Kopmann to Bergen – Kapitel 1
Heinrich Smidt
Kopmann to Bergen
Erstes Kapitel
Die Faktorei der Hanse in Bergen
Ja, er war ein Kaufmann in Bergen – und ein gewaltiger noch dazu. Kein Einzelner, ausgerüstet mit geistiger Kraft und bedeutenden Mitteln, sondern eine festgeschlossene Gilde, deren Kontor den stolzen Namen Kopmann to Bergen führte. Heute ist von dem, was zur Blütezeit des Hansebundes sein Stolz war, äußerlich kaum noch ein Schatten übrig. Es ist ein erstaunliches, stolzes und kühnes, zugleich aber auch ein entsetzliches Bild dieser in Waffen hinter Wällen und Mauern handelnden Kaufmannsgilde, welche die Macht der Herren und Gebieter des Landes zu einer Schattenherrschaft herabdrückte.
Wir begeben uns in diese wildbewegte Zeit zurück und blättern in den Büchern vergangener Tage, deren Seiten uns diese oft mit Blut getränkten Bilder zeigen. Wir versetzen uns an Bord eines der vielen Schiffe, die von allen Teilen der Windrose der Küste von Norwegen entgegenbrausen, und steuern dem Berger Stift zu. Das stolze Gebirge, das sich über tausend Meter in die Wolken erhebt und seine Arme durch das Land ausbreitet, ist das Langfield. Die drei Gewaltigen unter den Bergriesen sind der Galdhøpiggen, der Skagastølstinden und der Lodalskåpa. Wilde Ströme, ungenannt und ungezählt, schäumen zu den Füßen dieser starren Felswände. Am stolzesten sind die Jostedalsbreen-Gletscherzunge und die Isbreen-Gletscherzunge, die sich mit donnerndem Brausen in die See stürzen. Und tief in diese schroffen Küsten schneiden sie die stolzen Meerbusen ein. Wir durchsegeln nacheinander den Hardanger-, den Mas- und den Sognefjord, bis wir schließlich das Berger Waag erreichen. Von der alten Bergenhus beschirmt und von kleineren und größeren, fruchtbaren und öden Eilanden umgeben, liegt am besten Ende die Stadt Bergen. Sie wird von sieben hohen Hügeln begrenzt, die sie wie ein schützender Wall umgeben.
Diese Stadt, eine der wichtigsten im ganzen Land, die in früheren Jahrhunderten noch wichtiger und bedeutender war, wie konnte sie zu einer Vasallin deutscher Kaufleute herabsinken? Wie konnte sie zur dienenden Magd werden, wo sie doch vor allem dazu berufen war, die Herrscherin zu sein?
Das will ich vor euch aufrollen, und habt acht, dass ihr es wohl begreift.
Nicht immer war es so gewesen hier im Land. Die Herren von der Hanse waren sehr fein und gewandt und stürmten nicht unbedacht ins Geschehen. Erst, wenn sie sich umgesehen und die Gegebenheiten vor Ort erkundet hatten, traten sie fest und sicher auf. Fein und gewandt, wie sie waren, hatten sie auch alles durch schriftliche und mündliche Abkommen eingeleitet. Zunächst hatte der Kaufmann mit dem Kaufmann, dann der Staat mit dem Staat verhandelt. Die Folge davon war, dass die Hanse sich die Erlaubnis erwirkte, im Land weit und breit, entlang der Ufer der Fjorde, auf den Märkten und in den Städten, dem Lauf der Ströme folgend, Handel zu treiben. Für diese Vergünstigung mussten sie eine besondere Abgabe zahlen.
Kaum war dieser Vertrag geschlossen, machten sie auch von ihrem Recht Gebrauch. Mit dem Frühjahr erschienen sie mit ihren Schiffen im Berger Waag, schlugen an verschiedenen Orten ihre Zelte auf, in denen sie ihre Waren feilboten. Wenn sich der Winter näherte, verschwand die Stadt der Zelte und die hanseatischen Schiffe gingen in See. Doch kaum hatte dieser harmlose Handel eine Weile gedauert, ging man einen Schritt weiter. Die Zelte waren zu luftig und vermochten dem Einfluss von Wind und Wetter nicht zu widerstehen. Die Waren, die man darin feilbot, waren dem Verderben ausgesetzt. Man erwirkte daher die Erlaubnis, stattliche Häuser aus Stein und Holz mit starken Fundamenten zu erbauen. Aber dergleichen Unternehmungen konnte man doch nicht auf fremdem Grund und Boden errichten. Der Besitzer hätte ja kommen und sagen können: »Wer hat euch erlaubt, auf meinem Acker zu bauen? Geht einmal vor die Tür hinaus, das Haus ist mein.« Darum musste mit Norwegen ein zweiter Vertrag geschlossen werden. Nach diesem wurde den Hanseaten gestattet, am rechten Ufer der Waag, sowohl innerhalb als auch außerhalb der Stadt, von den verschiedenen Eigentümern Grund und Boden zu erwerben und diesen nach Belieben zu bebauen.
