Aus Armand’s Frontierleben – Band 1- Kapitel 5
Fredéric Armand Strubberg
Aus Armand’s Frontierleben
Band 1
Carl Rümpler, Hannover, 1868
Fünftes Kapitel
So widerstrebend es Armand auch war, kam nun wieder recht oft die Sprache auf die Notwendigkeit, bald einmal nach der nächsten Ansiedlung hinunterzureiten, um neue Vorräte heranzuschaffen, denn die mitgebrachten begannen sich dem Ende zu neigen. Fast täglich zeigte sich ein neuer Mangel, und wenn er auch nur einen wertlosen Gegenstand betraf, so war er doch recht unangenehm. Die alten Blecheimer waren abgenutzt, die große blecherne Kaffeekanne war nicht mehr dicht, die Zahl der irdenen Milchgefäße hatte sich sehr verkleinert, es war kein Docht mehr für die Öllampen vorrätig, Werkzeuge, Nägel, Lebensmittel wie Weizenmehl, Kaffee, Salz und Gewürze mangelten – kurz: Armand hatte bereits eine bogenlange Liste davon aufgeschrieben und immer fand sich noch mehr dazu.
Endlich wurde der Beschluss gefasst und Armand wollte den Ritt allein machen, da er nur zwei seiner Leute den Schutz für sein Eigentum nicht überlassen konnte. Er besaß ausgezeichnete Packtiere, die sich nicht von seinem Pferd entfernten und die fromm und geduldig waren, sodass er sie allein beladen konnte. Die Reise sollte in einigen Wochen angetreten werden, bevor die Sonnenglut zu drückend wurde und bevor die Stechfliegen, die den Pferden und Maultieren sehr lästig sind, überhandnehmen könnten.
Der Weg zur Ansiedlung war auch hinsichtlich der Indianer weniger gefährlich, da die gesamte Gegend sehr hügelig und bewaldet war, sodass man nicht so weit gesehen werden konnte wie in den offenen Prärien.
Die geplante Abreise wurde jedoch durch ein unerwartetes Ereignis mit unangenehmen Folgen beschleunigt.
Es war an einem reizenden, schwülwarmen Abend, als Armand noch spät im Esszimmer der Kolonisten gesessen hatte. Als er in sein Haus eintrat, öffnete er die Tür zur Prärie, um die kühlere Nachtluft hereinzulassen und sich noch vor dem Schlafengehen an dem herrlichen Abend zu erfreuen. Er trug den Schaukelstuhl hinaus ins Freie, ließ sich in ihm nieder und gab sich, seine Brust dem erfrischenden Lüftchen öffnend, seinen Gedanken über seinen bevorstehenden, unvermeidlich zu erneuernden Verkehr mit den Menschen hin. All die Schicksale und schweren Leiden, die sie über ihn gebracht und ihn von ihnen hinweg in diesen Ruhehafen getrieben hatten, traten wieder lebendig vor seine Erinnerung. Sein Geist suchte ängstlich nach einer Möglichkeit, diesen Wiederverkehr mit der Welt zu vermeiden, doch vergebens. Er sah nur zwei Möglichkeiten: Entweder er wurde vollständig Indianer und entsagte allen Bedürfnissen der Kultur, oder er machte sein Schicksal wieder mehr oder weniger von den Menschen abhängig und setzte seine Ruhe und sein Glück bei ihnen aufs Spiel. Wie zufrieden und ruhig hatte er hier mit seinen Gefährten gelebt! Nicht ein einziges hartes oder böses Wort war zwischen ihnen gewechselt worden, und wie viele Freuden hatte ihnen ihre mitunter recht schwere Arbeit geschaffen, wie viel hatte ihnen die Natur gespendet!
Wie wohl tat ihm die Ruhe, die um ihn herrschte, in dem Gedanken, dass auf Hundertzwanzig Meilen noch kein Haus errichtet war, von wo aus Habsucht, Neid, Falschheit und Trug ihn erreichen konnten. Wie beseligend war die Ruhe in seinem eigenen Inneren, wo alle früher so stürmischen, unbändigen Leidenschaften geschlafen hatten, und kein unerreichbarer Wunsch, keine zertrümmerte Hoffnung sein Herz quälte und marterte!
