Archiv

Aus dem Reiche der Phantasie – Heft 4 – Die Weltallschiffer – 4. Teil

Robert Kraft
Aus dem Reiche der Phantasie
Heft 4
Die Weltallschiffer
Verlag H. G. Münchmeyer, Dresden, 1901

Kapitel 4

Weltalltoll

Seit dem Abflug von der Erde waren neun Tage vergangen. Die Erde glich noch einem Ball mit zwei Metern Durchmesser. In doppelter Größe schwamm vor ihnen im Äther der Mond, den sie umschiffen mussten, wenn der Kapitän nicht vor ihm vor Anker gehen wollte. Schon konnte man auf dem Mond die Gebirge und Täler plastisch unterscheiden.

Da wurde Richard, der in seiner Kabine geschlafen hatte, geweckt. Es war der Erste Steuermann, der ihn aus dem Schlaf gerissen hatte.

»Kapitän, es ist etwas nicht in Ordnung«, sagte er. »Das Schiff hat sich gedreht, und wir stürzen dennoch nicht auf den Boden nieder. Entweder zeigen die Instrumente falsch an oder die Schwerkraft hat sich verändert – oder wir sind alle verrückt geworden.«

Bevor Richard den Sinn dieser sonderbaren Worte ganz erfasst hatte, klammerte er sich erschrocken an sein Bett, damit er nicht heraus- und auf den Boden des sehr hohen Raumes herabstürzte. Denn er hing mit seinem Bett oben an der Decke. Aber nein, das dort unten, worauf er hinabblickte, war doch die Decke! Er klebte an der Decke, die sich jedoch unten befand. Alles hing mit dem Kopf nach unten, ohne dass etwas herabfiel.

Stellt euch vor, die Stube, in der ihr euch befindet, hat sich mit allem, was darin ist, völlig umgekehrt: Die Diele ist oben und die Decke unten, ohne dass etwas herabfällt. So könnt ihr euch in die Lage versetzen, in der Richard sich beim Erwachen befand.

Obwohl er bald sah, dass nichts herabfiel, unterlag er diesem ungewohnten Eindruck doch so sehr, dass er nur ganz vorsichtig aus dem Bett und in seine Kleider kroch, sich überall festhaltend und immer fürchtend, mit dem Kopf unten aufzuschlagen. Und auch der Erste Offizier verhielt sich nicht anders, obwohl er doch schon eher daran gewöhnt sein musste. Allerdings war es ja nicht ausgeschlossen, dass die Schwerkraft plötzlich wieder in das alte Geleise zurückkehrte. Dann wäre nämlich, ohne dass sich das Schiff dabei umkehrte, alles herabgestürzt.

Auf Händen und Füßen krochen beide hinaus, die Einbildung nicht loswerdend, oben an der Decke wie die Fliegen zu laufen, bis sich schließlich Richard entschlossen aufrichtete, den Kopf nach unten hängend. Stürzte er, dann konnte er sich sowieso nicht festhalten.

Lautes Lachen erfüllte das Weltallschiff. Es stammte von denen, die dreister waren und die Sache nahmen, wie sie war. Sie spazierten eben als Fliegen an der Decke herum, was allerdings nicht korrekt war, denn der Fuß ruhte immer noch am Boden. Andere krochen ängstlich hin und her, einige hielten sich nur krampfhaft fest.

Aber die Offiziere und Gelehrten waren am meisten besorgt, wenngleich auch diese sich gerade, den Kopf nach unten, frei aufrichteten. Denn die Instrumente zeigten das genaue Gegenteil von dem an, was die menschlichen Sinne wahrnahmen. Laut ihnen hatte sich nichts verändert, die Schwerkraft war noch dieselbe und alles müsste daher noch genauso sein wie zuvor.

Wer log nun, die menschlichen Sinne, das Gefühl oder die Instrumente? Letzteres war das Allerbedenklichste, denn dann konnte man sich nicht mehr auf sie verlassen.

»Der Bootsmann hier behauptet, er empfände nicht, dass er und alles umgedreht seien«, sagte der Dritte Offizier.

Alle Augen wandten sich dem herbeigerufenen alten Bootsmann zu, einem echten Seemann, der schon ein Dutzend Mal die Erde umsegelt hatte und trotz seiner weißen Haare nun auch noch den Weltraum kennenlernen wollte.

»Ich merke nichts, ich merke gar nichts davon«, sagte er etwas beschämt, weil so viele Augen auf ihn gerichtet waren. »Aber wenn es auch die Herren Offiziere fühlen, dann muss es wohl so sein.«

»Stehen Sie nicht mit den Füßen nach oben und mit dem Kopf nach unten?«, fragte Richard.

