Detektiv Nobodys Erlebnisse und Reiseabenteuer Band 1 – Teil 14
Detektiv Nobodys Erlebnisse und Reiseabenteuer
Nach seinen Tagebüchern bearbeitet von Robert Kraft
Band 1
Kapitel 2, Teil 9
Deacons Haus war entsiegelt worden und wurde von einer richterlichen Kommission betreten – höchst vorsichtig, denn Nobody hatte sich nicht weiter ausgelassen. Er blieb bei seiner Behauptung, der Mörder stecke noch in der Wohnung. Nun glaubte jeder der Herren, den Mörder plötzlich hinter einer Ecke hervorspringen zu sehen.
»Hier riecht es aber übel«, meinte ein Herr, als das erste Zimmer geöffnet wurde.
»Nein, hier stinkt es sogar ganz tüchtig«, sagte Nobody trocken.
Als nun aber die Tür des Zimmers, in dem der Mord geschehen war, aufgeschlossen wurde, schlug ihnen eine wahre Pestlust entgegen.
»Hier liegt eine verwesende Leiche!«
Den Herren war bereits eine Ahnung gekommen, nur ausgerechnet dieses Zimmer, in dem Hachiman noch am Boden kauerte, hatte keiner in seine Vermutungen einbezogen.
»Treten Sie ein, meine Herren, wir sind am Ziel.«
Nobody ging ohne zu zögern auf den Götzen zu, trat auf dessen ehernes Knie, sodass er den Zierrat auf dem Helm erreichen konnte, drehte diesen etwas und sprang wieder herab.
Dass dieser Zierrat zu drehen war, hatten die Detektive und Ingenieure damals auch bemerkt. Sie hatten lange daran herum geleiert, aber einen Mechanismus, durch den das Schwert beweglich wurde, hatten sie dadurch nicht entdeckt.
»Jetzt muss die Figur wieder auf das Postament gehoben werden. Oder es ist ja auch nicht nötig, wir brauchen sie nur umzulegen.«
Es waren genügend kräftige Konstabler zur Stelle, und es gelang ihnen, den ehernen Götzen sanft zur Seite zu legen.
»Die Figur ist hohl, und es ist Ihnen doch bekannt, dass Hachiman, wenn ihm ein Schwert geweiht wurde, Feuer und Rauch aushauchte. Da war natürlich ein Priester drin, der diesen Hokuspokus machte. Wie kam der hinein? Einfach durch ein sogenanntes Loch. Passen Sie auf, meine Herren!«
Er stemmte die Hand gegen den Teil, auf dem der Götze normalerweise saß und der jetzt freigelegt worden war. Doch egal, wie sehr er drückte und welche Kraftanstrengungen er auch unternahm, es zeigte sich kein Erfolg.
Was sollte auch geschehen? Die Ingenieure hatten die Figur gründlich untersucht. Auch hier unten war keine Fuge eines Deckels zu bemerken, der ein Mannloch verschlossen hatte. Alles war eben aus einem Guss.
»Nanu«, murmelte Nobody. »So schwer kann die Geschichte doch nicht sein, und ich kenne meinen Freund Hachiman gut genug, um zu wissen, wo der Zimmermann das Loch gelassen hat. Sollte da … Ach so, der Helmschmuck hat sich beim Umlegen wieder etwas verschoben. Der Schnabel muss nämlich genau auf die Schwertspitze zeigen. Der Mechanismus ist sehr einfach, aber doch auch ganz genau gearbeitet.«
Er ging noch einmal zum Kopf, visierte, verbesserte die Stellung des Zierrates, begab sich zu den Füßen zurück, übte einen leichten Druck aus und schon stürzte eine Platte polternd ins Innere, sodass ein großes Loch entstand.
Also doch ein Deckel! Niemand hätte es für möglich gehalten. So genau war dieser Deckel hineingearbeitet worden.
Doch das war jetzt Nebensache. Mit einiger Scheu drängten sich die Herren herbei und starrten in das finstere Loch, aus dem jetzt ein schrecklicher Geruch hervordrang.
Unbekümmert griff Nobody hinein, zog an etwas – ein mit einem plumpen Schuh bekleideter Fuß kam zum Vorschein – und zog weiter, bis am Boden der ganze Mann lag: ein in Arbeitszeug gekleideter, klein und etwas verwachsener Mensch, der zum Gerippe abgemagert und schon etwas verwest war.
»Slackjaw!«, riefen zwei Konstabler gleichzeitig und blickten wie alle übrigen mit Entsetzen auf die Leiche.
