Buffalo Bill Der letzte große Kundschafter – 18. Kapitel
Buffalo Bill
Der letzte große Kundschafter
Ein Lebensbild des Obersten William F. Cody, erzählt von seiner Schwester Helen Cody Wetmore
Meidingers Jugendschriften Verlag, Berlin 1902
Achtzehntes Kapitel
Will wird zum Oberkundschafter ernannt
Zur selben Zeit langte das fünfte Reiterregiment in Fort McPherson an. Dort rüstete es sich sofort für eine neue Expedition zum Republican River. Zu dieser Zeit unterbreitete General Carr General Augur, dem Gouverneur des Platte County, den Vorschlag, Will zum Anführer der dort angestellten Kundschafter zu ernennen.
Auf dem Marsch durch das Platte Valley zum Fort McPherson bot die Gegend so große Naturschönheiten, dass Will beschloss, seinen Wohnsitz künftig dort aufzuschlagen.
Bald nach der Rückkehr ins Fort wurde die Kundschafterabteilung des fünften Reiterregiments durch Major North mit drei Kompanien der als Kundschafter berühmten Pawnee verstärkt. Diese wurden sofort zum Gegenstand höchsten Interesses und der Ursache vieler Heiterkeit im Fort – und das nicht nur wegen ihrer Abstammung, sondern hauptsächlich wegen ihres seltsamen Aufzugs. Mein Bruder schildert in seiner selbst verfassten Lebensbeschreibung das Äußere dieser Kundschafter bei einer vor dem Brigadegeneral Duncan abgehaltenen Truppenschau wie folgt:
Die Parade verlief glänzend, denn die Leute waren gut gedrillt und taktisch gründlich ausgebildet. Auch die Pawnee machten ihre Sache zufriedenstellend; ihre Galauniformen aber hätten selbst ein Militärpferd zum Lachen bringen können. Obwohl man sämtliche Leute mit regulären Kavallerieuniformen ausgerüstet hatte, trugen doch nicht zwei die gelieferten Gegenstände so, wie es vorschriftsmäßig vorgesehen war. Als sie zur Parade antraten, erschienen einige in dicken, schweren Mänteln, andere hatten die Hosen sogar abgelegt und begnügten sich mit einem windelartigen Lappen. Einige trugen große schwarze Hüte mit Messingschnallen, andere waren barhäuptig. Viele hatten zwar Hosen, aber keine Hemden an, während die Allerdrolligsten das Hinterteil herausgeschnitten hatten. Die Hälfte von ihnen war barfuß, trug aber trotzdem voller Stolz die klirrenden Sporen.
Seltsame Kerle, aber für Indianer bewunderungswürdig diszipliniert! Sie waren ihrem Anführer, Major North, der ihre Sprache wie ein Eingeborener beherrschte, treu ergeben. Sie waren äußerst stolz auf ihre Stellung in der Armee der Vereinigten Staaten und gute Soldaten, treffliche Schützen und mutige Kämpfer.
Am Ende der Parade wohnten die Offiziere mit ihren Damen einem von den Pawnee aufgeführten Indianertanz bei, wodurch ein bewegter Tag auf heitere Weise beschlossen wurde. Am darauffolgenden Morgen setzte sich eine Expedition zum Republican River in Bewegung, um dem wachsenden Übermut der Sioux entgegenzutreten. Für die Pawnee, die mit den Sioux Erbfeinde waren, hätte es keinen besseren Dienst geben können.
Nach Beendigung des Marsches wurde ein Lager an der Mündung des Beaver River aufgeschlagen. Schon nach einer Stunde machten sich die Sioux bemerkbar. Ein Hirte, dem ein Pfeil in der Schulter steckte, kam mit der Nachricht ins Lager gelaufen, dass eine Schar Rothäute die zur Tränke geführten Maultiere überfallen habe.
Will nahm sich keine Zeit, sein Pferd zu satteln. Doch auch die Pawnee waren kaum weniger flink als er und überrumpelten die Sioux, die auf einen so raschen Angriff nicht gefasst waren. Am meisten überraschte die Sioux der Anblick ihrer Stammesfeinde. Sie wichen zurück, während Will und seine roten Verbündeten ihnen auf den Fersen folgten. Fünfzehn Meilen lang wurde die Jagd fortgesetzt und erst, als viele Sioux niedergestreckt und die Übrigen auseinandergetrieben waren, kehrten die Verfolger ins Lager zurück.