»I wo, Kapitän, ich merke nichts davon, aber …«

»Wie fühlen Sie sich denn?«

»Na, gerade so wie sonst, ich stehe auf dem Boden.«

»Aber Sie hängen doch auch an der Decke. Ich sehe euch doch.«

»Davon ist mir nichts bewusst. Und Karl weiß auch gar nicht, was die anderen wollen. Wir stehen doch ebenso aufrecht wie sonst.«

Karl, ein junger Schlosser, wurde jetzt gerufen. Doch er kam auf Händen und Füßen angekrochen und hielt sich überall fest.

»Herr Gott, ich hatte zu früh gelacht«, sagte er mit kläglichem Gesicht. »Bis vor fünf Minuten stand ich noch unten. Mit einem Mal laufe ich die Wände hinauf, genauso wie die anderen.«

Zwar war niemand zu den Wänden hinaufgelaufen, aber nach und nach hatten alle das Empfinden, mit dem Kopf nach unten zu hängen. Und dennoch wurde festgestellt, dass es sich hier nur um eine Einbildung handelte, wenn auch eine ganz unbegreifliche und eine der seltsamsten Art.

Der Schiffsarzt rief nach dem Kapitän, denn zwei Matrosen zeigten recht beängstigende Symptome. Die Leute klagten erst über große Mattigkeit in den Gliedern, dann über Kälte. Alle schrien angstvoll und laut, es wäre, als würden sie von der Decke stürzen, immer tiefer, ohne den Boden zu erreichen. Diese Krankheit griff schnell epidemisch um sich.

Und noch ein neuer Vorfall erfüllte die Offiziere mit der größten Bestürzung.

Das, was wir als Kälte und Wärme bezeichnen und auf dem Thermometer durch den Nullpunkt unterscheiden, ist lediglich ein leerer Begriff, um eine Marke für eine Messung zu haben. Und selbst dieser ist nicht international einheitlich, denn der Nullpunkt liegt auf dem Thermometer von Fahrenheit, das von Engländern und Amerikanern verwendet wird, weit tiefer als bei Celsius und Reaumur. In Wirklichkeit herrscht selbst bei −60 °C noch Wärme, denn die Sonnenstrahlen üben immer noch eine Wirkung aus. Aber im luftleeren Weltraum muss absolute Kälte herrschen, denn dort können die Sonnenstrahlen durch Reibung keine Wärme erzeugen.

In dem Weltallschiff empfand man bisher allerdings nichts von dieser furchtbaren Kälte, denn die Elektrizität erzeugte genug Wärme und die Almitplatten waren die denkbar schlechtesten Wärmeleiter, das heißt, sie nahmen nur wenig Kälte auf und strahlten nur wenig Wärme ab.

Plötzlich wurde eine Leiche gefunden und der Arzt stellte fest, dass der Mann an Erfrierungen gestorben war, obwohl sich die Leiche in einem warmen Raum befand. Der Tod musste den Mann in voller Bewegung überrascht haben, denn er saß auf einem Stuhl, hielt ein Buch in der Hand und wollte mit der anderen nach einer auf dem Tisch liegenden Zigarre greifen, die noch rauchte. Nur ganz zufällig hatte man entdeckt, dass er tot war. Der Arzt konnte, so sehr das auch gegen seinen Glauben ging, nicht anders, als aus allen Anzeichen zu schließen, dass der Mann erfroren war. Er war steif wie ein Holzbock, ganz blau am Körper und als man ihm eine Ader öffnete, war das Blut zu Eis erstarrt. Bei einem unvorsichtigen Anfassen wurde ihm auch ein Ohr abgebrochen.

Die Mannschaft erlitt einen großen Schreck, der sich zum Entsetzen steigerte, als wieder eine erfrorene Leiche gefunden wurde, darauf eine dritte und schließlich mehrere auf einmal. Im Laufe einer halben Stunde starben auch die am Schüttelfrost Erkrankten und erfroren im warmen Bett. Die Kälte musste aus ihrem eigenen Körper gekommen sein, es war gar nicht anders denkbar, und so ging es immer weiter. Einer nach dem anderen erstarrte in Todeskälte, entweder indem er am Gefühl des Frostes starb oder mitten in der Bewegung, und jeder blieb in derselben Stellung, die er zuletzt eingenommen hatte.

Der Letzte, der noch lebte, war der alte Bootsmann. Mit Grausen sah er sich von Gestalten umringt, die ebenfalls zu leben schienen und doch schon tot waren: Statuen aus Fleisch und gefrorenem Blut. Er sprach gerade mit einem von ihnen, doch plötzlich erstarrte dessen Mund mitten im Wort und der Mann, der vor einer Sekunde noch die Hand ausgestreckt gehalten hatte, blieb in dieser Stellung stehen.

Da verwandelte sich das Entsetzen des Bootsmanns in Schüttelfrost und nach wenigen Minuten stand auch er als erfrorene Leiche da.

Das Weltallschiff setzte unterdessen mit unverminderter Schnelligkeit seine Fahrt fort. Zwischen seinen Wänden barg es mehr als einhundertfünfzig Leichenstatuen und wurde von keiner Hand mehr gesteuert.

Wir wenden uns nun Richard zu.

