Varney, der Vampir – Kapitel 58
Thomas Preskett Prest
Varney, der Vampir
oder: Das Blutfest
Ursprünglich als penny dreadful von 1845 bis 1847 veröffentlicht, als es zum ersten Mal in Buchform erschien, ist Varney, der Vampir ein Vorläufer von Vampirgeschichten wie Dracula, die es stark beeinflusst hat.
Kapitel 58
Die Ankunft von Jack Pringle – Mitternacht und der Vampyr – Der geheimnisvolle Hut
»Du meine Güte! Was ist das?«, fragte Mr. Chillingworth. »Was für ein seltsames Geräusch.«
»Seien Sie still«, entgegnete der Admiral. »Haben Sie das noch nie gehört?«
»Nein, warum sollte ich?«
»Meine Güte, gesegnet sei die Unwissenheit mancher Leute. Das ist ein Bootsmannssignal.«
»Ach ja?«, murmelte Mr. Chillingworth. »Wird er noch einmal rufen?«
»Verdammt, ich sage Ihnen, es ist ein Bootsmannssignal.«
»Nun gut, wenn es so ist«, gab Mr. Chillingworth schließlich nach, »warum ruft er dann hierher?«
Der Admiral verachtete es, zu antworten. Er verlangte die Laterne, öffnete sie und schaltete sie ein. Nun schimmerte genügend Licht, um ihm den Weg zu weisen. Dann verließ er das Zimmer durch die Eingangstür der Halle.
Er stellte keine Fragen, bevor er die Tür öffnete, denn zweifellos war das Signal vorher abgesprochen worden. Und tatsächlich war es Jack Pringle, der eintrat. Der Admiral verriegelte die Tür mit derselben Präzision, mit der sie zuvor gesichert worden war.
»Nun, Jack«, fragte er, »hast du jemanden gesehen?«
»Ja, ja, Sir«, entgegnete Jack.
»Was, das meinst du doch nicht ernst – wo?«
»Wo ich das Essen gekauft habe. Eine Frau …«
»Verdammt, du bist ein Idiot, Jack.«
»Sie auch.«
»Hallo, du Bastard, was erlaubst du dir, so mit mir zu reden? Ist das deine Achtung vor deinen Vorgesetzten?«
»Das Schiff ist längst abgemeldet«, sagte Jack. »Und ich habe keine Vorgesetzten. Ich bin weder Marine noch Franzose.«
»Du bist betrunken.«
»Ich weiß, merken Sie sich das.«
»Da ist ein Schurke. Du unwissende Landratte! Habe ich dir nicht gesagt, dass du vorsichtig sein sollst und dass alles von Geheimhaltung und Vorsicht abhängt? Und habe ich dir nicht vor allem gesagt, dass du den Alkohol meiden sollst?«
»Das haben Sie in der Tat.«
»Und trotzdem kommst du hierher wie ein Rumfass.«
»Ja, jetzt haben Sie gesagt, was Sie zu sagen hatten. Und was nun?«
»Sie sollten ihn besser in Ruhe lassen«, meinte Mr. Chillingworth. »Es hat keinen Sinn, mit einem Betrunkenen zu diskutieren.«
»Hören Sie mal, Admiral«, sprach Jack und hielt sich so gut es ging aufrecht. »Ich habe Sie lange genug ertragen, aber jetzt reicht es mir. Sie sind so betrunken, dass Sie auf und ab wippen wie der Besanmast in einem Sturm. Das ist meine Meinung: tol de rol.«
»Lassen Sie ihn in Ruhe, lassen Sie ihn in Ruhe«, drängte Mr. Chillingworth.
