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Der Gefangene der Stadtvogtei – Kapitel 4

Der Gefangene der Stadtvogtei
Eine Berliner Kriminalgeschichte
von Jodocus Donatus Hubertus Temme
G. Behrend (Falkenbergische Verlagsbuchhandlung), Berlin, 1861

Kapitel 4

Ein Ochsenhändler

In der Jerusalemer Straße in Berlin gibt es viele Keller, in denen bei Tag wie bei Nacht ein reger Verkehr herrscht. Es verkehren allerlei Leute dort, und zu der Zeit, aus der ich erzähle, waren in mehreren davon, vor allem nachts, immer einige Berliner Diebe anzutreffen.1  Die Berliner Diebe bilden eine Genossenschaft für sich, freilich zusammen mit ihren Frauen. In jenen Kellern pflegten daher nachts nur Diebe mit ihren Frauen zu verkehren.

In einem dieser Keller war es noch in später Nacht sehr voll. Es fand eine Zusammenkunft statt. Es wurde Musik gemacht, getanzt, getrunken, geplaudert, gescherzt, gespielt und intrigiert.

Alles wie auch in der Gesellschaft beim Grafen Tichy, wenn auch in etwas anders gefärbter Weise. Doch eines war völlig anders: Niemand langweilte sich.

Noch eins muss ich bemerken. Die Diebe, die die Keller in der Jerusalemer Straße besuchten, waren etwas besser als die Stammgäste des Schmortopfes in der Mulacksgasse. Sie meinten es zumindest selbst und hielten sich auch in ihrem Äußeren für besser. Sie trugen bessere Kleidung, ihre Damen waren feiner und tranken keinen Schnaps, sondern Grog. Sie selbst zeigten einen gewissen zurückhaltenden Stolz.

In größeren Genossenschaften gibt es wieder kleinere.

Drei Männer hielten sich von der übrigen Gesellschaft entfernt. Sie waren untereinander sehr verschieden.

Der eine war schon über fünfzig. Er hatte eine feine Gestalt, ein angenehmes Äußeres und nur noch wenige weiße Haare. Er trug eine weiße Halskrause, einen schwarzen Rock und schwarze Pantalons. Er hielt sich schweigsam, ernst und vornehm. Man hätte ihn anderswo für einen Hofrat aus irgendeinem Ministerium halten können. Doch dafür sah er zu klug aus. Tatsächlich wurde er von seinen Genossen wirklich der Hofrat genannt, wie wir bald hören werden.

Der Zweite war ein Mann in der Mitte der dreißiger Jahre, über den sich nicht viel sagen lässt, außer dass er, wenn auch nicht groß, doch von festem, gedrungenem Körperbau war, ungeheuerliche, derbe Fäuste hatte, mit verschleiertem Zuchthausauge vor sich hinblickte und einen grünen Rock trug.

Über den Dritten gab es noch weniger zu sagen. Er war ein langer, waghalsiger, etwas läppischer Bursche von neunzehn bis zwanzig Jahren, dem ein farbloser Rock schlotterig um den langen Körper hing.

Die drei hielten sich, wie gesagt, von den anderen zurück, ohne dennoch untereinander zu verkehren. Sie nahmen im Gegenteil auch voneinander keine Notiz. Dem Anschein nach.

Frauenaugen sehen scharf und oft durch den Schein hindurch.

Eine hübsche Brünette setzte sich zu einer hübschen Blondine. Die Blondine sah etwas schmollend aus, die Brünette sehr neugierig.

»Was hat denn dein langer Wilhelm heute?«, fragte die Neugierige.

»Ich weiß es auch nicht, er ist heute unausstehlich«, sagte die Schmollende.

»Ihr habt euch wohl gezankt?«

»Auch dazu kann man nicht einmal mit ihm kommen.«

»Du, ich glaube, die haben etwas vor.«

»Wer die?«

»Sieh dir einmal den Hofrat mit der weißen Halsbinde und den grünen August an.«

»Der eine trinkt Wein und der andere Schnaps.«

»Aber über die Gläser hinweg schielen sie einander an, und dein langer Wilhelm schielt nach beiden.«

»Es ist wahrhaftig so.«

»Und Wilhelm hat dir nichts gesagt?«

»Kein Sterbenswort.«

»Er darf Geheimnisse vor dir haben?«

Die Blondine wurde dunkelrot. Sie wollte aufspringen, um ihrem Wilhelm wahrscheinlich zu zeigen, dass er keine Geheimnisse vor ihr haben dürfe.

