Das Astoria-Abenteuer – Teil 4
Max Felde
Das Astoria-Abenteuer
Nach den zeitgenössischen Aufzeichnungen von Washington Irving erzählt
Illustriert von L. Berwald
Union Deutsche Verlagsgesellschaft, Stuttgart, Berlin, Leipzig. Stuttgart, Berlin, Leipzig. 1912
Bei den Zebramenschen – Ein Pferdehandel
War die Fahrt auf dem Missouri für den Naturfreund bisher schon außerordentlich genussreich, so wurden die landschaftlichen Szenerien von jetzt an immer eigenartiger, ursprünglicher und schöner. Es ging immer tiefer hinein in die vom Leben und Treiben der Bleichgesichter noch völlig unberührte Wildnis.
Hatte der Frühling das Grün jungfrisch hervorbrechen lassen, so glichen die Prärien nun herrlichen Teppichen in den wunderbarsten Farben, denn überall, wohin das Auge blickte, blühten die prächtigsten Blumen. Auch die zahlreichen Inseln im Fluss, an denen die Boote gewöhnlich anlegten, waren entweder bewaldet oder boten den Anblick von blühenden Gärten. Häufig rankten sich blühende Wildreben an den Bäumen empor, kletterten bis ins äußerste Geäst und senkten sich dann in langen Fäden weit über die Ufer hinaus auf die Wasserfläche, wobei sie herrliche balsamische Gerüche und Düfte verströmten.
Auf diesen Inselgärten landeten zur Freude der Jäger nicht selten schlank gebaute, zartfühlige Antilopen und gewaltige, zottige Büffel und Elen. Oftmals waren die Ufer von den Bisons derart ausgetreten, dass man meinte, von der fleißigen Hand des Kulturmenschen erbaute Straßen zu sehen. Dann und wann konnte man beobachten, wie ganze Herden dieser Präriebewohner den Fluss überquerten. In solchen Fällen wurde wohl auch das eine oder andere der schwimmenden Tiere von der Strömung erfasst und den still daher gleitenden Booten zugetrieben. Eine solche Beute ließen sich die Jäger nicht entgehen, was für die Kanadier, die für die Mahlzeiten zu sorgen hatten, immer ein hochwillkommenes Ereignis war. So lagen nun stets einige Schützen am Bug der Boote im Anstand, um anschwimmende Hirsche, kräftig daherkommende Gazellen oder einen massigen Büffel mit einer wohlgezielten Büchsenkugel zu erlegen. Anschließend wurde das Wild mit dem Lasso festgehalten und unter dem Jubel der Kanadier an die Langseite des Bootes gezogen. Unter den Jägern zeichnete sich John Dan besonders durch Geschicklichkeit und große Jagderfolge aus.
So wurde die mühevolle Fahrt durch die herrlichsten Naturgenüsse verschönt und Langeweile durch täglich und stündlich eintretende interessante Jagdereignisse ferngehalten. Außerdem gab es zu jeder Mahlzeit leckeres Wildbret in Hülle und Fülle.
Aus Sicherheitsgründen wurde beschlossen, dass sich die von Mr. Hunt befehligte große Barke von nun an in den Strömungen nahe des linken Ufers halten sollte, während die anderen Boote auf der anderen Seite des Flusses stromaufwärts fahren sollten. So konnten die Uferstrecken und die ab und zu auftauchenden Anhöhen auf beiden Seiten besser im Blick behalten werden, um etwaige sich nähernde oder auflauernde Indianer frühzeitiger zu bemerken.
Als das Boot, in dem Mr. Hunt saß, eines Nachmittags in einer seichten Uferströmung stecken blieb und gerade im Begriff war, umzukehren, um den Hauptstrom aufzusuchen, ertönten auf der anderen Seite plötzlich die vereinbarten Signalschüsse.
Die Bootinsassen sahen, dass etwa hundert indianische Krieger, die mit Bogen und Pfeilen, Keulen und Schilden sowie einigen alten Flinten bewaffnet waren, das überhängende Ufer herabgestiegen kamen. Sie stellten sich genau dort auf, wo das Boot von Mr. Hunt auf dem Rückweg vorbeikommen musste, um wieder Fahrwasser zu gewinnen.