»Der Mistkerl«, fauchte der Admiral, »er ist in der Lage, alles zu ruinieren. Wer hätte das gedacht? Aber so ist er schon seit zwanzig Jahren. Er hat nie ein gutes Urteilsvermögen, wenn er getrunken hat. Wenn alles glatt lief, nichts zu tun war und er vielleicht einen Tropfen mehr an Bord bekommen hätte, was niemanden interessiert hätte, war er nüchtern wie ein Richter. Aber wenn es etwas zu tun gab, das ein wenig Geschick erforderte, dann trank er verdammt noch mal genug Rum, um eine 74er zu versenken.«
»Wollen Sie etwas trinken, alter Knabe?«, fragte Jack. »Erinnern Sie sich noch daran, wie Sie sich in Beirut den Knöchel gebrochen haben? Wie Sie auf den Hintern gefallen sind und versucht haben, sich an Ihren Katechismus zu erinnern? Sie alter Trottel! Ich schäme mich für Sie. Erinnern Sie sich an das braune Mädchen, das Sie für dreizehn Schilling und einen Penny auf den gesegneten Gesellschaftsinseln gekauft und für einen Dollar an einen zwei Meter großen Neger in seinen natürlichen Pantoffeln verkauft haben? Sie sind ein netter Kerl, wenn Sie von Marines, Schiffsjungen und Landratten reden, verdammt noch mal. Erinnern Sie sich an den kleinen Franzosen, der Ihnen drohte, Ihnen die Nase abzureißen, und ich Ihnen riet, sie einzuseifen? Erinnern Sie sich an Sall in Spithead, als Sie in ein Bullauge der Staatskabine gekrochen sind, bis auf ihren Hintern?«
»Tod und Teufel!«, entfuhr es dem Admiral, der sich dem Griff von Mr. Chillingworth entzog.
»Ja«, gab Jack zurück, »eines Tages bekommen Sie beides, alter Bock, da bin ich mir ganz sicher.«
»Ich werde ihn umbringen, ich werde ihn umbringen«, brüllte der Admiral.
»Nein, nein, Sir«, sprach Mr. Chillingworth und packte den Admiral um die Taille. »Mein lieber Sir, wenn ich Ihnen einen Rat geben darf, Admiral Bell, im Nebenzimmer gibt es jede Menge von diesem feurigen Holländischen, wie Sie wissen. Setzen Sie ihn dort hin und machen Sie ihn fertig. Ich garantiere Ihnen, dass er dann ruhig genug sein wird.«
»Was sagen Sie da?«, rief Jack. »Holländer! Wer hat denn den? Nach Rum und Elizabeth Baker ist der Holländer das Einzige, was ich liebe.«
»Jack!«, befahl der Admiral.
»Aye, aye, Sir!«, antwortete Jack instinktiv.
»Komm mit.«
Jack taumelte ihm hinterher und gemeinsam erreichten sie den Raum, in dem der Admiral und Mr. Chillingworth vor dem Alarm gesessen hatten.
»Da!«, sagte der Admiral, stellte das Licht auf den Tisch und zeigte auf die Flasche. »Was hältst du davon?«
»Unter solchen Umständen denke ich nie«, murmelte Jack. »Auf die hölzernen Mauern des alten England!«
Er griff nach der Flasche, steckte den Flaschenhals in den Mund und für einige Augenblicke war nichts zu hören außer dem Gurgeln des Alkohols, der seine Kehle hinunterfloss. Sein Kopf fiel immer weiter nach hinten, bis er schließlich mitsamt Stuhl und Flasche umfiel und hilflos betrunken auf dem Boden lag.
»So weit, so gut«, konstatierte der Admiral. »Er ist jedenfalls aus dem Weg.«
»Ich werde nur sein Halstuch lockern«, erklärte Mr. Chillingworth. »Dann setzen wir uns woanders hin. Ich würde empfehlen, dass wir uns, wenn überhaupt, in jenem Zimmer niederlassen, das einst Flora gehörte. Dort hängt das geheimnisvolle Porträt, das eine starke Ähnlichkeit mit Varney, dem Vampir, hat.«
»Still!«, gebot der Admiral. »Was ist das?«
Sie lauschten einen Moment lang aufmerksam und hörten dann deutlich Schritte auf dem Kiesweg vor dem Fenster, als würde jemand entlanggehen – nicht ganz unachtsam, aber auch ohne große Vorsicht oder Rücksicht auf die Geräusche, die er verursachen könnte.
