Detektiv Nobodys Erlebnisse und Reiseabenteuer Band 1 – Teil 15
Detektiv Nobodys Erlebnisse und Reiseabenteuer
Nach seinen Tagebüchern bearbeitet von Robert Kraft
Band 1
Kapitel 2, Teil 10
»Ein Mann wünscht Sie zu sprechen, Sir Clane. Er sieht aus wie ein Fischer oder Seemann.«
Schon seit langer Zeit war der Rechtsanwalt rastlos in seinem von zwei Gaslampen erleuchteten Arbeitszimmer auf und ab gewandert, als ihm sein Diener diese Meldung machte.
»Bringt er eine Nachricht über Keigo Kiyotaki?«, fragte er hastig.
»Ich weiß nicht, Sir …«
»Oder ist sonst nichts über den Japaner eingelaufen? Ist sein Aufenthalt noch nicht ermittelt worden?«
»Oh, Herr, ich würde es Ihnen doch sofort sagen«, entgegnete der alte Diener gekränkt.
»Ja, ja, du hast recht, Fred. Du musst Nachsicht mit der Ungeduld deines Herrn haben. Lass den Mann hereinkommen.«
Der Eintretende war in den Augen seines Dieners deshalb kein Herr, weil er ein wollenes Wams und hohe Seestiefel trug. Es war die kräftige, breitschultrige Gestalt eines jungen Mannes. Sein hübsches, offenes Gesicht mit dem weißen Bärtchen war von Wind und Sonne rotbraun gefärbt. Er war eine echte Seemanns- oder besser gesagt Fischergestalt.
»Guten Abend, Sir Clane.«
»Guten Abend, mein lieber Mann, was wünschen Sie?«
»Ich höre, dass Sie den heute Abend aus dem Gefängnis entlassenen Keigo Kiyotaki von der Polizei suchen lassen.«
»Ja, ich wollte den jungen Japaner sofort empfangen, aber die Entlassung erfolgte früher als gedacht. Ich fürchte das Schlimmste für den jungen Mann.«
»Ihre Sorge war nicht ungerechtfertigt, aber jetzt können Sie beruhigt sein. Ich selbst habe Keigo Kiyotaki abgefangen und ihm die Mucken aus dem Kopf getrieben. Er ist und bleibt bei mir. Wir haben schon gute Freundschaft geschlossen.«
Der Rechtsanwalt stutzte. War das die Sprache und das Auftreten eines gewöhnlichen Fischers?
»Bei Ihnen? Wer sind Sie?«
»Sie erkennen mich wirklich nicht?«, merkte der Mann mit einem Lächeln an.
»Nein.«
»Nobody ist mein Name.«
Es dauerte lange, ehe der Rechtsanwalt dies glauben konnte. Der Unterschied zwischen dem alten, blassen Yankee und diesem jungen Fischer mit dem roten, vor Gesundheit strotzenden Gesicht war zu gewaltig. Nobody musste ihm erst einige Proben aus ihrer früheren Unterhaltung geben.
»Nun sagen Sie bloß, Sie geheimnisvoller Mann, wie haben Sie dieses Rätsel heute nur so schnell lösen können? Ich glaube wahrhaftig, Sie stehen mit Geistern in Verbindung.«
»Ist Ihnen so durchaus unerklärlich, auf welche Weise ich die richtige Lösung herbeiführte?«
»Durchaus.«
»Mit Ihnen, Sir Clane, möchte ich eine Ausnahme machen. Ich fühle mich sogar verpflichtet, Ihnen eine Erklärung zu geben, weil ich auch Sie getäuscht habe. Aber Sie müssen mir Ihr Ehrenwort geben, niemandem zu verraten, was ich Ihnen jetzt sage.«
»Sie haben mein Ehrenwort.«
»Ich war einfach schon vorher in Deacons Wohnung und habe dort meine Untersuchungen angestellt. Dass ein Mensch in der Wohnung sein musste, roch ich sofort. Dazu hätte ich keine besonders feine Nase haben müssen. Der Geruch führte mich zu der Figur des Kriegsgottes … und alles andere können Sie sich wohl selbst erklären.«
»Ganz und gar nicht! Wie wollten Sie denn in das Haus gelangen? Alle Türen und Fenster waren doch versiegelt.«
»Aber nicht die Schornsteine!«
»Sie wollen damit sagen, dass Sie durch einen solchen hineingekrochen sind?«
»Hinein und auch wieder heraus. Das ist doch gar kein so ungewöhnlicher Weg. Nur darüber sprechen darf man nicht, sonst nimmt man mich beim Schlafittchen. Ich habe Ihr Ehrenwort.«
»Ich verstehe noch immer nicht. Sie haben sich bei Ihrem heimlichen Besuch davon überzeugt, was sich im Inneren des Götzen befindet?«
»Gewiss, und da erfuhr ich eben alles.«
»Waren Sie allein in dem Haus?«
»Allein.«
»Halt, jetzt habe ich Sie gefangen! Der Götze saß doch mit der Platte auf dem Boden.«
»Ich kippte ihn einfach um.«
»Den sechs Zentner schweren Koloss?«
»Ja, und richtete ihn auch wieder allein auf. Zu so etwas gehört mehr Geschicklichkeit als Kraft.«
Der Rechtsanwalt konnte nur den Kopf schütteln.
