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Nick Carter – Band 19 – Ein schauerlicher Fund – Kapitel 4

Nick Carter
Amerikas größter Detektiv
Ein schauerlicher Fund
Ein Detektivroman
Kapitel 4

Die Versteigerung des Frachtwagens

Nach reiflicher Überlegung beschloss der berühmte Detektiv, der öffentlichen Versteigerung des Frachtwagens beizuwohnen – allerdings nur in der Rolle eines gewöhnlichen, neugierigen Zuschauers und in einer Verkleidung, die selbst der superkluge Vorarbeiter Durland nicht durchschauen sollte.

Nick Carter war einigermaßen überrascht von dem allgemeinen Interesse, das der herrenlose Wagen entfachte.

Er hatte nicht damit gerechnet, dass dessen Vorhandensein überhaupt bekannt geworden war, abgesehen von einer kleinen Gruppe, deren führender Geist der unternehmungslustige Jeremy Stone war. Doch zur festgesetzten Stunde fanden sich im Güterschuppen Neugierige in großer Zahl ein. Als die Versteigerung schließlich eröffnet wurde, waren mindestens hundert Personen auf dem Bahnhofsplatz vor der Güterhalle versammelt und warteten mit großer Neugier auf die kommenden Dinge.

Der mit der Versteigerung beauftragte Beamte begann den Akt damit, dass er kurz die Geschichte des Frachtwagens zusammenfasste.

»Um es kurz zu machen«, erklärte er. »Die Car wurde von Philadelphia hierher geschickt. Ein Eigentümer kann nicht ausfindig gemacht werden, ebenso wenig der Absender oder der Empfänger. Die Bahngesellschaft, die den Waggon hierhergeschickt hat, will mit ihm nichts zu tun haben, und ebenso wenig wird er von irgendjemandem reklamiert.

Ebenso möchte ich feststellen, dass die Car ein auffällig leichtes Gewicht besitzt, obwohl sie dem Frachtbrief zufolge mit Hausrat, also schweren Gegenständen, beladen sein soll. Sie wiegt tatsächlich nur wenige Zentner mehr als eine leere Frachtcar.

Die Bahngesellschaft hat kein Recht, über die Car selbst zu verfügen, sondern eine solche Befugnis steht ihr nur über den Inhalt zu. Dennoch hat die Gesellschaft beschlossen, gemeinsam über Car und Fracht zu verfügen und sie an den Meistbietenden zu verkaufen, vorausgesetzt, dieser hält die Gesellschaft für alle in Zukunft etwa an sie herantretenden Schadenersatzansprüche schadlos.

Mr. Jeremy Stone aus dieser Stadt hat ein derartiges Gebot abgegeben, das durch eine Bürgschaft unterstützt wird, und er hat bereits eine Baranzahlung geleistet.

Ich werde nun den von Mr. Stone gebotenen Betrag bekannt geben. Wenn jemand eine gleichwertige Bürgschaft stellen und ein höheres Gebot abgeben möchte, hat er dies innerhalb der nächsten fünf Minuten zu tun. Geschieht dies nicht, werden die Car und deren Frachtinhalt in Form Rechtens Mr. Stone zugeschlagen. Sein Gebot beziffert sich auf 10 000 Dollar.«

Nick Carter saß auf einer Frachtkiste in der Nähe des Auktionators. Er hatte sich so postiert, dass er die Gesichtszüge der anwesenden Personen in Ruhe studieren konnte. Er befand sich hinter dem Versteigerer und hatte sein Gesicht der versammelten Menge zugewendet.

Dank seiner Erfahrung und Fähigkeit, in menschlichen Gesichtszügen wie in einem aufgeschlagenen Buch zu lesen, war es dem berühmten Detektiv nicht schwergefallen, die beiden Männer, von denen Durland gesprochen hatte, alsbald herauszufinden: Es waren der große und der kleine Mann.

