Frank Allan Band 1.4
Frank Allan
Rächer der Enterbten
Band 1
Die Zuchthausrevolte
4. Kapitel
Frank Allan wartete vergeblich in der versteckten Weinstube. Tom kam nicht. War er etwa wortbrüchig geworden?
Energisch schüttelte der Rächer der Enterbten den Kopf. In seinem selbstgewählten, aufreibenden Beruf, in dem er sich die Vernichtung wirklicher Verbrecher und die Aufrichtung Gestrauchelter zur Aufgabe gemacht hatte, war er ein Menschenkenner genug, um zu wissen, dass der Schwur der letzten Nacht echt gewesen war.
»Ober, das Adressbuch!«
Nach kurzem Blättern hatte er die gesuchte Adresse gefunden und ein Auto brachte ihn schnell ans Ziel.
Missmutig öffnete Frau Tomson dem späten, unbekannten Besucher. Der Schreck vom Morgen steckte ihr noch in den Gliedern. Doch schließlich gab sie bereitwillig Auskunft und schilderte in möglichst wichtigtuerischer Breite die Verfehlung ihres Zimmerherrn.
»Der arme Mensch musste plötzlich den Verstand verloren haben. Als er abgeführt werden sollte, rief er mir zu: ›Frau Tomson, mein Taschentuch!‹« Auch im Vorsaal wandte er sich noch einmal zu mir um und rief: ›Vergessen Sie nicht! Mein Taschentuch!‹«
Ein eigentümliches Lächeln trat um die Lippen des Besuchers.
»Kann ich die Taschentücher Stettons einmal sehen?«
»Aber natürlich! Eine zu seltsame Marotte, immer dasselbe Muster zu benutzen!«
Tatsächlich! Ein Tuch glich dem anderen: glattes, weißes Leinen mit einfachem, dunkelblauem Rand.
In Frank Allans Augen leuchtete es verständnisvoll auf. Er glaubte, die Lösung für Toms rätselhafte Abschiedsworte gefunden zu haben.
Er trennte sich hastig von der wissbegierigen Wirtin und stieg in das wartende Auto.
Als Nächstes besuchte er die Redaktion der meistgelesenen Zeitung.
Geld wirkt Wunder. So wurde es möglich gemacht, dass schon in der Morgenausgabe in großen Lettern ein merkwürdiges Inserat im Blatt stand: Weißes Taschentuch mit dunkelblauem Rand auf der Straße oder in einer Droschke verloren! Gegen hohe Belohnung abzugeben bei Bob Harris, Broadway 5.
Noch am Abend desselben Tages erfuhr Frank Allan, wohin sein armer Freund verschleppt worden war. Der ehrliche Kutscher hatte das Tuch gefunden und die seltsame Überführung genau geschildert.
»Armer Tom! Du musst vorläufig noch einige Tage in deiner furchtbaren Zelle ausharren! Es wird höchste Zeit, die Schadbuben zu vernichten!«
Und der Rächer der Enterbten begab sich in die Höhle des Löwen.
Tommy, der alte Diener Mac Farlans, der auf alle Menschen den Eindruck eines geistig Beschränkten machte, unter dessen harmlosem Wesen sich aber ein gut Teil Verschmitztheit verbarg, wusste über das heimliche Geschäftsgebaren seines Herrn mehr, als diesem lieb sein konnte. Er verstand es jedoch, zu schweigen, solange es seinem Vorteil dienlich war.
Als ihn eines Abends ein fremder, vornehmer Herr zu einem Trunk einlud und allerlei gefährliche Dinge plauderte, vom Zuchthaus sprach, in das auch die Mitwisser von Verbrechern verurteilt würden, wenn sie ihre Kenntnisse nicht rechtzeitig zur Unschädlichmachung der Rädelsführer benutzten, kratzte er sich verlegen hinter den Ohren. Es war ein Leichtes für den schlauen Frank Allan, von ihm alles zu erfahren, was er wusste.
Auch sein weiterer Plan fand kein Hindernis.
Tommy begleitete den vornehmen Herrn nach dessen Wohnung, wo eine verblüffende Verwandlung stattfand. Kaum war eine Stunde verflossen, da war aus dem von allen vornehmen Verbrechern so gefürchteten Frank Allan der Diener Mac Farlans, der beschränkte Tommy, geworden.
Selbst die Imitation der schweren, etwas lallenden Stimme war vorzüglich gelungen. Niemand schöpfte Verdacht, nicht einmal der gestrenge Herr des falschen Tommy.
*
Tage vergingen. Allan nutzte jede Gelegenheit, um in seiner Verkleidung zu spionieren, aber er kam seinem Ziel keinen Schritt näher.
Zwar hatte er das frevelhafte Treiben des weit und breit geachteten, aber unverdientermaßen erfolgreichen Handelsherrn bald vollkommen durchschaut und wusste, dass der Schurke gemeine Wuchergeschäfte betrieb und gefährlich werdende Opfer rechtzeitig verschwinden ließ oder wie Fred Hozkins in eine Falle lockte, die für Unschuldige das Tor des Zuchthauses öffnete. Mac Farlan gelang es dann stets, durch geschickte Manöver das Vermögen des Verurteilten mit dem Schein des Rechtes an sich zu reißen.
Die Beweise, die diesen gefährlichen Verbrecher vernichten konnten, fehlten jedoch ebenso wie die genaue und vollständige Liste der Mitschuldigen. Der Advokat Millfort und Dr. Truton, der Leiter des Irrenhauses, waren im Bunde. Unzweifelhaft handelte es sich um eine ganze Gesellschaft mitleidloser Schurken.
Die Polizei ins Vertrauen zu ziehen, war unmöglich. Wie leicht wäre Bob Harris als der große Unbekannte, der Rächer, erkannt worden, der selbst der Behörde so manches Schnippchen geschlagen hatte!
Da kam ein stürmischer, regnerischer Tag.
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