Die Gespenster – Vierter Teil – 36. Erzählung
Die Gespenster
Kurze Erzählungen aus dem Reich der Wahrheit von Samuel Christoph Wagener
Allen guten Schwärmern, welchen es mit dem Bekämpfen und Ablegen beunruhigender Vorurteile in Absicht des Geisterwesens ernst ist, liebevoll gewidmet von dem Erzähler Friedrich Maurer aus dem Jahr 1798
Vierter Teil
Sechsunddreißigste Erzählung
Ein Mönch in E. stirbt als Scheinleiche den Hungertod
Nachdem das aufgelöste Kloster in E. zu weltlichen Zwecken umgebaut worden war, fand man an einem abgelegenen Ort des Klosters ein kleines Zimmer, das allen Merkmalen nach zur einstweiligen Aufbewahrung der Leichen der Mönche gedient haben könnte. Bei näherer Untersuchung ergab sich, dass es auch wirklich diese und keine andere Bestimmung gehabt hatte. Es lag völlig am Ende des weitläufigen Gebäudes, dorthin ging niemand, außer es gab einen triftigen Grund, zwischen verfallenen Kellern und Brunnen. Eine starke Pfostentür mit einem ungeheuren Schloss führte in das Kämmerchen. Nach dem Öffnen der Tür stieg man einige Stufen hinab und musste dann eine zweite, ebenfalls sorgfältig gesperrte Tür öffnen, ehe man in die eigentliche Totenkammer eintreten konnte. Nur ein kleines Fenster, das an der Decke angebracht und mit eisernen Stangen sowie einem dichten Drahtgitter gesichert war, warf einige schwache Lichtstrahlen in das schauerliche Gemach. Auf hölzernen Gestellen lagen Bretter, die mit schwarzen Tüchern behangen waren. Kruzifixe standen hier und da, ebenso wie Lampengefäße, von denen einige noch mit stinkendem Öl gefüllt waren.
All dies deutete darauf hin, dass dies der Ort war, an dem die verstorbenen Klosterleute bis zum Begräbnistag aufbewahrt wurden. Auch die Einwohner des Städtchens bestätigten dies einstimmig.
»Hierher«, versicherten sie, »brachte man die verstorbenen Geistlichen aus ihren Zellen. Drei bis vier Tage lagen die Leichen hier, bis ihr feierliches Begräbnis vorbereitet war. Doch dies geschah aus Gründen, die uns nicht bekannt sind, schon seit vielen Jahren nicht mehr. Vielmehr räumte man den Verstorbenen seitdem ein ordentliches Zimmer ein und schien dieses Gewölbe ganz vergessen zu wollen.«
Einer der Anwesenden, der gerade diesen Teil des Klosters käuflich erworben hatte, untersuchte das Totengewölbe genauer. Die Aussage der Einwohner des Ortes, besonders die Anmerkung, dass schon seit Jahren keine Toten mehr hier beigesetzt, sondern in einem ordentlichen Zimmer aufbewahrt worden waren, hatte seine Aufmerksamkeit erst recht darauf gelenkt. Bei hellem Fackelschein durchsuchte er jeden Winkel, doch er fand nichts Ungewöhnliches. Schon wollte er das dumpfe, traurige Gemach verlassen, als er auf Glasscherben trat, die unter seinen Füßen klirrten. Er blieb stehen, sah auf die Erde und blickte die Wand hinauf, die dem Fenster gegenüber lag. Er bemerkte eine Schrift auf derselben. Wie entsetzte sich der Mann, als er las:
O Gott! Erbarme dich meiner! Ausgestoßen von den Lebenden, empfehle ich meinen Geist deinen Vaterhänden.
Meine Kräfte sind erschöpft … Ich rufe … aber man hört mich nicht. Ich sterbe den Hungertod.
Himmlischer Vater! vernimm mein Rufen!
Auch der dritte Tag schwindet hoffnungslos dahin. … Gott, ich sterbe! … 1735
Die Worte waren undeutlich in den Kalk gekratzt, und zwar genau dort, wo die Glasscherben auf dem Fußboden lagen. Vielleicht zerbrach der Unglückliche eine der gläsernen Lampen, um seine Empfindungen mit den Glasstücken an der Wand auszudrücken. Wahrscheinlich schrieb er nicht in einem fort, denn es waren Spuren erkennbar, dass er oft mitten im Wort abgesetzt hatte, je nachdem, wie der schreckliche Kampf, den er mit Leben und Tod auszufechten hatte, ihn dazu gezwungen haben mochte.
Allem Anschein nach war der Unglückliche als scheinbarer Toter einstweilen in das Gewölbe beigesetzt worden und starb erst nach drei martervollen Leidenstagen, bevor man kam, um ihn feierlich zu beerdigen.
Nun konnte man sich auch erklären, warum die Mönche ihren Verstorbenen ein anderes, ordentliches Zimmer anwiesen und das Gewölbe, aus dem für den Erwachenden keine Rettung möglich war, seit diesem Vorfall unbenutzt ließen.
Man stelle sich den verlassenen Mönch in dem von allen Menschen entfernten, fest verschlossenen Gewölbe vor! Im Augenblick des Erwachens aus tiefer Ohnmacht erwachte auch seine Lebensbegierde. Er rief, doch niemand hörte ihn. Er wollte sich retten, doch er sah nirgends ein Rettungsmittel. Er spannte all seine Kräfte ein, um sein Leben zu erhalten, doch es war vergebens. Der Gedanke, zu leben, verbunden mit dem Gedanken des unvermeidlichen, schrecklichsten Todes – welch eine unnennbare Qual! – Ha! Ich sehe den Unglücklichen mit hervortretenden Augen, heiserer Stimme, lechzender Zunge und ringenden Händen durch das öde Gemach irren, sich zur Erde werfen, wieder aufraffen, kraftlos dahinsinken, jämmerlich wimmern und unter Zuckungen seinen Geist aufgeben.
Wem schaudert es nicht bei der Vorstellung dieses schrecklichen Schicksals! Wer freut sich nicht bei dieser Gelegenheit über die neuen Veranstaltungen, welche ein derartiges Unglück, das fürchterlichste, welches Menschen begegnen kann, unmöglich machen. Wer segnet nicht deren Schöpfer, unsere Hufelands und Alvensleben?
Schreibe einen Kommentar