Bisher hatte man hierorts an eine besondere Verwertung des unfruchtbaren Bodens nicht gedacht. Nun, da die Hanseaten für ein vergleichsweise kleines Stück Land einen ansehnlichen Preis boten, horchten die Norweger auf. Nie hätten die Norweger gedacht, dass sie das Land so vorteilhaft verkaufen könnten, und jeder, der nur etwas Land besaß, verkaufte es. Sie gaben hin, was sie nur irgendwie entbehren konnten, und fanden stets bereitwillige, nie knausernde Abnehmer. Es half wenig, dass einige umsichtige, weiterblickende Männer ihre Mitbürger vor den Umtrieben der Hanseaten warnten. Keiner hörte auf sie, ja, sie wurden sogar ausgelacht. Was unter diesen Umständen kommen musste, kam. Die deutschen Kaufleute standen bald mit gleichen Rechten und gleichen Kräften neben den Einheimischen.
Zwei Gleiche – von verschiedener Denkweise und von ganz entgegengesetzten Interessen beseelt – können auf die Dauer nicht in Frieden nebeneinander wohnen. Einer von ihnen muss das Feld räumen. Ihr ahnt es bereits: Es sind nicht die Hanseaten, die das teuer erkaufte Gut ohne Weiteres fahren lassen.
Im Jahr 1393 fühlten sich die Hansestädte Wismar und Rostock durch die norwegischen Verwaltungsbehörden in ihren Rechten beeinträchtigt. Sie forderten deshalb von König Erik Genugtuung. Diese wurde ihnen von dem Fürsten unter allerlei Vorwänden verweigert. Daraufhin sandten die Städte eine gut ausgerüstete Kaperflotte nach Bergen, das auf einen solchen Kampf nicht vorbereitet war. Die Stadt wurde eingeäschert, von einem Ende derselben bis zum anderen war eine Wüstenei. Alles Lebende flüchtete; selbst die in Bergen ansässigen Engländer versuchten zu entkommen. Nur die Hanseaten blieben auf ihrem erworbenen Grund und Boden. Die Einwohner des zerstörten Bergen erholten sich nie von diesem Schlag, während die Hanseaten die unglückliche Lage der Stadt ausnutzten, alle Geschäfte an sich rissen und die Mittler zwischen den Fremden und den Einheimischen bildeten. Durch eine kluge Benutzung der Umstände brachten sie es allmählich dahin, dass das Verhältnis der Gleichberechtigten erlosch. Sie wurden die Herren und die Einwohner von Bergen waren von ihnen abhängig.
Nachdem sie sich der Stadt bemächtigt hatten, zogen sie weiter. Die Nordlandfahrer – das waren seefahrende Kaufleute von Island, Hammerfest, Vansjø und anderen Orten – fielen nacheinander den Hanseaten zum Opfer. Mit diesem letzten Schlag waren die deutschen Kaufleute die Herren von Norwegen, wenn nicht dem Namen, so doch der Sache nach.
Obwohl die Hanseaten in Bergen selbst ansehnlichen Grundbesitz hatten, zogen sie es vor, die Stadt nicht zu ihrem Wohnsitz zu machen. Sie blieben mit ihrer Faktorei in einiger Entfernung. Dieser Stapelplatz, den sie die Brücke nannten, weil er hart am Wasser lag und mit vielen einzelnen Brücken versehen war, hieß bei dem Volk Garper. Das Wort Garper bedeutete Laus. Das Volk nannte die deutschen Eindringlinge deshalb so, weil das Werk der Hanseaten zu betrachten sei wie eine Laus, die sich im nordischen Bärenfell festgesetzt habe und nicht mehr zu vertreiben sei.