Die Nacht war dunkel, die Sterne zitterten in ihrem Glanz, und über der weiten Grasflur schwebten die wolkigen Massen der Glühkäfer wie feurig zuckender Nebel in dem leichten, mit tausendfältigem Blütenduft gewürzten Lufthauch, der von Süden her über die Prärie zog. Nichts unterbrach die feierliche Ruhe der Nacht, außer dem Rauschen und Brausen der wild schäumenden Leone und der wunderbar süßen Stimme des Spottvogels, dessen bald jubelndes, bald tief melancholisches Lied aus dem Wald herüberklang.
Armand saß, von dem Zauber der Nacht ergriffen, in sich versunken. Er hätte sich noch lange nicht in das Haus begeben, hätte sein Hund, der zu seinen Füßen lag, ihn nicht durch sein ungehaltenes Knurren aus seiner wonnigen Träumerei geweckt. Denn in der Ferne zog eine Schar laut jagender Wölfe vorüber und diese raublustigen, grimmen Tiere waren Joe sehr verhasst, weil sie ihm oftmals in großer Zahl übel mitgespielt hatten.
Armand erhob sich, trug den Stuhl wieder in sein Haus und legte sich auf der kühlenden, glatten Jaguarhaut, mit der sein Lager überdeckt war, nieder. Schon nach wenigen Minuten war er im Arm des Schlafes in das Reich der wonnigsten Träume hinübergeschwebt, wo die Sonne golden schien und die prächtigsten Blumen unter dem Regenbogenstaub eines Wasserfalls glühten.
In solchen lieblichen Träumen hatte er wohl einige Stunden geschlafen, als er plötzlich erwachte, weil er von Gewitter und Sturm träumte.
Er schaute sich um und das Erste, was seine Sinne erfassten, war ein Sausen und Brausen, für das er sich keine Erklärung machen konnte, denn es war nicht der Ton des plötzlich entstandenen Sturmes, der über sein Haus fegte und dessen Schindeldach rüttelte und schüttelte. Es war ein anderes, fremdartiges Geräusch, das jedoch mit dem Sturm in Zusammenhang zu stehen schien.
Rasch sprang Armand von seinem Lager auf, zog sich an, ergriff eine schwere, mit Böllern geladene Doppelflinte und öffnete die Tür, durch welche ihm der schreckliche Wind entgegenschlug und durch alle Ritzen und Öffnungen des Zimmers pfiff. Der saugende Ton drang nun noch viel deutlicher, aber auch viel unerklärlicher zu Armands Ohr. Entschlossen, die Ursache zu erfahren, sprang er hinaus und um das Haus herum. In der Finsternis sah er nun ein riesiges weißes Nachtgespenst vor sich stehen, das ihm entgegen huchelte und im Sturm zu zittern schien.
Doch wenige Augenblicke reichten aus, um das Rätsel zu lösen: Es war die Windmühle, an der man es versäumt hatte, das Leinen der Flügel zusammenzubinden. Diese drehten sich nun mit rasender Schnelligkeit, dem Sturm zugekehrt.
Erschreckt über die Gefahr, das so nützliche Werk zerbrochen zu sehen, lief Armand schnell durch sein Haus ins Fort und weckte seine Kolonisten aus dem Schlaf. Diese kamen, wie sie aus dem Bett gesprungen waren, mit einer Laterne herbei, und alle eilten zu der wütenden Windmühle hinaus. Doch niemand wagte es, sich ihr zu nähern, denn schon begann sie, hin und her zu wanken. Plötzlich drehte sie sich im Kreis, die Flügel brachen und die ganze Maschine stürzte krachend zu Boden.
Da lag nun das kostbare Werk, das den Kolonisten so viel Arbeit erspart hatte. Betrübt standen sie umher und schauten auf die Trümmer, die in tausend Stücken zerstreut waren. Am schlimmsten war jedoch, dass die eiserne Mühle so stark beschädigt war, dass sie gar nicht mehr benutzt werden konnte, selbst wenn man sie wie früher von Hand in Bewegung gesetzt hätte.