»Wie aber fanden Sie den öffnenden Mechanismus?«
»Durch Probieren. Ich wusste, dass ein Mensch darin steckte, das roch ich. Auf irgendeine Weise musste jener doch hineingekommen sein. Und so probierte ich, bis ich den Mechanismus gefunden hatte. Oder nehmen Sie auch an, dass ich lange Zeit in Japan gewesen bin und in die japanischen Mysterien eingeweiht wurde?«
»Was fanden Sie in dem Götzen?«
»Dasselbe, was Sie heute gesehen haben. Das Monikono-Schwert erzählte mir, auf welche Weise Keigo Kiyotaki wieder zu seinem Masamune gekommen war, und die Schnapsflasche sagte mir, wer der kleine, etwas schiefgewachsene Mann war, dessen Leiche ich im Inneren des Götzen fand.«
»Wieso die Flasche?«
»Weil darauf steht: Mills Public-House. Wo ist die Restauration von Mill? Das sagt mir jedes Adressbuch. Gleich neben Costenobles Lagerhaus! Aha! Ich ging hin.
›Arbeitet hier ein kleiner Mann, der etwas schiefgewachsen ist?‹
›Ja, Slackjaw heißt er. Aber er ist schon seit einer Woche fort, ist plötzlich weggeblieben.‹
Brauchen Sie sonst noch eine Erklärung, Sir? Wohl nicht, oder?«
Der Rechtsanwalt blickte den Sprecher starr an.
»Seit … einer … Woche?«, wiederholte er langsam. »All das haben Sie doch erst heute entdeckt.«
»I wo, schon vor acht Tagen.«
»So lange wissen Sie also schon, dass Keigo Kiyotaki unschuldig ist?«, brachte der alte Herr nur stockend hervor.
»Jawohl.«
»Und Sie haben ihn das Fallbrett betreten lassen?«
»Jawohl«, erklang es ebenso gemütlich wie zuvor, »man muss die Trümpfe nicht sofort ausspielen, sondern erst, wenn die passendste Zeit dafür ist. Sehen Sie, dass ich meinen Trumpf zur rechten Zeit ausspielte, hat mein jährliches Einkommen um wenigstens 30 000 Pfund Sterling vermehrt. Denn wenn LLOYDS WEEKLY NEWS in England in einer Million Exemplaren zirkuliert, schätze ich die wöchentliche Auflage von WORLDS MAGAZINE in London von jetzt an auf mindestens 600 000 Exemplare. Das bringt mir wöchentlich 12 000 Schilling ein, und das soll erst der Anfang sein. So etwas kann man sich doch nicht entgehen lassen. Dazu aber musste Keigo Kiyotaki erst den Strick um den Hals haben, ehe ich eingriff. Das Publikum schwärmt nun einmal für alles Sensationelle.«
»Mensch, Sie haben furchtbar gefrevelt!«, stöhnte der alte Rechtsanwalt mit ausgestrecktem Arm.
»Ja, ein Mensch bin ich, und gar kein so schlechter, wie Sie jetzt vielleicht von mir denken. Es war ein Japaner, der auf dem Fallbrett stand, noch dazu ein solcher, der gern sterben wollte, und ich kenne den japanischen Charakter. Einen anderen Menschen hätte ich dieser Todesangst nicht ausgesetzt, der Japaner aber hat gar nichts von Todesangst gewusst. Sir Clane, sind Sie Spiritist?«
Das scharfe Auge des Detektivs hatte erkannt, dass das große Bücherregal nur mit spiritistischen und okkultistischen Werken gefüllt war. Auch auf dem Schreibtisch lag ein solches Buch, in dem der alte Herr bis vorhin gelesen hatte.
