Nick Carter – Band 19 – Ein schauerlicher Fund – Kapitel 3
Nick Carter
Amerikas größter Detektiv
Ein schauerlicher Fund
Ein Detektivroman
Kapitel 3
Nick Carter sucht Arbeit
Der Detektiv hatte nur das nötigste Gepäck dabei und ging, nachdem er sich mit Jeremy Stone unterhalten hatte, zur Gepäckausgabe, um seinen Koffer in Empfang zu nehmen.
Dann begab er sich in ein ihm von früheren Besuchen in Kansas City bekanntes Boardinghaus, das für seine Zwecke gut gelegen war. Kaum hatte er sich dort häuslich eingerichtet, nahm er die nötigen Kleider aus seinem Koffer, um als gewöhnlicher Arbeiter zu erscheinen. Bald darauf verließ er sein Zimmer wieder, trug blaue Arbeitskleidung, ein Wollhemd, Schaftstiefel und eine Mütze und lenkte seine Schritte zum Güterbahnhof. Es war nicht schwer für ihn, dort Bill Durland, den Vorarbeiter, aufzufinden und ihn wegen einer etwa vorhandenen Vakanz zu fragen.
»Da ist augenblicklich nichts zu machen«, erklärte der schon bejahrte Foreman. »Ich habe mehr Männer zur Hand, als ich beschäftigen kann. Fragt nach einer Woche wieder nach, vielleicht kann ich Euch dann als Aushilfe gebrauchen.«
»Gut«, meinte Nick. »Ich werde dann wieder vorsprechen. Ich würde hier gern arbeiten, denn das ist ein feiner Güterbahnhof!«
»Darauf könnt Ihr Euer gesegnetes Leben verwetten, Mann. Ich halte ihn auch gut in Stand.«
»Hallo, was für eine merkwürdige Sorte von Frachtwagen steht denn dort?«
»Welcher denn?«, brummte Durland, ohne aufzublicken.
»Jener dort!« Damit wies Nick Carter auf einen einsam stehenden Wagen, dessen gesamte äußere Erscheinung der Beschreibung entsprach, die Stone ihm gegeben hatte.
»Ach, der Waggon dort? Der ist ein armer Waisenknabe«, meinte Durland und lachte kurz auf.
»Waisenknabe?«, wiederholte Nick lachend.
»Ja, der Wagen hat weder Vater noch Mutter, niemand kümmert sich um ihn, außer meinem Freund Jeremy Stone. Was er mit dem Teufelswagen anfangen will, weiß ich jedenfalls nicht.«
»Wer ist der Mann?«, erkundigte sich Nick.
»Er hat ein Abnormitätenmuseum.«
»So, so, dann muss es ja ein ganz sonderbarer Waggon sein!«
»Nun, nicht sonderbarer als die anderen Cars auch.«
»Steht denn nicht der Name irgendeiner Bahngesellschaft darauf vermerkt?«
»Sagte ich nicht, es sei ein Waisenknabe?«, brummte Durland.
»Ich dachte, Sie wollten nur einen Scherz machen.«
»Das ist nicht meine Art. Die Car kam aus Philadelphia und soll laut Frachtbrief mit Hausrat gefüllt sein. Nächsten Donnerstag früh wird sie öffentlich versteigert. Vielleicht kauft ihr sie ja?«
»Womöglich. Doch sagt, Mr. …«
»Was soll’s?«
»Darf ich mir die Car einmal ansehen?«
»Gewiss. Ich wüsste nicht, wer etwas dagegen haben könnte.«
Nick schlenderte auf den Güterwagen zu, kreuzte die Schienen und gelangte so zu ihm.
Äußerlich unterschied er sich in nichts von einer gewöhnlichen Frachtcar, abgesehen davon, dass er nagelneu war und keinerlei Eigentumsvermerk aufwies. Er war mit einem schmutzigen Rot bemalt und der kundige Blick des Detektivs gewahrte sofort, dass die Farbe absichtlich mit Ruß versetzt worden war, um den Anstrich älter erscheinen zu lassen.
Doch diese Absicht war missglückt, besonders, wenn man den Wagen aus einiger Entfernung betrachtete. Ein oberflächlicher Beobachter hätte allerdings nichts Auffälliges an der Car gefunden, insbesondere nicht, wenn sie einem langen Güterzug zugeteilt war, denn dann unterschied sie sich in nichts von den übrigen Waggons.
Mit neugieriger Miene umschritt Nick den verwaisten Wagen von allen Seiten. Da er zu keiner gründlichen Untersuchung schreiten wollte, konnte er außer ihrem neuen Zustand nichts Auffälliges entdecken.