Die Brünette hielt sie zurück.

»Still! Sieh, der Hofrat zieht seine Uhr hervor. Er gibt dem langen Wilhelm einen Wink. Der Lange sieht sich nach dem Fenster um. Ei, und da will er hinausgehen! Vielleicht sogar ganz fort! Ohne dir etwas zu sagen? Ei, ei!«

Die hübsche Blondine wurde feuerrot. Sie war nicht mehr zu halten. Sie sprang auf und flog zu dem langen Wilhelm.

»Wohin willst du?«

»Nur kurz vor die Tür«, sagte der lange Wilhelm ganz unbefangen.

Damit ließ sich seine Schöne nicht abfertigen.

»Das ist nicht wahr. Du hast etwas vor.«

»Gewiss nicht.«

»Mit dem Hofrat und dem grünen August.«

»Aber gewiss nicht, sage ich dir.«

»Meinst du, ich hätte nicht gesehen, wie ihr euch angeschaut habt? Wie einer nach der Uhr sah und dann dich?«

Der lange Wilhelm sah sich um. Er musste gute Miene zum bösen Spiel machen. Er kannte die hübsche Blondine.

»Liebes Kind«, sagte er zu ihr, »sagen darf ich dir nichts, meine Ehre erlaubt es mir nicht. Aber wenn alles gut geht, hast du morgen ein neues Kleid und am Sonntag fahren wir nach Tegel. Jetzt lass mich gehen.«

Die hübsche Blondine war vollkommen zufrieden.

Er verließ den Keller. Die neugierige Brünette wollte nicht minder befriedigt werden, wenigstens in ihrer Neugier. Sie ging zu dem Hofrat mit der weißen Halsbinde.

»Wie viel Uhr ist es, lieber Hofrat?«

»Wenn Sie es ganz genau wissen wollen, meine Verehrungswürdigste«, entgegnete der Hofrat mit beinah feierlicher Höflichkeit.

»Wenn Sie es mir genau sagen können?«

»Das kann ich. Es ist eine halbe Minute vor eins.«

»Schon so spät?«

»Ist es Ihnen zu spät?«

»Mir nicht, aber Sie schienen eben ungeduldig zu sein, als Sie den langen Wilhelm hinausschickten.«

»Ei, sieh da. Diese schönen braunen Augen sehen scharf.«

»Sie haben noch etwas vor, Hofrat.«

»Wollen Sie mich begleiten, meine Schöne? Es wird mir eine Ehre sein.«

»Ich danke Ihnen.«

»Gewiss nicht.«

Mit dem Hofrat und dem grünen August.

»Aber gewiss nicht, sage ich dir.«

»Meinst du, ich hätte nicht gesehen, wie ihr euch angeschaut habt? Wie einer nach der Uhr sah und dann dir …?«

Der lange Wilhelm sah sich um. Er musste gute Miene zum bösen Spiel machen. Er kannte die hübsche Blondine.

»Liebes Kind«, sagte er zu ihr, »sagen darf ich dir nichts, meine Ehre erlaubt es mir nicht. Aber wenn alles gut geht, hast du morgen ein neues Kleid und am Sonntag fahren wir nach Tegel. Jetzt lass mich gehen.«

Die hübsche Blondine war vollkommen zufrieden.

Er verließ den Keller. Die neugierige Brünette wollte nicht minder befriedigt werden, wenigstens was ihre Neugier angeht. Sie ging zu dem Hofrat mit der weißen Halsbinde.

»Wie viel Uhr ist es, lieber Hofrat?«

»Wenn Sie es ganz genau wissen wollen, meine Verehrungswürdigste«, entgegnete der Hofrat mit beinah feierlicher Höflichkeit.

»Wenn Sie es mir genau sagen können?«

»Das kann ich. Es ist eine halbe Minute vor eins.«

»Schon so spät?«

»Ist es Ihnen zu spät?«

»Mir nicht, aber Sie schienen eben ungeduldig zu sein, als Sie den langen Wilhelm hinausschickten.«

»Ei, sieh da. Diese schönen braunen Augen sehen scharf.«

»Sie haben noch etwas vor, Hofrat.«

»Wollen Sie mich begleiten, meine Schöne? Es wird mir eine Ehre sein.«

»Ich danke Ihnen.«

»Wohlan«, sagte der hübsche junge Mann, »so verteilen wir unsere Rollen. Du, Hofrat, kennst das Haus am besten.«

»Man kennt aber auch mich im Haus«, fiel der Hofrat ein.