Doch erst, nachdem der Beamte seinen erhöhten Stand eingenommen und zu sprechen begonnen hatte, entdeckte Nick Carter unter den Anwesenden auch eine Frau.

Gerade in diesem Augenblick fuhr vor der Rampe des Frachtschuppens ein zweispänniger Wagen vor. Aus dem geöffneten Schlag stieg eine Frau mittleren Alters, hager und eckig mit verkniffenen Gesichtszügen. Sie nahm an einem Ort Aufstellung, von dem aus sie alles sehen und hören konnte.

Die Fenstergardinen der Kutsche waren zugezogen, sodass es dem Detektiv nicht möglich war, einen Blick ins Innere zu werfen. Doch er zweifelte nicht daran, dass sich noch eine andere Insassin darin befand: die dicht verschleierte Frau mit der süßen Stimme, von der ihm der Vorarbeiter ebenfalls berichtet hatte.

Dass die eckige, unschöne und schon bejahrte Frau nicht die Elfengestalt war, dessen war sich Nick Carter sicher.

Fünf Minuten vergingen, ohne dass auch nur vonseiten der Anwesenden ein Gebot abgegeben wurde.

Weder die bejahrte Frau noch die beiden Männer schienen ein anderes Interesse an dem Vorgang zu haben als die übrigen Anwesenden, sie alle schienen in ebensolcher müßiger Neugier zu verharren.

Dann schloss der Auktionator den Sprungdeckel seiner Uhr und bestieg erneut seinen erhöhten Stand.

»Die festgesetzte Frist ist abgelaufen«, verkündete er. »Ist jemand hier, der Mr. Stone überbieten möchte? Nein?

Zum ersten, zum zweiten und zum dritten Mal! Erfolgt kein Gebot? Hiermit beschlossen und verkündet: Der Güterwagen samt Inhalt wird unter den festgesetzten und gegenseitig genehmigten Bedingungen an Mr. Jeremy Stone losgeschlagen!«

Damit stieg der Beamte wieder herunter und entfernte sich in Richtung seines Büros.

Jeremy Stone, der in der ersten Zuschauerreihe gestanden hatte, rieb sich schmunzelnd die Hände.

Dann bestieg er eine Kiste und schaute sich mit langem Hals im Raum um. Aufmerksam betrachtete er jedes Gesicht, um Nick Carter ausfindig zu machen.

Doch dieser hatte eine so sorgfältige Verkleidung gewählt, dass selbst der Museumsbesitzer ihn nicht erkennen konnte. Gelassen verharrte er auf seinem Platz und beobachtete die erschienene Menge, um sich keinen Vorgang entgehen zu lassen.

Bei allen öffentlichen Ereignissen machten sich junge Burschen unliebsam bemerkbar, und auch die gegenwärtige Versteigerung bildete da keine Ausnahme. Immerhin hoben sich vorteilhaft aus der Rotte allerhand Allotria treibender Burschen innerhalb der Zuschauermenge zwei junge Leute hervor, die unmittelbar vor dem Detektiv auf einer über zwei Fässer gelegten Planke saßen und als müßige Zuschauer dem Vorgang beigewohnt hatten.

Hätte Jeremy Stone bei seiner Ankunft in Kansas City nicht seinen Blick auf den vermeintlich tölpelhaften Farmer gerichtet, so hätte er bemerkt, dass diese beiden jungen Leute denselben Waggon, in dem Nick Carter gesessen hatte, durch die andere Tür auf dem Bahnhof verlassen hatten, um augenblicklich in der sich dort ansammelnden Menge zu verschwinden.

Als Nick Carter bemerkte, dass sich zahlreiche Leute um den sich schmunzelnd die Hände reibende Jeremy Stone versammelten, verließ er seinen Platz, um sich dem glücklichen Käufer anzuschließen. Dabei kam er an den beiden gelassen dasitzenden jungen Leuten vorbei.