»Pst!«, flüsterte der Arzt. »Kein Wort. Sie kommen.«
»Was meinen Sie damit?«, fragte der Admiral.
»Weil mir etwas zuflüstert, dass Mr. Marchdale mehr über Varney, den Vampir, weiß, als er je preisgegeben hat. Löschen Sie das Licht.«
»Ja, ja, das reicht. Der Mond ist aufgegangen, sehen Sie, wie sein Licht durch die Ritzen der Fensterläden scheint?«
»Nein, nein, es kommt nicht aus dieser Richtung. Sonst hätte unser Licht uns verraten. Sehen Sie nicht, dass die Strahlen aus der halbgläsernen Tür kommen, die zum Gewächshaus führt?«
»Ja, und da sind wieder Schritte, oder noch mehr.«
Tramp, tramp, wieder hallten Schritte auf dem Kiesweg, die wie zuvor in ihren lauschenden Ohren verstummten.
»Was sagen Sie jetzt?«, fragte Mr. Chillingworth. »Sind es nicht zwei?«
»Selbst wenn es ein Dutzend wären«, meinte der Admiral, »würde ich es mit ihnen aufnehmen, obwohl wir einen unserer Leute verloren haben. Schleichen wir durch die Zimmer in Richtung der Schritte.«
»Ich verwette mein Leben darauf«, fuhr Mr. Chillingworth fort, als sie den Raum verließen, »wenn das Varney ist, dann geht er zu dem Zimmer, in dem Flora schlief, und zu dem er Zugang hat. Ich kenne das Haus genau, Admiral. Um von hier draußen zu diesem Fenster zu gelangen, muss man einen beträchtlichen Umweg machen. Kommen Sie, wir werden ihm zuvorkommen.«
»Eine gute Idee. So soll es sein.«
Sie ließen sich gerade so viel Licht von der Laterne geben, dass sie den Weg finden konnten, und eilten so schnell voran, wie es die verwinkelten Gänge zuließen. Ohne anzuhalten, erreichten sie das Zimmer.
Sie ließen die Lampe vor der Tür stehen, damit nicht einmal ein einzelner Lichtstrahl verraten konnte, dass sich dort Personen aufhielten. Dann nahmen sie so leise wie möglich zwischen den Vorhängen des antiken Bettgestells Stellung, das in diesem Werk bereits als bemerkenswertes Möbelstück dieses Zimmers erwähnt wurde.
»Glauben Sie«, fragte der Admiral, »dass wir sie abgehängt haben?«
»Sicherlich. Es ist nur schade, dass die Jalousie vor dem Fenster heruntergelassen ist.«
»Wirklich? Bei Gott, da kriecht ein verdammt seltsam aussehender Schatten darüber.«
Mr. Chillingworth schaute mit angehaltenem Atem hin. Selbst er konnte ein zitterndes Gefühl nicht ganz loswerden, als er sah, dass der Schatten einer menschlichen Gestalt, die offenbar sehr groß war, draußen stand, mit ausgebreiteten Armen, als würde sie nach einer Möglichkeit suchen, das Fenster zu öffnen.
Es wäre nun ein Leichtes gewesen, mit einer der Pistolen direkt auf die Gestalt zu schießen. Aber aus irgendeinem Grund schreckten sowohl der Admiral als auch Mr. Chillingworth davor zurück. Sie neigten eher dazu, die Person, die auftauchen würde, zu fangen, und wollten ihre Pistolen nur als letztes Mittel einsetzen, statt sofort und grundlos Gewalt anzuwenden.
»Was glauben Sie, wer das war?«, flüsterte der Admiral.
