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Deutsche Hausmärchen – 1. Märchen

Johann Wilhelm Wolf (Hrsg.)
Deutsche Hausmärchen
Göttingen, Leipzig 1851
1. Märchen
Der Fischersohn, der Rappe und der Schimmel

In einem großen Wald lag ein großer See, an dem ein Fischer mit seiner Frau wohnte. Gott hatte ihnen fünf Söhne geschenkt, von denen jeder schöner war als der andere. Jeden Morgen zog der Fischer zu dem See, warf seine Netze aus und abends zog er sie wieder ein. Stets waren sie voller schöner, guter Fische. Es war, als ob ein besonderer Segen auf seiner Arbeit ruhte. Dieser schien von einem kleinen grauen Männchen zu kommen, das sich jeden Tag am See zeigte und in dem Kahn und an den Netzen herumhüpfte, als ob es die Fische locke.

Als die Söhne größer wurden, mussten sie nacheinander mit auf den Fischfang ausziehen. Die übrigen vier trugen derweil die Fische in die Stadt und verkauften sie für viel Geld. Eines Tages zog auch der Jüngste, der gerade zwanzig Jahre alt geworden war, wieder mit zum See. Doch das graue Männchen ließ sich an diesem Morgen nicht blicken und am Abend war kein Fisch im Netz.

Schon wollten die beiden heimgehen, da kam das graue Männchen daher gesprungen und fragte: »Nun, ihr Leutchen, wie geht es heute?«

»Schlecht, sehr schlecht«, sprach der Fischer, »wir haben keinen einzigen Fisch gefangen.«

»Fischer, willst du mir deinen jüngsten Sohn verkaufen?«

»Um keinen Preis verkaufe ich mein eigen Fleisch und Blut«, rief der Mann.

»Ich fülle dir deinen Nachen mit purem gelben Gold, sodass du ein reicher Mann bist auf ewig«, sprach das Männchen. »Thust du es aber nicht, dann hast du keinen Vorsprung mehr und hast gestern deinen letzten Fisch gefangen.«

Da fing der Fischer an, sich die Sache zu überlegen, und sagte: »Ja, wenn ich wüsste, wo er bleibt und wie es ihm geht.«

»Es geschieht ihm gar nichts zu Leide. Er hat mir nur zu folgen und zwei Pferde zu füttern: einen Schimmel und einen Rappen. Übrigens darf er spazieren gehen oder reiten und kann tun, was er will. Er darf dich auch alle drei Monate besuchen.«

»Dann bin ich zufrieden«, sprach der Fischer, »wenn nur mein Sohn will.«

Der war aber ein herzensguter Mensch und sagte: »Vater, wenn ich euch glücklich machen kann, dann gehe ich mit dem grauen Männchen.«

Der Fischer nahm Abschied von seinem Sohn und dem Männchen. Als er wieder zu seinem Nachen kam, glänzten ihm dort helle Haufen Gold entgegen, sodass er ein steinreicher Mann war.

Der Jüngling folgte dem Männchen, das ihn immer weiter in den Wald führte, bis zu einem schönen Schloss. Es zeigte ihm alle Zimmer, die so prächtig waren, dass es nicht zu sagen ist. In einem davon stand eine Menge Bücher.

»Die darfst du alle lesen«, sprach das Männchen, »nur das eine dort in der Ecke nicht, es wäre dein Unglück.«

Zuletzt führte es ihn in den Stall. Dort standen zwei Pferde, ein Schimmel und ein Rappe. »Diese hast du zu füttern«, sprach das Männchen, »und das ist deine einzige Arbeit. Den Schimmel darfst du nie reiten. Du musst ihm jeden Tag zwei Maß Wein, viel gutes Brot und Wasser geben, ihn hart striegeln und sauber putzen, denn ich halte große Stücke auf ihn. Der Rappe bekommt Hafer, Heu und Wasser. Auf ihm darfst du nach Hause und in den Wald reiten, so viel du willst. Aber alle Arbeit muss bei Tage getan sein und du darfst nie mit Licht in den Stall gehen. Wenn du das treu und fleißig befolgst und nie die Ratschläge deiner Mutter befolgst, dann hast du es gut und dein Glück ist gemacht.«

Der Jüngling versprach es und hielt sein Wort. Wenn er mit seiner Arbeit fertig war, las er in den Büchern und lernte viele Dinge, die nicht jeder weiß. Aber mit dem Schloss war es doch nicht so einfach und es ging dort nicht mit rechten Dingen zu. Gewöhnlich sah er nur das Männchen, das jeden Tag kam, ihn für seinen Fleiß lobte und ermunterte, so weiterzumachen, da es sein Glück sein werde. Wenn er aber oft abends im Garten saß und so über allerlei nachdachte, dann sah er zwei Gestalten umherwandern, von denen er nicht recht zu sagen wusste, was sie eigentlich waren. Die eine schien groß wie ein Riese, war aber keiner, die andere schien kleiner wie ein Weib, war aber keins. Sie fuhren herum, erschienen und verschwanden, und er konnte nichts weiter bemerken, als dass die zweite immer betrübt und zu weinen schien. Er zerbrach sich oft den Kopf über sie, wurde aber kein bisschen klüger.

