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Des Teufels Reise durch einen Teil des Protestantismus 08

Des Teufels Reise durch einen Teil des Protestantismus
Aufzeichnungen einer hochgestellten Person
Verlag von Wilhelm Jurany. Leipzig. 1847

Unterredung mit seinem Sohn (Fortsetzung)

»Schwerlich«, antwortete Herr H. und zuckte mit den Achseln.

»Warum nicht«, fragte Satanas mehr als erstaunt, diesen Zweifel an seinem getreuen Sohn zu bemerken.

»Unter den großen Herren haben wir noch zu viele, die gern reden und darum auch zu viel reden«, bemerkte Herr H. »Man kann heute kaum noch zu Menschen reden, ohne ihnen etwas versprechen zu müssen. Versprechungen sind das einzige Palliativ für manche Wunder. Aber kann man wohl etwas versprechen, ohne sich selbst dabei zu versprechen? Ach, ich will schweigen, denn hierin sitzt eben das böse Geschwür, welches nicht so leicht und nicht so schnell zu heilen ist und für welches wir noch nicht den rechten Arzt haben. Denn unsere Ärzte scheinen es noch gar nicht zu wissen und auch kein Kapitel in ihrer Arzneiwissenschaft zu haben, dass unter allen Krankheiten die Maulkrankheiten die gefährlichsten sind.«

»Ich will es dir sehr gern glauben, denn du musst die Verhältnisse und die Lage der Dinge besser kennen als ich, der er nur einen flüchtigen Besuch hierher führt, der ich lediglich aus der Ferne beobachten kann und der nur durch schriftlichen Verkehr mit euch in einer zwar regelmäßigen, aber doch im Ganzen noch nicht genügenden Verbindung steht. Aber es fragt sich doch, wie dem vielen Reden bei uns im Lande gewehrt werden könnte?«

»Das ist lange der Gegenstand meines eifrigsten Nachdenkens bei Tag und Nacht gewesen«, erwiderte Herr H., »wenn Euer Eminenz es erlauben, so werde ich mir die Freiheit nehmen, meine Ansichten hierüber kurz vorzulegen.«

»Ich bitte dich, getreuer Sohn«, sagte Satanas. »Ich bin stets dankbar gegenüber denen, von denen ich etwas lernen kann.«