Aber ohne Mühle gab es kein Maismehl und somit auch kein Brot, was einen wichtigen Bestandteil des täglichen Speiseplans der Kolonisten darstellte.
Nun drängte die Notwendigkeit, nach der Ansiedlung zu reiten, so sehr, dass schon am nächsten Tag alle Vorbereitungen für Armands Abreise getroffen und beendet wurden, damit er am darauffolgenden Morgen den Ritt antreten könne.
Den beiden Maultieren Schimmel und Maus, die ihren Namen ihrer Farbe verdankten, wurden die Packstühle, an denen beiden Seiten große Körbe befestigt waren, zur Probe aufgelegt. Darüber wurde eine ungeheure Büffelhaut gelegt und mit langen Gurten festgeschnallt. Diese Körbe hatten die Kolonisten mit Talg, Wachs und selbst gegerbten Häuten gefüllt, die Armand in der Ansiedlung eintauschen wollte.
Die Sättel passten den Tieren sehr gut und die Befestigung hatte Königstein ganz vortrefflich eingerichtet, sodass sie von nur einem Mann leicht ausgeführt werden konnte.
Abends saßen die vier Männer wie gewöhnlich im Speisezimmer beisammen und Armand gab die nötigen Anweisungen, wie sich seine Gefährten während seiner Abwesenheit bei möglichen Vorfällen zu verhalten hätten.
Nachdem alles überlegt und besprochen war, sagte Armand: »Es wundert mich, ob ich geraden Weges die Ansiedlung finden werde, denn ich kam ihr niemals näher als auf dreißig Meilen, wo ich im vergangenen Herbst auf der Jagd mit dem Bienenzüchter Schaud zusammentraf. Bis dorthin kann ich mich leicht finden, und von da weiter hat mir Schaud die Richtung genau nach dem Kompass angegeben: Sie ist Ostsüdost.«
»Wenn Sie nur keine Hindernisse in Form von Gewässern finden«, bemerkte Königstein.
»Soweit mir der Weg bekannt ist, muss ich nur den Mustang Creek kreuzen, und der Bienenjäger sagte mir, dass es weiter keine bedeutenden Wasserläufe gäbe. Von ihm weiß ich auch die Entfernung bis zur Ansiedlung. Außerdem ist es so lange trocken gewesen, dass die kleineren Gewässer gar keine Schwierigkeiten bieten werden.«
»Wie wird es aber mit Joe gehen, wenn er in die Niederlassungen kommt? Er beißt ja jeden fremden Hund tot, der sich in seine Nähe wagt«, fragte Johann.
»Ich werde eine lange, leichte Kette mitnehmen und ihn damit an meinem Sattelknopf befestigen. Man kann ihm auch gegenüber Menschen nicht trauen«, antwortete Armand. »Die Hunde wissen es immer sofort, ob sie einen Schurken oder einen ehrlichen Mann vor sich haben, und an Schurken wird es in der Ansiedlung sicher nicht fehlen.«
»Wie früh wollen Sie denn reiten, Doktor?«, fragte Königstein mit aufglänzendem Blick.
»Für Sie viel zu früh, denn Sie sollen ruhig liegen bleiben und nicht etwa hilfreiche Hand leisten wollen«, antwortete Armand mit aufrichtiger Herzlichkeit.
»Nun, wenn ich denn auch keine Hilfe leisten soll, so werde ich Sie doch bis an die Furt im Mustang Creek begleiten. Dabei werde ich meine Füße nicht belasten, und der Ritt wird mir sicher guttun«, fuhr der Israelit mit bittendem Lächeln fort.
»Aber, liebster Königstein, ich frage Sie: Wo denken Sie hin? Es sind ja sieben Meilen bis zur Furt. Ein so langer Ritt würde Ihnen sicher nachteilig sein«, versetzte Armand.
