Aus dem Reiche der Phantasie – Heft 4 – Die Weltallschiffer – 6. Teil
Robert Kraft
Aus dem Reiche der Phantasie
Heft 4
Die Weltallschiffer
Verlag H. G. Münchmeyer, Dresden, 1901
Kapitel 6
Die Ätherwesen
Zunächst machte jemand auf eine Ebene aufmerksam, die wie mit winzigen Zuckerhüten bedeckt zu sein schien. Dann meinten einige, sie könnten zwischen den Zuckerhüten manchmal ein Aufleuchten erkennen.
Die darauf gerichteten Fernrohre ließen auch keine weiteren Details erkennen, sondern vergrößerten lediglich die Zuckerhüte, versahen sie mit einigen Löchern und ließen das Aufleuchten deutlicher erscheinen.
Nun konnte man das Weltallschiff zwar nicht verlassen, um sich über diese Zuckerhüte Gewissheit zu verschaffen, doch besaß man Mittel, um sich direkt an Ort und Stelle zu begeben. Die Schwerkraft wurde aufgehoben und die Maschinerie trieb das Schiff etwas in die Höhe. Es schwebte auf die Zuckerhüte zu und ließ sich, einige zerdrückend, sacht zwischen ihnen nieder.
»Bei Gott, eine ganze Stadt! Eine Stadt von Mondbewohnern! Der Mond ist bewohnt! Nein, er war bewohnt! Nein, dort sind ja lebende Wesen!«
So und anders klang es erstaunt von den Lippen der Weltraumfahrer.
Wenn das wirklich eine Stadt war, dann war es eine solche mit zuckerhutähnlichen Häusern. Jedes dieser Häuser war etwa einen Meter hoch. Es gab aber auch kleinere, größere und sehr große. Da die Kegel in Reihen angelegt waren und Straßen und Plätze bildeten, war die Annahme berechtigt, dass es sich hier um eine Stadt von Mondbewohnern handelte. Die Kegel waren mit Schnee bedeckt. An einigen nahm man aber doch oben mehrere kleine und unten ein großes Loch wahr. Das waren wahrscheinlich die Fenster und Türen, also Lichtöffnungen und Zugänge. Sonst war von einer ähnlichen Einrichtung, wie etwa einem Fensterrahmen oder einem Türpfosten, nichts zu bemerken. So machten die Zuckerhüte eher den Eindruck von Termitenhaufen.
Es wäre jedoch ebenso absurd, auf dem Mond an Termiten zu denken, wie sie in Afrika vorkommen, wie anzunehmen, dass die Mondbewohner menschenähnlich wären und ähnliche Häuser wie wir auf der Erde errichteten.
Der Mond ist vierzehn Mal kleiner als die Erde, daher müssen alle Verhältnisse auf ihm ganz anders sein. Außerdem besitzt er keine Atmosphäre. Die dort lebenden Wesen mussten ihre Existenz also ganz anderen Bedingungen verdanken als dem Vorhandensein von Wärme, Sauerstoff und Stickstoff. Wer jedoch glaubt, ohne diese Bedingungen sei kein Leben möglich, ist von Irrwahn befangen, denn dann meint er wahrscheinlich, nur unsere Erde, ein Staubatom im Weltall, könne Wesen erzeugen.
Auch der Mond hatte früher eine Atmosphäre und infolgedessen auch Wärme von der Sonne. Das war zu einer Zeit, als er selbst noch warm war. Auch heute ist der Mond nicht vollständig erkaltet; er muss vielmehr noch immer einen glühenden Kern haben. Die neuesten Forschungen und Beobachtungen haben nämlich endgültig bewiesen, dass auf dem Mond noch Vulkanausbrüche stattfinden.