»Es lassen sich verschiedene Mittel in Anwendung bringen«, sprach Herr H., »um dem unglückseligen und verderblichen Reden Einhalt zu tun und es nicht bloß aus dem Gebrauch des Volkes zu bringen, sondern auch nach und nach aus der Welt zu schaffen. Man sollte diese Mittel aber nicht auf einmal, sondern langsam, d. h. nach und nach, anwenden, damit es die Welt in ihrer großen Neigung zum Verdacht und in ihrem bekannten Argwohn nicht merkt, als ob man ihr etwas von Wert nehmen wolle. Zuerst sollte man auf unseren Universitäten die philosophischen Fakultäten ganz aufheben. Denn von da geht laut der Erfahrung mehrerer Jahrhunderte das Verderben aus, und dort wird das Reden regelrecht gelehrt und schülermäßig geübt. Man würde Tausende von Talern pro Jahr einsparen, die für bessere und edlere Zwecke verwendet werden könnten. Man sieht es klar an der katholischen Kirche. In dieser hat man von den philosophischen Fakultäten an den Universitäten nie etwas gehalten, aber es ist auch von den katholischen Hochschulen viel weniger Samen des Verderbens ausgesät worden. In der evangelischen Kirche treten die Nachteile und Gefahren der philosophischen Fakultäten seit den Zeiten des Freiherrn von Wolf immer klarer hervor. Welch ein ganz anderer Geist ist in Wien zu merken, wenn man es mit dem Sitz des Kantianismus, mit Königsberg, vergleicht? Wie vorteilhaft zeichnet sich Prag im Vergleich zu Berlin oder Leipzig aus? Selbst mit den edelsten Männern, die bisher in den philosophischen Fakultäten wirkten, konnte man nur dann in Frieden leben, wenn man ihnen einige Konzessionen machte. Mit der Zeit wurden sie in ihrem Verlangen nach Konzessionen immer unverschämter. Diese Fakultäten aufzulösen, muss unser erstes Augenmerk sein. Gelingt dies, so würde es in einiger Zeit Wirkung zeigen. Anschließend sollte man in den verschiedenen Zweigen der Staatsverwaltung nur solche Männer als Beamte anstellen, die sehr schlecht oder sehr undeutlich reden, besonders aber solche, die mit ihrer Zunge stammeln und furchtbar stottern. Denn bei diesen Menschen soll man eine angeborene und unüberwindliche Angst vor dem Reden bemerkt haben. Sie werden darum nicht reden, wenn sie nicht durch eine natürliche und unüberwindbare Notwendigkeit dazu gezwungen werden. Die feierliche Stille, die sie umgeben würde, hätte einen sehr wohltuenden Einfluss auf ihre Umgebung. Es war doch wahrlich nicht zufällig, dass Moses, der Urvater aller Gesetzmänner und des ganzen Beamtenpersonals, an seiner Zunge gebunden war. Wie viele überflüssige und schädliche Worte würden durch solche wundersam begabte und schweigsame Naturen unterbleiben! Ihr Schweigen erinnert uns an die Andacht in einem hohen Dom. Dies wäre eines der besten Mittel, um das gesamte Beamtenpersonal zu regenerieren und in einen erwünschten Zustand zu versetzen. Wäre man so weit, könnte man sich langsam rüsten, um die dritte Stufe zu ersteigen. Man müsste nämlich nur solche Männer zu Lehrern an Hochschulen und Gymnasien sowie zu Geistlichen und Predigern anstellen, die entweder engbrüstig sind, am Kehlkopf laborieren oder an den Lungen leiden, kurz, die schwindsüchtig sind und bereits so weit fortgeschritten, dass sie mehr Geist als Leib sind. Da würden sich nicht so viele lernbegierige Schüler und neugierige Zuhörer auf einzelnen Punkten finden. Jetzt wird jedes gefährliche Wort, indem es laut und mit starker Brust ausgesprochen und betont wird, aufgefangen, eingetragen und weiterverbreitet. Wenn wir anfangen würden, nur solche Männer zu lieben, wie ich vorgeschlagen habe, so würde das gefährliche Wort im Katheder stecken bleiben oder vor den ersten Bänken schon zu Boden fallen und sich dort gleich erschlagen. Dadurch würde das Schweigen in Schwung kommen. Besonders von den Lehrern an den Hochschulen weiß man ja aus zu vielen Beispielen, dass sie von ihren Schülern sowohl in ihren Tugenden als auch in ihren Mängeln gerne nachgeahmt werden. Die meisten Lehrer und Geistlichen in einem Land sind ja sehr oft nichts anderes als verschmierte Abdrücke und versiechte Kopien von Universitätsoriginalen. Und weil besonders unter dem Stand der Advokaten, deren Zahl sich in neuerer Zeit auf beunruhigende Weise zu vermehren beginnt, das Reden so sehr missbraucht worden ist, wäre es von unschätzbarem Vorteil, wenn zu solchen wichtigen Ämtern, die so stark in das Volksleben eingreifen, nur völlig Stumme zugelassen würden. Dadurch würden vielen schändlichen Intrigen ein unübersteiglicher Damm entgegengesetzt und viele schreckliche Reden gar nicht erst geboren werden.«

»Köstlich, köstlich, ich bin überrascht«, fiel Satanas ein. »Du hast deine Sachen erwogen. Niemand soll sagen, dass du zu den Flachköpfen unseres Jahrhunderts gehörst. Ich habe viel über dich gehört, was zu deinem Ruhm gehört, aber deine Mitteilungen erfüllen mich mit Bewunderung. Ich kenne wenige, die mit dir um den Preis streiten könnten. Fahre weiter fort.«

»Dann müssten Belohnungen ausgesetzt werden, sei es in Form besonderer Ehrenzeichen, Denkmäler, Geldremunerations oder Avancements für diejenigen, die aus freien Stücken und mit klarer, wohlüberlegter Überzeugung ein Jahr lang oder eine andere bestimmte Zeitdauer keine Silbe gesprochen haben, ungeachtet ihrer körperlichen Verfassung. Das würde Wunder wirken unter dem jungen Nachwuchs. Einige bisher verkannte Geister würden wir in ihrer Begabung kennenlernen. Dasselbe ehrende und auszeichnende Verfahren müsste gegen alle diejenigen beobachtet und ausgeführt werden, die ein Jahr lang oder eine andere bestimmte Frist in einem Zug geschlafen haben, ohne ein Glied zu rühren oder jemals in ihrem Schlaf von unruhigen Träumen heimgesucht zu werden. Man hat zwar bisweilen mit viel Erfolg versucht, dieses Mittel anzuwenden, aber nirgends hat man es bisher so ausgenutzt, wie es nötig und ratsam ist. Viele Personen, die bisher noch gar nicht eingesetzt wurden, könnten in diesem Fall auf die leichteste und natürlichste Art verwendet werden und würden sich als sehr nützlich und segensreich erweisen. Wenn aber ein Mensch die Kühnheit hätte, sich die Zunge abzubeißen oder mit eigener Hand abzuschneiden, dann müsste sowohl für ihn als auch für seine Nachkommen, wenn sie des Vaters Tugenden erben und sich auszeichnen, die Aussicht verschafft werden, zeitlebens auf Kosten des allgemeinen Besten verpflegt zu werden.«