Will, der auf einem schönen Pferd saß, war etwas ärgerlich, dass er während der wilden Verfolgung von einem Pawnee überholt worden war, der ein unscheinbar aussehendes Pferd ritt. Auf Wills Frage sagte ihm Major North, dass das flüchtige Tier ebenso wie seines von der Regierung gestellt sei. Der Pawnee hing zwar sehr an seinem Pferd, liebte aber den Tabak über alles und ließ sich mit einigen Päckchen dieser Ware und einigen anderen Luxusgegenständen zu einem Tausch überreden. Will nannte sein neues Pferd Buckskin Joe und ritt es vier Jahre lang. Was Flüchtigkeit, Ausdauer und Klugheit anbelangt, erwies sich Joe als würdiger Nachfolger Brighams.
Dieser erste gemeinsame Kampf zwischen Will und den Pawnee legte den Grundstein für eine stetig wachsende gegenseitige Achtung. Bald darauf steigerte sich die Bewunderung, die die Indianer für Wills Kunstfertigkeit als Büffeljäger hegten, zu heller Begeisterung.
Zwanzig Pawnee hatten eine Büffelherde umzingelt und erlegten gemeinsam nur zweihundert Stück. Als kurz darauf eine zweite Herde sichtbar wurde, bat Will Major North, die Indianer im Hintergrund festzuhalten, da er ihnen eine Überraschung bereiten wollte. Buckskin Joe war ein großartiges Jagdpferd und führte seine Aufgabe so glänzend aus, dass Will mit nahezu der gleichen Anzahl von Schüssen sechsunddreißig Tiere zur Strecke brachte.
Das Entzücken der Pawnee kannte keine Grenzen. Ihrer Ansicht nach war es bereits eine beachtliche Leistung, bei einer Jagd zwei oder drei dieser Beherrscher der Prärie zu erlegen. Wills Kunststück blendete sie daher förmlich. Sie erhoben ihn sofort zum Häuptling und er nahm für immer einen hohen Platz in ihrer Achtung ein.
Vom Republican River aus marschierten die Truppen zum Black Tail Deer Fork. Kaum hatten sie dort ihre Zelte aufgeschlagen, sahen sie eine Schar Indianer singend, schreiend und mit geschwungenen Lanzen in vollem Galopp auf das Lager zureiten. Sofort wurden Verteidigungsvorkehrungen getroffen, an denen sich die Pawnee, die ebenfalls zu singen und zu johlen begannen, nicht beteiligten. »Das sind jedenfalls einige unserer eigenen Rothäute«, sagte Major North. »Sie hatten wahrscheinlich irgendwo einen Kampf und bringen nun die Skalpe.«
Und so war es auch. Die Pawnee erzählten von einem Scharmützel mit den Sioux, bei dem mehrere ihrer Feinde getötet worden waren.
Schon am nächsten Tag machte sich das Regiment, den Spuren der Sioux folgend, in beschleunigtem Tempo wieder auf den Weg, um rascher voranzukommen. So oft sie an einen von den Indianern verlassenen Lagerplatz gelangten, konnten sie unter den Fußspuren die eines Frauenstiefels erkennen. Die Feinde hatten also offenbar eine weiße Gefangene im Schlepptau. General Carr suchte die besten Pferde aus, befahl einen Eilmarsch und wies an, dass die Proviantwagen so rasch wie möglich folgen sollten.
Will erhielt den Auftrag, mit sechs Mann voranzureiten, den Aufenthaltsort der Feinde auszukundschaften und dann sofort Nachricht darüber zu schicken, damit ein Angriffsplan erstellt werden konnte, bevor das Indianerdorf erreicht wurde.
Dieses entdeckten die Kundschafter zwischen Sandhügeln, wenige Meilen vom südlichen Platte River entfernt. Während die Pawnee das Dorf scharf im Fokus behielten, warteten sie ab. Will kehrte mit der Meldung über die Entdeckung zu General Carr zurück.
Voll heftiger innerer Erregung bereiteten sich Offiziere und Mannschaften auf den bevorstehenden Kampf vor, der allem Anschein nach recht ernst zu werden schien. Mit einer weiten Umgehung bewegten sich die Truppen vorwärts und erreichten schließlich einen Hügel, von dem aus sie das feindliche Lager überblicken konnten, ohne von den Indianern bemerkt zu werden.
Der Hornist sollte zur Attacke blasen, doch er zitterte so sehr vor Aufregung, dass er keinen Ton herausbrachte.
»So blase doch endlich, Kerl«, befahl General Carr ein zweites Mal. Doch der arme Kerl konnte sein Horn kaum halten, geschweige denn blasen. Da riss Quartiermeister Hays dem zitternden Mann die Trompete aus der Hand. Laut und hell erscholl das Signal, und die Schar stürmte hinab zum Angriff.
Im Nu war das Indianerdorf überrumpelt. Einige Sioux bestiegen zwar eilig ihre Ponys und versuchten, den Überfall abzuwehren, ließen aber sofort davon ab, als sie bemerkten, dass sich ihre nicht berittenen Kameraden in die nahegelegenen Vorberge zurückzogen.