Dieser Stapelplatz war das Kontor Kopmann to Bergen, welches in zwei Teile, nämlich die Marien- und die Martinsgemeinde, zerfiel. Die erste bestand aus dreizehn Höfen, die zweite aus neun. Jeder Hof hatte einen besonderen Namen. Einige hießen Zur Rose, Zum Mantel, Zum Hamburger Hof oder Zum Bremer Wappen. Jeder dieser Höfe bestand aus einem langen, hölzernen Haus. Im Erdgeschoss befanden sich die Magazine und Verkaufsgewölbe. Im ersten Stockwerk befanden sich die kleinen Schlafkammern für die Kaufgesellen, die sogenannten Kläwer. Darüber war die Küche angelegt. Hinter jedem Hof lagen tiefgemauerte Keller und darüber stand der Schütting. Das war ein großer, überdachter Raum, der den Hofleuten als Versammlungsort diente. Von jedem Hof aus führte eine Landungsbrücke an den Fjord, denn jeder Hof lag mit seinem äußersten Ende am schiffbaren Wasser.
Auf jedem dieser Höfe wohnten fünfzehn bis zwanzig verschiedene Parteien. Einer der Bewohner wurde zum Vorstand ernannt. Er führte den Namen Husbonde und unter ihm standen die Kaufgesellen, die Bootsleute und alles, was sonst zu dem Hof gehörte. Diese verschiedenen Parteien des Hofes lebten während des Sommers mit gemeinschaftlichem Haushalt unter seinem Regiment. Zum Winter zogen jedoch alle in das Gemeindehaus, den sogenannten großen Schütting. Dieses Gebäude hatte keine Fenster, sondern nur eine Klappe im Dach, durch welche der Rauch abzog. War das Feuer ausgebrannt, wurde über die Öffnung ein Fenster geschoben, durch welches dann etwas Licht in den langen, wüsten Raum fiel. In diesem sogenannten Gemeinde-Schütting hatte jeder Husbonde bzw. Vorstand für sich und seine Leute einen besonderen Speisetisch. Nachts ging jeder zu dem Hof, dem er angehörte.
Beide Gemeinden, die von Marien und die von Martin, hatten aus ihren Husbonden einen Rat gewählt. Dieser bildete den Gerichtshof und hatte einen gesetzeskundigen Schreiber zur Seite. Wer mit dem hier erteilten Spruch nicht zufrieden war, konnte sich an den Senat von Lübeck oder die Hauptversammlung des Hansebundes wenden. In der Mariengemeinde befanden sich das Gefängnis und der Weinkeller in dem Hof zum Mantel. Über dem Weinkeller war der Kaufmannssaal, in dem der gesamte Rat seine feierlichen Sitzungen abhielt.
So gestaltete sich die von Wällen und Gräben umschlossene Faktorei. Schwerbewaffnete Söldner hielten Wacht, sodass nachts niemand die Faktorei betreten konnte. Zudem wurden nachts gut abgerichtete Bluthunde losgelassen, die jeden, der sich in den Bereich der Wälle wagte, erbarmungslos zerrissen.
Der Raum, der sich zwischen der Faktorei und der Stadt Bergen ausdehnte, wurde Schustergasse genannt. In den beiden Gemeinden lebten die Kaufleute samt den von ihnen abhängigen Personen. In den Tagen der hansischen Blüte belief sich diese Zahl auf zweitausend Personen. Keiner von ihnen durfte verheiratet sein oder eine Nacht außerhalb der Wälle verbringen. Da man aber, um leben zu können, auch andere Menschen als Kaufleute und deren Abhängige brauchte, hätte man sich an die Handwerker in der Stadt wenden können. Dann wäre man jedoch von diesen abhängig geworden. Um dies zu vermeiden, gründete man vor den Toren der Faktorei eine deutsche Handwerkerstadt, die den Handwerkern in der Stadt Bergen das Gegengewicht hielt und vom Kontor der Hanse abhängig war.
Die ersten deutschen Handwerker, die in die für sie geschaffene Stadt einwanderten, waren die Schuster. Deshalb wurde die Gewerksansiedlung Schustergasse genannt. Die zahlreich vertretenen Schuster hatten im sogenannten Verband der fünf Gewerke die Oberhand und gaben durch ihr Übergewicht in vorkommenden Fällen den Ausschlag.
Nun haben meine Leser die gesamte Faktorei Kopmann to Bergen vor Augen und können dem, was in ihr geschieht, mit Sicherheit folgen. Es ist an der Zeit, dass sie sich auf dem Terrain auskennen, denn es geht dort schon bunt zu, und wer Augen hat zu sehen, der mache sie weit auf.