Mit großem Unbehagen bemerkten die Weißen, dass sie in der Falle saßen, da sie weder vorwärts noch zurück konnten. Nichtsdestotrotz gab der furchtlose Mr. Hunt den Befehl, die Rückfahrt anzutreten. Dabei versicherten sich die Bootinsassen zugleich ihrer Waffen, um einem Angriff der Indianer nach Möglichkeit wirksam begegnen zu können.
Es waren Minuten großer Aufregung, als sich das Boot den Wilden, die ihre Leiber auf schauerliche Weise mit schwarzen und weißen Streifen bemalt hatten, langsam, aber stetig näherte.
Wie erstaunten indessen die Weißen, als die Indianer in dem Augenblick, als das Boot den gefährlichsten Punkt erreicht hatte, ohne eine Äußerung von sich zu geben, bereitwillig Platz machten. Aber damit nicht genug. Plötzlich warfen sie ihre Waffen weg, sprangen in den Fluss und schwammen und wateten bis zur Barke. Sie hingen sich an die Bordwand und reichten allen Insassen der Reihe nach die Hände.
Darüber waren alle sehr erfreut.
Als Peter Dorion, der Dolmetscher, vermittelnd eintrat, stellte sich heraus, dass es nicht, wie die Weißen vermutet hatten, feindlich gesinnte Sioux waren, sondern Krieger der Arikara, Mandan und Minitari, die mit den Sioux auf stetem Kriegsfuß lebten und nun ihre Freude über die Ankunft der Weißen äußerten. Die Weißen sagten sich jedoch, dass diese Freude wahrscheinlich noch die eine oder andere weniger schöne Beimischung haben mochte, sei es, dass die roten Männer irgendein Anliegen äußern würden oder dass sie hofften, Pulver, Blei und Schießgewehre zu erhalten.
Doch die Hauptsache war, dass alle schweren Besorgnisse, die man wenige Minuten zuvor noch gehegt hatte, zerstreut waren. Man benachrichtigte die anderen Boote schleunigst von dem Ereignis und der glücklichen Wendung der Dinge. Gemeinsam mit den Wilden landete man auf dem ersten passenden Uferplatz. Dort gaben die Weißen ihr Bestes, um die Wilden zu bewirten. Flink wurden Zelte aufgeschlagen, es wurde geschmort, gebraten und geschmaust und der ganze Rest des Tages und die halbe Nacht bei Gesang und Tanz verbracht.
Unterdessen hatte Mr. Hunt mit dem ältesten der roten Krieger einige geschäftliche Vereinbarungen getroffen. Die Arikara zeigten sich nämlich bereit, den Weißen eine größere Anzahl Pferde zu überlassen. Man wollte sich dazu in dem großen Arikaradorf weiter oben am Fluss einfinden.
Am anderen Morgen verabschiedete man sich in der herzlichsten Weise von den Wilden, um dann die Reise in den Barken sogleich wieder fortzusetzen.
Noch war man an diesem Tag gar nicht weit gekommen, da kam der Älteste der Arikara auf einem weißen Mustang plötzlich am Ufer daher gesprengt und wünschte eine nochmalige Unterredung. Er teilte Mr. Hunt in seiner blumigen Sprache und in fein umschriebener Weise mit, dass er unmöglich heimkehren könne, ohne den Seinen einen Beweis zu bringen, mit den Weißen wirklich zusammengetroffen zu sein. Mr. Hunt lächelte sehr verständig, als ihm das verdolmetscht wurde. Es war nicht schwer einzusehen, was das zu besagen hatte. Er ließ dem Häuptling ein kleines Fass Pulver, einen Beutel mit Kugeln und drei Dutzend Messer aushändigen. Darüber zeigte sich der Rote sehr zufrieden und machte sich munter mit den Geschenken aus dem Staub.