Nobody griff nochmals in das Loch, tastete mit der Hand darin umher und steckte schließlich sogar den Kopf hinein, bis er eine leere Schnapsflasche zutage förderte.
»Hier hatte er zunächst für Trinken gesorgt, oder doch für geistige Erfrischung … Hier … Ein Stück Zeitungspapier mit Fettflecken kam zum Vorschein, in das er ein großes Butterbrot eingewickelt hatte. Es war aber nicht genug, um ihn vor dem Verhungern zu schützen. Und hier … Halt, was habe ich denn hier?
Richtig, ein Monikono! Bitte, Mr. Scott, wollen Sie es auf seine Echtheit prüfen?«
Er gab ihm das japanische Schwert, das er aus dem Inneren hervorgezogen hatte. Es sah nicht anders aus als das andere, nur die blanke Klinge war mit getrocknetem Blut bedeckt und trug das Zeichen eines anderen Waffenschmieds.
»Ein Monikono!«, hauchte Mr. Scott.
Sie alle blickten furchtsam auf das Schwert, furchtsam auf die am Boden liegende Leiche und am allerfurchtsamsten auf den rätselhaften Mann, der der ganzen Sache plötzlich eine solche Wendung gegeben hatte.
*
Wir wollen nicht dabei sein, wenn Nobody noch angesichts der Leiche seine Erklärung gibt. Wir fassen alles kürzer zusammen.
Slackjaw – seinen richtigen Namen kannte man gar nicht – war schon seit mehreren Jahren in Coste nobles Lagerschuppen als Arbeiter beschäftigt. In England gibt es keine Arbeitsbücher und dergleichen, so wenig wie eine polizeiliche Anmeldung. Obwohl er regelmäßig montags und manchmal auch dienstags blau machte und einmal wegen einer Prügelei oder eines in der Trunkenheit verübten Unfugs für eine Woche hinter Schloss und Riegel saß, hatte er seinen Posten immer behalten. Denn sonst war er ein recht anständiger Bursche. Wenn im Lagerraum eine große Kiste verstaut werden musste oder der Aufseher sein Notizbüchlein verlegt hatte, wurde Slackjaw gerufen. Er fand immer alles, brauchte gar nicht erst zu suchen und wusste alles. Trotz seiner von Leidenschaften entstellten Physiognomie und seines tückischen Blicks war er immer ehrlich und verträglich mit seinen Kameraden gewesen.
Die Detektive freilich interessieren sich für solche Physiognomien. Sie kennen ihre Kunden. Wenn Slackjaw wieder einmal wegen Trunkenheit eingesperrt war, besuchten sie ihn gern in seiner Zelle und nahmen das Verbrecheralbum mit. Wenn man nur genau gewusst hätte, wo er sich früher aufgehalten hatte, denn er hatte sicher schon manches auf dem Kerbholz! Doch es gelang nicht, in dem geriebenen Burschen einen alten Bekannten wiederzufinden.
Dass er seit fast drei Wochen verschwunden war, war der Polizei bekannt, aber sie kümmerte sich nicht weiter darum. Slackjaw war jedenfalls in seinen alten Lebenswandel zurückgefallen.
Jetzt war er tot und konnte nichts mehr erzählen. Was folgt, ist lediglich eine Kalkulation Nobodys, die jetzt auch jeder andere der Herren hätte aufstellen können, ohne besonderen Scharfsinn zu besitzen.
Der eherne Kriegsgott besaß also eine Vorrichtung, um ins Innere zu gelangen. Die bewegliche Helmkuppel drehte eine im Inneren befindliche Eisenstange, die unten einen Querstab oder einen großen Riegel hatte. Lag der Riegel auf der Platte, welche unten die Öffnung verschloss, so konnte die Platte weder gehoben noch sonst bewegt werden. Das Ganze war so genau gearbeitet, dass man vom Deckel gar nichts merkte. Wurde der Riegel zurückgeschoben – wozu der Mechanismus des Helmes aber ganz genau eingestellt werden musste –, so konnte die Platte mit leichter Mühe ins Innere gedrückt werden.
Der Zweck dieser Vorrichtung ist ganz klar. Die japanischen Priester trieben mit Hachiman eben ihren Hokuspokus. Das heißt, jetzt war es allen Herren ganz klar. Es sah sogar ganz so aus, als hätte auch der vorherige Besitzer des Kriegsgottes, Monsieur Delcassé, von dieser Vorrichtung nichts gewusst.
