Der Detektiv – Band 30 – Die Matsoa-Spinne – Kapitel 5
Walter Kabel
Der Detektiv
Band 30
Kriminalerzählungen, Verlag moderner Lektüre GmbH, Berlin, 1920
Die Matsoa-Spine
5. Kapitel
Harst’s Blättertrick
Am nächsten Vormittag um neun Uhr. Jobster und ich saßen wieder auf unserem Balkon. Harst hatte sich gerade bei dem Inspektor dafür entschuldigt, dass wir verschlafen hatten, und fügte hinzu, dass es für das Experiment nun zu spät sei.
Jobster erzählte uns, dass Stevenpoles drei Chinesen seit gestern Abend verschwunden waren. Barbaley hatte sie bei seiner Rückkehr aus der Kneipe nicht mehr angetroffen.
Harst reichte Jobster ein Streichholz für seine Zigarette und sagte so nebenbei: »Ich möchte eigentlich mal dem Charles Malcapier so etwas auf den Zahn fühlen. Vielleicht kennt er das Versteck seiner Schwester, die ja noch in Singapur sein kann. Vielleicht kann ich aus ihm wenigstens ein paar unvorsichtige Bemerkungen herauslocken. Ich habe da so eine Idee, die vielleicht zum Ziel führt. Ich werde mich als alter, bärtiger Inder verkleiden und dem Gefangenen eine gut erfundene Geschichte auftischen, als käme der Inder im Auftrag der Eugenie und hätte den Aufseher bestochen. Sie müssen mich also in Malcapiers Zelle hineinlassen und den Befehl geben, dass ich ungestört mit dem Gefangenen sprechen kann.«
Jobster war sofort einverstanden, schrieb einen Zettel und besorgte nachher auch für Harst ein sehr echt aussehendes Kostüm.
Mittags um halb zwölf betrat dann ein bärtiger, schmieriger Hindu mit Zottelbart und schmutzigem Turban das Polizeigebäude. Der Pförtner und die Aufseher waren bereits von Jobster eingeweiht worden. Der Inder wurde zu Malcapier in die Zelle eingelassen und dort eingeschlossen.
Ich selbst setzte mich in die Eingangshalle auf eine der Bänke und wartete voller Ungeduld auf den Ausgang dieses Abenteuers.
Harst, der einem Verbrecher zur Flucht verhalf! Das war neu, das war unerhört! Und wie würde all das wohl enden?
Ich befand mich in größter Unruhe. Wenn Harald mir doch wenigstens erklärt hätte, wie er sich alles Weitere dachte! Aber er hatte kein Wort darüber geäußert, sondern nur mit einem Siegerlächeln gesagt: »Warte ab, es wird alles gut werden!«
Ich saß wie auf Nadeln. Jobster, der Ahnungslose, war wieder hinter einem gelben Auto her, das im Hafenviertel gesehen worden war. Er wusste nichts, gar nichts von dem, was wir inzwischen erlebt hatten, und dass wir das Auto längst gefunden hatten.
Rechts von mir an der Wand hing eine große, runde Uhr mit Schlagwerk. Vorhin hatte sie dreiviertel geschlagen. Jetzt waren es nur noch zwei Minuten bis zwölf. Würde es Harst gelingen, Charles Malcapier so herauszuputzen, dass der Aufseher ihn für denselben Inder hielt? Und würde der Beamte nicht bemerken, dass ein anderer Gefangener in der Zelle zurückblieb?
Da – die Uhr begann, zwölf zu schlagen.
Im selben Augenblick öffnete sich die große Pendeltür, der Inder erschien, schritt auf den Ausgang zu und ging, ohne mich zu beachten, auf die Straße hinaus.
Ich hatte genau hingesehen. Ich sah, dass es nicht Harst war. Es war Charles Malcapier, den Harst mit den mitgenommenen Hilfsmitteln glänzend zurechtgeschminkt hatte.
Und wieder schlichen die Minuten dahin. Was würde nun geschehen? Halb eins war es jetzt. Da stürzte ein Beamter durch die Pendeltür auf mich zu.
»Master Schraut?«, fragte er.