Die Puffer an den beiden Schmalseiten unterschieden sich in nichts von denen eines gewöhnlichen Frachtwaggons, ebenso verhielt es sich mit den an beiden Längsseiten angebrachten Schiebetüren. Er bemerkte, dass sie sorgfältig versiegelt waren. Auch das gesamte Eisenwerk und die Kupplungen waren die gewöhnlichen, wenn auch von modernster Machart.
Alles in allem war es augenscheinlich eine kürzlich hergestellte Car, die indes keinen auffälligen oder geheimnisvollen Eindruck machte.
Er las den an den Türen befestigten Begleitzettel und lächelte unwillkürlich, denn die Aufschrift enthielt denselben Namen, der Stone beim Verkehtlesen so auffällig vorgekommen war.
Z. T. Raunk stand auf jenem Zettel und kehrte man dieses Wort um, so hatte man den Namen Quartz – und ein solcher hatte in Nick Carters Leben bereits eine hochbedeutsame Rolle gespielt.
»Ach was, das ist ja Unsinn«, murmelte der Detektiv vor sich hin. »Quartz ist tot. Ich weiß das ganz genau, und es ist ausgeschlossen, dass er wieder lebendig geworden sein sollte. Hier handelt es sich um ein rein zufälliges Zusammentreffen, und an dem guten Stone ist ein Romanschreiber verloren gegangen.
Nun, es dauert ja nicht mehr lange, bis die Kiste geöffnet wird, und dann werden wir ihren Inhalt kennenlernen!«
Er wollte sich abwenden, als er bemerkte, dass Durland hinter ihm stand und ihn mit einem spöttischen Lächeln in seinem gutmütigen, wetterharten Gesicht beobachtete.
»Was haltet Ihr von der Kiste da, Fremder?«, fragte er.
»Gar nichts«, entgegnete Nick Carter mit einem Achselzucken.
»Wollt Ihr sie kaufen, eh?«
»Glaube es nicht. So etwas liegt außerhalb meines Geschäfts.«
»Das entspricht eher einem Museumsbesitzer.«
»Ich würde gerne wissen, was so einer mit der Car anfangen kann.«
»Vielleicht will er einen Schaustellerwohnwagen daraus machen oder etwas Ähnliches. Die Kerle haben ja den Teufel im Leib und bringen die merkwürdigsten Dinge fertig!«, mutmaßte Durland lachend.
»Und kein Mensch hat nach der Car gefragt und sie reklamiert?«
»Keine Ratte!«
»War denn noch niemand hier, um sich den Waggon anzusehen?«
»Doch, zwei oder drei Personen, soweit ich weiß. Eine davon war eine Frau, die gestern Nachmittag kam und vorgab, sie wolle nach Frachtgut fragen, das bisher noch nicht eingetroffen sei. Doch mich führte sie nicht hinters Licht. Sie kam nur hierher, um sich die Car anzuschauen. Das ist so sicher, wie dass ihr geboren worden seid, Fremder.«
»Warum wollte sie sich das Ding denn ansehen?«, meinte Nick Carter, anscheinend gleichgültig, doch in Wirklichkeit höchst interessiert.
»Da könnt ihr mich totschlagen, wenn ich es wissen soll. Mag sein, Jeremy Stone hat sie geschickt.«
»Das mag zutreffen. Was für eine Sorte von Frauenzimmer war es denn?«
»Sie war ein Frauenzimmer, das ist alles, was ich Euch sagen kann, Pard. Ich kann nicht einmal sagen, ob sie weiß oder schwarz war. Jedenfalls besaß sie die süßeste Stimme, die ich je gehört habe.«
»Dann war sie wohl dicht verschleiert?«
»Stimmt«, brummte Durland. »Schwarz verschleiert und behandschuht. Mehr kann ich nicht sagen. Was ihre Gestalt anbelangt, so war sie wie … Hm, wie …«
»Wie eine Elfe etwa?«, witzelte Nick.
»Ja, das mag schon zutreffen. Ich weiß nicht viel über Elfen, aber ähnlich mögen sie wohl aussehen!«
»Aber warum in aller Welt soll sie nun gerade hierhergekommen sein, um sich die verwaiste Car hier anzuschauen?«
»Eben weil sie sich die Car anschaute, Fremder«, brummte Durland. »Sie hat mich fast tot gefragt wegen ihrer Frachtgüter, dabei hatte sie doch nur die Car vor Augen. Ja, sie ging sogar über die Schienen, als sie glaubte, nicht beobachtet zu werden, und sah sich das Ding aus nächster Nähe an. Ich aber stand im Laderaum hinter der Schiebetür und guckte zu. Als sie zurückkam, meinte ich: ›Famose Car, Miss, was?‹«
Sie schaute mich eine Weile an, als sammle sie ihre Gedanken, und dann flötete sie: ›Ach, Frachtcars sind so furchtbar interessant, meinen Sie nicht?‹
›Selbstverständlich‹, sagte ich.