Nun kamen wieder Tage schwerster Arbeit, in denen die Boote in dem streckenweise sehr reißenden Fluss stromaufwärts gefördert werden mussten. Dabei galt es, stets auf der Hut zu sein, denn jede Stunde und jede Minute konnte in dieser von zahlreichen Indianerstämmen bewohnten Wildnis neue unangenehme Überraschungen bringen. Als man den Arikara von dem Zusammentreffen mit den Sioux erzählte, hatten sie ihrer Verwunderung Ausdruck gegeben, dass sich nicht auch andere Sippen dieser Indianer bereits am Fluss eingefunden hatten, sei es auch nur, um sich Geschenke zu ertrotzen.
So vergingen volle zehn Tage, bis man endlich das große Arikaradorf zu Gesicht bekam, das unweit des Flusses lag.
Dabei zeigte sich erneut, dass die Arikara, wie alle Indianerstämme, einen hervorragenden Kundschafterdienst unterhielten. Sobald die Krieger, die mit den Weißen am Fluss waren, in ihrem Dorf eintrafen, schickten sie Späher aus, die die Stammesältesten fortan über den Stand und den Fortgang der Flussreise auf dem Laufenden hielten. So kam es, dass mit dem Eintreffen der Boote die gesamte Dorfbevölkerung mit Frauen, Kindern und allem Drum und Dran bereit auf den Beinen war, um die Reisenden zu begrüßen.
Da es keinen Anlass gab, die Aufrichtigkeit, die den Ankömmlingen bei der Begrüßung entgegengebracht wurde, zu bezweifeln, ließ Mr. Hunt in der Nähe des Dorfes ein Lager aufschlagen. Er versäumte jedoch nicht, vorsichtshalber einige Wachen, insbesondere bei den Booten, in unauffälliger Weise aufzustellen.
Man richtete sich häuslich ein und bereitete sich für den zeremoniellen Empfang vor, der auf Wunsch der Arikara erst am nächsten Morgen im großen Ratswigwam stattfinden sollte.
Zur angekündigten Zeit kam ein Herold ins Lager der Reisenden und meldete, dass der große Rat bereit sei, die Bleichgesichter zu empfangen.
Sogleich machte sich Mr. Hunt mit den ersten Teilhabern und dem Dolmetscher auf den Weg. Dieser Gang durch die von Männern, Frauen und Kindern dicht besetzten Dorfgassen wurde wieder zu einem großen Ereignis.
Im Ratswigwam angekommen, nahmen die Weißen im Kreis der Arikarakrieger Platz. Nun rauchte man vor allem die Friedenspfeife.
Nachdem diese ebenso unvermeidliche wie langwierige Zeremonie beendet war, folgte ein langer Austausch von Freundschaftsbeteuerungen und Schmeichelreden, wobei die Weißen einen neuen Beweis der freundschaftlichen Gesinnung empfingen. Mr. Hunt und die Teilhaber erfuhren nämlich, in welcher Gefahr sie sich bei der ersten Begegnung auf der Sandbank damals befanden. Die Mandan unter dem Kriegerhaufen wollten das Boot, das hilflos im seichten Wasser lag, durchaus hinten an eine ansehnlich große, saftig bestandene Wiese erweitern, so versicherten die Arikara. Hier trieben sich etwa hundert Mustangs still grasend umher, darunter einige Muttertiere, die von zierlichen, munteren Fohlen voller jugendlichen Übermuts unter allerlei lustigen Kapriolen umkreist wurden.
Mr. Hunt und die anderen Teilhaber machten lange Gesichter, als sie keine weiteren Pferde sahen. Denn wollte man alle Teilnehmer der Expedition beritten machen, waren allein dafür schon sechzig Reittiere nötig. Außerdem musste man für die Verladung der mitgeführten Waren, Lebensvorräte, Waffen und Geschütze mindestens ebenso viele Packpferde einplanen.