Es ist auf dem Garper, wie der Nordmann die Langbrücke der Hanseaten nennt, die nicht quer, sondern längs über das Wasser verläuft, wie die Langbrücke bei Danzig in heutigen Tagen. Dort wurde der Wochenmarkt abgehalten und alles, was in einer großen Seestadt an Lebensmitteln feilgeboten wird, war hier zu haben. In der guten Stadt Bergen musste niemand hungern, wenn er nur Geld im Beutel hatte und ein gutes Einverständnis mit den Söldnern und Prügelmeistern der Faktorei pflegte. Sonst konnte es leicht passieren, dass jemand vergebens nach der Mittagssuppe aussehen musste, egal wie klug er es anstellte. Das musste gelernt sein, und das Lehrgeld war nicht billig. Da kommt gerade einer des Weges, der es durch sein eigenes Beispiel beweisen könnte. Es dauerte lange, ehe er das verlangte Bußgeld nachzahlte.
Ein Schuss von der Festung Bergenhus hallte über den Garper hinweg, ohne dass im Marktgewühl sonderlich darauf geachtet wurde. Aber diejenigen, die in der Nähe waren, merkten wohl, was es zu bedeuten hatte. Es war nämlich eine schmucke Galiot im Ansegeln begriffen. Das Schiff zeigte von der Gaffel die Lübecker Flagge. Wo diese Flagge wehte – halb rot, halb weiß, mit dem gekrönten Reichsadler in der Mitte – da fiel ein Schuss zu Ehren der Hansestadt Lübeck, die das Haupt der Hanse war.
Die Galiot ließ den Anker rasseln und der Schiffer, der seiner Schuldigkeit wohl eingedenk war, legte einige wichtige Papiere in eine Brieftasche. Er sagte zu einem jungen Burschen in der Seemannsjacke: »Nimm das und spring damit flugs in das Boot. Trage diese Schriften so schnell du kannst auf das Kontor der Gestrengen und sage dabei, ich, der Schiffer Hans Wulfs, würde fördersamst nachkommen, sobald das Schiff vor Anker gebracht und alles wohl besorgt sei. Bis dahin meinen Respekt.«
»Das soll besorgt werden«, entgegnete Anton Bünger, so hieß der junge Bursche, und lief zu Deck, wo man gerade dabei war, das leichte Boot über Bord zu lassen. Er sprang hinein, ergriff die beiden Ruder, die man ihm reichte, und fuhr dem Land zu.
Das Boot flog nur so. Er war ein begnadeter Ruderer, der Anton Bünger, ein tüchtiger Seemann aus der Schule des alten Schiffers Hans Wulfs. Wir erfahren nichts Weiteres über ihn, sondern erfreuen uns daran, wie er dem Land zufliegt und dabei öfter den Kopf rückwärts wendet, um zu sehen, ob er es bald erreicht hat. Er war sein Lebtag nicht hier gewesen. Alles, was er sah, wirkte neu und überraschend auf ihn. Daher darf man sich nicht wundern, dass er, überwältigt von all dem Neuen, mit dem ersten Schritt an Land ganz und gar vergaß, weshalb er es eigentlich betrat.
Schon von der untersten Stufe der Treppe schaute er verwundert zu dem riesigen Kerl empor, der sich breit auf der obersten Stufe breit hingepflanzt hatte. Es war einer der Söldner des Kontors, ein hoher, breitschultriger Geselle mit einem grimmigen Gesicht, das von einem verworrenen Bart eingefasst wurde. Er trug einen dicken Wollrock mit einer daran hängenden braunen Kapuze. An seinem Gürtel trug er ein kurzes, breites Schwert. In der Hand hielt er eine lange Lanze, die er ab und zu in die dichten Haufen schlug, wenn es allzu bedenklich wurde, was immer gegen Ende des Marktes geschah.
»Ich denke, er wird mich ungehudelt vorbeilassen!«, sagte Anton Bünger zu sich selbst. »Sonst fürchte ich seinen langen Knüttel auch nicht!«
Mit diesen Worten sprang er die Stufen hinauf, am grimmig aussehenden Söldner vorbei, mitten in das laute Gedränge hinein.