»Nein, nein, er wird mir gar nicht schaden. Ich bade meinen Fuß gründlich, ehe wir reiten. Am Mustang Creeks helfen Sie mir aus dem Sattel, damit ich ihn wieder einige Minuten in das prächtig kalte Wasser hängen kann. Dann unterstützen Sie mich beim Aufsteigen. Bitte, lieber, verehrter Doktor, versagen Sie mir diese Freude nicht«, erwiderte Königstein mit so viel Treuherzigkeit, dass es Armand unmöglich war, noch einen Einwand zu machen.
»Wenn Sie mir versprechen, dass Sie nichts als Schritt reiten werden, so will ich es Ihnen gestatten, und zwar zu meiner eigenen Freude, guter Königstein. Sie wissen ja, wie lieb mir Ihre Gesellschaft ist«, antwortete Armand und fügte hinzu: »Aber nun bitte ich auch, dass Sie sich morgen früh ganz ruhig verhalten, bis wir aufsitzen.«
»Das verspreche ich gern. Ich werde mir meinen Stuhl vor die Tür setzen und ruhig alle Vorbereitungen mit ansehen«, sagte der Kolonist vergnügt. Dann fragte er: »Darf ich denn Ihren Falben reiten?«
»Immer den Flüchtigsten und Wildesten, nicht wahr?«, erwiderte Armand lachend. »Ich dächte, Sie verlangten jetzt wohl nach einem ruhigen Tier. Übrigens habe ich nichts dagegen, wenn Sie den Falben reiten, denn ich weiß Sie sicher auf ihm, für den Fall, dass Indianer hinter Sie kommen sollten.«
Königsteins Antlitz strahlte vor Freude und seine immer roten Wangen hatten sich noch feuriger gefärbt, denn seine größte Lust war es, ein wildes, unbändiges Pferd zu reiten – selbst wenn er dafür zehn Leben hätte aufs Spiel setzen müssen.
Armand sah auf die Uhr, erhob sich schnell und sagte: »Wahrhaftig, es ist Mitternacht geworden. Wir haben nicht lange Zeit zu schlafen. Um drei Uhr werde ich euch wecken. Nun gute Nacht, meine Freunde.«
Dabei reichte er allen drei die Hand und eilte nach Hause, um sein Lager zu aufzusuchen.
Noch zeigte sich kein Schimmer des neuen Tages, als im Fort schon alles in Bewegung war. Zaar, der Falbe, und die beiden Maultiere erhielten tüchtiges Maisfutter. Joe verzehrte das ganze Skelett eines am Abend vorher von den Kolonisten verspeisten wilden Truthahns und den Rest einer Hirschkeule. Bald darauf rief Johann seine Gefährten zum Frühstück, welches in aller Eile eingenommen wurde.
Alles war zur Abreise bereit. Armand empfahl Johann und Mandel nochmals die allergrößte Aufmerksamkeit und Vorsicht, nahm dann herzlichen Abschied von ihnen und half schließlich Königstein in den Sattel des Falben. Darauf bestieg er seinen Schimmelhengst, band das Ende des langen Lederstricks, den das weiße Maultier um den Hals trug, an seinen Sattelknopf. Königstein tat dasselbe mit dem anderen Packtier, und so zogen sie unter den besten Wünschen der Kolonisten für eine baldige, glückliche Rückkehr aus dem Fort in die Prärie hinaus. Währenddessen eilte Joe in wilden, ausgelassenen Bogensätzen voraus und gab durch lautes, jubelndes Geheul seine Freude zu erkennen.
In beeilten Schritt waren sie mehrere Meilen einem Pfad gefolgt, als Armand abstieg, die Stricke der beiden Maultiere von den Sätteln löste und sie ihnen um den Hals wand, sodass sie ihm nun frei nachfolgen konnten.
Schimmel, das weiße Packtier, das, ehe es in Armands Besitz kam, in den mexikanischen Gebirgen als Lasttier gedient hatte, schüttelte vergnügt den Kopf, schlug einige Male hinten an und rannte, von seinem Kameraden gefolgt, mehrere hundert Schritte vor den Reitern hin. Dort grasten sie, bis sich die Reiter ihnen wieder näherten und sie abermals vorausgaloppierten.