Slackjaw hatte den geheimen Mechanismus entdeckt, während der Götze im Lagerschuppen gestanden hatte. Auf welche Weise er ihn gefunden hatte, blieb sein Geheimnis. Das blieb das Geheimnis des Toten. Es könnte ein blinder Zufall gewesen sein, aber Slackjaw war auch ein Bursche, der überall herumspionieren und herumschnüffeln musste, und er war obendrein ein ganz pfiffiger Kopf.
Kurz und gut, er hatte eben diese geheime Vorrichtung entdeckt. Und nun mag in ihm gleich der Plan entstanden sein. Er hütete seine Entdeckung sorgfältig und beobachtete gespannt, ob die Platte auch einmal von jemand anderem gelüftet würde. Als Loftus Deacon den Götzen schließlich gekauft hatte und die eherne Figur genau untersuchte, ob der Guss intakt war, aber den Mechanismus nicht prüfte, war es ganz selbstverständlich, dass er auch nichts von diesem wusste.
Jetzt war Slackjaws Plan fertig. Wenn er sich nach einem Leben als Verbrecher vielleicht vorgenommen hatte, sich durch ehrliche Arbeit zu ernähren, so konnte er sich doch eine so günstige Gelegenheit nicht entgehen lassen, mit einem Schlag ein reicher Mann zu werden.
Slackjaw war nämlich schon öfter in Deacons Wohnung gewesen. Er hatte Kisten hinbringen müssen und war bis in die Schatzkammern gelangt. Dort hatte er das Gold und die funkelnden Juwelen an den indischen Gewändern und Waffen gesehen. Wenn in diesem Distrikt fast jedes Kind die Gewohnheiten des alten Sonderlings kannte, dann Slackjaw umso mehr. Er war schließlich ein ehemaliger Einbrecher mit einer Vorliebe fürs Spionieren.
An jenem Tag, an dem Deacon den Götzen in sein Haus bringen lassen wollte, kroch Slackjaw, der eine Brechzange – man fand sie später in seiner Tasche – sowie eine Flasche Schnaps und etwas zu essen dabei hatte, zur geeigneten Zeit in den metallenen Leib hinein und schob von innen den Riegel wieder über die Platte.
Nun kam es darauf an, ob man ihn doch noch entdecken würde. In diesem Fall hätte er schon eine Ausrede gehabt. Er sei in die Figur gekrochen, betrunken eingeschlafen und das Instrument sei nichts weiter als eine Gaszange gewesen – jedenfalls hätte es nicht sehr schlimm für ihn ablaufen können.
Doch es gelang. Von dem Mannloch mit der abnehmbaren Platte wusste wirklich niemand etwas, und den starken Arbeitern, die den Koloss von sechs Zentnern Gewicht auf den Wagen hieven mussten, war eine Last wie der kleine Bursche egal. Im Lagerschuppen wurde Slackjaw nicht vermisst, er machte wieder einmal blau.
So befand er sich im Haus von Loftus Deacon. Jetzt hieß es, bis zur Nacht geduldig zu warten. Das war sehr unangenehm in dem engen Gefängnis, in dem er wegen der Eisenstange nicht einmal aufrecht stehen konnte. Aber dann, welch ein Lohn! Wenn im Haus alles ganz still war, schlüpfte er hinaus. Streichhölzer hatte er bei sich, das genügte. Er hatte einiges zusammengerafft und von Edelsteinen losgebrochen. So viel wie möglich steckte er in seine Taschen und in ein Tuch. Dann riegelt er ein Parterrefenster auf und sprang hinaus. Wo er Gold und Juwelen in bare Münze verwandelte, wusste er schon von früher. Und London ist groß, die Welt noch größer.
Slackjaw hörte den ganzen Nachmittag die Leute im Zimmer wirtschaften, zuletzt nur noch den Hausherrn. Es wurde Abend, es wurde Nacht. Deacon schickte die Diener zu Bett und ging selbst. Slackjaw hörte Uhren schlagen und glaubte um Mitternacht, nun ans Werk gehen zu können.
Er verließ sein Versteck, doch da trat Deacon mit der brennenden Lampe ein.
Was nun weiter geschah, ist bereits in Bezug auf Keigo Kiyotaki geschildert worden: Es war das neu erhaltene Schwert des Monikono, das auf dem Altar griffbereit lag und das Slackjaw ergriff, um damit die beiden tödlichen Hiebe gegen den alten Herrn auszuführen. Schließlich kroch der Verbrecher, als Jensy rief und an die Tür pochte, wieder in den Leib des Götzen zurück und schob den Riegel vor. Das Schwert hatte er mitgenommen.