Dort gab es reichlich Lärm, am meisten aber an der Stelle, wo ein Fischer eine ganze Last von Dorschen und Schellfischen vor sich aufgeschüttet hatte und sie mit lauter Stimme feilbot. Eine nordische Frau wagte sich in den Kreis der Käufer und fragte den Landsmann bescheiden, ob er ihr ein Gericht von seinem Vorrat abgeben wolle. Der Fischer schüttelte den Kopf und deutete seitwärts. Eine deutsche Handwerksfrau, die noch um das Mittagsbrot feilschte, bemerkte das und schrie laut: »Was will die nordische Trine hier auf dem Markt? Weiß sie nicht, was rechtens ist? Wer erlaubt es ihr, hierherzukommen, solange noch eine von den Deutschen handelt? Heh?«
»Es wird mir doch auch erlaubt sein, so wie jedem anderen, mir mein Essen zu kaufen, damit meine Lieben ihr Mittagessen haben, wenn sie von der Arbeit kommen«, fragte die Frau schüchtern. Denn sie wusste, dass die Einheimischen erst dann für ihre Bedürfnisse sorgen durften, wenn die eingewanderten Gäste keine mehr hatten. Es war eine unerträgliche Tyrannei, die jeden Tag Anlass zu bösen Reibungen gab, dennoch aber nicht abgestellt wurde, weil man sonst eines der köstlichsten Privilegien der Faktorei Kopmann to Bergen angetastet hätte.
Die deutsche Handwerksfrau schlug ein lautes Gelächter auf und rief den Umstehenden zu: »Habt ihr das gehört? Sie will hier auch ein Recht haben! Sie, die nordische Beiläuferin, sollte Gott auf den Knien danken, wenn sie nachher bekommt, was wir übrig lassen. Sie will so viel sein wie wir und mit uns handeln und bieten. Sie will das hier, wo die Namen des hansischen Kontors ihre Schatten werfen.«
»Haben es gehört!«, riefen einige andere als Antwort zurück. »Es ist himmelschreiend, was sich diese Leute herausnehmen dürfen.«
»Gott sei es geklagt!«, schrie eine Dritte. »Mein Mann ist ein geborener Lübecker und zünftiger Schuhmacher! Wie sollten wir das begegnen?«
»Und was dann?«, fragte ein nordischer Bauer und trat ihr dicht auf den Leib. »Was würden Sie denn tun, wenn ich hier Fisch oder Fleisch feilbiete und zu Ihnen sage: ›Sie kriegen nachher, erst kommen die anderen!‹? He?«
»Ja, es ist himmelschreiend, was diese Deutschen uns in unserem eigenen Land bieten!«, fuhr ein anderer dazwischen. »Wenn es Ihnen nicht genehm ist, können wir hungern und dursten oder die Borke von den Bäumen lösen und zu Korn vermahlen. Aber es geschieht uns ganz recht! Warum leiden wir es?«
»Ja, warum leiden wir es?«, fielen ihm andere ins Wort. Wer weiß, was geschehen wäre, wenn das so weitergegangen wäre. Aber auch die deutschen Frauen waren nicht müßig mit dem Mund und riefen nach den Prügelmeistern, von denen einer sofort herbeikam.
Diese Prügelmeister waren leibhaftige Geschwisterkinder der Söldner des Kontors, nur dass ihr Bart noch wilder und ihr Gesicht noch grimmiger aussah. Sie trugen ein dünnes Tau, das an den Enden in eine Schlinge auslief und das sie um den Nacken legten. Dieses warfen sie entsprungenen Dieben über den Kopf und fingen sie in der Regel damit ein. An ihrem Gürtel hing eine Peitsche mit Knoten. Diese Gesellen hatten sozusagen die ausübende Polizei in ihrer Hand.
»Was gibt es hier?«, rief der herbeieilende Prügelmeister und schwang die Peitsche, als gälte es nun gleich ein Strafamt zu vollziehen. Alle Beteiligten redeten zugleich, und es wäre schwer geworden, aus diesem Wirrwarr klug zu werden, wenn nicht eine jugendlich-fröhliche Stimme über all diesen Lärm hinausgeschrien hätte: »Was es hier gibt?«
Vor diesem Ton wich der dichte Knäuel unwillkürlich zurück und Anton Dünger wurde sichtbar. Er war auf seiner Marktwanderung bis hierher gelangt und wollte wissen, was dieser Lärm zu bedeuten hatte.