Der Morgen war prächtig, die kühle Luft erfrischte Seele und Körper, der Tau hing in schweren Tropfen auf Gräsern und Kräutern und hier und dort in der Ferne stand Wildbret in Rudeln zusammen, als sei ihm das Gras noch zu nass, um sich darin niederzulassen.
Der Wald, der den Lauf des Mustang Creek markierte, stieg immer deutlicher aus dem duftigen Gesichtskreis auf. Als die Sonne ihre ersten Strahlen auf die im Tau glänzende Prärie warf, zogen die Reiter in seine dunklen Laubgemäuer ein und erreichten nach wenigen Minuten das hohe Ufer des Flusses. Hier half Armand schnell seinem Begleiter aus dem Sattel und führte ihn hinab an die kalte, strömende Flut, während die Pferde und Maultiere sich an dem wilden Roggen labten, der den Boden des Ufers bedeckte.
Armand setzte sich neben Königstein, der seinen kranken Fuß bis an das Knie in das kristallklare Wasser versenkt hielt, und gab ihm noch viele Anweisungen, was er in dem einen oder anderen Fall während seiner Abwesenheit tun solle.
»Sie wissen, Königstein, sagte er, »dass ich mich hauptsächlich auf Sie verlasse und dass nur Ihre Gegenwart im Fort es mir erlaubt, mich auf längere Zeit von demselben so weit zu entfernen.«
»Und Ihr Vertrauen, Doktor, werde ich immer durch meine Handlungen zu rechtfertigen suchen«, antwortete Königstein mit treuherzigem Ton und fügte mit freudig glänzendem Blick hinzu, während er auf seinen Fuß im Wasser zeigte: »Denn wenn es möglich wäre, jemals für einen Augenblick zu vergessen, wie viel Gutes Sie mir taten, so habe ich für die gesamte Lebenszeit hier an meinem Fuß einen Mahner, der es mir jeden Augenblick zurufen wird, was ich Ihnen schuldig bin.«
»Das ist nicht der Rede wert, Freund«, fiel ihm Armand ins Wort, »ich würde in ähnlichem Fall auch jedem anderen geholfen haben.«
»Das weiß ich, aber in Helfen und Helfen liegt ein Unterschied. Es ist die Freundlichkeit, die Herzlichkeit, mit der Sie mir jetzt, wie früher, als Sie mich zu sich nahmen, geholfen haben. Das macht mich zu Ihrem ewigen dankbaren Schuldner«, sagte Königstein noch mehr bewegt und fuhr nach einigen Augenblicken des Schweigens fort: »Ich bin Jude, ein armer Jude, und Sie haben mich niemals ein Vorurteil dieserhalb fühlen lassen.«
»Jude?«, antwortete Armand rasch. »Ein braver Jude – ein braver Mensch. Was hat der Wert eines Menschen mit der Form zu tun, in der er seinen Gott verehrt? Eben so wenig wie der Rang, den er in der menschlichen Gesellschaft einnimmt. Ein reicher, vornehmer, christlicher Schurke ist und bleibt doch immer nur ein Schurke und steht tief unter dem ärmsten, ehrlichen, rechtschaffenen Juden, Türken oder Heiden. All sein Rang, seine Orden und sein Geld können seine Schlechtigkeit und seine Ehrlosigkeit nicht vor den Augen der besseren Menschheit verdecken. Nein, Königstein, Sie sind mir lieb und teuer geworden, weil Sie ein guter Mensch sind, und als solcher werden Sie immer in meinem Herzen einen besonderen Platz einnehmen.«
Bei diesen Worten reichte Armand ihm die Hand, und mit einer Träne im Auge sprach der Jude ihm seinen Dank aus.
Kaum eine Merkstunde war verflossen, als Königstein seinen Fuß aus der Flut hob und sagte: »Es wird Zeit, Doktor, dass Sie reiten, wenn Sie noch heute die Zedernquelle erreichen wollen, wo ich die alte Bärin schoss. Es sind vierzig Meilen vom Fort aus.«
»Wenn ich allein bin, reite ich schnell. Ich denke, ich bin lange vor Sonnenuntergang dort«, entgegnete Armand, führte Königstein zu seinem Pferd und half ihm in den Sattel.
