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Aus den Geheimakten des Welt-Detektivs – Band 9 – 8. Kapitel

Aus den Geheimakten des Weltdetektivs
Band 9
Die Lady mit dem Kanarien-Brillant
8. Kapitel
Im Höllentunnel

Sherlock Holmes stürmte von der Finchley Road aus so schnell er konnte dem Tunnel zu.

Er war sich nicht ganz sicher, ob die dunkle Gestalt, die er soeben in den Tunnel hineinschlüpfen sah, Harry Taxon gewesen war, aber er vermutete es.

Verdammt, hatte er seinem Gehilfen nicht verboten, sich in den Tunnel hineinzuwagen? Hatte er ihm nicht auf die Seele gebunden, zu verhindern, dass der Lord den dummen Streich begeht und sich in den Tunnel hineinlocken lässt?

Und nun, da Sherlock Holmes dem düsteren, steinernen Ungeheuer von Tunnel näherkam, konnte er weder Harry noch den Lord entdecken.

Zuerst blickte Sherlock Holmes sich ringsum, doch er konnte auf keiner Seite ein menschliches Wesen entdecken. Dann gab er mehrere Male das Pfeifensignal ab, von dem er wusste, dass Harry Taxon es sofort erwidern würde. Doch eine Antwort blieb aus.

Befindet er sich im Tunnel, dachte der Detektiv, so kann er mein Signal nicht gehört haben, und ich fürchte – es ist so. Ah, da sind ja auch mehrere Fußspuren im Schnee sichtbar. Sie führen in den Tunnel hinein – ein Beweis, dass Lord Canbury sich doch allen meinen Warnungen zum Trotz hat verleiten lassen, dem Tunnel einen Besuch abzustatten. Dann blieb Harry Taxon allerdings nichts anderes übrig, als dem Lord nachzugehen, um ihn vor Schaden zu bewahren. Leider fürchte ich aber, dass Harry den Lord nicht retten wird, sondern selbst in die Falle gerät, welche die Banditen dem Lord offenbar in dem Tunnel gestellt haben.

Und nun gab es für Sherlock Holmes kein Halten mehr. Er musste ihnen folgen – er musste sich selbst in den offenen Schlund hineinwagen, der Unheil prophezeiend vor ihm lag.

Sherlock Holmes warf zuerst einen Blick auf seine Uhr.

2 Uhr 3 Minuten. Nachdem er festgestellt hatte, wie spät es war – denn er verfehlte niemals, bei allem, was er tat, die Zeit zu kontrollieren – zog er seinen Revolver hervor und nahm ihn fest in die rechte Hand.

Er überlegte, ob er die elektrische Blendlaterne hervorziehen und die Strahlen spielen lassen sollte. Das wäre ohne Zweifel von Vorteil gewesen, doch er unterließ es, denn er wollte sich den Schurken nicht von Weitem verraten.

Sherlock Holmes beachtete, dass er sich immer dicht an der Steinmauer des Tunnels hielt, um wenigstens von einer Seite gedeckt zu sein.

Mit seinen Falkenaugen versuchte er, das Dunkel des Tunnels zu durchdringen. Zunächst gelang ihm das, doch später verdichtete sich die Finsternis, sodass er wie ein Blinder dahintappte.

Aber nur wie ein körperlich Blinder, denn geistig beherrschte er auch jetzt die Situation.

Er wusste jederzeit ganz genau, wie weit er im Tunnel war und wo er sich befand, denn das berechnete er.

Der Tunnel, der die Finchley Road mit der Haverstock Hill Street verbindet, ist eineinhalb englische Meilen lang.

Das sind, so rechnete Sherlock Holmes, etwa 2012 Meter.

Bei seiner langsamen Fortbewegung in der Dunkelheit und angesichts der drohenden Gefahr machte er in einer Sekunde nicht mehr als zwei Schritte.

Da er, dem Ticken seiner Uhr zufolge, nun 30 Sekunden gegangen war, hatte er 60 Schritte zurückgelegt. Bei seiner Langsamkeit entsprachen zwei Schritte einem Meter, folglich war er 60 Meter tief in den Tunnel eingedrungen und hatte somit ungefähr den dreiunddreißigsten Teil des Weges zurückgelegt.

Nichts regte sich um ihn herum. Totenstille herrschte in dem Tunnel, der Sherlock Holmes umgab wie ein steinernes Grab.

