Old Wide West History – Wegbereiter
Mit dem Vertrag vom 30. April 1803 gelang Präsident Thomas Jefferson ein historischer Coup: Für 15 Millionen Dollar kaufte er von Kaiser Napoleon ein riesiges Gebiet von mehr als 800 000 Quadratkilometern. Durch diesen Louisiana-Kauf verdoppelte sich das Staatsgebiet der Vereinigten Staaten nahezu über Nacht. Jeffersons ursprüngliches Ziel war lediglich gewesen, den wichtigen Hafen von New Orleans zu sichern. Doch angesichts der ungeheuren Ausdehnung des neu erworbenen Landes erkannte er schnell, dass Wissen über das unbekannte Hinterland von größter strategischer Bedeutung war. Er überzeugte den Kongress, eine Forschungsreise zu finanzieren, die klären sollte, was sich jenseits der westlichen Grenze befand und ob ein durchgehender Weg bis zum Pazifik existierte.
Zu Beginn des 19. Jahrhunderts endete die gesicherte geografische Kenntnis Nordamerikas für Europäer an den Mandan-Dörfern im heutigen Dakota-Gebiet. Der Missouri River war nur bis dorthin erforscht, alles Weitere lag im Bereich von Spekulationen. Niemand wusste, wie weit der Pazifik entfernt war oder welche Landschaften dazwischen lagen. Gerüchte machten die Runde: von Gebirgen aus purem Salz, von einem Kalifornien, das angeblich eine Insel sei, und von rätselhaften Völkern tief im Landesinneren. Berichtet wurde von Amazonenstämmen, die Männer verachteten, von Indianern, die Walisisch sprachen, sowie von winzigen, teufelsgleichen Wesen. Manche Amerikaner hielten die indigenen Völker sogar für Nachfahren der verlorenen Stämme Israels.
Um Wahrheit und Fantasie zu trennen, ernannte Jefferson seinen erst dreißigjährigen persönlichen Sekretär Meriwether Lewis, einen Offizier mit wissenschaftlicher Ausbildung, zum Leiter der Expedition. Lewis wählte seinerseits William Clark als Stellvertreter – den Bruder des bekannten Revolutionshelden George Rogers Clark. Die Zusammenarbeit der beiden erwies sich als ideal: Lewis brachte theoretisches Wissen und naturwissenschaftliches Interesse ein, während Clark über große praktische Erfahrung im Umgang mit Menschen, Booten und Wildnis verfügte. Während der gesamten Unternehmung kam es zwischen ihnen zu keinen ernsthaften Konflikten.
Am 14. Mai 1804 startete die Expedition bei Wood River nahe der Einmündung des Missouri. Sie bestand aus zwei Pirogen, ausgehöhlten Einbaumkanus, sowie einem etwa 18 Meter langen Kielboot, das sowohl gerudert als auch gezogen werden konnte. Stromaufwärts kämpften sie sich den Missouri hinauf und erreichten Ende Oktober die Mandan-Dörfer am Knife River im heutigen North Dakota. Dort schlugen sie ihr Winterlager auf. Während dieses Aufenthalts starb mit Charles Floyd lediglich ein einziger Teilnehmer der Reise, vermutlich an einer Bauchfellentzündung.
Im Frühjahr wurde die Expedition fortgesetzt. Die Gruppe bestand nun aus 33 Männern und einer Frau: Sacagawea, einer jungen Shoshone, die mit dem Trapper Toussaint Charbonneau verheiratet und hochschwanger war. Lewis entschied sich, sie mitzunehmen – eine Entscheidung von unschätzbarem Wert. Sacagawea erwies sich als Dolmetscherin, Vermittlerin und kulturelle Brückenbauerin zu den zahlreichen Indianerstämmen entlang der Route. Lewis nannte sie Jenny, Clark sprach von Janey. Besonders Clark entwickelte eine enge Zuneigung zu ihrem Sohn, den er Pompey nannte.
Die Expedition, offiziell Corps of Discovery genannt, verfolgte eine Politik des Respekts und der Verständigung. Bei Begegnungen mit den über fünfzig Stämmen, die sie traf, versuchten Lewis und Clark, friedliche Beziehungen zu knüpfen und Vertrauen zum Präsidenten aufzubauen, den viele Indianer als Großen Weißen Vater bezeichneten. Häuptlingen wurden Geschenke überreicht – Schmuck, Stoffe, Werkzeuge und eigens geprägte Friedensmedaillen. Der diplomatische Erfolg war so groß, dass noch vor der Rückkehr der Expedition mehrere indianische Gesandtschaften nach Washington reisten, um Jefferson persönlich zu treffen.