»Sie müssen mir aber durch den Fluss folgen und dann nach und nach weiter hinter mir zurückbleiben, ehe Sie umkehren, damit die Maultiere es nicht in den Kopf bekommen, Ihnen nach Hause zu folgen«, fuhr Armand fort, indem er sein Pferd bestieg. Dann ritt er voran durch das Wasser, die Packtiere folgten ihm nach und Königstein schloss den Zug ab.
Bald hatten sie den Saum des Waldes erreicht. Schimmel galoppierte mit Maul wieder voran in die Prärie hinaus und Armand sagte Königstein nun auf baldiges Wiedersehen herzlich Lebewohl. Dieser blieb langsam zurück, bis Armand ihm von einer Anhöhe aus zum Abschied winkte. Dann setzte er seinen Hengst in scharfem Passgang in Bewegung, und dieser ließ mit unglaublicher Schnelligkeit und Ausdauer Meile um Meile hinter sich.
Da war er nun selbst auf dem Weg, die Menschen wieder aufzusuchen, vor denen er sich in die Wildnis geflüchtet hatte, um niemals mehr mit ihnen in Berührung zu kommen. Seine ganze schicksalsschwere Vergangenheit, die ihm in seinem abgeschiedenen, einsamen Leben nur noch wie ein böser Traum vorgekommen war, trat mit jedem Schritt seines Pferdes immer lebendiger wieder in seine Erinnerung. Es war ein Vorgefühl neuer Lebensstürme, neuen kurzen Glücks und neuen schweren Leidens, welches ihn ahnungsvoll durchschauerte. Seine zur Gewohnheit gewordene Gemütsruhe gab der früheren, ihm natürlichen Aufregung und Leidenschaftlichkeit von Neuem Raum. Seine Rückkehr unter die Menschen begann, einen Reiz für ihn zu entfalten. Er war ein anderer geworden. Er hatte gelernt, das Treiben der Welt mit ruhigem Auge zu betrachten. Er hatte das Gefühl, über sich und weniger erreichbar zu stehen. Er würde nun ganz anders handeln als früher, als er der Spielball des Schicksals gewesen war.
Er wollte ganz anders handeln. Nichts sollte ihn den Menschen wieder näherbringen. Keine Wärme, keine Leidenschaft sollte ihn jemals mehr an sie fesseln und sie in seine Hände geben. Wie ein Fels in den freundlich spielenden oder stürmisch tobenden Wogen des Meeres wollte er kalt und nicht erregbar unter ihnen stehen.
Es kam ihm sehr lange vor, dass er von der zivilisierten Welt ferngewesen war. Er fühlte, wie ihm alles fremd und neu erscheinen würde. Was konnte in den beinahe zwei Jahren seiner gänzlichen Abgeschiedenheit alles geschehen sein? Hätte er so schnell nach New-Zor wie nach der Ansiedlung reiten können, er hätte es getan, um die neuesten Nachrichten, namentlich aus Europa, zu erhalten und um seine Freunde wiederzusehen.
Oh, wie ergreifend fuhr der Gedanke an ein Wiedersehen mit ihnen durch seine Seele! Was hätte er jetzt wohl nicht darum gegeben, hätte er diesen Gedanken verwirklichen können! Dabei fielen ihm auch seine gewissenlosen Widersacher ein, die so viel Unglück und Elend über ihn gebracht hatten. Aber waren sie nicht zugleich die treuesten, stärksten und edelsten Freunde gewesen? Sie sollten nun aber auch von ihm hören. Er wollte ihnen ausführliche Nachrichten von sich erteilen und ihnen ein Handlungshaus in der Ansiedlung nennen, an das sie ihre Antwort senden könnten. Und er wollte an alle seine Lieben in Europa schreiben, die nun so lange Zeit nichts von ihm erfahren hatten und ihn gewiss für tot glaubten. Wie war es möglich gewesen, dass er all diese heiligsten und teuersten Interessen hatte aufgeben können!