Eine der deutschen Frauen sagte es ihm im Vertrauen darauf, dass er ihr als Landsmann völlig recht geben und ihr eine Hand leihen würde, wenn es zum Angriff kommen sollte. Doch Anton Dünger sah das anders und rief unwillig: »Was ist das für eine tolle Wirtschaft hierorts? Ist der Schilling des einen aus besserem Kupfer geschlagen als der des anderen? Niemand sollte dem anderen vorgezogen werden, bin ich der Meinung. Wer zuerst auf der Mühle ist, dessen Korn wird zuerst gemahlen, und damit basta. So ist es in der ganzen Welt, und hier wird es nicht anders sein.«
»Hier ist es anders!«, fuhr der Prügelmeister dazwischen. »Was schert es Euch?« Dann aber, als er den jungen Seemann näher ansah, der so schmuck drein schaute, tat er ein Übriges, machte ihm die Angelegenheit klar und fuhr in seiner polternden Weise fort: »Nun wisst Ihr es, und jetzt macht, dass Ihr fortkommt, sonst wird man Euch die Wege weisen, Ihr junger Unband. Wollt Ihr bald gehen?«
»Oho, noch lange nicht!«, rief Anton Bünger. »Ich weiß, dass jene Frau die Fische nicht kaufen darf, aus denen sie das Mittagsbrot für sich und ihre Lieben bereiten will. Aber der Mensch muss essen, und wenn die Frau da nicht darf, so darf ich.«
Er trat zu dem Fischer, kaufte ein ansehnliches Gericht, warf es der Frau in den Korb und sagte: »Nun gehen Sie mit Gott und kochen Sie etwas Tüchtiges zusammen. Ich habe wohl gehört, dass ein ehrlicher Deutscher sein Stück Brot mit denen teilt, die nichts zu beißen und zu brechen haben. Allein vom Gegenteil ist mir nichts bekannt. Ihr seid mir schöne Kerle!«
Anton Dünger wollte weitergehen, doch der Lärm nahm überhand und der Prügelmeister vertrat ihm den Weg. Er beschuldigte Anton, die Marktordnung verletzt und durch sein Aufbegehren zur Meuterei aufgestachelt zu haben. Für Anton Dünger, der längst mit den Schiffspapieren im Kontor hätte sein sollen, nahm die Angelegenheit schon eine schlimme Wendung, als plötzlich ein Mann in den Kreis trat, vor dem alle ehrerbietig zurückwichen. Es war der Hausherr Zum Lübischen Wappen, der zu dem Rat gehörte, der in dem Hof Zum Mantel tagte und darum eines bedeutenden Ansehens genoss. Er fragte vornehm nach der Ursache des Auflaufs. Nachdem der Prügelmeister Auskunft gegeben hatte, sagte der Herr zu dem jungen Seefahrer mit strafendem Ton: »Ihr habt Euch eines schweren Vergehens schuldig gemacht und seid dem Kontor dafür verantwortlich, sowie auch für alle Folgen, die daraus entstehen. Bringt ihn einstweilen in Verwahrung.«
Einer der Söldner, die herbeigekommen waren, streckte die Hand nach dem jungen Seemann aus. Dieser wich jedoch zurück und sagte: »Ich habe nichts getan, als einer armen Frau ein Mittagsbrot verschafft, damit sie nicht hungert. Das ist nichts Böses. Lasst mich meiner Wege gehen. Ich muss auf das Kontor der Faktorei.«
»Was willst du dort?«, fragte der Hausmann mit dem Lübecker Wappen streng. Anton Bünger entgegnete lachend: »Da Ihr so neugierig seid und es keineswegs ein Geheimnis ist, kann ich es Euch wohl sagen. Ich komme von der soeben binnen gelaufenen Lübecker Galiot Trave und soll die Schiffspapiere auf das Kontor bringen sowie eine Empfehlung meines Schiffsherrn Hans Wulfs überbringen.«
»Und anstatt diesem Befehl nachzukommen, treibt Ihr Euch auf den Straßen herum und zettelt Aufruhr an, was bei den schwersten Strafen verboten ist? Wo habt Ihr die Papiere? Verloren wohl gar, was kein Wunder wäre. Gebt sie sogleich heraus.«
Der Hausmann sprach diese Worte mit solcher Strenge und sah dabei so gebietend aus, dass Anton Dünger keinen Widerspruch wagte, sondern ihm die ihm anvertraute Brieftasche händigte. Daraufhin sagte der Hausmann in befehlendem Ton zu den Söldnern: »Bringt ihn fort und sorgt dafür, dass er einstweilen das Stillsitzen lernt. Wir wollen dann nachher schon weiter sehen, was mit ihm anzufangen ist.«
Der Hausmann ging und die Söldner schleppten Anton Dünger zum Gefängnis. Er ging ruhig und in sich gekehrt den Weg, den man ihm zeigte, und sein Herz war schwer belastet. Er ahnte, dass es nicht so leicht für ihn enden würde, wie es begonnen hatte.
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