Nachdem ein Vierteljahr vergangen war, bat der Jüngling das Männchen um Urlaub, da er seine Eltern wiedersehen wollte. Das Männchen bewilligte es ihm gern, abermals riet es ihm jedoch, den Ratschlägen seiner Mutter kein Gehör zu geben. Der Jüngling ritt auf seinem Rappen los und stand, ehe er sich versah, am See. Als er aber nach dem Haus seines Vaters suchte, war davon nichts mehr zu sehen und an seiner Stelle stand ein prächtiges Schloss. Man kann sich denken, mit welcher Freude seine Eltern ihn empfingen. Seine Brüder waren alle verheiratet und reiche Kaufleute in großen Städten. Seine Mutter hielt ihm das vor und sprach: »Diese sind versorgt, du weißt aber noch nicht, was du hast. Du musst jetzt bald an deine Zukunft denken.«

Nachdem er ihr aber erzählt hatte, wie es im Schloss zuging, ließ sie ihm keine Ruhe mehr und sagte: »Sei kein Tor und überzeuge dich von allem. Das graue Männchen missgönnt dir dein Glück. Ich an deiner Stelle müsste vor allem wissen, was in dem Buch steht. Eher könnte ich die Nacht kein Auge zudrücken und weder Essen noch Trinken schmecken. Das graue Männchen erfährt ja nichts davon, du musst es nur recht heimlich tun.«

Sie redete ihm so lange zu, bis er ihr versprach, das Buch zu lesen und ihr bei seiner Rückkehr zu sagen, was darin stehe.

Nach einigen Tagen nahm er Abschied von seinen Eltern und ritt wieder zum Schloss zurück. Dort besiegte er anfangs die Versuchung, nach dem Buch zu greifen. Nach und nach, als die Versuchung immer wiederkehrte, meinte er jedoch, es sei ihm nur verboten, darin zu lesen; sehen könne er es immer. Nachdem er es eine Zeitlang immer wieder angesehen hatte, meinte er, er könne immerhin ein wenig darin lesen. Aber als er einmal am Lesen war, ruhte er nicht, bis er es ganz ausgelesen hatte. Nun wusste er, dass der Schimmel eine verwunschene Prinzessin und der Riese ihr Vater war, dass das Schloss ihnen gehörte und sie jede Nacht Menschengestalt annahmen. Auch wusste er, wie sie erlöst werden konnten.

Im selben Augenblick stand das graue Männchen vor ihm und fragte zornig: »Was hast du gemacht?«

Leugnen half nicht. Das Männchen fasste ihn beim Kragen und warf ihn vor die Tür des Schlosses. Dabei sagte es: »Hättest du nur ein Jahr lang meinen Ratschlägen gefolgt, dann wärst du auf Lebenszeit glücklich gewesen. Jetzt darfst du die Säue hüten. Das hast du davon!« Und da flog das Tor hinter ihm zu.

Da stand er nun im wilden Wald, ganz mutterseelenallein. Er fasste aber bald Mut, dachte, es sei ja nicht alles verloren, und er wisse doch, wie er die Prinzessin erlösen könne. Er schnitt sich einen Stock und arbeitete sich durch das Gebüsch. Viele Tage ging er weiter und ernährte sich von Wurzeln und Kräutern. Endlich wurde es lichter und er kam in ein Dorf. Er fragte die Bauern, ob es keinen Dienst für ihn gebe.

»Ja, wohl«, sprach einer von ihnen, »wenn du mir die Säue hüten willst, dann kannst du bei mir anfangen.«

Das war allerdings hart, besonders jetzt, nachdem er es lange Zeit so gut gehabt hatte. Aber was wollte er machen? Er wurde mit dem Bauern um einen geringen Lohn einig, bekam eine Ecke neben dem Schweinestall als Schlafplatz und trieb am folgenden Morgen seine Schweine aus. Während er auf dem Feld saß und über sein Schicksal nachdachte, rauschte es plötzlich in der Luft. Der Vogel Greif flog heran und ließ sich in der Ferne auf einem Berg nieder. Er rieb sich vergnügt die Hände, lachte froh in sich hinein und dachte an das Buch, in dem er vom Vogel Greif gelesen hatte. Als der Vogel am folgenden Tag wiederkam und denselben Weg flog, erzählte er abends dem Bauern davon.