Wie ein Präriefeuer fegten die Reiter durchs Dorf und verfolgten die fliehenden Indianer, bis die Dunkelheit der Jagd ein Ende machte.
Am nächsten Morgen hatte sich der Hornist wieder so weit beruhigt, dass er das Signal Aufgesessen blasen konnte. Da man entdeckt hatte, dass die Indianer in zwei Abteilungen geflohen waren, trennte General Carr seine Streitmächte ebenfalls in zwei Teile, von denen jeder den Spuren einer Abteilung folgen sollte.
Auch Will gehörte zu einer Schar von zweihundert Mann und folgte zwei Tage lang den frischen Spuren der Indianer. Mit Anbruch des dritten Tages entdeckten sie plötzlich, dass ihr Pfad mit einem anderen zusammenlief. Daraus musste man schließen, dass die Indianer ihre Streitkräfte wieder vereinigt hatten. Dies war eine ernste Sache für die kleine Abteilung, doch mutig und kampfeslustig ritten sie den Feinden entgegen.
Noch stand die Sonne kaum eine Stunde am Himmel, da erspähten sie etwa sechshundert Sioux, die in guter Ordnung dem Ufer des Platte entlang ritten. Gleichzeitig hatten die Indianer die sie verfolgenden Truppen entdeckt und sprengten sofort zum Angriff vor. Der Indianer ist keineswegs feige, auch wenn er häufig dem Kampf ausweicht, wenn die Chancen nicht eindeutig auf seiner Seite stehen.
Bei diesem Zusammentreffen überwog die Zahl der Sioux die der Soldaten um das Dreifache. Die Soldaten zogen sich langsam zurück, bis sie einen Hohlweg erreicht hatten. Dort banden sie ihre Pferde fest und erwarteten die Indianer zu Fuß, die wie gewöhnlich in Kreisform angeritten kamen. Die Sioux umringten die Soldaten und da sie deren geringe Anzahl bemerkten, griffen sie energisch an.
Doch was können Pfeil und Bogen gegen Pulver und Blei ausrichten? Und so wichen die Indianer auch diesmal vor dem verheerenden Feuer zurück, das mehr als zwanzig ihrer Kameraden das Leben kostete.
Ein neuer Angriff folgte, dann ein erneutes Zurückweichen. Dann wurde Kriegsrat gehalten. Dieser dauerte etwa eine Stunde, in der offenbar eine feine Kriegslist ausgeheckt wurde. Die Sioux teilten sich in zwei Trupps auf. Während sich der eine Trupp anscheinend zurückzog, umkreiste der andere unaufhörlich die Stellung der Weißen.
An einem Ende dieses sich fortwährend hin und her wälzenden Gürtels aus Rothäuten ritt ein hübscher Indianer auf einem guten Pony, ohne Zweifel ein Häuptling. Will hatte längst die Erfahrung gemacht, dass im Kampf mit Indianern die Schlacht halb gewonnen ist, wenn es gelingt, den Häuptling zu töten. Dieser kluge Mann hielt sich jedoch immer genau außer Schussweite. Da entschloss sich Will, auf allen vieren die Schlucht entlang zu kriechen, um an eine Stelle zu gelangen, von der aus er hoffte, dass seine Kugel den Häuptling bei dessen nächster Schwenkung gerade noch erreichen würde.
Seine Schätzung der Entfernung war ziemlich genau. Als der Indianer daher galoppierte und vor der Durchquerung der Schlucht das Tempo drosselte, richtete sich Will auf und feuerte.
Es waren mehr als vierhundert Yards. Trotzdem stürzte der Indianer tot vom Pferd, und sein Pony lief die Schlucht entlang, direkt auf die Soldaten zu. Diese waren so freudetrunken über den glänzenden Schuss, dass sie Will das Tier einstimmig als Kriegstrophäe überreichten.
Der gefallene Indianer hieß Tall Bull und war einer der kriegstüchtigsten Häuptlinge der Sioux. Sein Tod entmutigte seine Getreuen so sehr, dass sie sofort den Rückzug antraten.
Bald fand eine Wiedervereinigung von General Carrs zersplitterter Streitmacht statt und wenige Tage darauf entspann sich ein Gefecht, bei dem dreihundert Indianer und eine große Zahl Ponys gefangen genommen wurden. Einige weiße Gefangene erhielten dabei ihre Freiheit, während mehrere hundert Frauen das Los ihrer Männer zu teilen hatten.
Unter diesen Indianerfrauen befand sich auch die liebenswürdige Witwe Tall Bulls. Sie hegte keinen besonderen Hass auf Will als den Bezwinger ihres Gatten, sondern war stolz, dass er von der Kugel eines so mächtigen Kriegers gefallen war – von der Hand des berühmten Pa-has-ka, des langhaarigen Häuptlings, unter welchem Namen unser Kundschafter bei den Indianern bekannt war.
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