Dieser war nicht minder erschrocken als alle anderen. Zufällig blickte er gerade noch auf die große, in vierundzwanzig Stunden geteilte Schiffsuhr. Dabei stützte er sich mit den Händen auf ein Geländer. Er wollte einen alten Gelehrten anreden, um ihm eine Meinung mitzuteilen, und weitergehen. Doch plötzlich konnte er seine Hände nicht mehr vom Geländer zurückziehen, so sehr er sich auch anstrengte. Ja, er bemerkte, dass er nicht einmal mehr mit den Augen blinzeln, geschweige denn irgendeine andere Bewegung ausführen konnte.

Was war das? Es begann, ihm kalt zu werden. Es war nicht gerade unerträglich, aber doch ein unangenehmes Gefühl der Kälte, ohne dass er dabei zitterte, denn das wäre eine Bewegung gewesen.

So musste er, von einer geheimnisvollen Macht gebannt, mit starren Blicken auf die Uhr gerichtet, unbeweglich stehen bleiben. Er hörte alles, was um ihn herum gesprochen wurde.

»Jetzt ist der Kapitän auch gestorben«, schrie es laut durch das Schiff.

Man beschäftigte sich mit ihm und versuchte, ihm die Hände vom Gitter zu lösen, aber vergebens!

Richard ergriff eine fürchterliche Angst. Zwar wusste er jetzt, dass sein Zustand nur ein Scheintod war, aber am meisten entsetzte ihn, dass man ihm vielleicht die erstarrten Hände abbrechen könnte, wie vorhin dem ersten Mann das Ohr. Er unternahm die krampfhaftesten Anstrengungen, sich zu bewegen oder einen Ton von sich zu geben, doch alles war umsonst.

Glücklicherweise ließ man von ihm ab, denn auch die anderen erstarrten. Bald herrschte im Schiff das Schweigen des Todes.

Sollte dieser Scheintod denn ewig dauern? Ein entsetzlicher Gedanke!

Wir wollen es kurz machen. Richard stand, wie er zuerst erstarrt war, mit den Augen auf die Uhr geheftet, volle siebenunddreißig Stunden und einige Minuten lang, immer bei klarem Bewusstsein, aber ohne sich bewegen zu können. Er hatte stets das Gefühl großer Kälte, als sei er zu einem Eisklumpen erstarrt. Dabei blieb auch immer die Empfindung bestehen, als hinge er mit dem Kopf nach unten.

Plötzlich merkte er, dass wieder Leben um ihn herum entstand. Ja, so war es. Die von den Toten Auferstandenen teilten sich gegenseitig ihre schrecklichen Gefühle mit. Auch Richard empfand, wie die Blutwärme zurückkehrte. Er konnte nun seine Hände vom Geländer lösen und sich wieder bewegen. Einige Stunden später verließ auch ihn die Empfindung, als hänge er mit dem Kopf nach unten. Jeder stand wieder auf den Füßen wie zuvor. Doch über das Erlebte konnte niemand lachen – zumindest noch nicht.

Es folgte eine lange Konferenz zwischen Offizieren und Gelehrten, in der man zu dem Schluss kam, dass es sich um einen Zustand handelte, der mit der Seekrankheit vergleichbar war.

Das Meer fordert seinen Tribut, in dessen Macht man sich doch befindet, aber durch die Schiffsplanken ist man sich gegenüber dem Meer vornehm reserviert. Hier schützte man sich durch Wärme und Almitplatten vor der absoluten Kälte des Weltraums, doch diese machte sich auf andere Weise geltend und trat mehr als Krankheitsform aus dem Menschen selbst heraus in Erscheinung.

Einstimmig wurde beschlossen, diesen Zustand Weltallkrankheit zu nennen. Da die Seeleute nicht seekrank, sondern seetoll sagen, sprachen die Matrosen nun nur noch von weltalltoll.

So entsetzlich dieser Zustand gewesen sein mochte, so schwer war doch zu entscheiden, was fürchterlicher ist: see- oder weltalltoll zu sein. Darüber konnte nur der mitreden, der schon einmal wirklich seekrank gewesen war und drei Tage lang den inneren Menschen fortwährend nach außen gekrempelt hatte. Hier möchte man gern sterben und kann nicht, bei der Weltallkrankheit aber wollte man gern leben und konnte es auch nicht.

Schließlich musste noch angenommen werden, dass diesem Zustand das Gefühl des Umgekehrt seins vorausging und mit diesem wieder aufhörte, ähnlich wie bei der Seekrankheit, bei der sich der eine erst lange mit der Überlegung herumquält, ob er dem Gott Neptun opfern soll oder nicht, während der andere gleich loslegt.

Hoffentlich trat auch diese Krankheit an jeden Menschen nur einmal heran. Wenn dies der Fall war, dann konnte es allerdings noch öfter passieren, dass die Weltfesten die Weltalltollen auslachten, wenn diese wie gefrorene Schneemänner dastehen.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert