Führer durch die Sagen- und Märchenwelt des Riesengebirges 26
Max Klose
Führer durch die Sagen- und Märchenwelt des Riesengebirges
Mit zahlreichen Abbildungen aus dem Riesengebirge
Verlag von Brieger & Gilbers. Schweidnitz (Świdnica). 1887.
Überarbeitete Fassung
6. Das Goldberger Gespenst
Ein Goldberger Schneider hatte Herzog Boleslaw dem Kahlen (1278) Unrecht getan. Der Herzog befahl, den Übeltäter hinzurichten. Der Goldberger Rat wusste jedoch, dass der Mann unschuldig war, und ließ ihn entkommen. Als der Herzog später nach Goldberg kam, begegnete ihm der Schneider in der Stadt und schritt trotzig an ihm vorüber. Der Fürst schalt zornig den erschrockenen Rat und fragte, weshalb sein Befehl nicht vollzogen worden sei. Der Rat erwiderte in seiner Verlegenheit, der Schneider sei wohl hingerichtet worden, doch seitdem gehe der unschuldig Gerichtete als Geist umher und schimpfe auf den Herzog, sonst tue er niemandem etwas zuleide.
Als Boleslaus diese Geschichte hörte, entsetzte er sich und wandte der Stadt den Rücken. Er soll nie wieder in Goldberg gesehen worden sein.
7. Die Belagerung Goldbergs
Die Tataren (oder die Hussiten) sollen einst Goldberg hart bedrängt haben. In Goldbergs Mauern herrschte bereits große Not, und die Feinde drängten die Bürger immer dichter zusammen, bis alle in die Kirche flüchteten. Dort verteidigten sie sich tapfer, doch bald machten sich Durst und Hunger, zwei böse Gäste, breit. Zwar leitete ein Brunnenbauer einen Brunnen in die Kirche, der noch heute zu sehen ist, aber der Hunger ließ sich nicht lindern und setzte den Bürgern hart zu.
Als die Not am größten war, war Gott am nächsten. Ein Weinausschenker ersann eine List. Er ließ eine herbeigelaufene Katze mit Speck braten und das letzte Mehl zu Weißbrot verbacken. Am frühen Morgen verkündete er den Barbaren vom Turm herab, dass Goldberg sein Kirchenfest feiere und auch die Feinde daran teilhaben sollten. Darauf warfen weiß gekleidete Mädchen Rosinenstriezel in die Feindeshorden und ein Koch zerteilte den falschen Hasen und schleuderte die Stücke hinab. Dabei höhnte er, dass zu den Semmeln auch Fleisch gehöre. Oben kreisten schwere, silberne Humpen von Lippe zu Lippe, und die Feinde sahen erstaunt dem fröhlichen Fest zu. Sie hatten geglaubt, dass Goldberg bald ausgehungert sein würde, doch nun sahen sie, dass die Bürger im Überfluss schwelgten.
Als die Nacht hereingebrochen war, ließen die Barbarenfürsten ihre Anführer rufen und hörten deren Rat: »Wir vertändeln hier nur die Zeit. Die Menschen in Goldbergs Mauern haben mehr zu essen als wir!«
Am anderen Morgen war das Lager abgebrochen und die Tartaren abgezogen. Goldberg verdankte seine Rettung der List des Weinausschenkers.
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