Während Armand seinen Gedanken folgte und sich der ihm so lange fremden geistigen Aufregung überließ, trieb er sein Pferd unwillkürlich zur Eile an. Bald gaben die Maultiere es auf, durch Vorausrennen Zeit zum Grasen zu erübrigen, und blieben nun in unmittelbarer Nähe hinter Zaar.
Ohne mehr zu rasten, als den Tieren gelegentlich zu gestatten, ihren Durst zu stillen, blieb Armand während des ganzen Tages im Sattel. Noch stand die Sonne hoch über den fernen Kordilleren, als er das Ziel seines heutigen Ritts, die Zedernquelle, erreichte. Schnell befreite er Zaar von Sattel und Zeug, nahm den Maultieren ihre Last ab, band alle drei mit langen Lassos im Gras fest und bereitete nun für sich selbst das Nachtlager. Obwohl der Ort, an dem er sich befand, in einem Tal zwischen zwei Hügeln lag, erlaubte er sich doch nur, ein sehr kleines Feuer zu entzünden, das ausreichte, um Kaffee zu kochen und ein Stück geräuchertes, fettes Bärenfleisch am Spieß zu braten.
Die Nacht verlief ohne Störungen und am folgenden Morgen war er wieder sehr zeitig unterwegs, denn er wollte heute fünfzig Meilen zurücklegen und den Lagerplatz aufsuchen, von dem der Biberjäger Schaud ihm Auskunft über die Lage der Ansiedlung gegeben hatte. Von dort aus waren es nur noch dreißig Meilen.
Er ritt sehr schnell und unermüdlich, sodass die Maultiere an diesem Tag kaum Gelegenheit zum Grasen fanden. Als die Sonne hinter den blauen Bergen versank, erreichte er sein Ziel und nahm seinen Tieren die Bürden ab.
Der nächste Tag erschien und Armand hätte, da er nur dreißig Meilen zu reisen brauchte, nicht so früh satteln müssen. Es trieb ihn jedoch mit zunehmendem Verlangen vorwärts und kaum hatte der frische Morgen sein mildes Licht über die Erde verbreitet, war Armand schon wieder reisefertig.
Er nahm nach dem Kompass die Richtung genau Ostsüdost und folgte dieser nun mit möglichster Eile, denn die offenen Grasflächen wurden immer kleiner und immer mehr durch steile Hügel, welche mit einzelnstehenden Schwarzeichen bewachsen waren, unterbrochen. Häufig traf er zwischen denselben auf dem Ufer kleiner Gewässer dichte Waldstreifen, durch welche er erst einen Büffelpfad suchen musste, um hindurch zu gelangen. Während des Vormittags waren die Maultiere wieder vorausgeeilt, doch als die Sonne drückend heiß wurde und sie selbst müde wurden, blieben sie dicht hinter Zaar, während Joe von Armand vorausgeschickt wurde, um den Weg zu sichern.
Die Sonne hatte schon seit einigen Stunden ihren Höhepunkt überschritten, als Armand an einer hoch begrasten, steilen Anhöhe langsam hinaufritt und Joe plötzlich vor ihm auf derselben stehen blieb, sich nach ihm umblickte und dann mit hochgehobener Rute wieder in die entgegengesetzte Richtung schaute.
Armand erkannte sogleich die Mahnung, die der zuverlässige, treue Hund ihm gab. Er winkte ihn schnell zu sich zurück, sprang vom Pferd und schlang dessen Zügel an einen Baum. Dann eilte er rasch die Höhe hinan und erblickte mit seinem ersten Blick einen langen Zug berittener Indianer, die von dem nächsten, kaum tausend Schritt entfernten Hügel herab direkt auf ihn zukamen.
Mit Blitzesschnelle rannte er zu seinem Hengst zurück, schwang sich in den Sattel und jagte in fliegender Galoppade seitwärts den Grund entlang, während die Maultiere ihm mit wilden Sätzen nachfolgten.