»Ja, dazu will ich behilflich sein, so viel ich nur kann«, unterbrach Satanas Herrn H. »Hast du all diese Ansichten aus dir selbst?«

»Erlaube mir, Ew. Eminenz, noch einen wesentlichen Punkt hinzuzufügen«, sprach Herr H. »Es müsste ein hoher Preis für denjenigen ausgeschrieben werden, der die beste Schrift über die Nachteile und die Schädlichkeit der menschlichen Sprache abfassen würde.«

»Ja, ich glaube selbst«, bemerkte Satanas, »wenn wir es erst so weit gebracht haben, können wir den Menschen getrost ihre Ohren zum Hören und ihre Augen zum Sehen lassen. Schaden könnte dann durch diese beiden Sinne nicht mehr angerichtet werden.«

»O nein«, bemerkte Herr H. und verbeugte sich.

»Ich schöpfe wieder Mut durch deine gehaltvollen Ratschläge, getreuer Sohn«, nahm Satanas wieder das Wort. »Denn die ersten Eindrücke, die ich hier bei euch empfing, waren nicht der besten Art. Du musst es gestehen, dass es an anderen Orten doch viel besser steht als bei euch. Du weißt aus meinen Briefen, dass ich vor einiger Zeit das gesegnete England besuchte. Die Vorzüge der Episkopalkirche, das Feste, das Geschlossene, das Historische, welches sich in ihren zahlreichen Institutionen ausspricht, darf ich dir nicht schildern, du kennst sie und warst von jeher ein stiller Verehrer dieser Kirche. Sie ruht auf dem Episkopat als ihrem Felsen. Und in der lutherischen Kirche wird es nicht lange dauern, bis sich auch in ihr diese Ansicht und die Forderung nach dem Episkopat mit seiner vollen Jurisdiktion in den Vordergrund drängen werden. Wenn man aber die Episkopalkirche in ihrem Herzen aufsuchen will, muss man sich nicht nur in London umsehen. Man muss einen Schritt weiter gehen. Länger als in London, wo die große Zahl der Dissenters einem Menschen doch zuletzt etwas beschwerlich und unangenehm wird, hielt ich mich in Oxford und Cambridge auf. Die Puseyisten sind ganz ausgezeichnete Menschen. Sie empfingen mich mit seltener Liebe und Zuvorkommenheit. Es gibt keinen, den ich nicht meinen Freund nennen könnte. Ihr erschreckt, wie ich höre, hierzulande noch immer über die Richtung ihrer Theologie oder ihre neuen dogmatischen Grundsätze. Das ist wieder so eine alte deutsche Angst. Wieder so ein Schrecken, wie man ihn nirgends sonst auf der Welt findet, nur in dem lieben Deutschland. Siehe, mein getreuer Sohn, die Puseyisten haben das wahre Ziel im Auge und haben auch schon mit seiner Verwirklichung begonnen. Ihr steht noch immer vor der Tür wie die Kinder und scheut euch noch immer auszusprechen, wohin wir eigentlich durchdringen müssen. Ich glaube, vieles halbe Wesen unter euch kommt daher, dass ihr auf halbem Wege stehen bleibt und noch nicht den rechten Mut und das volle Vertrauen zu den neuen Ideen habt. Ich habe dort den Sydew aus Potsdam herumtreiben sehen. Ich sah ihn bald mit den würdigsten Episkopalen, bald auch mit den wunderlichsten Dissenslern umgehen. Was dieser euch über Englands Kirchenwesen berichtet hat und noch berichten wird, wird in seiner Manier ohne tiefe Einsicht und ohne dogmatischen Grund mit rationalistischem Sauerteig vermischt sein.«

»Das ist sehr richtig«, bemerkte Herr H., »ich habe von Anfang an nichts Besonderes erwartet und mich bereits gegen seine Mitteilungen und falschen Anschauungen sehr bestimmt erklärt.«