»Varney, der Vampir.«
»Verdammt, er sieht übel aus und ist groß genug für alles. Da ist ein Geräusch!«
Es gab ein seltsames Knacken am Fenster, als würde eine Fensterscheibe sehr leise zerbrechen. Dann bewegte sich die Jalousie leicht und der Schatten, der darauf fiel, wurde stark verzerrt, als würde jemand seine Hand hineinstecken, um vollständig in den Raum zu gelangen.
»Er kommt herein«, flüsterte der Admiral.
»Seien Sie still, um Himmels willen!«, flüsterte Mr. Chillingworth. »Sie werden ihn alarmieren und wir werden all unsere bisherigen Bemühungen umsonst gemacht haben. Aber haben Sie nicht gesagt, Admiral, dass Sie sich unter das Fenster legen und ihn am Bein packen würden?«
»Ja, das habe ich.«
»Dann gehen Sie und tun Sie es, denn so sicher, wie Sie ein lebender Mensch sind, wird sein Bein in einer Minute zu sehen sein.«
»Los geht’s«, gab der Admiral den Impuls. »Ich schlage nie etwas vor, was ich nicht selbst tun würde.«
Wer auch immer sich nun so sehr bemühte, in die Wohnung zu gelangen, schien Schwierigkeiten mit den Verschlüssen des Fensters zu haben. Als diese zunahmen, verließ ihn sowohl die Geduld als auch die Vorsicht und er rüttelte heftig am Fenster.
Mit weitaus größerer Vorsicht, als man es seiner Persönlichkeit zugetraut hätte, kroch der Admiral vorwärts und legte sich genau unter das Fenster.
Die Tiefe des Holzrahmens vom Boden bis zum untersten Teil des Fensterrahmens betrug nicht mehr als zwei Fuß, sodass jeder bequem vom Balkon aus auf den Boden der Wohnung treten konnte. Genau das wollte der Eindringling erreichen.
Es war ganz klar, dass dieser Unbekannte, ob Mensch oder Vampir, mit der Befestigung des Fensters vertraut war, denn nun gelang es ihm, es zu öffnen, und der Flügel wurde aufgestoßen.
Die Jalousie stellte immer noch ein Hindernis dar, doch ein kräftiger Ruck des Eindringlings brachte sie auf den am Boden liegenden Admiral herunter. Dann sah Mr. Chillingworth im Mondlicht eine große, hagere Gestalt auf dem Balkon stehen. Sie schien einen Moment lang zu zögern, ob sie mit dem Kopf oder mit den Füßen zuerst in die Wohnung steigen sollte.
Hätte er sich für die erste Variante entschieden, hätte er tatsächlich über mehr als menschliche Verteidigungs- und Angriffskräfte verfügen müssen, um der Gefangennahme zu entgehen. Aber sein Glücksstern stand günstig, und so stieg er zuerst mit den Füßen voran hinein.
Er drehte sich zur Wohnung hin und dabei fiel das helle Mondlicht auf sein Gesicht. Mr. Chillingworth konnte ohne den geringsten Zweifel erkennen, dass es sich tatsächlich um Varney, den Vampir, handelte. Dieser schlich sich gemäß den Berechnungen des Admirals heimlich in Bannerworth Hall ein. Der Arzt wusste kaum, ob er sich über diese Entdeckung freuen sollte. Sie war fast beängstigend, da er dem Thema Vampire skeptisch gegenüberstand. Er wartete mit angehaltenem Atem auf den Ausgang dieses seltsamen und gefährlichen Abenteuers.
Zweifellos gratulierte sich Admiral Bell zutiefst zu dem Erfolg, der seine Strategie zur Ergreifung des Eindringlings krönen würde – wer auch immer dieser sein mochte. Er wand sich vor Ungeduld, bis der Fuß nahe genug an ihn herankam, um ihn zu ergreifen.
Seine Geduld wurde nicht allzu sehr auf die Probe gestellt, denn schon im nächsten Moment ruhte der Fuß auf seiner Brust.