Unwillkürlich erinnerte er sich in diesem Augenblick daran, dass er in Ägypten einmal in die Cheopspyramide hinabgestiegen war, und verglich das Totenreich der ägyptischen Könige, deren Mumien dort liegen, mit dem Aufenthalt in diesem Tunnel.

Sherlock Holmes wanderte weiter. Er hörte nichts und sah nichts. Nun beschleunigte er unwillkürlich seine Schritte, denn er sah ein, dass er bei diesem Tempo Lord Canbury und Harry Taxon nicht einholen könne.

Da plötzlich – ein dumpfer Krach. Erschrocken rollte es durch den Tunnel, und zugleich trug der Wind, der den Riesenbau durchwehte, Sherlock Holmes’ feiner Nase den Geruch von Pulver zu.

»Das war ein Schuss!«, brachte der Detektiv hervor. »Entweder Lord Canbury oder Harry Taxon hat ihn abgefeuert oder einer von ihnen hat die Kugel empfangen.

Jetzt vorwärts! Jetzt gibt es keine Rücksicht mehr – entweder wir oder die Banditen, mit denen wir es zu tun haben!«

Sherlock Holmes stürmte, sich immer noch an der Steinmauer haltend, vorwärts.

Ein Hilfeschrei, wie ihn ein Mann in Todesangst ausstößt, erreichte sein Ohr.

In seiner Hast hatte er nicht einmal unterscheiden können, ob dieser Schrei von seinen Freunden oder von seinen Gegnern kam.

»Harry Taxon – Harry!«, rief Sherlock Holmes, alle Vorsicht außer Acht lassend. Er fügte den Rufen auch schrille Signalpfiffe hinzu.

Doch weder Rufe noch Pfiffe hatten den geringsten Erfolg. Sie wurden nicht erwidert und Sherlock Holmes wusste daher nicht, woran er war und ob seine Gefährten sich überhaupt noch im Tunnel befanden.

Er glaubte sogar, dass dies nicht mehr der Fall sei, dass vielmehr der Lord und Harry überfallen und aus dem Tunnel fortgeschleppt worden waren.

»Wohin?« Ah, das würde er erst erfahren, wenn er sich am anderen Ende des Tunnels befände.

»Verdammte Finsternis«, rief Sherlock Holmes. »Sie verhindert einen sogar daran, klar zu denken. Jetzt brauche ich mich aber nicht mehr zu scheuen, das Licht meiner Laterne aufblitzen zu lassen – mögen mich die Hunde sehen –, es ist besser, wenn sie sich gegen mich richten, denn dann würden sie ihre Aufmerksamkeit von Harry und dem Lord abwenden.«

Sherlock Holmes blieb eine Minute lang stehen, dann zog er seine Taschenlaterne hervor, klappte sie auf und drückte eine Feder. Im nächsten Moment fiel der Schein des elektrischen Lichts auf den Boden. Er sah die Schienen, die wie riesige Schlangen durch den Tunnel krochen, und die alten, von Kohlenruß geschwärzten Tunnelwände, hüben wie drüben. Sonst aber vermochte er nichts zu entdecken, am wenigsten seine beiden Gefährten.

»Nur im schnellen Handeln liegt jetzt noch Rettung«, sagte sich Sherlock Holmes, befestigte die elektrische Lampe an seiner Brust und hielt den Revolver in der Hand. Dann stürmte er vorwärts.

Der Schein der Laterne glitt immer über die Schienen hinweg und beleuchtete dem Detektiv den Weg, sodass er eine Gefahr schon wenigstens 20 Schritte entfernt hätte wahrnehmen können.

Da plötzlich fuhr es Sherlock Holmes wie ein elektrischer Schlag durch die Glieder. Er blieb stehen und richtete seinen Blick scharf auf den Boden, auf die Schienen. Dann schrie der Detektiv mit entsetzter Stimme auf: »Dort liegen sie beide, tot, nein, ich glaube es nicht, aber gefesselt und geknebelt und von den Schurken über die Schienen gelegt!«

Nachdem er diese Worte in wahnsinniger Aufregung hervorgestoßen hatte, stürmte er zu den regungslos daliegenden Gestalten, die quer über den Schienen lagen und zu keiner Bewegung oder Lautäußerung fähig waren, da ihnen ein Knebel in den Mund gestoßen worden war.