»Richtig, daher musst du draußen bleiben. Von dort aus kannst du uns anderen auch am besten dirigieren. Der Mann schläft unten, nach dem Hof hin, sagst du?«

»Unten, nach dem Hof hin.«

»Kann man nur vom Hof her zu seiner Stube gelangen?«

»Nur von daher. Vorn, gleich an der Haustür, schläft der Hausknecht. Auf der Straße ist außerdem immer eine Nachtwache. Der Hof stößt an den Charitékirchhof. Man kann also leicht hineingelangen. Vergiss nicht, dass ein großer Hund ihn bewacht, der frei herumläuft.«

»Für den Hund sorge ich«, nahm der grüne August das Wort.

»So ist er versorgt. Also weiter. Können wir vom Hof aus nicht durch die Tür in das Haus?«

»Sie ist dreifach verschlossen und verriegelt. Da hilft nichts. Diese Ochsenhändler wollen auf ihrem Geld ruhig schlafen.«

»Und die Fenster haben Traillen?«

»Feste eiserne Traillen, und zwar nach innen, nicht nach außen.«

»Pah, umso leichter kann man die Fenster ausnehmen, und unsere Sägen zerschneiden das alte, rostige Eisen wie Glas. Wie viele Stäbe sind da?«

»Die Stube hat nur ein Fenster mit drei Traillen. Sie stehen so dicht beieinander, dass zwei durchgesägt werden müssen.«

»Der laute Wilhelm und der grüne August übernehmen das.«

»Ja«, sagten die beiden.

»Der Hofrat und ich«, fuhr der junge Mann mit dem schwarzen Bart anordnend fort, »halten unterdessen Wache. Sind die beiden fertig, bleibt der Hofrat allein draußen. Wir drei anderen steigen durch das Fenster. Das Weitere wird sich finden. Hat jemand noch Bedenken? Sonst brechen wir auf.«

Der grüne August hatte ein Bedenken. »Solche pommerschen Ochsenhändler sind handfeste Burschen, und für ihr Geld wehren sie sich bis aufs Blut. Da bleibt am Ende nur ein Messerstich, der für immer still macht.«

»Fürchtest du dich vor dem Stich, Grüner August?«, fragte der Hofrat.

»Das nun just nicht. Aber man muss doch wissen, ob es sich lohnt.«

»Darüber kannst du dich beruhigen. Hast du gestern die Vossische gelesen?«

»Wie werde ich nicht?«

»So wirst du darin gefunden haben, dass der Mann heute Morgen mit dreiundvierzig fetten Ochsen eingetroffen ist. Die hat er im Laufe des Tages alle verkauft. Rechne ich nun das Stück im Durchschnitt auch nur zu fünfzig Talern …«

»Schon gut, schon gut«, sagte der grüne August.

Er war befriedigt wie vorhin die hübsche Blondine.

»Übrigens«, bemerkte der Hofrat noch, »lassen diese Ochsenhändler was draufgehen. Und wenn der Mann ganz gute Geschäfte gemacht hat, wird ihn der Wein heute Nacht so betäuben, dass ihr eure Messer sparen könnt.«

»Das ist nur einerlei«, meinte der Grüne August nun.

»Fort also!«, drängte der junge Mann mit dem schwarzen Bart. Um halb drei muss spätestens alles vorbei sein.«

»Hast du wieder keine Zeit mehr, schwarzer Nachteule?«, hohnlachte der Hofrat.

Der junge Mann antwortete nicht.

»Wir gehen einzeln«, sagte er nur. »An der Nordseite des Charitékirchhofs treffen wir uns wieder.«

Sie gingen in verschiedene Richtungen auseinander.

Wir folgen dem großen, schönen, jungen Mann mit dem schwarzen, krausen Bart, den der Hofrat Schwarzer Nachtrabe genannt hatte.

Er ging mit schnellen, aber ruhigen Schritten durch die Leipziger Straße in die Friedrichstraße hinein und dann diese bis zum Oranienburger Tor hinunter. Das Tor durchschritt er und ging dann weiter geradeaus in die Chausseestraße hinein. In der Nähe der Invalidenstraße blieb er einen Augenblick stehen. Er betrachtete genau ein langes, links an der Straße gelegenes Haus. Es lag völlig dunkel da. Als er nach wenigen Sekunden seinen Weg wieder fortsetzte, sprach er einige Worte mit sich selbst.