»Entern!«, rief der Admiral und packte den Eindringling sofort. »Yardarm zu Yardarm! Ich glaube, jetzt habe ich dich. Das ist eine Beute, Doktor! Er wird ohne sein Bein davonkommen, wenn er jetzt geht. Eh! Was? Das Licht! Er hat das Licht! Das Licht! Was ist denn das? Hallo, dort!«
Dr. Chillingworth sprang in den Gang und holte das Licht. Einen Augenblick später war er an der Seite des Admirals. Als die Laterne zurückgeschleudert wurde, sah er sofort, in welches Dilemma sein Freund geraten war.
Er lag auf dem Rücken und umklammerte mit einer fast lächerlichen Heftigkeit einen langen Stiefel. Aus diesem hatte der Eindringling geschickt sein Bein gezogen und ihn als armselige Trophäe in den Händen seiner Feinde zurückgelassen.
»Sie haben ihm nur den Stiefel ausgezogen«, sagte der Arzt. »Und jetzt ist er für immer verschwunden. Er weiß, was wir vorhaben, und ist Ihnen durch die Finger geglitten.«
Admiral Bell setzte sich auf und betrachtete den Stiefel mit trauriger Miene.
»Schon wieder!«, seufzte er.
»Ja, Sie sind erledigt«, sagte der Arzt. »Warum haben Sie nicht das Bein gepackt, statt den Stiefel? Admiral, ist das Ihre Taktik?«
»Seien Sie kein Narr«, konterte der Admiral. »Machen Sie das Licht aus und geben Sie mir die Pistolen, oder schießen Sie selbst in den Garten. Ein Zufallstreffer könnte etwas bewirken. Es hat keinen Sinn, ihm nachzulaufen. Eine Verfolgungsjagd ist eine lange Jagd. Aber schießen Sie.«
Als hätten einige Personen unten seine Worte gehört, folgten sofort zwei laute Schüsse aus dem Garten. Ein Glasbruch zeugte davon, dass ein Geschoss in den Raum geflogen war.
»Mord!«, rief der Arzt und fiel flach auf den Rücken. »Das gefällt mir überhaupt nicht. Das ist ganz nach Ihrem Geschmack, Admiral, aber nicht nach meinem.«
»Alles in Ordnung, mein Junge«, erklärte der Admiral. »Jetzt geht es los.«
Er sah im Mondlicht die Pistolen liegen, die er und der Arzt mit in den Raum gebracht hatten. Im nächsten Moment erwiderte er das Feuer des Feindes.
»Verdammt!«, sagte er. »Das erinnert mich an alte Zeiten. Feuert, ihr Diebe, während ich nachlade. Breitseite gegen Breitseite. Jetzt seid ihr dran. Ich verachte es, einen Vorteil auszunutzen. Was zum Teufel ist das?«
Etwas sehr Großes und Schweres schlug gegen das Fenster und fiel vollständig in den Raum, wobei es den Admiral fast unter sich begrub. Dann fiel ein weiterer Schuss, und etwas anderes kam herein, traf die Wand auf der gegenüberliegenden Seite des Raumes und prallte von dort auf den Arzt zurück. Dieser stieß einen Schrei der Verzweiflung aus.
Danach war alles still. Der Feind schien zufrieden zu sein, dass er die Garnison zum Schweigen gebracht hatte. Der Admiral musste heftig treten und strampeln, um sich aus einer Masse zu befreien, die ihn bedeckte und ihm wie ein ziemlich großer Baum vorkam.