Im Sommer 1805 erreichte das Corps die Great Falls des Missouri im heutigen Montana. Danach folgte die beschwerliche Überquerung der Rocky Mountains. Schließlich fuhren die Männer den Columbia River hinab bis zum Pazifik, den sie am 7. November 1805 erreichten. Anders als zuvor fanden sie dort keine verbündeten Stämme, die ihnen Unterkunft boten. Da kein Schiff verfügbar war, errichteten sie Fort Clatsop und verbrachten einen kalten, entbehrungsreichen Winter an der Küste.
Am 23. März 1806 begann die Rückreise. Clark erkundete mit Sacagaweas Hilfe das Gebiet des Yellowstone, während Lewis mit einer kleinen Gruppe die Rocky Mountains überquerte. Bei einer Erkundung des Marias River kam es zur einzigen gewaltsamen Auseinandersetzung der gesamten Expedition: Zwei Angehörige der Blackfeet wurden getötet, einer davon durch Lewis selbst, nachdem sie versucht hatten, Pferde und Waffen zu stehlen. Aus Angst vor Vergeltung schloss Lewis sich rasch wieder Clark an. Zwar kam es zu keinem weiteren Angriff, doch die Feindschaft der Blackfeet gegenüber Weißen sollte noch lange anhalten. Kurz darauf wurde Lewis versehentlich von einem Gefährten angeschossen, der ihn für einen Elch gehalten hatte.
Trotz seiner Verletzung erholte sich Lewis rasch. Ende September 1806 erreichte die Expedition wieder St. Louis – nach über zwei Jahren Abwesenheit und fast 7700 zurückgelegten Meilen. Die Männer brachten detaillierte Karten, wissenschaftliche Aufzeichnungen sowie Beschreibungen zahlreicher bislang unbekannter Pflanzen- und Tierarten mit. Obwohl die tatsächlichen Kosten das geplante Budget deutlich überstiegen, gilt die Expedition bis heute als eine der bedeutendsten Forschungsreisen der amerikanischen Geschichte.
Jefferson belohnte Lewis mit dem Amt des Gouverneurs des Louisiana-Territoriums. Doch Lewis starb bereits 1809 unter ungeklärten Umständen. Clark hingegen machte eine lange Karriere im Staatsdienst, wurde Gouverneur des Missouri-Territoriums und blieb bis zu seinem Tod 1838 eine angesehene Persönlichkeit. Er kümmerte sich auch um Sacagaweas Kinder. Über ihr eigenes Schicksal sind Historiker bis heute uneinig, doch zahlreiche Denkmäler erinnern an ihren außergewöhnlichen Beitrag.
Auf den Spuren von Lewis und Clark folgten bald weitere Entdecker, Händler und Pioniere. Die US-Armee entsandte Expeditionen wie jene unter Zebulon Pike, während gleichzeitig der Pelzhandel einen enormen Aufschwung erlebte. Unternehmer wie John Jacob Astor, Manuel Lisa und Pierre Chouteau begründeten mächtige Handelsimperien und verdrängten britische und französische Konkurrenten.
Fortanlagen, Handelsrouten und Expeditionen erschlossen den Westen Schritt für Schritt. Trotz Rückschlägen – etwa durch den Krieg von 1812 – wuchs das Wissen über das Landesinnere stetig. Händler, Mountain Men und Abenteurer fanden neue Wege durch die Berge, darunter den South Pass, der später zur wichtigsten Route für Auswanderer wurde.
Eine Zeitungsanzeige aus dem Jahr 1822, mit der junge Männer für den Pelzhandel angeworben wurden, löste schließlich eine neue Welle von Entdeckern aus. Männer wie Jim Bridger, Jedediah Smith oder Hugh Glass prägten das Bild des Westens als raues, aber chancenreiches Land. Treffpunkte wie das erste Rendezvous von 1825 wurden zu Zentren des Handels und der Begegnung. Für mehrere Jahrzehnte bestimmte der Pelzhandel das wirtschaftliche und kulturelle Leben im amerikanischen Westen – ein direktes Erbe jener ersten Expedition, die Jefferson einst auf den Weg gebracht hatte.
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