Die Diener stürzten herein, Polizisten und Detektive kamen.
Da der Mörder in der Wohnung nicht gefunden wurde, wandte man seine Aufmerksamkeit dem ehernen Götzen zu, hob ihn zur genaueren Untersuchung von seinem Postamente herunter … und Slackjaw wurde gefasst!
In Slackjaws Programm war ein Rechenfehler gewesen. Das Piedestal, auf dem der Götze saß, war nur ein eisernes Gestell mit vier Füßen; die Figur passte gerade auf den oberen Rahmen. Sonst hätte man ja auch nicht von unten hineinkriechen können. Hätte Deacon für den Kriegsgott in seinem Museum ein anderes Untergestell gewählt, etwa ein massives Postament oder nur eine obere Platte, wäre Slackjaw überhaupt nicht gefangen worden. Mit dieser Möglichkeit hatte er nicht gerechnet. Vielleicht wusste er aber auch schon ganz genau, dass Deacon den Götzen auf dem eisernen Gestell ruhen lassen würde, einer kunstvollen japanischen Schmiedearbeit.
Jetzt aber, da die Figur auf den Boden gesetzt wurde und dort stehen blieb, saß der Mörder in der Falle fest! Er konnte nur hoffen, dass man den Götzen wieder auf das hohle Postament heben oder es umlegen würde und dass einmal niemand im Zimmer wäre. Dann hätte sich Slackjaw natürlich schleunigst befreit und wäre durch ein Fenster entkommen, bei Nacht oder selbst bei Tag.
Es sollte anders kommen. Man ließ den Götzen am Boden sitzen. Was der Mörder in dem engen Gefängnis ausgestanden hat, kann sich wohl niemand ausmalen. Am zweiten Tag wurde das Haus verlassen und versiegelt. Möge der Eingekerkerte nun um Hilfe gerufen haben – seine vor körperlicher Erschöpfung geschwächte Stimme war draußen auf der Straße nicht mehr zu hören. So war er verhungert. –
So lautete Nobodys Erklärung, und es konnte ja auch gar nicht anders sein.
Doch nun gab es ein noch viel größeres Rätsel zu lösen, das kaum zu fassen war.
»Mensch, Mann, Mr. Nobody, sind Sie denn allwissend?«
Ein feines Lächeln umspielte den faltigen Mund des Mannes, der seine jetzige Yankee-Maske beibehielt. Er erwiderte mit einem klassischen Zitat, das jedem gebildeten Engländer und jedem gebildeten Deutschen bekannt ist: »Allwissend bin ich nicht, doch viel ist mir bewusst.«
»Sie müssen doch schon vorher in diesem Haus gewesen sein und Ihre Untersuchungen angestellt haben.«
»Ich? Nein. Wie soll ich denn in dieses versiegelte Haus gelangen können? Kalkulation, meine Herren, nichts weiter als Kalkulation!«
Man musste vorläufig die fieberhafte Neugier bekämpfen, erst war die Pflicht zu erledigen. Alles wurde zu Protokoll genommen. Als dies fertig war und verlesen wurde, mussten die Anwesenden es unterschreiben.
»Mr. Nobody, bitte, wollen Sie hier Ihren Namen daruntersetzen?«
Aber Mr. Nobody war nicht mehr da. Er hatte sich unterdessen unsichtbar gemacht und ließ sich auch nicht wieder sehen. Desto mehr bekam man von ihm zu hören.
Draußen auf der Straße begannen die Zeitungsjungen wieder zu johlen.
»WORLDS MAGAZINE, die große Schwindelzeitung der Welt, drei Pence die Nummer! Ausführliche Beschreibung, wie Detektiv Nobody, der größte Schwindler der Welt, den wahren Mörder von Loftus Deacon gefunden hat! WORLDS MAGAZINE, die größte Schwindelzeitung der Welt, sechs Pence die Nummer, einen Schilling die Nummer!«
Oh, das waren Hiebe, die die kleinen Zeitungsjungen diesem Herrn vom Gericht und dem ganzen englischen Publikum versetzten.
Inwiefern? Warum heißt es immer »Schwindelzeitung«?
Das hat eine Vorgeschichte.