»Das ist kein fairer Kampf«, rief er, »wenn man die Beine und Arme eines Mannes wie ein Stück indische Matte in den Ästen eines Baumes wickelt! Doktor, ich sage! Hallo! Wo sind Sie?«
»Ich weiß es nicht«, antwortete der Arzt, »aber jemand steigt auf den Balkon. Jetzt werden wir kaltblütig ermordet.«
»Wo sind die Pistolen?«
»Die sind natürlich abgefeuert, das haben Sie selbst getan.«
Es krachte etwas anderes in den Raum, das vom Geräusch her einem Ziegelstein ähnelte. Danach sprang jemand auf den Boden, rollte und wand sich auf höchst seltsame Weise. Er stand langsam auf und sagte nach einigen Schluckauf: »Kommt schon, ihr Landratten, so viele ihr wollt. Ich bin der Seemann für jedes Wetter.«
»Was, verdammt«, entfuhr es dem Admiral, »das ist Jack Pringle.«
»Ja, das bin ich«, sagte Jack, der nicht nüchtern genug war, um die Stimme des Admirals zu erkennen. »Ich sehe, ihr habt von mir gehört. Kommt schon, ihr alle.«
»Aber Jack, du Halunke«, brüllte der Admiral, »wie bist du hierhergekommen? Erkennst du mich nicht? Ich bin dein Admiral, du Seepferdchen.«
»Eh?«, sagte Jack. »Ja, ja, Sir, wie sind Sie hierhergekommen?«
»Wie bist du hierhergekommen, du Gauner?
»Ich habe den Feind geentert.«
»Der Feind, den du geentert hast, waren wir. Ich will verdammt sein, wenn ich nicht glaube, dass du uns mit Breitseiten beschossen hast, während der Feind in eine andere Richtung davonsegelte.«
»Lor!«, rief Jack.
»Erkläre das, du Scheusal, sofort – erkläre es.«
»Nun, das ist nur vernünftig«, gab Jack zu und setzte sich mit einem lauten Knall und stärkerem Schwanken als sonst auf den Boden. »Sehen Sie, es ist ganz einfach: Als ich kam, hörte ich natürlich, genau wie ich ging, dass mich jemand kommen ließ, weil jemand ging oder kommen würde, verstehen Sie, Admiral?«
»Doktor!«, rief der Admiral wütend. »Helfen Sie mir aus diesem Gewirr von Ästen heraus, und ich werde die Welt von einer Last befreien, indem ich diesen Kerl zerschmettere.«
»Zerschmettern Sie sich selbst!«, rief Jack. »Sie wissen, dass Sie betrunken sind.«
»Mein lieber Admiral«, erklärte Mr. Chillingworth, packte eines seiner Beine und zog kräftig daran, wodurch sein Gesicht in einen Haufen Dornen geriet. »Wir machen eine ziemliche Unordnung.«
»Mord!«, schrie der Admiral. »Das tun Sie in der Tat. Das nennen Sie, mich da herauszuziehen? Sie haben mich eingeklemmt.«
»Ich schaffe das schon«, sagte Jack.
»Ich habe ihn schon in vielen Schwierigkeiten gesehen und ich habe ihn auch schon da herausgeholt. Sie ziehen mich, Doktor, und ich ziehe ihn. Yo ho!«
Jack packte den Admiral am Kragen, der Doktor packte Jack um die Taille. Dadurch wurde Jack aus den Ästen des Baumes gezogen, der anscheinend in den Raum geworfen worden war. Sowohl Jack als auch der Doktor fielen zu Boden.
In diesem Moment war unter dem Fenster ein seltsames Zischen zu hören, dann gab es einen lauten Knall, als wäre eine Handgranate explodiert. Ein gespenstisches Licht schien in den Raum und eine große, hagere Gestalt erhob sich langsam auf dem Balkon.
»Hütet euch vor den Toten!«, hörte man eine Stimme sagen. »Lasst die Lebenden mit den Lebenden kämpfen, die Toten mit den Toten! Hütet euch!«
Die Gestalt verschwand, ebenso wie das gespenstische Licht. Es folgte eine tödliche Stille und die kalten Mondstrahlen fielen auf den Boden der Wohnung, als wäre nichts geschehen, das die hüllende Ruhe und Gelassenheit der Szene gestört hätte.
Schreibe einen Kommentar