»Pah, man muss vor allen Dingen leben. Es ist sogar eine Pflicht. Man muss sich also auch sein Leben erwerben. Jeder auf seine Art. Weiß denn jeder, wie der andere es sich erwirbt? Was braucht die Welt zu wissen, wie ich es mir erwerbe? Dem dicken Ochsenhändler kann es zwar ans Leben gehen. Sie werden wenig Umstände mit ihm machen. Warum hängt sein Herz an dem überflüssigen Mammon, um den er zudem arme Leute betrogen haben mag?«

Er hatte die Invalidenstraße erreicht und bog links in sie ein. Nach kurzer Zeit kam er an die Mauer des Charitékirchhofs. Dort warteten schon zwei seiner Genossen auf ihn: der Hofrat und der lange Wilhelm.

»Die Luft ist rein«, sagte der Hofrat. »Wenn der grüne August da wäre, könnten wir sofort beginnen.«

Auch der Grüne August kam.

»Wo warst du so lange?«

Er lachte.

»Ich habe noch schnell einen betrunkenen Kaufmannsdiener nach Hause gebracht.

»Hast du dabei etwas verdient?«

»Er schenkte mir seine Börse, die er seinem Prinzipal allerdings gestohlen hatte.«

»Vorwärts!«, befahl der schwarze Nachtrabe.

Sie gingen zu einem Tor in der Kirchhofsmauer und überstiegen es leicht. Die Chaussee war die ganze Zeit über leer geblieben. Dann durchschritten sie den Kirchhof in südöstlicher Richtung. Der Hofrat führte sie zwischen Gräbern und Gebüschen hindurch, zwischen denen die tiefste Stille herrschte. Auch die vier Diebe gingen leise und schweigend.

Doch der Hofrat musste sprechen; er war ein gebildeter Mensch und zudem ein Philosoph.

»Langer Wilhelm«, sagte er, »weißt du, wer unsere besten Freunde sind?«

»Haken und Nachschlüssel«, antwortete der Lange Wilhelm.

»Nein, es sind die Toten und ihre Gräber. Auf einem Kirchhof bist du außer aller Gefahr, wenn es nur dunkel ist. Nimm dir das zu Herzen, du bist noch ein junger Mensch. Ah, hier müssen wir haltmachen.«

Sie hatten den Kirchhof bis zu seiner östlichen Seite überquert. Hier standen sie wieder an einer Mauer, die sie übersteigen mussten, denn es gab weder eine Tür noch eine andere Öffnung. Der grüne August hatte eine Strickleiter dabei.

»Langer Wilhelm«, sagte er, »spring auf.«

Er stellte sich unmittelbar an die Mauer und bückte sich. Der Lange Wilhelm war mit einem Satz auf seinem Nacken. Der andere erhob sich wieder. Mit einem zweiten Satz saß der Lange Wilhelm oben auf der Mauer. Die Strickleiter hatte er sich um den Leib geschlungen. Oben befestigte er sie an der vorspringenden Bedeckung der Mauer.

»Vorwärts«, sagte er dann.

Er selbst blieb rittlings oben sitzen. Der Hofrat hatte sich derweil auf ein Grab gesetzt und zog ungeheure Filzschuhe über seine Stiefel.

»Zum Teufel, Hofrat, was machst du da?«, spottete der Lange von oben.

»Ah, Bursche, ich sehe, du bist lernbegierig. So lerne. Sieh, ich habe einen feinen aristokratischen Fuß. Der könnte sich irgendwo am Haus abdrücken, und man würde dadurch auf meine Spur kommen. Ich bin ein alter Rüpel, auf den man aufpasst. Zudem hört man mich in dem weichen Filz nicht.«

»Du bist ein Teufelskerl, Hofrat.«

»Du nicht.«

Mit diesen Worten stieg der Hofrat zuerst an der Steckleiter auf die Mauer. Sie reichte auch auf der anderen Seite bis zur Erde. Der Hofrat ließ sich an ihr hinunter, ihm folgte der grüne August, dann der schwarze Nachtrabe.

»Soll die Leiter hier hängen bleiben?«, fragte der lange Wilhelm.

»Ich denke, um der Sicherheit willen«, sagte der Hofrat.

»Ja«, entschied der Nachtrabe.

Der lange Wilhelm sprang von der Mauer hinunter, ohne die Strickleiter zu benutzen. Er konnte es mit seinen langen Beinen und seinem langen Leib.

Er war aber doch ungeschickt gewesen und hatte zu viel Geräusch gemacht. Ein Hund schlug in der Nähe an.

»Verdammter Tölpel!«, knurrte der grüne August den Langen an.

Der Hund bellte lauter.

