Aus dem Reiche der Phantasie – Heft 4 – Die Weltallschiffer – 8. Teil
Robert Kraft
Aus dem Reiche der Phantasie
Heft 4
Die Weltallschiffer
Verlag H. G. Münchmeyer, Dresden, 1901
Kapitel 8
Im Ätherwirbel
Der Mond war umschifft und auch die andere Seite war von den Gelehrten untersucht worden.
Was die Weltallschiffer hier Seltsames erlebten, wird Richard in einer anderen Erzählung schildern.
Nun lassen wir sie ihre Reise zum Mars fortsetzen.
In wenigen Stunden hatten sie sich so weit von dem kleinen Mond entfernt, dass dieser die Sonne nicht mehr verdecken konnte und sich das Weltallschiff somit auch nicht länger in Dunkelheit bewegen durfte.
Wieder umgab die kühnen Männer ein ewig heller Tag.
Zwanzig Stunden waren vergangen, seit sie den Mond verlassen hatten, als sich die Offiziere und dann auch die Matrosen gegenseitig darauf aufmerksam machten, dass es doch recht düster wurde. Es war wie ein Nebel, der sich rings um den Almitball bildete. Er wurde immer dichter und schließlich kam etwas hinzu, das die Offiziere in höchste Bestürzung versetzte. Sie konnten sich den Grund der Erscheinung nicht erklären. Den Matrosen wurde diese Erscheinung bald sehr unangenehm.
Zuerst rutschte ein Glas vom Tisch, dann fielen weitere nicht befestigte Gegenstände, die auf einer glatten Unterlage standen, herab. Ein Blick auf die Instrumente belehrte sie, dass sich das Schiff auf die Seite neigte. Das war schon sehr besorgniserregend.
Es wurde immer dunkler und die Neigung nahm immer mehr zu, stets nur nach der einen Seite hin. Es gab Vorkehrungen, um alles zu befestigen, und man befestigte es auch. Dabei konnte man sich aber selbst kaum noch auf dem schrägen Boden halten. Zuletzt lief man an der Wand entlang, dann stand man auf der Decke und hatte den Boden über sich. Diesmal war es keine Sinnestäuschung wie damals. Nun hingen die Möbel wirklich oben und man stand aufrecht, nur war eben alles verkehrt herum.
Dabei nahm die Geschwindigkeit dieser Drehung immer mehr zu, stets nur in eine Richtung. Das kugelige Schiff begann zu rotieren und die Männer stürzten übereinander und zogen sich Verletzungen zu.
Schließlich konstatierten die Offiziere und Gelehrten, dass sie von einer unbekannten Macht aus dem Kurs gelenkt wurden. Die Instrumente zeigten eine ungeheure Geschwindigkeit von über neun Meilen pro Sekunde an.
Mit zunehmender Dunkelheit wurde die Rotation immer schneller, schon konnte man ihr nicht mehr folgen.
»Haltet euch fest, klemmt euch ein!«, schrie Richard.
Er selbst zwängte sich mit Beinen und Armen in ein durchbrochenes Geländer. Das Blut stieg ihm zu Kopf, dann verließ ihn die Besinnung.
Als er wieder zu sich kam, kümmerten sich einige Offiziere und Matrosen um ihn und befreiten ihn aus seiner eingekeilten Lage. Es war wieder heller Tag, die Rotation war vorüber, aber Richard erkannte schon aus den Mienen der Umstehenden, dass sie nicht ohne böse Folgen geblieben war.
Zunächst nahm er die Meldung des Ersten Offiziers entgegen, der ebenfalls ohnmächtig gewesen war, aber schon seit einiger Zeit wieder bei Bewusstsein war. Über drei Stunden hatte die Rotation gedauert: Allmählich, wie sie begonnen hatte, war sie wieder aufgehört; ebenso langsam war der Nebel wieder gewichen. In dieser Zeit hatte das Weltallschiff 33 748 Meilen zurückgelegt. Jetzt steuerte es den alten Kurs – mit 13 Leichen an Bord, darunter der zweite Offizier, 42 Verkrüppelten oder Schwerverwundeten sowie 104 Leuten, die mindestens Quetschungen davongetragen hatten. Kurz, verschont war niemand geblieben. Die noch Lebenden hatten ihre leichten Verletzungen nur dem Umstand zu verdanken, dass sie sich – freiwillig oder unfreiwillig – irgendwo festgeklammert hatten. Oder aber – das konnte jedoch nicht mehr festgestellt werden – sie waren bei der kolossalen Umdrehungsgeschwindigkeit nach dem Gesetz der Zentrifugalkraft an den äußeren Wänden kleben geblieben.
Die Verwundeten wurden gebettet, die Leichen in der Ätherkammer der Weltallkälte preisgegeben. Was wäre aber gewesen, wenn sie hinausgefallen wären? Nun, dann wären sie die traurigen Begleiter des Schiffes geblieben, denn hier gab es überhaupt kein Fallen mehr. Außerdem kam noch das Verharrungsvermögen der Bewegung hinzu. Anders wäre es allerdings gewesen, wenn das Schiff gebremst oder seinen Kurs verändert hätte.
Man hatte einen Sturm oder einen Wirbelwind im Weltraum erlebt. Eine Erklärung seiner Entstehung und seines ganzen Wesens war natürlich nicht möglich. Es konnten wohl Jahrhunderte vergehen, ehe man darüber etwas Näheres wusste.
Aber man konnte dieser Erscheinung, die einem Weltallschiff gefährlich werden konnte, einen Namen geben: Ätherwirbel. Die Frage war, ob diesem immer ein Nebel vorausging und ihn begleitete. Jedenfalls musste man auf der Hut sein, wenn sich der blendend klare Äther verfinsterte. Das lehrte dann die Erfahrung. Dieses Rotieren des Weltallschiffes war mit dem Stampfen und Schlingern eines Seeschiffes auf stürmischer See vergleichbar.
Diese Erfahrung auf der ersten Weltallfahrt war teuer erkauft, aber sie lehrte, in den nächsten Schiffen Vorkehrungen zu treffen, durch welche die Schiffer geschützt waren. Am besten geeignet hierfür waren leicht in Achsen rollende Kapseln, in die man sich zwängte, ehe die Rotation begann.
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