»Patsy«, flüsterte der Detektiv, ohne stehen zu bleiben, »du wirst den beiden Männern mit den Zylinderhüten folgen. Berichte mir in meiner Unterkunft, sobald du etwas herausgefunden hast.«

»Wird gemacht, Meister«, antwortete Nick Carters jüngster Gehilfe, ein Jüngling von kaum achtzehn Jahren.

»Ten Itchi, du beschattest die Frau und den Wagen. Ich glaube, die wichtigste Person ist drinnen sitzen geblieben«, wandte er sich an den anderen.

Damit war Nick Carter auch schon an seinen beiden Gehilfen vorbeigekommen und schritt weiter auf den Museumsbesitzer zu.

Dieser war dicht von Neugierigen umdrängt, die alle wissen wollten, wann Stone den Wagen öffnen würde. Doch Jeremy lachte nur und fuhr fort, schmunzelnd die Hände zu reiben.

»Meine Herren«, meinte er schließlich, »wie Sie sich denken können, habe ich den Güterwagen auf Spekulation gekauft. Von der Stadtbehörde habe ich mir bereits die Erlaubnis gesichert, den Wagen auf den Gleisen der Straßenbahn in mein Museum überführen zu lassen. Dort wird er heute Nacht sicher untergebracht sein.

Wann der Wagen und dessen Inhalt der öffentlichen Besichtigung freigegeben werden, kann ich jetzt noch nicht sagen, doch ich werde dies durch Anzeigen in allen Zeitungen bekannt machen.

Einstweilen, Herrschaften, habt Ihr vollauf Berechtigung, Euch die Köpfe über den Inhalt der Car nach Herzenslust weiter zu zerbrechen und zu mutmaßen, welche Herrlichkeiten darin verborgen sein mögen!«

»Well, Stone, Sie sind ein alter Fuchs!«, rief unter beifälligem Gelächter einer der Männer, »weiß der Himmel, was Sie inzwischen alles in die Car hineinschmuggeln mögen!«

»Fehl geraten!«, verwahrte sich Jeremy Stone. »Das beabsichtige ich durchaus nicht zu tun! Bei der Eröffnung werden der Polizeichef und einige von ihm ausgewählte Bürger zugegen sein, und ich übernehme jede bindende Garantie, dass vorher am wirklichen Inhalt des Wagens nichts geändert wird. Das ist alles. Das Innere der Car wird erst in meinem Museum zugänglich gemacht werden. Der Eintrittspreis bleibt mit zehn Cent pro Person wie immer lächerlich gering. Hunde dürfen nicht mitgebracht werden.«

Damit wandte er sich ab, um einige Anweisungen zu erteilen. Doch als dies geschah, nahm Nick Carters scharfer Blick wahr, wie einer der beiden von ihm beobachteten Männer einem dritten, der bisher seiner Aufmerksamkeit entgangen war, einen unmerklichen, kurzen Wink gab.

Nick Carter bemerkte außerdem, wie dieser dritte Mann sich augenblicklich in Bewegung setzte und scheinbar achtlos die von Jeremy Stone eingeschlagene Richtung verfolgte.

»Aha«, murmelte Nick. »Der Mann dort ist ihr Mittelsmann. Ich bin gespannt, wie viel er von der ganzen Geschichte weiß. Vielleicht gar nichts – indessen …«

Er brach kurz ab und schlenderte ebenfalls hinter dem Museumsbesitzer und dem ihm folgenden Mann her.

Auf dem Weg zur Straßenbahn blieb Stone plötzlich stehen und schaute sich um. Enttäuscht stellte er fest, dass er keine Spur von dem Detektiv erkennen konnte. Doch dann lächelte er und brummte vor sich hin: »Nick Carters Wege sind so dunkel wie die der Vorsehung. Er wird schon wissen, warum er nicht auftauchen wollte!«

Damit eilte er wieder voran, um die gerade vorüberfahrende Straßenbahn zu erreichen. Er schwang sich auf die hintere Plattform und fuhr gleich darauf ins Zentrum der Stadt.

Keine Ahnung hatte er davon, dass er von zwei Männern verfolgt wurde.