»Ja, was ist?«
»Oh, Master Harst will Sie sprechen! Es ist eine verdammte Sache passiert. Kommen Sie mit!«
Dann traten wir in eine unverschlossene Zelle ein. Harst saß sehr matt am Tisch – in Malcapiers Anzug!
»Schraut«, sagte er langsam, »der Kerl hat mich plötzlich bei der Kehle gepackt und betäubt. Er hat mein Kostüm angelegt, mich aber hier auf den Stuhl gesetzt und halb über den Tisch gelegt, mit dem Kopf auf den Armen. Der Aufseher glaubte, der Gefangene weine aus Reue. Und so ist der Lump entwischt.«
Diese Erklärungen waren für jeden, der schärfer darüber nachdachte, reichlich unklar. Aber die Beamten hatten Harald Harst vor sich und schöpften keinen Verdacht.
Ich fuhr mit Harst, der noch immer den Halbtoten vortäuschte, ins Hotel zurück. Dort legte er sich ins Bett.
Er lachte dabei. »So entgehe ich allen Fragen Jobsters am besten«, meinte er. »Wenn Jobster kommt, sagst du, ich hätte gewünscht, vor drei Uhr nicht gestört zu werden. Um drei sollen Jobster und Galling sich hier wieder einfinden.«
Jobster erschien sehr bald. Er war so aufgeregt, dass er mir richtig leidtat. Ich tröstete ihn. »Harst wird die Sache schon wieder einrenken. Also, um drei Uhr mit Galling – auf Wiedersehen!« Die beiden Erwarteten erschienen ganz pünktlich. Harst war bereits zum Ausgehen fertig angezogen. Er reichte den Gästen die Hand, sah dann auf die Uhr und sagte: »So, die Zeit ist abgelaufen. Ich möchte Ihnen beiden in aller Kürze erklären, was wir gestern Abend erlebten und welchen Handel ich einging.«
Jobster und Galling machten sehr ungläubige Gesichter. Der Inspektor rief: »Aber um alles in der Welt, wie konnten Sie sich nur auf diesen Austausch einlassen, Master Harst! Das ist Gefangenenbefreiung und strafbar! So leid es mir tut, ich muss gegen Sie Anzeige erstatten!«
Harst schlug Jobster leicht auf die Schulter. »Wetten, dass Sie es nicht tun werden? Wir werden nämlich beide Malcapiers sogleich festnehmen, denn ich weiß, wo sie sich verborgen halten: dort, wo wir die Geladenen Matsoa kennenlernten – in dem muffigen, fensterlosen Keller!«
Diese Bemerkung interessierte mich sehr. Ich hatte mir nämlich schon wiederholt die Frage gestellt, wo sich dieser geheime Raum befinden könnte.
Harst blickte mich jetzt an. »Weißt du Bescheid, mein Alter?«, fragte er.
»Nein! Ich glaube aber, dieser Raum befindet sich irgendwo im Park von Stevenpole.«
»Stimmt, und zwar dort, wo ich gestern Abend, als wir dorthin geführt wurden, mit gefesselten Händen Blätter von den Sträuchern riss und sie fallen ließ, als ich merkte, dass man eine Tür oder dergleichen vor mir öffnete. Da, wo die Blätter halb zusammengeballt liegen, ist der Eingang zum Versteck.«
»Verdammt feiner Gedanke!«, brummte Galling. Dann brachte ein Auto uns und zwei weitere Detektive zum Bungalow Stevenpoles. Tom Barbaley zeigte sich wenig liebenswürdig. »Ich weiß, Sie schätzen die Deutschen nicht sehr!«, merkte Harst mit einem Lächeln an. »Vielleicht lernen Sie anders denken.«
Wir begannen, den Park zu durchsuchen. Doch bald rief Harst uns wieder zusammen, führte uns zu dem abgestorbenen, seiner Krone beraubten Rasamala-Baum und deutete auf den Boden. Da lag ein loser Ballen Blätter.
»Der Baum ist der Zugang«, flüsterte er. »Er ist hohl und ein Teil des Stammes bildet die tadellos versteckte Tür.«
Nach einigem Suchen fanden wir sie. In wilder Hast stürzten die Detektive dann die Treppe hinab.
