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Führer durch die Sagen- und Märchenwelt des Riesengebirges 27

Max Klose
Führer durch die Sagen- und Märchenwelt des Riesengebirges
Mit zahlreichen Abbildungen aus dem Riesengebirge
Verlag von Brieger & Gilbers. Schweidnitz (Świdnica). 1887.
Überarbeitete Fassung

8. Das Ringsingen

Im Jahre 1553 wurde Goldberg von der Pest verheert. Alle Bürger bis auf sieben erlagen der schrecklichen Krankheit. Diese zogen in feierlicher Prozession auf den Markt zu dem Bild der Dreifaltigkeit und gelobten, an jedem Neujahrsfest auf dem Markte ein Lied zu Gottes Lob und Preis zu singen, dass er sie gnädig vor der tückischen Krankheit bewahrt habe. Was nun die Alten gelobten, das haben die Nachkommen gehalten:

Das Lied ertönt noch heute
An jedem Neujahrsfest.
Und Gott beschützt die Bürger
Von Goldberg vor der Pest.

9. Wallenstein zu Goldberg

Als Wallenstein auf dem Gymnasium zu Goldberg seine erste Ausbildung genoss, zeigte er sich schon stolz und herrisch. Seine Mitschüler mieden ihn und von seinen Lehrern war ihm namentlich der Lehrer Fechner abhold, von dem er mehrfache Züch­tigungen erfuhr. Einst soll Wallenstein unter einem Baum bei dem Gymnasium eingeschlafen sein, als die anderen Schüler sich belustigten. Dort hatte er einen sonderbaren Traum. Die Bäume verneigten sich vor ihm bis zur Erde und die Steine wichen er­schreckt vor ihm zurück.

Als er den Traum erzählte, lachten ihn seine Mitschüler aus. Fechner schalt ihn einen Träumer und sagte, dass er sein Hofnarr werden wolle, wenn er ein großer Mann werde.

Viele Jahre waren verflossen und Wallensteins Traum längst in Erfüllung gegangen.

Im Herbst 1633 erschien der Herzog Wallenstein in Goldberg, das seine Scharen arg verwüstet hatten. Er erkundigte sich dort nach seinen Lehrern und Mitschülern und hörte, dass der alte Fechner noch lebe. Sofort befahl er, denselben ihm vorzuführen. Und Fechner erschien zagend; er erwartete den Zorn des Herzogs, weil er ihn als Knabe gezüchtigt hatte. Dieser aber gebot, dem alten Lehrer 200 Taler, mit seinem Bildnis geprägt, zu verab­reichen und an sein Haus eine Sicherheitswache zu stellen. Er entließ den Greis mit den Worten: »Mir ist nicht zu Bitteres geschehen; ein harter Kopf will harte Zucht haben!«

10. Die Rabendocke

Eine Viertelstunde von Goldberg liegt am Fuße des Geierberges die Rabendocke. Dieselbe ist eine versteinerte Burg und auf dem ersten Felsen schaut der versteinerte Burgherr, der ein schlimmer Raubritter war, in das Tal hinab. In der Tiefe des Felsens liegt ein mächtiger Schatz vergraben, den der böse Ritter dort aufgehäuft hat. Alljährlich öffnet sich die steinerne Pforte zu demselben in der Christnacht-Geisterstunde. Der steinerne Ritter steigt mit dem Schlag der zwölften Stunde von seinem Felsen­thron herab und harrt, ob ein Menschenkind sich finde, welches ihn und den Schatz erlösen möchte.

Seit Jahrhunderten hat sich der Felsen immer wieder ge­schlossen, wenn von dem Goldberger Turm die erste Morgenstunde erschallte. Der versteinerte Ritter blieb dann wieder ein Jahr auf seiner Steinzinne.

Viele Schatzgräber haben zwar die Zeit benutzt, um sich die Taschen mit Gold und Edelsteinen zu füllen, aber der große Schatz hat noch nicht abgenommen und der Ritter harrt seiner Erlösung, bis der letzte Goldklumpen fortgetragen sein wird.

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