Mittlerweile waren mehrere Jäger an die nächststehenden Gruppen der Tiere herangetreten, um sie auf ihre Art und Brauchbarkeit etwas näher zu prüfen. Als die Häuptlinge das sahen, winkten sie einen jungen Krieger heran, der sich flink auf den Rücken eines rabenschwarzen Hengstes schwang. Nun vollführte er mit diesem Tier einige Reiterkunststücke, die allgemeines Erstaunen und die größte Befriedigung über die Leistungsfähigkeit dieser Pferde hervorriefen. Bald stand bei den Weißen das Urteil fest, dass man sich mit diesem Material vollauf zufriedengeben könne.
Umso größer war die Enttäuschung, als Linkshand, der älteste Häuptling, Mr. Hunt ausrichten ließ, dass die Anerkennung der weißen Brüder die Arikara sehr erfreue und sie auf ihre Pferde sehr stolz seien. Sie könnten jedoch keines der Tiere entbehren, da sie alle für die Büffeljagd abgerichtet und somit unentbehrlich seien.
»Aber womit wollen die Arikara die Zusage, dass sie ihre weißen Brüder mit Pferden versorgen werden, wahr machen?«, ließ Mr. Hunt einigermaßen ärgerlich fragen.
»Darüber können die Bleichgesichter vollständig beruhigt sein«, antwortete Linkshand unter der Zustimmung der übrigen Häuptlinge. »Nur müssen sie, wie schon in der Ratsversammlung geltend gemacht wurde, einige Geduld haben.«
Da auch auf weitere Nachfragen keine weiteren Informationen zu erhalten waren, legte Mr. Hunt den anderen Teilhabern die Frage vor, ob sie glaubten, dass man dieser unverbürgten Versicherung, die unter Umständen auch die leidige Tatsache, recht viel Zeit zu verlieren, in sich schließen könne, Vertrauen schenken sollte. Das gab natürlich manches Schütteln des Kopfes, aber man kam nach langen Erwägungen zu der Ansicht, dass man sich in einer Zwangslage befände und es daher gut täte, wenigstens scheinbar auf das Angebot einzugehen. Vielleicht brächten die nächsten Tage schon einige Aufklärung darüber, wie und auf welche Weise die Arikara ihre Zusage einzulösen gedachten. Sollte man in absehbarer Zeit einsehen müssen, dass es nichts werden würde, könnte man die Weiterreise in den Booten ja jeden Tag antreten. Nicht zu verkennen sei, dass sich die Arikara von dem Handel sicherlich nur Vorteile versprächen, die sie sich doch schwerlich entgehen lassen würden.
Also wanderten die Weißen unter dem Geleit der roten Männer mit recht gemischten Gefühlen zum Dorf zurück, wo inzwischen alles in hellem Aufruhr zu sein schien. Aus allen Dorfgassen strömten ihnen ganze Haufen junger und alter Männer, Squaws und Kinder entgegen. Sie stauten sich am Dorfausgang auf und erhoben von Zeit zu Zeit ein ohrenbetäubendes Geschrei. Ihre Blicke waren dabei voll gespannter Erwartung in die freie Prärie gerichtet.
Es dauerte nicht lange, und auf dem Kamm einer niederen Erderhebung tauchten einige Reiter auf, gefolgt von einem langen Zug Fußvolk. Von fern sahen sie aus wie eine sich nähernde Zebraherde. Es waren, wie die Weißen alsbald erkannten, Krieger der Arikara. Sie waren vom Kopf bis zum Fuß mit schwarzen und weißen Streifen bemalt und kamen von einem siegreichen Zug gegen einen benachbarten Siouxstamm zurück. Nun wurden sie von den Dorfinsassen jubelnd empfangen.
Als sich die Zebramenschen dem Dorf bis auf Bogenschussweite genähert hatten, brach unter der Menge, die sie erwartete, ein unbeschreiblicher Jubelsturm aus. Männer und Frauen, Greise und Kinder begannen, ganz unbändig zu schreien, sich wie toll zu gebärden und sich gegenseitig zu beglückwünschen.
Die siegreichen Krieger aber kamen in dicht sich aufschließenden kleinen Abteilungen mit stolzem Schritt daher marschiert. Jede Abteilung wurde von einem Häuptling oder besonders ausgezeichneten Krieger angeführt, neben dem ein Herold einherstolzierte. Dieser trug ein mit bunten Lappen und Federn verziertes, frisch geschnittenes Baumstämmchen, von dessen Zweigen die auf dem Kriegspfad errungenen Skalps niederhingen.