»Tölpel, alle beide!«, flüsterte der Hofrat leise. »Was hast du für den Hund, Grüner?«

»Braten mit Krähenaugen.«

»Gib her. Jetzt kann nur einer gehen. Ich kenne den Weg. Wartet, bis ich zurückkomme.«

Der Grüne gab ihm den Braten mit den Krähenäugen, woraufhin er sich entfernte. Die anderen blieben zurück.

Es war tiefe Nacht um sie herum, nirgends war ein Licht zu sehen. Sie standen an der Mauer des Kirchhofs. Vor ihnen erhoben sich am Nachthimmel in einiger Entfernung die Dächer einer Reihe von Häusern – es waren die Häuser der Chausseestraße. Weiter sahen sie nichts.

Eines dieser Häuser war das Wirtshaus, in dem der Ochsenhändler logierte, den sie besuchen und dem sie noch etwas anderes zugedacht hatten. Welches Haus es in der Reihe war, wussten sie nicht, nur der Hofrat, der nicht bei ihnen war, kannte die Gegend. Um keinen Verdacht gegen sich zu erregen, hatten sich die anderen vorher nicht dorthin gewagt. Noch weniger wussten sie, auf welchem Weg sie zu dem Haus gelangen sollten. Die Dunkelheit ließ sie nichts genau erkennen. Sie mussten warten, bis der Hofrat zurückkam.

Aber auch der Hund war still geworden. Plötzlich hörten sie ihn wieder bellen, er schlug nur ein einziges Mal an. Dann war es wieder völlig still. Nach einer Minute hörten sie wieder etwas, es war aber nur ein leises Wimmern und Stöhnen.

»Der ist bewahrt und aufgehoben«, sagte der lange Wilhelm, der mit seiner hübschen Blondine hin und wieder ins Königsstädtische Theater ging.

Plötzlich hörte man deutlich eine Tür aufgehen und einen hellen Lichtschimmer erschien. »Wir werden den toten Hund finden«, sagte der grüne August. »Dann ist alles vorbei.«

»Ob wir hinmachen?«, flüsterte eifrig der lange Wilhelm.

»Wozu, Bursche?«

»Um den Kerl, der da leuchtet, zu dem toten Hund zu legen.«

»Narr«, knurrte der Grüne nur.

Der schwarze Nachtrabe entschied. »Haltet euch hier ganz ruhig.«

Drei Minuten später kam der Hofrat eilig zurück.

»Ist alles vorbei, Hofrat?«

»Es wird alles gut. Nur schnell vorwärts.«

»Aber was gab es denn?«

»Was ich mir gedacht hatte. Der Hund fuhr auf mich ein, als er mich gewahrte. Ich warf ihm den Braten des Grünen hin. Er verzehrte ihn mit Appetit. Dann bekam er Bauchgrimmen und stimmte seine Totenklage an. Darauf streckte er seine Glieder aus und verschied. Dann kam – man hatte sein Bellen im Haus gehört – ein schläfriger Hausknecht mit einer Laterne. Er leuchtete umher, sah den toten Hund, freute sich, dass das Tier wieder so ruhig dalag, und kehrte ins Haus zurück. Er wird jetzt umso ruhiger schlafen und wir können umso sicherer arbeiten.«

Sie gingen vorwärts, kamen in einen langen Gemüsegarten, durchschritten ihn der Länge nach und stießen auf einen hölzernen Zaun. Es war ein Pförtchen darin, aber es war verschlossen. Sie kletterten leicht über den niedrigen Zaun und gelangten in einen länglichen Hofraum, der dreißig Schritte vom Haus entfernt war.

»Das ist das Haus«, sagte der Hofrat und ging mit ihnen darauf zu.

An ihrem Weg lag die kleine Hütte des toten Hundes, der ausgestreckt danebenlag.

Von dem Haus trennte sie nichts mehr, es lag in seiner ganzen Breite vor ihnen. In der Mitte hatte es eine Tür. Links davon befanden sich Küche und Vorratskammern, rechts lagen Wohn- und Fremdenzimmer. Der Hofrat zeigte auf ein Fenster gleich neben der Tür.

»Hier schläft er.«

Das Fenster musste näher in Augenschein genommen werden. Es war etwa fünf Fuß hoch von der Erde, aber es war innen mit Gardinen versehen, sodass man nicht hindurchblicken konnte. Vor den weißen Vorhängen zeichneten sich nur drei dicke eiserne Stangen ab. Hinter den Vorhängen brannte kein Licht und auch die übrigen Fenster des Hauses sowie die der Nachbarhäuser waren dunkel.