Das WORLDS MAGAZINE erschien bereits seit einem halben Jahr, so lange war Nobody für die von ihm gegründete Zeitung schon als Hauptmacher tätig, in jener eben geschilderten Weise. Seine Tätigkeit hatte sich bisher jedoch ausschließlich auf Amerika erstreckt.
Dort war Nobody schon längst der Held des Tages, denn er hatte viele Verbrechen und rätselhafte Fälle aufgedeckt, vor denen Justiz, Polizei und Publikum ratlos gestanden hatten. Dort war WORLDS MAGAZINE schon längst ein unabweisbares Bedürfnis geworden, das in keinem Palast und in keiner Hütte fehlen durfte. Daher hatte diese neue Zeitschrift fast schon eine Auflage von einer Million erreicht.
Natürlich kamen einzelne Nummern auch nach England und in die englischsprachigen Kolonien. Und was sagte man hier?
»Schwindel, alles Schwindel! Amerikanischer Humbug! Dieser Nobody existiert gar nicht! Das ist nur eine fabelhafte Persönlichkeit, die Ausgeburt der Fantasie einer schwindelhaften amerikanischen Sensationszeitung. Na, die Yankees sollen uns mit solchem Humbug verschonen!«
Ja, so ist es! Alles, was aus Amerika kommt, muss Schwindel sein. Und der Blamierte ist dann jedes Mal derjenige, der Schwindel! geschrien hat.
Sollen Beispiele angeführt werden, dass es in unserem lieben Deutschland genauso ist? Es sollen nur zwei angeführt werden, von einer ganz anderen Art, aber auch einen einzelnen Mann betreffend.
Da ist in Amerika ein Erfinder namens Edison. Eines Tages berichteten die amerikanischen Zeitungen, dass er einen Apparat erfunden habe, der sprechen und singen könne. Die menschliche Stimme würde ganz genau wiedergegeben.
Und in allen Zeitungen war zu lesen: »Das ist wieder einmal so ein amerikanischer Schwindel!« Heute kann man einen Phonographen schon für fünf Mark kaufen!
Dann meldeten die amerikanischen Zeitungen, dass derselbe Mann lebendige Fotografien herstellen könne, auf denen sich alles bewege.
»Schwindel, wieder einmal so ein echt amerikanischer Schwindel!«
So erklang es hohnlachend.
Und heute? Überall sind Automaten aufgestellt. Man steckt einen Groschen hinein und sieht die Figürchen zappeln. In den Varietés bewegen sie sich an der Wand in Lebensgröße.
Oder ist es nicht so? Ja, es ist so! Und das sind nur zwei Beispiele, es könnten hunderte angeführt werden. Man sollte mit dieser Schwindelschreierei endlich einmal aufhören. Wer zuletzt lacht, lacht am besten – und das waren bisher immer die Amerikaner.
So verächtlich wurde also auch in England über dieses neue amerikanische Sensationsblatt und seinen geheimnisvollen Berichterstatter, den sogenannten Nobody, gesprochen.
Da war dieser geheimnisvolle Unbekannte einmal nach London gegangen, um den hohnlachenden Spöttern Keulenhiebe zu versetzen, von denen sie sich nicht so bald wieder erholen sollten.
Aber das wurde natürlich alles von langer Hand vorbereitet. Damals freute sich Loftus Deacon noch seines Lebens. Man musste nur auf einen sensationellen Fall warten, der das Signal zum Angriff gab.
In der Fleet Street war eine große Rotationsdruckerei gemietet worden. Kunnert Söhne nannte sich die neue Firma. Die gesamte Fleet Street, die ausschließlich aus Buchdruckereien und Zeitungsverlagen besteht, wunderte sich nicht wenig über diese neue Konkurrenz. Das war eine ganz merkwürdige Firma! Sie war tadellos eingerichtet, es war alles vorhanden und sie war voll mit Personal besetzt – vom ersten Redakteur bis zum letzten Setzer, Druckerlehrling und Kesselheizer. All diese Leute durften den ganzen Tag Karten spielen und erhielten dafür ihren Wochenlohn. Und das ging nun schon seit sechs Wochen so!
Da wurde Loftus Deacon ermordet.
In der Druckerei von Kunnert Söhne regte sich deshalb noch nichts. Die Angestellten mussten nach wie vor am Morgen pünktlich erscheinen; das war das Einzige, was man von ihnen verlangte. Sie spielten bis zum Mittag ihren Jocker, gingen zu Tisch, kamen wieder und spielten ihren Jocker weiter.
Der rätselhafte Mord beschäftigte alle Zeitungen der Welt.