Aus jener Zeit, als der Mond noch eine Atmosphäre besaß, könnte diese Stadt stammen. Es müssen verständig denkende Geschöpfe gewesen sein, die sie errichtet haben. Nur durfte man dabei niemals an Menschen denken. Wir Menschen haben gegenwärtig den Kubus als Form für unsere Häuser gewählt, die Mondbewohner damals den Kegel, wie er auch heute noch in unseren Zelten vertreten ist.
Dann wurde die Atmosphäre aufgesaugt, die Kälte des Weltalls trat nach und nach an den Mond heran und alles Leben erlosch. So könnte es sich bei dieser Stadt also um eine ausgestorbene Stadt handeln, die vielleicht schon seit Jahrtausenden unter Schnee und Eis vergraben liegt.
Aber nein, der Mond war doch bewohnt! Allen gelehrten Ansichten zum Trotz! Die ganze Stadt war noch belebt!
In der Nähe erkannte man nämlich die zuvor undeutlich bemerkten Lichterscheinungen. Es waren leuchtende Nebel, die hin und her huschten und in den Löchern der Zuckerhüte verschwanden – nicht nur durch die Tür, sondern auch durch die Fenster. Sie verwandelten sich beständig. So schwoll beispielsweise ein dünner Streifen unförmig an und bekam einen Kopf. Dann wurden die leuchtenden Nebelstreifen zu Armen und Beinen. Und schon glaubte man, einen Menschen in ihnen zu erkennen – viel Fantasie gehörte allerdings dazu –, da wurde wieder eine Schlange mit Füßen daraus und schließlich zerfloss alles in nichts. Es war ein rastloses, vollkommen unkontrollierbares Spiel weiß leuchtender Figuren. Und wenn sie auch manchmal dicht an die Fenster herankamen, so war doch nichts deutlich an ihnen zu unterscheiden.
Und das sollten die intelligenten Wesen sein, die diese Kegelhäuser errichtet hatten? Es war wirklich schwer, daran zu glauben.
Daher wurde in der Sitzung der Gelehrten nach langer Debatte angenommen, dass man eine ausgestorbene Stadt ehemaliger Mondbewohner vor sich habe. Dass es auf dem Mond kein Leben mehr gäbe und diese leuchtenden Erscheinungen Ausflüsse von Elektrizität seien, die sich im Äther zeigten, wurde ebenfalls angenommen. Man beschloss, ihnen den Namen Ätherwesen zu geben. Ob diese Erscheinungen jedoch wirkliche Wesen mit selbstständiger, willkürlicher Bewegung waren oder nur Lichtgebilde, konnte man vorläufig noch nicht unterscheiden, wenngleich man zu der Annahme neigte, es hier mit wirklichen, aus Äther bestehenden und von Elektrizität belebten Geschöpfen zu tun zu haben.
Es gab keine Möglichkeit, das Schiff zu verlassen. Die Untersuchung des Inneren der Mondhäuser und der Ätherwesen musste Weltallschiffern überlassen bleiben, die Anzüge besaßen, um sich gegen die absolute Kälte zu schützen – auch außerhalb des Schiffes.
Das Schiff besaß jedoch Einrichtungen, um die Kälte des Weltalls und andere Erscheinungen darin zu prüfen. Das waren Kammern mit doppelten Türen, deren Wände mit Glasfenstern zum Beobachten versehen waren, während die nach außen führende Tür geöffnet werden konnte, ohne dass man die Kammer selbst betrat. Die Kälte wurde auf -60 Grad Celsius berechnet. Das ist jedoch falsch, denn eine solche Kälte wurde bereits in Sibirien beobachtet. Vielmehr muss man annehmen, dass es für diese absolute Kälte keine Messung gibt, so wenig wie für Ewigkeit und Unendlichkeit. Wenn man hört, was schon eine Kälte von -60 Grad anrichten kann, muss eine solche absolute Kälte ungefähr so wirken, als würde man mit vollen Zügen in einem mit Zyan-Gas gefüllten Raum atmen.
Schreibe einen Kommentar