»Ja, ich bin Spiritist«, sagte der englische Rechtsanwalt ohne zu zögern und war sofort von allen anderen Gedanken abgelenkt. Weiter hatte der schlaue Detektiv ja auch nichts gewollt.
Königin Viktoria war die gläubigste Spiritistin, zwei ihrer Kammerzofen waren Medien, Gladstone war der ausgesprochenste Spiritist – also kam es von oben, und nicht anders ist es noch heute in England.
»Haben Sie schon einmal einen spiritistischen Apport beobachtet?«
Seltsam! Gerade hierüber hatte der Rechtsanwalt vorhin gelesen; das ganze Buch behandelte nichts weiter.
Unter spiritistischem Apport versteht man die Herbeischaffung eines Gegenstandes durch Geisterhände. Die höchste Vollendung ist es, wenn dies auf Kommando mit einem bestimmten Gegenstand geschieht.
»Wir haben es einmal probiert. Es war ein sehr kräftiges Medium. Beinahe wäre es auch gelungen, aber dann ging es doch nicht.«
»Wie gewöhnlich«, sagte Nobody mit leiser Ironie. »Ich werde Ihnen einmal einen spiritistischen Apport zum Besten geben, und Sie dürfen auch erzählen, was Sie zu sehen bekommen haben.«
»Sie? Hier? Hier in diesem Zimmer? Ohne Vorbereitung? Jetzt sofort?«, rief Sir Clane, der plötzlich ganz außer sich kam.
»Jetzt sofort, ohne Vorbereitung, hier in diesem Zimmer. Nehmen Sie irgendeinen Gegenstand – am liebsten einen Ring, den Sie von Ihrem Finger streifen. Da ist jede Verwechslung ausgeschlossen. Sie legen ihn selbst auf den Tisch, ich trete an die Wand – eins, zwei, drei! – und der Ring kommt in meine Hand geflogen.«
Jetzt begann der alte Spiritist vor Aufregung zu zittern.
»Wenn Sie das können, dann will ich vor Ihnen niederknien und Sie anbeten!«, rief er in Ekstase.
»Das verlange ich gar nicht, und da ist auch gar nichts weiter dabei. Wenn Sie wissen, wie es gemacht wird, können Sie es auch.«
Das war ein kleiner Dämpfer.
»Das könnte ich auch?«
»Freilich, jedes Kind kann es, man muss nur wissen, wie man das Ei stehen lässt. Eine kleine Vorbereitung brauche ich allerdings doch …«
»Muss eine magnetische Kette hergestellt werden?«
»Gewiss, eine magnetische Kette muss sein, ohne die geht es nicht!«
»Nein, ich brauche keine magnetische Kette. Bei mir muss nicht einmal das Licht ausgepustet werden.«
»Was, hier bei hellem Gaslicht wollen Sie die Geistermanifestation ausführen?! Herr, da kenne ich die Geister besser! Wenn es hell ist, kommen sie niemals.«
Der alte, ehrwürdige Rechtsanwalt, so brav, so bieder, so klug, so besonnen, so scharfsinnig – er war gar nicht wiederzuerkennen!
Aber so ist es immer, wenn man bei einem Spiritisten von den lieben Geistern anfängt. Das ist wirklich ein Fluch. Genauso ist es auch mit den Vegetariern.
Wenn jemand sonst ein schweigsamer Moltke ist – und er ist Vegetarier und man fängt aus Versehen einmal vom Essen an – dann quasselt der Kerl gleich stundenlang von Spinat und Südfrüchten.
»Mir gelingt das Experiment auch am helllichten Tag, und von Geistern habe ich gar nicht gesprochen. Geister habe ich nicht nötig, ich mache alles aus eigener Kraft. Und ich glaube nicht unbescheiden zu sein, wenn ich meine Meinung ausspreche, dass ich nämlich selbst Geist genug habe. Meine Vorbereitung besteht nur darin, dass ich Sie um ein Blättchen Papier bitte, irgendeines, vielleicht dieses hier?«
Sir Clane gab ihm ein Stück weißes Papier, das auf dem Schreibtisch gelegen hatte.
»Ich hauche dieses Stück Papier an – sehen Sie – und lege es hier auf diesen Tisch.«
Er tat, wie er sagte, hatte das Blatt Papier auf beiden Seiten angehaucht und legte es auf ein Tischchen, das an der Wand stand.