Als die erste Rotte am Dorfeingang angelangt war, lief ihr die johlende, harrende Menge unter den leidenschaftlichsten Freudenausbrüchen entgegen. Bald bildeten die Zebramenschen mit den zu Hause gebliebenen Männern und Frauen, Greisen und Kindern nur noch einen wirren Haufen, in dem man sich auf ungestüme Weise bewillkommnete. Freilich brachen auch einzelne Frauen in lautes Wehklagen aus, wenn sie erfuhren, dass ein Angehöriger ihrer engeren Familie im Kampf verwundet oder gar erschlagen worden war.
Die Weißen waren die ganze Zeit über stehen geblieben, um sich den Vorgang anzusehen. Sie begaben sich erst wieder auf den Weg zu ihrem Lager, als auch die Menge auseinanderzulaufen begann.
»Ich vermute, wenn wir wirklich einige Zeit in der Nähe dieses Dorfes verbringen, werden wir noch manches Wunder erleben«, sagte Mr. Hunt. »Es ist erstaunlich zu sehen, welche Liebe diese Kinder der Wildnis zu ihren Angehörigen haben. Ihre unaufhörlichen Kämpfe scheinen in der Tat nichts anderes zu sein als ungewöhnlicher, heldenhafter Opfermut.«
»Ja, es ist sehr zu beklagen«, erwiderte MacKenzie, »dass die Stämme untereinander in steter Fehde leben. Dadurch wird das Gute, das in diesen Naturmenschen steckt, durch die Menge der rege gehaltenen rohen Instinkte niemals hindurchkommen. Die Liebe zueinander ist ja anzuerkennen, aber alles andere – das Bedürfnis nach Kampf, der Stolz und die Rohheit – ist ihnen daneben ebenfalls schon ganz in Fleisch und Blut übergegangen. Ich fürchte, sie werden den Weg aus diesen Irrungen niemals finden, um zu einer höherstehenden, reineren Gemeinsamkeit aufzusteigen. Vielmehr werden sie ein händelsüchtiges Wegelagerervolk bleiben, bis sie sich in ewigen Schmerzen gegenseitig zerfleischt und damit ihr Ende selbst bereitet haben.«
Für diese Auffassung brachten die Tage, die die Weißen unfreiwillig in der unmittelbaren Nähe des Dorfes verbrachten, noch manche Bekräftigung. Noch am selben Abend verschwanden einige hundert Krieger in voller Kriegsausrüstung. Es war den Weißen nicht gelungen, zu erfahren, zu welchem Zweck sie aufgebrochen waren und wohin sie sich gewendet hatten.
Am nächsten Tag gab es erneut einen Alarm, der sich wenige Stunden später als falsch herausstellte, als der Rest der streitbaren Krieger unter dem Geleit der Greise, Frauen und Kinder in die Prärie hinausgezogen war. Eine Horde Sioux soll im Anzug gewesen sein, hieß es, aber sie hatten sich, kurz nachdem sie von den Spähern entdeckt worden waren, einem anderen Ziel zugewendet. Bei der Rückkunft gab es wieder nicht enden wollende Freudenausbrüche, denn der Abzug der Feinde wurde allgemein dem Umstand zugeschrieben, dass die räudigen Hunde, wie die Arikara die Sioux liebevoll nannten, nicht den Mut besessen hätten, den Kampf mit den tapferen Kriegern der Arikara aufzunehmen.
Zwei Tage später war das Dorf erneut Schauplatz großer Aufregung. Mehrere Abgesandte der Cheyenne, eines Stammes, der wie die Arikara durch die fortgesetzten Kriege mit den Sioux sehr zusammengeschmolzen war und sich in die Black Hills unweit der Quellen des Cheyenne zurückgezogen hatte, woher sie seitdem ihren Namen trugen, trafen ein. Der Älteste der Abgesandten trug ein schönes Büffelkleid, das mit rot und gelb gefärbten, gespaltenen Federkielen reich bestickt war. Am unteren Saum lief rundherum eine Franse aus zarten Hufen junger Hirschkälber, die bei jedem Schritt des Häuptlings ein seltsames Klappern verursachten.