»Mylord, Sie sind gerettet, Harry! Ich bin es, Sherlock Holmes. Wartet, ich will eure Fesseln schnell lösen und euch wieder auf die Beine bringen. Zuerst Sie, Mylord. Verdammt, meine Hände zittern, ich kann die Knoten nicht lösen. Wo ist denn mein Messer? Ah, da ist es schon. Warten Sie, Mylord, ich werde Ihre Fesseln durchschneiden.«

Sherlock Holmes hatte sich neben Lord Canbury niedergebeugt, sein Messer hervorgezogen und setzte es bereits zum Schnitt an, um die Handfesseln des Lords zu zerschneiden. Da ertönte ein gellender Pfiff, gefolgt von einem dumpfen Brausen und dem Ächzen und Stöhnen eines riesigen eisernen Körpers, der durch die Seele des Dampfes bewegt wurde. Sherlock Holmes wich mit einem Schrei des Entsetzens zurück.

Eine riesige Lokomotive mit großen gelben Lichtern, die wie die Augen einer Tigerkatze durch das Dunkel blitzten, tauchte vor ihm auf, gefolgt von einer unabsehbaren Reihe gewaltiger Waggons. Es war der Expresszug der Midland-Eisenbahn.

Nur noch hundert Schritte war das eiserne Ungetüm von dem Detektiv entfernt, nur noch hundert Schritte von der Stelle, an der Lord Canbury und Harry Taxon gefesselt und geknebelt auf den Schienen lagen. In wenigen Sekunden musste das Entsetzliche geschehen – die gewaltigen Räder der Lokomotive und der Waggons mussten über diese beiden Menschen hinweggehen, sie zermalmen, zerstampfen und vernichten.

Was sich in dieser einen Sekunde, die Sherlock Holmes zum Überlegen blieb, in seiner Seele vollzog, hat er in seinem Tagebuch festgehalten. Aus diesem Tagebuch stammt die hochinteressante Erzählung, die wir unseren Lesern bieten. Sherlock Holmes hat seine Gedanken in folgenden Worten festgehalten:

»Mir war es plötzlich, als sei die ganze Welt untergegangen und ich befände mich mit Lord Canbury und Harry Taxon tief unter der Erde, wo der geheimnisvolle Totenfluss den Übergang ins Reich der Schatten bildet.

Mir war, als wäre ich frei, zur Oberwelt zurückzukehren, aber nur einen meiner beiden Gefährten mitzunehmen. Wen sollte ich retten? Den Lord, gegen den ich eine gewisse moralische Verpflichtung hatte, da ich ihn zu diesem fürchterlichen Rendezvous gehen ließ? Oder Harry Taxon, der mir sehr wichtig war und dessen Verlust eine nicht zu schließende Lücke in meinem Leben hinterlassen hätte?

Ob ich damals nachgedacht habe? Ob ich mich zu irgendetwas entschlossen habe? Ich weiß es nicht. Ich weiß nur, dass ich meinen Revolver erhob, wie ein Wahnsinniger dem Zug entgegenstürmte und zweimal schoss, wobei ich so gut es mir möglich war, auf die großen Lichter der Lokomotive zielte. Ich hörte das Krachen meiner Schüsse und sah, wie die Lokomotive plötzlich blind wurde, ihre Lichter verloschen und im Tunnel nur noch meine elektrische Taschenlaterne brannte.

Dann aber schlug plötzlich ein Ton an mein Ohr, der mich mit Entzücken, mit grenzenlosem Glück erfüllte. Es ging ein Seufzen durch den Zug, ein gewaltiges Stöhnen. Ich vernahm den Ton der Bremsen, die in diesem Moment mit aller Kraft arbeiteten. Dann sah ich das pfeifende Ungetüm der Lokomotive auf mich zukommen. Ich hatte mich unwillkürlich zu den beiden Menschenkörpern zurückgeflüchtet, die in entsetzlichen Qualen hilflos auf den Schienen lagen. Sie sahen ihr Schicksal und vermochten es doch nicht abzuwenden. Während ich mich über sie warf und beide mit meinem Körper deckte, bereit, mit ihnen zu sterben, wenn es sein müsse, stand die Lokomotive plötzlich. Ich hörte das Zischen und Brausen des Dampfes, der den Ventilen entströmte. Eine Rauchwolke verhüllte uns und eine Stimme rief: »Was ist geschehen? Man hat geschossen. Hallo, Lichter hierher! Menschen auf den Schienen!«

Wir waren gerettet.

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