Unten waren Schüsse und laute Rufe zu hören.
Dann kam Jobster zu uns nach oben.
»Charles Malcapier und zwei der Chinesen sind tot. Auch einer von uns hat einen Schuss in die Schulter bekommen«, berichtete er. Man brachte Eugenie Malcapier mit Handschellen gefesselt herauf, ebenso zwei weitere Chinesen.
»Ins Billardzimmer!«, sagte Harst nun und schaute die schöne Frau scharf an. Sie erbleichte auffällig.
Galling musste auf eine Trittleiter vor dem Billardtisch steigen und eine der mitgebrachten Matsoa von der Decke an ihrem eigenen Spinnwebfaden herablassen – so, wie man das als Kind mit Spinnen gemacht hat, die dann immer mehr Faden aus ihrer Drüse hergeben mussten.
Nun stellte Harst Tom Barbaley an die Tür. »Bitte schauen Sie genau nach der hängenden Spinne hin«, sagte er. »Besinnen Sie sich ganz genau: Sahen Sie damals morgens den Spinnwebfaden deutlicher als jetzt, wo man ihn von hier aus überhaupt nicht wahrnimmt?«
»Ja, ich sah ihn ganz deutlich!«, erklärte Barbaley sofort.
»So, dann war’s eben kein Spinnwebfaden, sondern ein Zwirnfaden, an dem die Matsoa hing!«, meinte Harst und musterte die Malcapier durchdringend. »Wollen Sie jetzt gestehen, dass Sie den Mord veranlasst haben?«, fragte er sie.
Sie zuckte nur die Achseln.
Harst kletterte auf die Trittleiter und untersuchte die braun lackierte Holzdecke über dem Billardtisch. Plötzlich rief er: »Ah, ein Astloch, durch das sich der Ast nach oben herausschieben lässt!«
Er kam die Leiter wieder herunter, lehnte sich an das Billard und sagte zur Malcapier: »Ich durchschaue jetzt alles. Stevenpole pflegte am Hafen herumzuspionieren und ist dabei vielleicht auf die Piratenprau aufmerksam geworden, die gerade dort ankerte und die jetzt der Stern von Siam gerammt und zerstört hat. Sie, Eugenie Malcapier, waren die Verbündete des Besitzers der Prau. Das ist ja längst erwiesen. Sie und die Diener des Admirals haben dann gemeinsame Sache gemacht. Stevenpole sollte schnell sterben, damit er nichts verriet, aber auf recht geheimnisvolle Art. Ich behaupte, dass man ihn in diesem Zimmer überfiel, mit einer Decke halb erstickte und dann auf das Billard legte. Anschließend ritzte man ihm den Hals, damit das Gift der Matsoa schneller wirkte. Vom Hausboden aus wurde eine geladene Matsoa durch das Astloch hinabgelassen. Aber ihr Biss mag nicht genügend gewirkt haben. Gegen Morgen regte Stevenpole sich, weshalb eine zweite, ebenfalls geladene Matsoa benutzt wurde, um ihn endgültig zu töten. Dabei überraschte Barbaley die Täter, sah die Spinne und das verzerrte Gesicht. Er eilte davon. Die Matsoa wurde jedoch schnell hochgezogen und konnte deshalb nirgends gefunden werden. So erhielt der Tod Stevenpoles etwas Rätselhaftes, ja Unerklärliches. Wollen Sie noch weiter leugnen, Eugenie Malcapier?«
Sie leugnete. Doch dann gestand einer der chinesischen Diener alles. Harsts Kombinationen wurden somit in allen Punkten bestätigt. Das Geheimnis dieses seltsamen Mordes war kein Geheimnis mehr. Tom Barbaley drückte Harst die Hand. »Entschuldigen Sie, Master, ich bin bekehrt jetzt! Sie sind uns Engländern doch über!« Der Leser mag nun selbst entscheiden, ob Harst in diesem Fall nicht wirklich Bewundernswertes geleistet hat. Ich selbst halte dieses Problem für eines der vielseitigsten und merkwürdigsten, das Harst je gelöst hat.
Was aus Eugenie Malcapier wurde, erzähle ich im folgenden Band.
Eine leere Streichholzschachtel
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