Die Ankunft dieser Gesellschaft brachte wieder das ganze Dorf auf die Beine und gab im Ratswigwam Anlass zu weitläufigen Zeremonien, ohne die der Indianer nicht sein kann. Der Zweck des Besuchs war, die Arikara einzuladen, an einer Reihe von Versammlungen teilzunehmen, die dazu dienen sollten, ein Schutz- und Trutzbündnis gegen gemeinsame Feinde zu schließen.
Als Mr. Hunt von der Anwesenheit dieser Gesandtschaft erfuhr und durch Edward Robinson erfuhr, dass die Dörfer der Cheyenne an der Route der Reisenden lagen, wollte er die Gelegenheit nutzen, um sich jetzt schon mit den fremden Kriegern anzufreunden. Vielleicht war es möglich, von den Cheyenne mit Reit- und Packpferden versorgt zu werden, falls der Pferdehandel hier ganz oder teilweise versagte. Doch die klugen und verschlagenen Arikara verhinderten die Zusammenkunft, sodass die Gesandtschaft bereits wieder abgereist war, als es Mr. Hunt endlich gelang, Kontakt mit ihr aufzunehmen.
Das verdross die Weißen derart, dass sie den Arikara heftige Vorwürfe machten. Diese aber ergingen sich in Ausflüchten und baten in der gewinnendsten Weise, sich hinsichtlich der Mustangs doch nur noch ein wenig zu gedulden. Sobald die sich auf dem Kriegspfad befindlichen Krieger zurückgekehrt seien, würde sich die Sache erledigen.
Und eines Morgens, als Mr. Hunt sich gerade erhob, trat Linkshand persönlich in sein Zelt und erklärte ihm freudig, dass die Mustangs nun zur Verfügung stünden.
Frohgemut begab man sich unter dem Geleit sämtlicher Dorfältester hinaus in den Pferch, wo sich in der Tat etwa hundert Pferde vorfanden. Diese wurden von einigen jungen Rothäuten getrennt von den angeblich zur Jagd dressierten Tieren beisammen gehalten.
Nun begann ein Mustern, Prüfen und Feilschen, bei dem die Arikara hinlänglich bewiesen, dass Bescheidenheit nicht zu ihren Tugenden zählte. Als sie im Verlauf des Geschäfts gar noch eine der großen Donnerbüchsen als Entschädigung verlangten, damit sie, ebenso wie ihre weißen Brüder, den Sioux einen großen Schrecken einjagen könnten, bedurfte es langer Reden, um die roten Leute davon zu überzeugen, dass sie eine derartige Waffe gar nicht zu benutzen verstanden, ja, dass ihnen eine solche, so wie sie Krieg zu führen gewohnt waren, nur hinderlich sein würde.
Das Feilschen zog sich unter diesen Umständen fast den ganzen Tag hin und verschärfte sich einige Male, sodass bald die eine, bald die andere Seite drohte, die Verhandlungen abzubrechen.
Schließlich einigte man sich darauf, dass die Arikara für die hundert Pferde zwanzig alte Musketen, den nötigen Schießbedarf, ebenso viele Rollen Tabak, mehrere Dutzend Messer und einige Säcke voll Getreide erhalten sollten. Im Gegenzug sollten sie die überflüssig gewordenen Boote in Verwahrung nehmen.
Nachdem das Geschäft abgeschlossen war und die Arikara die Tauschgegenstände empfangen hatten, zeigten sie sich im Gegensatz zu ihrer bisherigen Haltung sehr zufrieden. Nur erwies sich am anderen Morgen, dass sie den verkauften Pferden trotz der schärfsten Überwachung über Nacht die Schwänze abgeschnitten hatten – zur Vorsicht, wie sie angaben, damit die Tiere ihrer weißen Brüder mit ihren dressierten Mustangs im Pferche nicht verwechselt werden konnten. In Wahrheit war es ihnen aber natürlich nur um das für sie sehr wertvolle Rosshaar zu tun.