»Ich kenne ihn nur allzu gut«, sprach der Bauer. »Er hat mir mehr als ein Schwein gefressen. Darum nimm dich in Acht, dass du dem Berge nicht zu nahe kommst.«

»Ei, was!«, rief der Jüngling, »mir holt er kein Schwein!«, und trieb geraden Wegs nach dem Berge hin.

»Das magst du tun«, sprach der Bauer. »Fehlt aber am Abend ein Schwein, dann bekommst du Prügel, und ich jage dich weg.«

»Frisch gewagt ist halb gewonnen«, sprach der Jüngling, als er am folgenden Morgen die Herde austrieb, und fuhr auf den Berg zu. Denn auch von dem Berg stand in dem Buch geschrieben.

Gegen Mittag kam der Vogel Greif herangeflogen wie eine große, dunkle Wolke. Als er die Schweineherde am Fuße des Berges erblickte, schoss er hinab und packte eines mit seinen großen, grausigen Klauen. Doch der Jüngling hatte nicht vergessen, was er weiter im Buch gelesen hatte. Er riss dem Vogel schnell drei Federn aus, steckte zwei hinter die Ohren und nahm eine in den Mund. Dadurch wurde er so stark, dass er trotz des Vogels Greif fliegen konnte. Jetzt riss er ihm das Schwein weg, griff ihn am Hals und drückte ihm die Kehle zu, bis der mächtige Vogel tot dahinsank. Dann schnitt er ihm mit seinem Messer den Leib auf und holte ein großes weißes Ei daraus. Damit konnte er die Prinzessin erlösen. Juhu, jetzt war er wieder oben und hätte mit keinem König und Kaiser getauscht. Jubelnd und singend trieb er seine Herde heim. Der Bauer wunderte sich, dass er schon so früh zurückkam. Bevor er jedoch fragen konnte, was der Grund dafür war, erhob sich der Jüngling durch die Kraft der Greifenfedern in die Luft. Der Bauer konnte nur noch hinterherschauen.

Er flog hoch empor, schaute sich um, bis er das Schloss erblickte, und ließ sich in der Nähe desselben auf einem Baum nieder, um den Abend abzuwarten. Dann flog er auf einen hohen Lindenbaum im Garten, unter dem er die beiden Gestalten jeden Abend hatte sitzen sehen. In den Ästen verborgen hielt er sich ganz still. Nach einer Weile öffnete sich die Stalltür. Zuerst schlüpfte das graue Männchen heraus, dann kam die weinende Frauengestalt und zuletzt die Riesengestalt. Das Männchen lief ins Schloss, die beiden anderen aber kamen auf den Lindenbaum zu und setzten sich unter ihm nieder. Ach, wie klopfte ihm jetzt das Herz! Er griff leise in den Sack, fasste das Ei, zielte gut und patsch! Flog es gegen die Stirn des Riesen. Gleichzeitig donnerte es, als breche das ganze Schloss zusammen. Der Jüngling musste sich an den Ästen der Linde festhalten und die Augen zudrücken. Als er wieder aufschaute, waren die beiden Gestalten verschwunden und stattdessen stand ein König mit goldener Krone auf dem Haupte da, und eine Prinzessin, die so wunderschön war, dass es ihresgleichen nicht mehr gab. Aus dem Schloss kamen die Hofherren und Diener gerannt, alle begrüßten und küssten sich, und es war eine Freude ohne gleichen. Der König wandte sich dem Jüngling zu, rief ihm zu, er möge niedersteigen, und als er das getan hatte, legte er die Hand des Jünglings in die Hand der Prinzessin und sprach: »Du hast es um uns verdient, dass du mein Sohn wirst. Wahre dir dein gutes Herz, dann wird das Glück dich auch bewahren.«

So wurde der Fischersohn ein königlicher Prinz. Wer weiß, was aus dir noch alles werden kann? – Wo ist denn das graue Männchen geblieben? Das hatte der alte Tagelöhner Hans vergessen, als er es mir erzählte. Wenn du nach Jugenheim kommst, frage ihn, dann wird es ihm wieder eingefallen sein.

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