wie auf der Erde. Dort gab es Menschen, nur waren sie im Verhältnis zum Durchmesser dieses Planeten und somit zu seiner Anziehungskraft deutlich kleiner.
Nach zwei Tagen durchbrachen sie eine Nebelschicht und sahen die Oberfläche der Germania!
Nun wurde die Fahrt des Schiffes gebremst und die letzte, schneckenhafte Bewegung, die nur fünfzig Meilen pro Stunde betrug, in eine vertikale Bewegung über die Oberfläche hinweg in einer Höhe von tausend Metern verwandelt. Dadurch konnte man alles, was dort unten vor sich ging, durch das Fernrohr deutlich erkennen.
Es sah aus wie die Oberfläche unserer Erde. Es gab Wälder, grüne und breite Flächen, dazwischen schlängelten sich Ströme, es gab Seen, Wüsten, Gebirge, Täler, alles war wie bei uns vertreten. Aber es gab einen Unterschied: Es waren keine Städte, Dörfer oder Häuser zu sehen.
Menschen, die in Städten leben, konnte es hier unten also nicht geben, und man war noch zu hoch, um eine Tierwelt unterscheiden zu können.
Das Weltallschiff senkte sich noch fünfhundert Meter tiefer hinab.
»Ein Vogel, ein Elefant, ein Hirsch, ein Krokodil.«
So klang es durcheinander.
»Ein Mensch.«
»Ein Mensch … ein Mensch!«
»Es ist ein ungeheurer Riese«, erklärten diejenigen, die das Fernrohr und die Entfernung besser kannten. »All diese Tiere sind von enormer Größe, aber dieser Mensch übertrifft sie noch, er mag 30 bis 40 Meter hoch sein, wenn nicht sogar noch größer. Wie ist das möglich auf solch einem kleinen Planeten?«
»Weil unsere Annahme, dass mit der Abnahme des Umfangs und der Anziehungskraft des Erdkörpers auch die Größe und Kraft seiner Bewohner abnehmen muss, nur eine leere Hypothese ist«, entgegnete Richard.
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