Der Märkische Eulenspiegel 25
Der Märkische Eulenspiegel
Seltsame und kurzweilige Geschichten von Hans Clauert in Trebbin
Niedergeschrieben von Oskar Ludwig Bernhard Wolff
Leipzig, 1847
Überarbeitete Ausgabe
Hans Clauert, Schlosser aus Trebbin
Wie Clauert einen Schneider betrog
In Prenzlau lebte ein Schneider, der von sich selbst eine sehr hohe Meinung hatte und glaubte, dass niemand so klug war wie er. Dieser hatte besonders auch Umgang mit Clauert, wenn er in der Stadt war, und nahm ihn bisweilen auf die Schippe. Da gedachte Clauert, ihm einen Beutepfennig zu schenken, damit er sich seiner erinnert. Er ging eines Tages zu dem Schneider und fragte ihn, ob er ihm aus drei alten Röcken ein Fastnachtskleid machen könne.
Der Schneider glaubte, Clauert werde ein solches Kleid für seine Abenteuer gebrauchen wollen, und sagte: »Ja, wenn du mir die drei Säcke bringst, will ich dir eins daraus machen.«
Clauert vergaß sein Vorhaben nicht. Er ging ins Spital zu den alten Beginen und sagte zu ihnen, ein adliger Herr habe ein ganz schwarzes Tuch verordnet, um drei von ihnen, besonders die drei ältesten, damit zu bekleiden und ihnen Mäntel und Röcke daraus machen zu lassen. Die Beginen freuten sich, zankten sich jedoch erst eine gute Weile miteinander, welche drei von ihnen gekleidet werden sollten. Clauert sagte deshalb: »Ihr lieben Mütterchen, es bedarf keines Streits, sondern welche die drei Ältesten sind, die mögen mir nachfolgen. Ich will sie zu dem Schneider führen, der die Kleider machen soll, denn die Ältesten können sich doch am wenigsten erwerben.«
Die Beginen waren so alt und wohlbetagt, dass sie kaum gehen konnten. Dennoch folgten sie Clauert durch den tiefen Schmutz bis zu dem Haus des Schneiders. Dort führte er sie hinein und bat sie, sich hinter der Haustür niederzusetzen.
Er selbst ging in die Stube zu dem Schneider, der gerade in seiner Werkstatt saß und arbeitete, und fragte ihn: »Willst du mir denn das Fastnachtskleid noch machen, wie du mir versprochen hast?«
Der Schneider antwortete: »Ich habe dir doch gesagt, du solltest erst die Säcke herbringen, dann will ich es dir machen.«
Clauert sagte: »Ich habe sie hinter der Tür im Haus niedergelegt, da wirst du sie schon finden.«
Der Schneider hatte gerade notwendige Arbeit, deshalb betrachtete er die Säcke nicht gleich. Er dachte, sie würden nicht so schlecht sein, dass er aus dreien nicht ein Kleid machen könnte. Daraufhin ging Clauert in seine Herberge zurück. Zu den alten Weibern sagte er, als er fortging: »Ihr müsst hier ein wenig warten, bis der Meister fertig ist. Dann wird er Euch das Maß nehmen.«
Diese warteten gern noch so lange, zumal sie vom Gehen müde waren.
Als der Schneider nach einiger Zeit aus seiner Stube kam, fand er die alten Frauen hinter der Haustür sitzen. Er erschrak und fragte sie, was sie wollten.
Die Frauen antworteten ihm: »Wir warten hier, damit Ihr uns die Röcke und Mäntel abmisst, die uns der Edelmann bei Euch bestellt hat und zu denen er Euch das Tuch überliefert hat.«
Der Schneider entschuldigte sich, dass er kein Tuch empfangen habe und noch viel weniger von ihren Röcken etwas wisse.
Die Frauen entgegneten: »Du hast es empfangen. Wir sind von dem Mann, der neuerlich bei dir in der Stube gewesen ist, deshalb hereingebeten worden, damit du uns kleidest.«
»Oh, liebe Mütterchen«, erwiderte der Schneider, »dieser Mann ist ein arger Schalk. Ihr seid von ihm betrogen worden.«
Er gab den Frauen jeweils drei Pfennige, um sie loszuwerden, und schickte alsbald zu Clauert in seine Herberge. Er ließ ihm ausrichten, Clauert solle zu ihm kommen, er wolle ihm das Maß zum Kleid nehmen.
Clauert antwortete: »Nein, zu solchen Kleidern braucht man kein Maß. Es kommt nicht so sehr darauf an, wenn es nicht ganz perfekt passt.«
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