In der späten Nacht oder am frühen Morgen war weit und breit kein Laut zu hören.

»Ans Werk«, kommandierte der junge Mann, der Schwarzer Nachtrabe genannt wurde. »Der Hofrat nimmt zuerst das Fensterglas heraus, er hat die leichteste Hand. Ihr beiden anderen durchsägt dann die Traillen, ich patrouilliere unterdessen.«

Sie machten sich ans Werk. Der Hofrat zog ein Leinwandtuch, eine kleine Flasche und ein Futteral hervor. Er breitete die Leinwand aus, entkorkte die Flasche, nahm einen Pinsel aus dem Futteral, tauchte ihn in die Flasche und bestrich die Leinwand damit. Mit dem mit klebendem Leim getränkten Tuch drückte er leise gegen eine Scheibe des Fensters – mit leichter und sicherer Hand. Die Scheibe zerbrach, ihre Stücke blieben am Tuch kleben, ohne dass ein Laut zu hören war.

Durch die Öffnung langte der Hofrat mit seiner leichten Hand, um das eingehakte Fenster geräuschlos von innen zu öffnen. Auch das gelang ihm.

»Jetzt tut ihr das eure, ich habe das meine getan!«, sagte er dann und ging dem schwarzen Nachtraben nach.

Der grüne August und der lange Wilhelm hielten ihre wundervoll feinen, kleinen Sägen aus dem stärksten Stahl schon bereit. Sie begannen ihre Arbeit und waren nicht minder gewandt und geschickt als der Hofrat. Die beiden Stangen, die sie durchzusägen hatten, umwanden sie vorher oben und unten mit Lappen. Dann begannen sie zu sägen, und ihre Arbeit machte kein anderes Geräusch als das Summen einer Biene.

Sie wurden durch nichts unterbrochen. Nur einmal regte sich etwas jenseits der Vorhänge im Hintergrund des Zimmers. Es klang, als ob sich ein schwerer Mensch im Bett umdreht. Es folgte jedoch nur ein lautes und regelmäßiges Schnarchen, das das Sägegeräusch übertönte. Die Diebe hörten dieses selbst kaum mehr; sie konnten sich bei ihrer Arbeit unterhalten.

»Der hat schwer geladen«, bemerkte der grüne August.

»Solch ein Ochsenhändler hat doch ein gutes Leben«, entgegnete der lange Wilhelm.

»Bis man es ihm nimmt«, betonte der andere.

»Ja, der Tod ist der Rest.«

»Hast du schon jemandem den Rest gegeben, langer Wilhelm?«

»Nein.«

»Man muss einmal anfangen.«

»Muss man?«, fragte der junge Mensch, der kaum zwanzig Jahre alt war.

»Wenn man ein rechter Kerl sein will.« Wer noch niemanden umgebracht hat, fürchtet sich noch selbst vor dem Tod. Du hast doch dein Messer bei dir?«

»Ja, aber …«

»Aber, Mensch? Du fürchtest dich noch?«

»Ist es denn nötig, dass du es hier benutzt?«

»Das wird darauf ankommen. Wenn er weiter schnarcht, bleibt er am Leben. Sonst – man muss sich seiner Haut wehren, langer Wilhelm.«

»Das muss man, das ist man sich schuldig«, betonte der Lange Wilhelm und seine Gewissensskrupel waren schon wieder verschwunden.

Die Arbeit war getan. Die eisernen Stangen waren alt und rostig, wie der schwarze Nachtrabe vorher geahnt hatte, und hatten bald dem scharfen Stahl und den geschickten, kräftigen Händen, die ihn führten, nachgegeben. Der grüne August bog die oberen Enden, das Blei, mit dem sie eingelötet waren, gab ebenfalls nach. Er nahm sie ohne Mühe ganz heraus. Das Fenster stand offen.

Der lange Wilhelm holte die beiden anderen herbei.

»Hinein!«, befahl der Schwarze Nachtrabe.

Er selbst ließ sich als Erster durch das offene Fenster in das Zimmer hinein.

»Du, Bursche«, schob der grüne August den langen Wilhelm dann vor, »du möchtest dich sonst wie ein altes Weib davonmachen.«

Der Lange sprang umso entschlossener in die Stube, der Grüne folgte mit einer gewissen feierlichen Ruhe und der Hofrat mit seinen klugen, wachsamen Augen stand auf Wache.

Die drei Diebe befanden sich in einem schmalen, etwas länglichen Zimmer. Sie sahen sich für ihren Zweck darin um, denn die dunkelste Nacht gibt dem scharfen und erfahrenen Blick des Diebes noch immer genug Helligkeit.

Das Zimmer hatte zwei Türen. Eine befand sich dem Fenster gegenüber und führte in den Flur oder einen Gang des Hauses. Die zweite Tür befand sich in der Wand rechts vom Fenster und führte in ein nebenan gelegenes Fremdenzimmer.

Zwischen beiden Türen stand an der Mauer ein Bett mit fest zugezogenen Vorhängen. Hinter den Vorhängen war noch immer das ruhige Schnarchen des Ochsenhändlers zu hören, wenn auch nicht mehr so laut.

Im Zimmer standen außerdem eine Kommode, ein runder Tisch, ein Waschtisch und drei Stühle. Zwei Stühle standen vor dem Bett. Auf dem einen lag ein lederner Nachtsack, auf dem anderen die Kleidung des Schlafenden. Der dritte Stuhl stand vor dem runden Tisch und war leer. Auf dem Tisch stand eine ausgelöschte Talgkerze.

»Grüner August«, flüsterte der schwarze Nachtrabe, »du stellst dich an das Bett, während wir zwei anderen nach dem Geld suchen. Wenn er sich regt, weißt du, was zu tun ist.«

»Zum Regen werde ich ihn nicht kommen lassen«, meinte der Grüne August.

»Aber auch ohne Not keinen Mord!«

»Ohne Not? Was ist Not?«

Der Dieb hatte sein langes, in der Dunkelheit blitzendes Messer bereits in der Hand und stellte sich damit ans Bett des Schlafenden. Er schob die Vorhänge auseinander, aber gerade nur so weit, dass sein Blick und seine Hand hindurchreichen konnten. Wenn der Schlafende in diesem Augenblick zurücksank, ohne je wieder aufzustehen, war das nicht die Schuld des Diebes.

»Durchsuche die Kommode«, sagte der Nachtrabe zu dem langen Wilhelm.

Er selbst durchsuchte die Kleidungsstücke und den Nachtsack, fand aber nichts.

»Hast du nichts gefunden?«, fragte er den Langen.

Die Türen und Kästen der Kommode hatten zwar offen gestanden und der lange Wilhelm hatte sie auch sorgfältig genug durchsucht, doch auch er hatte nichts gefunden.

»Der Mann ist sichergegangen«, merkte der Nachtrabe an. »Er wird sein Geld im Bett unter seinem Kopfkissen haben.«

»Es tut mir leid um ihn«, meinte der lange Wilhelm.

»Warum?«

»Es wird ihm den Hals kosten, den er sonst hätte sparen können.«

»Meinst du?«

»Wenn der Hofrat noch hier wäre – der hat eine verdammt leichte Hand.«

»Er wird auch unter meiner Hand nicht erwachen.«

Der Nachtrabe ging zum Bett.

»Mach Platz«, befahl er dem grünen August.

Der Dieb hatte alles gehört, er trat zurück.

Der Nachtrabe schob die Vorhänge des Bettes ganz zurück.

Der Ochsenhändler lag da, völlig ausgestreckt auf dem Rücken, die Arme hinter dem Kopf zurückgeschlagen. Es war eine kräftige, beinah kolossale Gestalt. Er schlief fest und schnarchte noch immer.

Der Nachtrabe tastete im Bett umher, ohne den Körper des Schlafenden zu berühren. Er fand nichts. Was er suchte, konnte er nur unter dem Kopfkissen finden. Kopf und Arme hatten das gesamte Kopfkissen eingenommen. Wenn der Dieb das Kissen nur anrühren wollte, musste er sie berühren.

Leise schob er die Hand unter das Kissen, doch der Schlafende bewegte sich nicht. Er ging mit der Hand weiter vor.

»Ist etwas da?«, fragte der lange Wilhelm mit dem leisesten Flüstern.

Er war noch jung und die Spannung, die jeden Verbrecher während der Ausführung seiner Tat ergreift, ergriff ihn mit doppelter Gewalt.

»Es ist etwas da«, antwortete der Nachtrabe.

»Unter dem Kopf?«

»Tiefer, gerade unter den Schultern.«

»Und du kannst nicht heran?«, fragte der grüne August, der in nicht geringerer Spannung als der junge Dieb näher herangetreten war.

»Er liegt fest darauf«, erwiderte der Nachtrabe, »mit seiner ganzen Schwere. Man müsste ihn mit Gewalt wegschieben.«

»Ei was«, sagte der Grüne August.

Er trat an das Kopfende des Bettes.

»Was willst du?«

»Kurzen Prozess machen. Vom Wegschieben wacht er auf.«

Die Augen des entschlossenen Diebes glühten unmittelbar über dem Kopf des Schlafenden. Sie glühten durch das Dunkel der Nacht neben seinem blitzenden Messer. Die Wut des Verbrechers, die Wut des Mörders, war über ihn gekommen.

»Noch nicht«, befahl der Nachtrabe.

Er fuhr noch einmal mit der Hand unter das Kissen.

»Aber wenn er sich rührt!«, sprach der Grüne.

»Dann ja. Aber da habe ich schon etwas.«

»Was ist es?«

»Ein lederner Beutel.«

»Hast du ihn gepackt?«

»Ja.«

»Kannst du ihn herausziehen?«

»Ich hoffe.«

Er zog langsam und mühsam. Der Schlafende rührte sich nicht. Wenn er sich gerührt hätte, wäre er verloren gewesen. Er lag breit auf dem Rücken, seine Brust lag voll und offen da, das Hemd hatte sich verschoben. Wäre es hell im Zimmer gewesen, hätte man sein Herz schlagen sehen können. Die glühenden Mörderaugen des älteren Diebes schienen ihn auch durch das Dunkel zu sehen. Gerade über dem Herzen des Schlafenden hielt er die Spitze seines Messers. Der jüngere, lange Dieb hatte sich an seine Seite geschlichen; auch bei ihm war jene Spannung zur Wut geworden.

»Ich fahre ihm in die Gurgel, wenn er zuckt«, flüsterte er seinem Nachbarn ins Ohr.

Der Grüne nickte.

Der schwarze Nachtrabe hatte seine Ruhe, Besonnenheit und sein kaltes Blut völlig bewahrt. War er zum Räuber, zum Mörder geboren? Oder hatte ihn eine Unzahl von Verbrechen früh abgestumpft?

»Es geht so nicht«, sagte er. »Er ist zu schwer.«

»Zieh nur härter«, meinte der Grüne.

»Sogleich.«

»Zieh noch härter.«

In demselben Augenblick fuhr der Schlafende auf.

»Hallo!«, rief er, noch im Schlaf.

Er fuhr mit seinen schweren, kräftigen Armen plötzlich und hastig in die Höhe, wie man es im Schlaf tut. Darauf waren der Grüne und der Lange nicht gefasst gewesen. Er traf ihre Hände, sodass sie zurückflogen.

Durch das Herumwerfen der Arme hatte er sich auch gedreht, sodass er auf der Seite lag. Er war noch nicht ganz erwacht.

Das Kopfkissen war halb frei und er wollte, was darunter lag, ganz hervorziehen. Die Hände und die Mordwaffen seiner beiden Genossen waren wieder da, doch er wehrte sie zurück.

»Es ist kein Mord nötig.«

»Sollte er doch nötig werden?«

In dem Zimmer nebenan wurde es laut.

»Mit wem sprichst du da, Joachim?«, rief eine kräftige Männerstimme. Ein Kamerad des Ochsenhändlers musste dort schlafen und war plötzlich erwacht.

Die Stimme weckte den Ochsenhändler.

»Ich?«, rief er laut auf, fuhr sich mit der Hand über die Augen, um sich den Schlaf aus den Augen zu reiben, und traf dabei auf eine andere Hand.

»Ho!«, schrie er.

Der schwarze Nachtrabe hatte einen schweren Geldbeutel hervorgezogen.

»Mein Geld!«, rief der Ochsenhändler, oder vielmehr er wollte es rufen, doch das letzte Wort war nicht mehr zu hören.

»Fort!«, befahl der schwarze Nachtrabe.

Alle drei sprangen leicht und leise durch das Fenster. Draußen stand der Hofrat.

»Habt ihr es?«

»Ja.«

»Fort!«

Sie liefen zur Mauer des Charitékirchhofs, kletterten an der Strickleiter hinauf und verschwanden zwischen den Gräbern und dem Gebüsch des Kirchhofs.

Show 1 footnote

  1. Vielen Bewohnern der jetzt so sehr veränderten Jerusalemer Straße mag es unbekannt sein, dass vor mehreren Jahren in dem Haus Nr. 36 ein Verbrecherkeller existierte und dass an der Stelle des herrlichen Gebäudes Nr. 23 vor noch sehr kurzer Zeit eins der berüchtigtsten Häuser Berlins Die Flinte stand.

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