Auch das WORLDS MAGAZINE berichtete davon, das war besonders seinen Abonnenten auf einsamen Farmen und im Hinterland schuldig, jedoch ohne weitere Details.
In der nächsten Ausgabe hieß es jedoch: »Wir haben unseren Detektiv Nobody nach London geschickt, um diesen mysteriösen Fall aufzuklären, denn wir sind der Ansicht, dass Keigo Kiyotaki unschuldig ist.«
Aber – wohlverstanden! Da hatte Nobody die Wahrheit bereits herausgefunden! Zu diesem Zeitpunkt war er bereits mit Sir Clane in der Zelle von Keigo Kiyotaki und hatte das versiegelte Haus betreten. Da war ihm schon alles klar.
Und das war der Trick, mit dem dieser Mann in den Ruf der Allwissenheit kam.
Acht Tage später musste Keigo Kiyotaki das Fallbrett des Galgens besteigen. Nobody, der von seiner Unschuld überzeugt war, ließ ihn ruhig steigen.
Als die Angestellten von Kunnert Söhne an diesem Morgen zur Fabrik gingen, hätten sie das Haus bald nicht mehr gefunden. Die Firma »Kunnert Söhne« war nämlich verschwunden, dafür prangte an dem Haus ein riesengroßes Plakat für WORLDS MAGAZINE.
Die Leute wurden eingeladen, näherzutreten. Als sie alle drin waren, wurden hinter ihnen sämtliche Türen verschlossen und es ging mit Volldampf los. Die paar Seiten waren schon gesetzt, es musste nur noch gedruckt werden. Die Zeitungsjungen waren auch schon da. Als es so weit war, wurde die Bande losgelassen.
»Wenn in Newgate die Sterbeglocke den dritten Ton von sich gibt, fangt ihr an zu brüllen.«
In dieser Ausgabe wurde lediglich ein Resümee über den gesamten Fall veröffentlicht, gefolgt von der fettgedruckten Bemerkung: »Soeben haben wir die Nachricht von unserem Detektiv Nobody erhalten, dass er den wahren Mörder gefunden hat und Keigo Kiyotaki unschuldig ist!«
War das vielleicht noch nicht genug? Als man dies las, stand der Japaner schon auf dem Fallbrett, seine Sterbeglocke läutete bereits!
Und zwei Stunden später begann die Brüllerei der kleinen Zeitungsteufel abermals, sie boten eine Extranummer des WORLDS MAGAZINE feil.
Was erzählte diese? Genau das, was sich in diesem Augenblick in Deacons Haus ereignete: wie die Gerichtskommission es betrat, wie es darin übel roch, wie Nobody den Götzen umlegte, die Leiche hervorzog, das Monikono-Schwert usw.
Und mit welchem Raffinement hier gearbeitet worden war, davon nur ein einziges Beispiel: Nobody konnte den Deckel nicht gleich eindrücken, war bestürzt, bis er merkte, woran es lag. »Ach so, der Helmschmuck hat sich bei dem Umlegen wieder etwas verschoben …«
Auch dies war schon in der Zeitung zu lesen, die doch früher gesetzt und gedruckt worden war, als sich dies in Wirklichkeit ereignete, als Nobody diese Worte in Wirklichkeit sprach.
Wie ist das möglich? Ganz einfach: Das war alles Berechnung – dass er den Mechanismus nicht richtig eingestellt hatte, seine Bestürzung, alles war Absicht und Berechnung!
Nobody hatte ein Schauspiel geschrieben und führte es vor dem Publikum auf. Dass alles klappte, war die Kunst des Regisseurs. So machte er es immer und stets, und das brachte ihm seine fabelhaften Erfolge ein, die ihn immer mehr in den Ruf eines allwissenden Menschen brachten, der unbedingt mit der Geisterwelt in Verbindung stehen musste.
Um sich diesen Ruf zu erhalten, durfte er seine Tricks natürlich nicht verraten. Das WORLDS MAGAZINE berichtete über seinen Erfolg, alle anderen englischen und amerikanischen Zeitungen berichteten es nach, das Publikum staunte nicht schlecht – und damit genug! Wie er es jedes Mal zustande gebracht hatte, davon hatte man niemals etwas lesen können. Man erging sich in den ungeheuerlichsten Vermutungen und geriet auf die seltsamsten Ideen.
Wir aber schöpfen aus einer anderen Quelle: Nobodys Tagebuch. Freilich können die Erklärungen nur nach und nach erfolgen.
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