›Was mag drinnen sein?«‹, erkundigte sie sich. Ich gab ihr zur Antwort, sie könne mich auf den Kopf stellen und schütteln, aber Auskunft könne ich ihr nicht geben. ›Niemand weiß, was in der Car ist und wem sie gehört. Das weiß vielleicht nicht einmal der Himmel‹, sagte ich. »Sie wird nächsten Donnerstag mit dem Glockenschlag zehn Uhr versteigert. Vielleicht habt Ihr Lust, die Car zu kaufen?‹
›»Danke Euch‹, sagte sie und dann verduftete sie, ohne noch ein Wort zu sagen.
»Na«, meinte Nick Carter lächelnd, »erfahrungsgemäß sind alle Frauen neugierig.«
»Gewiss, da war außerdem noch ein Mann, eigentlich sogar zwei Männer. Sie kamen vor etwa einer Woche hierher. Ob sie nur gekommen sind, um sich das Auto anzusehen, kann ich wirklich nicht sagen.«
»Ihr vermutet es nur, oder?«
»Na, es hatte wenigstens den Anschein. Sie kamen gemeinsam hierher, etwa um fünf Uhr nachmittags, und gaben vor, nach einer Car zu fragen, die sie erwarteten. Mir schoss durch den Sinn, dass es sich vielleicht um den Empfänger der Waisencar handelte, also nahm ich sie direkt zu dem Waggon. Doch der Größere von den beiden zuckte nur mit den Schultern und meinte, das sei nicht die von ihm erwartete Car. Damit trollte er sich. Doch der andere betrachtete sich den Wagen umso genauer und konnte sich bald an ihm nicht sattsehen.«
»Sagte er denn etwas?«, erkundigte sich Nick beiläufig.
»Kein Sterbenswörtchen. Er steckte sich eine Zigarre an und meinte nur noch leichthin, die von ihnen erwartete Car sei noch nicht eingetroffen. Dann entfernten sich die beiden, ohne auf die anderen Waggons auch nur einen Blick zu werfen. Das fiel mir auf, und darum nehme ich an, dass sie ebenfalls nur wegen der Waisencar hierherkamen, denn es sind mindestens noch zwei Dutzend andere Waggons da, die auf ihre Abnehmer warten.«
»Wer diese beiden Männer waren, könnt Ihr mir natürlich nicht sagen, oder?«
»Schwerlich, obwohl ich doch so ziemlich jeden Geschäftsmann in Kansas City kenne.«
»Ich will’s meinen, Euer Geschäft bringt es mit sich, dass Ihr eine große Menge von Leuten kennen müsst.«
»Da könntet Ihr recht haben, Pard. Zum Beispiel kenne ich Euch das nächste Mal auch, und wenn Ihr jetzt fortgegangen seid, so weiß ich genau, dass auch Ihr nur wegen der Waisencar hierhergekommen seid.«
Nick musste laut auflachen.
»Durland, Sie sind ein kluger Mann«, gab er zu. »Mag sein. Ich kam mit der Absicht hierher, mir die Car anzusehen, weil ich sie vielleicht zu ersteigern gedenke.«
»Dann steckt nur tüchtig Geld in die Tasche, denn im Vertrauen gesagt, bei der Versteigerung kommt ein hoher Preis heraus.«
»Ich will’s nicht hoffen!«, erwiderte Nick Carter anscheinend bestürzt.
»Nun, wie ich gehört habe, hat Jeremy Stone bereits ein Gebot gemacht, das Euch die Haare zu Berge stehen lassen wird – und wenn ich nicht sehr im Irrtum bin, dürften noch andere Bieter auftreten, etwa für die verschleierte Frau mit der süßen Stimme.«
»Glaubt Ihr das wirklich?«
»Darauf könnt Ihr Euer Leben wetten!«
»Wie sollte eine Frau dazu kommen, unbesehen eine Frachtcar zu kaufen?«
Durland zuckte mit den Achseln. »Darauf muss ich Euch die Antwort schuldig bleiben, Pard, aber ich habe meine Vermutungen. Außerdem glaube ich, dass noch andere Bieter den Preis in die Höhe treiben dürften.«
»Wer sollte denn das sein?«
»Einer von den beiden Männern, wie gesagt, Fremder. Trügt mich nicht alles, so dürften wir mit dem Waisenwagen noch viel Spaß haben. Offen gestanden kommt mir die Geschichte schon unheimlich vor und ich will nur hoffen, dass wir hinterher den Güterwagen nicht voll Leichen finden!«
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