»Nun bitte ich noch um einen Stock. Oder darf ich dieses Lineal hier nehmen?«
Nobody nahm das lange, hölzerne Lineal vom Schreibtisch und ließ es mehrmals mit einer streichenden Bewegung durch seine Hände gehen.
»Ah, Sie magnetisieren das Lineal!«
»Ja, ich magnetisiere das Lineal«, bestätigte Nobody immer wieder mit einem leisen Spott im Ton. »Jetzt werde ich dem Gegenstand den Weg vorzeichnen, den er am Boden zu nehmen hat. Das ist nämlich auch unumgänglich notwendig.«
»Er wird nicht durch die Luft getragen?«
»Nein, er marschiert am Boden entlang, allerdings schwebend.«
Nobody begab sich an jenen Tisch, auf dem das Stück Papier lag. Er berührte es mit einem Ende des Lineals, zog mit demselben Ende einen Strich über den Tisch hinweg, fuhr mit dem Lineal weiter an dem Tischbein hinab, ging langsam und gebückt durch das ganze Zimmer und zog mit dem Lineal am Boden einen unsichtbaren Strich, bis er sich an der dem Tisch entgegengesetzten Wand wieder aufrichtete.
»Hier bleibe ich stehen und verlasse diese Stelle nicht mehr. Sir Clane, wollen Sie auf das Stück Papier nun irgendeinen Gegenstand legen, den Sie dann bestimmt wiedererkennen? Am besten ist immer ein Ring. Dieser Ring wird dann auf mein Kommando von selbst hierher zu mir kommen.«
Der Rechtsanwalt trug nur zwei Ringe. Er streifte einen ab und legte ihn auf das Stück Papier. Seine Hand zitterte dabei.
»So, jetzt wollen Sie hierher zu mir kommen.«
Der Rechtsanwalt begab sich zu ihm.
»Jetzt müssen Sie sich allerdings herumdrehen, das Gesicht gegen die Wand. Sie dürfen nicht sehen, was jetzt hinter Ihrem Rücken vor sich geht. Blicken Sie sich noch einmal um. Liegt der Ring noch dort?«
Sir Clane blickte zum Tisch – natürlich, der Ring lag auf dem Papier, das war von hier aus ganz deutlich zu sehen. Es war ein sehr geräumiges Zimmer, die Entfernung vom Tisch bis zu der Stelle, an der die beiden standen, betrug etwa sechs Meter.
»Gut, jetzt drehen Sie sich wieder um. Halten Sie meine beiden Hände fest. So ist es recht. Ich zähle: eins, zwei, drei, vier, fünf, sechs, sieben, acht, neun, zehn … Hier ist der Ring!«
Nobodys Hände wurden vom Rechtsanwalt festgehalten. Er entzog ihm eine Hand und drehte sie auf eine eigentümliche Weise, ganz ähnlich wie bei den Taschenspielerkunststücken aus der vorherigen Erzählung. Dabei drehte er die Hand so, dass ein Ring darin lag.
Hastig nahm ihn der Rechtsanwalt. Es war sein eigener Ring. Er blickte sich um, er stürzte zum Tisch. Der Ring war weg. Oder er lag doch nicht mehr auf dem Papier. Er hatte ihn ja in seiner eigenen Hand!
»Bei Gott, dem Allmächtigen … Nobody … sprechen Sie …«
Als er sich umdrehte, war dieser nicht mehr im Zimmer. Während der Rechtsanwalt einige Sekunden wie versteinert dastand, hatte Nobody das Zimmer schnell und geräuschlos verlassen. Er war nicht mehr zu erreichen, unten fiel schon die Haustür ins Schloss. Wir werden später erfahren, auf welche Weise Nobody dieses scheinbar übernatürliche Experiment, welches jedoch nur ein Taschenspielertrick ist und besonders bei den Chinesen und Japanern beliebt ist, ausführte. Wenn man weiß, wie es gemacht wird, ist es nämlich ganz einfach.
Nur glaube man nicht etwa an Gummischnüre und dergleichen.
Der Leser wird aber auch bald erfahren, aus welchem Grund Nobody dieses Experiment dem in England so hochgeachteten Rechtsanwalt vorgemacht hatte – aus einem bestimmten Grund! Nur deshalb hatte er Sir Clane noch einmal aufgesucht, um ihm dieses Experiment vorzumachen – und zwecklos tat Nobody niemals etwas.
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