Die schmale Vertiefung zwischen den Hügeln wand sich hin und her, sodass er auf keinen Fall von den Indianern erblickt werden konnte. Ob ihnen aber die ganz frischen Spuren seiner an den Vorderfüßen mit Eisen beschlagenen Pferde auffallen würden, war die Frage. Wenn dies geschah, wusste Armand, dass die Wilden ihm auf dem Fuße nachfolgen würden. Darum, ohne sich weiter zu bedenken, jagte er zwischen den Hügeln Meile um Meile dahin. Erst nach einer halben Stunde hielt er sein schäumendes Ross an, als er eine Höhe erreichte, von der aus er weit in die Richtung hinter sich sehen konnte.
Da kamen die beiden Maultiere, Schimmel voran, die nicht so schnell hatten folgen können, herangaloppiert. Doch von den Indianern war nichts zu sehen. Er war nun beruhigt, dass sie die Fährte seines Rosses nicht bemerkt hatten. Dass dieser Seitenritt ihn aber so weit aus seiner Richtung gebracht hatte, war ihm unangenehm. Es war nun nämlich sehr schwierig zu berechnen, wie weit er sich wieder südlich halten musste, um abermals auf seinen Kurs zu gelangen.
Auch hatte er nun gänzlich jede Berechnung verloren, wie viele Meilen sein Pferd nach Ostsüdost zurücklegen würde und um welche Zeit er sich in der Nähe der Ansiedlung befinden müsste. In dieser misslichen Lage wich er auf gut Glück von seinem Kurs etwas nach Süden ab und verdoppelte nun, wo es möglich war, seine Eile, um noch bei Tage in die Umgebung der Siedlung zu gelangen, die sich ihm durch vielerlei Merkmale bezeichnen musste.
Einige Stunden verstrichen, Hügel auf, Hügel nieder, ohne Rasten war Armand vorwärts geeilt und begann nun eifrig, sich nach Zeichen der Zivilisation umzuschauen. Er spähte hin und her nach Fährten von Rindvieh und Schweinen, er suchte nach Wagenspuren und blickte sich in alle Richtungen nach Anzeichen der Holzaxt um. Doch nirgends waren diese Merkmale zu finden. Vergebens lauschte er von jeder Höhe nach dem Krähen eines Hahnes und sah sich um nach einem aufsteigenden Rauchwölkchen.
Der Tag neigte sich, der Himmel im Westen erglühte in Gold und Purpur und die Sonne warf ihren letzten Abschiedsblick auf den Hügel, dessen Höhe Armand jetzt erreichte. Von dort blickte er auf einen breiten Bach, der von Gebüsch und Bäumen gesäumt war und sich durch das Tal zog.
Der Abend war da, und Armand konnte nicht mehr lange reiten. Seine Tiere waren müde und hungrig, und es war sehr ungewiss, ob er bald wieder Wasser antreffen würde. Darum beschloss er, an diesem Bach sein Nachtquartier zu beziehen und sich am folgenden Tag wieder auf die Suche nach der Ansiedlung zu begeben.
Er ritt langsam zum Bach hinunter und hinein, wo seine Tiere begierig ihren Durst löschten. Während er dem Hengst die Zügel auf den Hals gelegt hatte und sich halb missmutig umschaute, fiel sein Blick plötzlich in einiger Entfernung stromab auf einen frisch abgehauenen Baumstamm. Wie von einem elektrischen Funken berührt: Armand wurde dieser Anblick klar, denn nun war die Wahrscheinlichkeit vorhanden, dass er sich in der Nähe einer Niederlassung befand.
Er lenkte sein Pferd schnell auf das jenseitige Ufer und zum Baumstumpf hin. Zu seiner freudigen Überraschung entdeckte er dort sogleich eine frische Wagenspur, die vom Bach ab nach der nächsten Anhöhe führte.
Ein Gefühl froher Aufregung erfasste ihn bei dem Gedanken, einer Niederlassung nahe zu sein und nun bald zu hören, was sich in der Welt während seiner Abgeschiedenheit von ihr zugetragen hatte. Im Galopp folgte er der Wagenspur unter den hohen Eichen hinüber zur nächsten Höhe und wieder hinab ins andere Tal. Dabei ließ er seinen Blick spähend umherschweifen, ob er nicht ein Haus, eine Hütte oder den Rauch eines Schornsteins erkennen könne, doch nirgends sah er sein Verlangen erfüllt.
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