Einer von ihnen war der Mann, der von dem Unbekannten im Zylinder einen unmerklichen Wink erhalten hatte. Der andere war Nick Carter selbst.

Der Fremde hatte es so eingerichtet, dass er einen Sitzplatz unmittelbar neben dem Museumsbesitzer erhielt, und es dauerte nicht lange, bis beide Männer ins Gespräch kamen.

Nick Carter hatte sich dagegen so gesetzt, dass er alles sehen und hören konnte, was zwischen den beiden Männern vorging.

»Well, Mister, da habt Ihr aber wirklich die Katze im Sack gekauft«, eröffnete der Fremde die Unterhaltung. »Der Waggon muss einen ganz besonders geheimnisvollen Inhalt bergen, oder?«

»Das mag schon zutreffen«, entgegnete der schmunzelnde Stone.

»Nun, Sie haben die Geschichte wohl auf Spekulation gekauft?«, fuhr der Mann redselig fort.

»Gewiss, aus welchem Grund sonst? Auf die Neugier der Menge zu spekulieren, das ist mein Geschäft – und es ist noch lange nicht das Schlechteste!«

»Nun, Mr. Stone, was hofft Ihr denn eigentlich in der Kiste zu finden?«

»Das kann ich euch ganz genau sagen, ich weiß es nämlich selbst nicht«, meinte Jeremy Stone lachend. »Offen gestanden, Freund, was sich darin befindet, macht mir wenig Kopfzerbrechen. Mir genügt es, möglichst viele von eurer Sorte neugierig zu machen, denn so streiche ich die meisten Zehn-Cent-Stücke ein.«

»Wenn nun aber hinter der ganzen Geschichte ein Verbrechen steckte, was dann?«

»Ein Verbrechen? Hört, Fremder, das wäre ja großartig! Dann wäre die Car zehnmal mehr wert, als ich dafür zahlte. Natürlich, das ist eine herrliche Idee – daran dachte ich noch gar nicht!«

»Wer weiß, vielleicht ist es eine regelrechte Begräbniscar und steckt voller Leichen. Wer kann das schon wissen!«, brummte der Fragesteller.

»Da trefft Ihr ins Schwarze. Es kann aber ebenso gut eine Car mit Vieh oder vielleicht sogar mit zweibeinigen Eseln darin sein.«

»Scherz beiseite, Mr. Stone, es war ja auch nicht böse gemeint. Wie viel kostet es mich, wenn ich beim Öffnen der Kutsche zugegen sein darf?«, lenkte der Fremde wieder ein. »Es würde mir auf fünf Dollar nicht ankommen.«

»Da bringen Sie mich auf einen guten Gedanken.«

»Zweifellos, ich glaube, es findet sich noch der ein oder andere außer mir, der eine Fünf-Dollar-Note riskiert.«

»Was! Meinen Sie wirklich, es gibt solche Narren, die sich fünf Dollar kosten lassen, wenn sie denselben Spaß ein oder zwei Tage später für zehn Cent genießen können?«

»Ich wette mit euch, solche Leute gibt es wie Sand am Meer!«

»Das kann ich kaum glauben. Doch hört: Kommt heute Nachmittag um vier Uhr an meinen Platz und bringt ein hübsches, rundes Goldstück mit. Ich verspreche nichts, aber wer weiß, vielleicht lasse ich euch ein. Ich will mir die Sache einmal durch den Kopf gehen lassen.«

»Verlassen Sie sich darauf, Mr. Stone. Ich werde pünktlich zur Stelle sein.«

»All right, ich werde euch erwarten. Doch sagt, findet ihr noch ein paar Neugierige, die bereit sind, denselben Betrag zu zahlen, so bringt sie nur mit. Denn dann lohnt es sich!«

Es war eine Eingebung, die den wackeren Jeremy Stone zu dieser Bemerkung veranlasste, und Nick Carter begleitete sie mit einem beifälligen Lächeln.

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