»Das ist sehr löblich von dir, mein getreuer Sohn«, nahm Satanas wieder das Wort. »Er wird nur die ganze Geschichte verderben, und wenn wir keine geistliche Aristokratie bekommen und den Adel nicht für unser Bücherwesen empfänglich machen und gewinnen, dann haben wir es ihm zu verdanken. Oxford ist nun der Diamant in meiner Krone. Und wahrlich, ich gebrauche ihn auch. Denn was habe ich so vieles, was mich heute mit Entzücken erfüllen könnte. Die Grundsätze der Puseyisten sollten auf dem Festland gründlich erörtert werden. Was meinst du dazu, mein Sohn?«

Herr H. antwortete: »Ich bin mit dem Puseyismus noch nicht recht im Klaren. Bei aller Ehrfurcht, die ich den Führern dieser Partei seit ihrem ersten Auftreten entgegenbringe, und bei aller Freude, die sie mir bereiten, da sie auf historischem Grund fußen wollen und sich jeder Zutat zu diesem Fundament entschieden widersetzen und alles Rationelle vom Christentum mit Recht abschneiden, kommen sie mir doch immer wie eine Erscheinung vor, die zwar in der Episkopalkirche Englands hervortreten konnte, aber nie in der lutherischen Kirche Deutschlands.«

»Wie kannst du, getreuer Sohn, solchen längst überwundenen Ideen noch huldigen?«, fragte Satanas. »Die Mission des Puseyismus ist die großartigste, und in seiner Erscheinung tritt mir das Provinzielle für unsere kirchliche Entwicklung am klarsten hervor. Du wirst doch nicht leugnen, dass Luther in manchen Dingen zu weit ging, als er sich von Rom losriss, und dass er manche geheiligte und heilsame Institution hätte stehen lassen sollen? Du wirst doch nicht leugnen können, dass er bisweilen nicht vom Heiligen Geist getrieben war?«

»Das kann ich auf keine Weise in Abrede stellen«, erwiderte Herr H. »Luther verfuhr bisweilen etwas zu willkürlich. Welche war die größte Willkür, die er sich in dogmatischer Beziehung erlaubte, und in der sich ihm sämtliche Reformatoren Deutschlands zu voreilig und unbedacht anschlossen? Wir reden hier unter vier Augen, darum können wir offen und unbefangen über Dinge dieser Art miteinander sprechen. Luther erkannte die Notwendigkeit der Katholizität für seine Kirche. Er wusste nur zu gut, dass mit dem Verlust der Katholizität die Kirche aufhört, Kirche zu sein. Die Katholizität musste er darum im Angesicht seiner Gegner, zumal diese auf geschichtlichem Grund standen, gleichfalls für seine Partei in Anspruch nehmen und zu behaupten suchen. Was tat er nun aber, um die Katholizität für seine Kirche zu erlangen? Er versuchte, sie von den drängenden Gegnern zu retten und zu behaupten, indem er die Katholizität in die ersten vier Jahrhunderte der Kirche legte. In dieser Willkür ergriff er die drei bekannten Symbole aus diesen Jahrhunderten: das Symbolum Apostolicum, das etwas weitläufigere Symbolum Athanasianum und das ausführlichste unter ihnen, das Symbolum Athanasii contra Arianos scriptum mit seinen vierzig Glaubenssätzen und dem bekannten Schluss: »Fides ecclesiastica est, quam nisi quisque firmiter et constanter crediderit, salvus esse non potest.« Hierzu könnte man Luther so manches fragen. Man könnte zu ihm sagen: ›Freund, warum verwirfst du alle Symbole und Konzilsbeschlüsse der katholischen Kirche bis auf diese drei aus den ersten vier Jahrhunderten? Warum behieltst du nicht die Beschlüsse von fünf oder zehn Jahrhunderten?‹ Was konnte Luther gegen die Beschlüsse der sogenannten großen Kirchentagungen zu Pisa, Konstanz und Basel einwenden? Welches Kriterium war ausschlaggebend für diese Auswahl? War dabei die Bibel sein Kriterium? Nahm er sie an, weil sie mit der Bibel übereinstimmen? Nicht wahr! Denn dann hätte er ja auch so manches andere Symbol der Synoden aus anderen Jahrhunderten annehmen müssen, denen er keine Schriftwidrigkeit nachweisen könnte. Oder war seine Vernunft das Kriterium, nach dem er diese willkürliche Bestimmung traf? Dann wäre Luther der erste Rationalist der lutherischen Kirche gewesen. Das kann jedoch auch nicht sein, denn die menschliche Vernunft kann nicht so willkürlich handeln und hört auf, vernünftig zu sein, sobald sie sich solche Freiheiten erlaubt und den Gesetzen der inneren Notwendigkeit untreu wird. Oder war in dieser Sache ein dunkles Gefühl das Kriterium für Luther?

Fortsetzung folgt …

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