Am nächsten Tag ging es ans Packen und die Vorbereitung zum Aufbruch. Diese Arbeiten wurden so effizient erledigt, dass man schon nach wenigen Stunden den Ritt in die Wildnis der Black Hills antreten konnte.
Zuletzt hatte der Pferdehandel, der so schwer zustande gekommen war, noch ein gar artiges Nachspiel. Mr. Hunt, der sehr rechtschaffen war, sah es mit Sorge, die erfahrenen Jäger seiner Begleitung, die die Spitzbübereien der roten Männer hinlänglich kannten, lachten jedoch herzlich darüber.
Nachdem der Abschied unter den üblichen weitschweifigen Freundschaftsbeteuerungen in der unerlässlichen zeremoniellen Weise vollzogen worden war, hatten es sich etwa hundert berittene Arikara nicht nehmen lassen, ihren weißen Brüdern noch ein gutes Stück des Weges Geleit zu geben.
»Können Sie sich, Mr. Hunt, vorstellen, warum es so lange gedauert hat, bis die Pferde, auf deren Rücken wir jetzt sitzen, bereit waren?«, fragte Peter Dorion, der sich im Zug weiter hinten unter den jüngeren Rothäuten aufgehalten hatte. Bei passender Gelegenheit setzte er seine Fuchsstute in den Galopp und ritt zu dem Leiter der Expedition nach vorne.
»Nun?«, fragte Mr. Hunt.
»Die Sache ist an sich von verblüffender Einfachheit. Darum muss ich mich aber auch doppelt wundern, dass von uns allen, die wir gar missmutig auf die Einlösung der gegebenen Zusage warteten, keiner auf den Gedanken kam.«
»Die Arikara mussten wohl selbst erst auf die Mustangs warten, weil sich ein großer Teil ihrer Krieger auf dem Kriegspfad befand«, erwiderte Mr. Hunt.
»Fehlgeschossen! Die Schelme hatten nämlich außer den Pferden, die sie für die Bisonjagd bereithielten, überhaupt keine.«
»Wieso das? Die Arikara sind doch ein ausgesprochenes Reitervolk?«
»Das sind sie allerdings, oder waren es vielmehr, denn es ist damit im Laufe der letzten Jahre einigermaßen anders geworden. Sie befanden sich in all dieser Zeit so viel auf dem Kriegspfad, dass so ziemlich alle ihre Reittiere draufgingen, bis auf ein Häuflein, das sie für die Büffeljagd bereithielten. Nun, sie hörten, dass wir Pferde brauchen. Sie wollten sich die Vorteile, die ihnen der Handel bringen sollte, auf keinen Fall entgehen lassen. Und so stahlen sie die Pferde, die wir jetzt reiten, einfach bei benachbarten Stämmen.«
Mr. Hunt war über diese Eröffnung entsetzt. Er fragte sich sogar, ob es nicht ein Gebot der Rechtlichkeit und der Vorsicht sei, den Handel mit den Dieben rückgängig zu machen. Wie leicht konnte es sein, dass sie mit den Bestohlenen zusammentrafen, und dann würde sich die Vergeltung unfehlbar ihnen zuwenden. Es bedurfte der ganzen Überredungskunst der übrigen Teilhaber, um diese Gewissensregung mit dem Hinweis zu beschwichtigen, dass Pferdediebstähle bei diesen Wilden gang und gäbe seien und von ihnen kaum als Unrecht aufgefasst würden. Man stellte ihm vor Augen, dass sie sich selbst auch in einer Zwangslage befunden hätten, aus der es, wollten sie ihr Vorhaben unter den gegebenen Umständen ausführen, keinen anderen Ausweg gegeben hätte.
»Freilich wird es gut sein«, meinte Mac Lellan, »wenn wir uns von dem Gesindel alsbald verabschieden und uns der Vorsicht halber so rasch wie möglich aus dem Staub machen.«
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