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Der Welt-Detektiv – Band 13 – 2. Kapitel

Der Welt-Detektiv Nr. 13
Die unsichtbare Geheimpost
Verlagshaus für Volksliteratur und Kunst GmbH Berlin

2. Kapitel
Das Rätsel am See

Die Nacht verging ohne Störungen. Nur am frühen Morgen, kurz vor vier Uhr, entdeckte einer der Knechte ein riesiges, blutrotes Dreieck an der Scheunentür. Die Farbe war noch feucht. Eine Magd behauptete, zwei Männer gesehen zu haben, die Hals über Kopf über die Felder davongelaufen seien.

Buckin war Frühaufsteher. Um halb fünf Uhr wusste er bereits aus dem Munde des Kammerdieners, was geschehen war.

»Der rote Triangel ist’s, Herr!«, flüsterte der Alte.

»Unsinn!«

»Marv, die Magd, hat zwei Männer gesehen.«

»Wer wird auf solches Gewäsch schon etwas geben!«, wehrte Buckin ab. »Im Übrigen kommt Mr. Holmes um neun Uhr. Wir wollen abwarten, was er dazu sagt. »Weiß Miss Condell schon von dem neuen Zeichen an der Scheunentür?«

»Nein, Herr, sie schläft noch.«

»Sie darf nichts davon erfahren, hörst du? Ihre Nerven sind sehr angespannt, und ich möchte nicht, dass sie wegen einer so dummen Sache ernstlich krank wird.«

Zehn Minuten später verließ Buckin das Haus und wandte sich dem Park zu, an dessen Ende sich der große, zum Gut gehörende See befand, in dem er jeden Morgen sein Bad nahm. Ohne besondere Erregung wanderte Buckin im Schein der Morgensonne zwischen den Bäumen dahin. Er trug nur einen Pyjama, über den er einen Bademantel geworfen hatte. Da keine Gäste auf dem Gut weilten und sonst niemand den Park betrat, brauchte er keine Begegnung mit anderen Menschen zu befürchten.

Als die spiegelglatte Wasserfläche des Sees vor ihm auftauchte, vergaß er die unheimlichen Zeichen, die ihn allmählich doch beunruhigten, und erfreute sein Auge an der Schönheit dieses Ortes. Dann trat er dicht an das Ufer heran. Der Bademantel fiel zu Boden und wenig später hatte er sich auch des Pyjamas entledigt. Nackt erklomm er einen Felsen, von dem aus er stets mit einem eleganten Hechtsprung ins Wasser sprang. Ein gebräunter, durchtrainierter Körper leuchtete in der Sonne. Wenn Buckin gestern gegenüber seiner Sekretärin behauptet hatte, er würde es im Boxen mit einem halben Dutzend dunkler Ehrenmänner aufnehmen, so erkannte man an seinen Muskeln und Sehnen, dass er nicht geprahlt hatte.

Nun hatte er die Spitze des Felsens erreicht. Elf Meter mochte die Entfernung zur Wasseroberfläche von dort oben aus betragen. Einen Augenblick hielt er inne und ließ den Blick umherschweifen. Dann nahm er Sprungstellung ein. Seine Arme wölbten sich über dem Kopf. Langsam, ganz langsam neigte sich sein Oberkörper nach vorn. Dann sprang er. Wie ein leuchtender Pfeil durchschnitt sein Körper die Luft, um gleich darauf nahezu lautlos im Wasser zu verschwinden. Sekunden später tauchte sein Kopf bereits wieder auf.

Im Allgemeinen pflegte er den See nun zweimal zu durchschwimmen. Diesmal brach er jedoch mit dieser Gewohnheit. Ganz ohne Grund? Nein! Beim Auftauchen hatte er etwas Weißes hinter den Büschen am Ufer erblickt, das ebenso schnell wieder verschwunden war, wie es aufgetaucht zu sein schien. Ein Mensch? Buckins Zorn wurde wach. Wer wagte es, ihn hier zu belauschen? Dann fiel ihm plötzlich das unheimliche Dreieck am Scheunentor ein. Er starrte zu den Büschen hinüber, aber es gelang ihm nicht, mit den Blicken das dichte Blätterwerk zu durchdringen. Oder hatte er sich geirrt? Sollte auch er schon anfangen, nervös zu werden?

Er schwamm einige Male am Ufer des Sees hin und her, aber er entdeckte nichts, das seinen Argwohn bestätigt hätte. Dennoch war ihm unter diesen Umständen die Freude am Schwimmen vergangen, und so schickte er sich an, das Bad zu beenden – nicht ahnend, was am Ufer auf ihn wartete!

Zur gleichen Zeit erschienen zwei Herren im Schloss, die nach Mr. Buckin verlangten. Es war erst fünf Uhr morgens, und es war nicht ganz unberechtigt, dass des alten Kammerdieners Erstaunen zu so früher Stunde bereits Besucher vor sich zu sehen.

»Mr. Buckin ist im Augenblick nicht zu sprechen«, sagte er.

»Da wecken Sie ihn«, erwiderte der größere der beiden Herren ruhig.

»Verzeihung. Mr. Buckin schläft nicht mehr. Er ist zum See gegangen, um zu baden.«

»Die Angelegenheit drängt«, sagte der große Herr. »Und wir dürfen keine Zeit verlieren. Beschreiben Sie uns den Weg zum See.«

Der Diener zauderte. Misstrauisch glitt sein Blick über die frühen Besucher, deren staubbedeckte Kleidung keinen vertrauenswürdigen Eindruck machte. Der Herr schien die Gedanken des Alten zu erraten.

»Sie brauchen sich keine Sorgen zu machen«, sagte er leise. »Mr. Buckin erwartet uns. Mein Name ist Sherlock Holmes und das da«, er wies auf seinen Begleiter, »ist Mr. Jonny Buston.«

»Mr. Holmes?«, stammelte er. »Aber … nein … Sie können ja noch gar nicht hier sein! Ich soll erst in einer Stunde den Wagen für Sie an die Bahn schicken!«

»Wir haben nicht die Bahn, sondern ein Motorrad benutzt«, erklärte der berühmte Detektiv. »Im Übrigen sind wir schon seit ein Uhr nachts hier. Hm, Sie werden fraglos an der Scheunentür ein blutrotes Dreieck entdeckt haben?«

»Allerdings«, bestätigte dies der Alte verblüfft. »Und das waren Sie?«

Ein Lächeln huschte über die Züge des Kriminalisten.

»Nein, so meine ich das nicht. Aber wir haben den Kerl gesehen, der das Tor besudelte. Sie werden also verstehen, dass wir unbedingt mit Mr. Buckin sprechen müssen. Beschreiben Sie uns den Weg zum See.«

»Wenn Sie gestatten, führe ich Sie hin.«

»Umso besser. Also vorwärts!«

Sie durchquerten den Park, blieben jedoch plötzlich wie angewurzelt stehen. Ein furchtbarer Schrei hatte ihre Ohren erreicht.

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