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Aus dem Reiche der Phantasie – Heft 4 – Die Weltallschiffer – 1. Teil

Robert Kraft
Aus dem Reiche der Phantasie
Heft 4
Die Weltallschiffer
Verlag H. G. Münchmeyer, Dresden, 1901

Kapitel 1

Das Weltallschiff

In dem großen Saal, der hin und wieder verdunkelt wurde, um die auf eine weiße Wand geworfenen Lichtzeichnungen sichtbar zu machen, drängte sich eine Menschenmenge, bestehend aus Männern, die meist Brillen trugen und kahlköpfig waren. An einem erhöhten Rednerpult stand Richard. Neben ihm befand sich ein Experimentiertisch mit wunderlichen Apparaten und hinter ihm hing eine große Wandtafel.

Richard stellte vor den berühmtesten Gelehrten der ganzen Erde sein bereits fertiggestelltes Luftschiff vor, an dessen theoretischer Konstruktion sein ingeniöser Vater ein ganzes Menschenalter in einsamer Studierkammer gearbeitet hatte.

Wenn er sich selbst als einfachen Handlanger für die geistreichen Ideen seines Vaters bezeichnete, dann war das sicherlich nichts anderes als Bescheidenheit. Was er den Gelehrten da erzählte und vorrechnete, war so fabelhaft, dass sie kein einziges Wort verstanden. Es war ungefähr so, als ob ein alter Mathematiker einem an den Daumen lutschenden Säugling die Richtigkeit des pythagoräischen Lehrsatzes beweisen wollte.

Richard schrieb endlose Zahlenreihen an die Wandtafel, warf mit trigonometrischen Formeln und Wurzeln um sich und bediente sich einer unbekannten Rechnungsart aus der vierten Dimension. Das Einfachste dabei war, dass er die vierzehnstelligen Logarithmen sämtlicher Zahlen im Kopf hatte. Ihm schienen alle bisherigen Errungenschaften in den Naturwissenschaften, in der Physik, Chemie und Elektrotechnik schon längst überwundene Kinderspielereien zu sein. In der Sternenwelt war er zu Hause wie ein Droschkenkutscher in seiner Vaterstadt. Die Gelehrten drückten ihre Bewunderung umso mehr durch Applaus aus, als sie gar nichts von alledem verstanden.

Wirklich interessant wurde es aber erst, als Richard zu den demonstrierenden Experimenten überging. Da konnte man mit den eigenen Sinnen prüfen und beurteilen. Doch das Staunen wurde schließlich noch größer.

Zweierlei ermöglichte es Richard, nicht nur ein Luftschiff, sondern ein Weltallschiff so in seiner Gewalt zu haben, dass er mit ihm in der Sternenwelt herumsegeln konnte: Erstens konnte er die beständig in der Luft befindliche Elektrizität beliebig benutzen und zweitens konnte er die Schwerkraft willkürlich aufheben und wiederherbeiführen.

Zur Gewinnung der Elektrizität aus der Atmosphäre hatte er eine chemische Masse präpariert, die er Elektrik nannte. Er zeigte eine Probe davon: eine dünne Platte, nicht stärker als Pappe, von dunkelrotem Aussehen. Er lehnte sie an die Fensterscheibe, befestigte dann einen Draht daran und war nun in der Lage, beliebig viele Funken beliebiger Länge zu erzeugen. Um auch einmal eine kleine Probe von wirklicher Kraft zu geben, isolierte er sich, nahm eine Platinstange von Armeslänge zwischen die ausgestreckten Hände, leitete den Strom hindurch – und die Platinstange zerfloss in Tropfen.

»Wenn das Elektrik aber direkt den Sonnenstrahlen ausgesetzt wird, vermag es noch ganz andere Kräfte zu entfalten«, meinte er schließlich leichthin.

Dem Experiment mit dem Almit, wie er das Metall, das nicht der Schwerkraft unterlag, genannt hatte – sein Hauptbestandteil war Aluminium – ging erst wieder eine stundenlange theoretische Erklärung voraus. Denn hierbei handelte es sich nicht etwa um eine Masse, die den Naturgesetzen ungehorsam war – eine solche gibt es bekanntlich nicht –, sondern der sogenannte Anziehungspunkt beruhte nach Richards Ansicht einfach auf der Erscheinung einer ganz besonderen Art von Ätherwellen, die er Anziehungsschwingungen nannte. Ebenso wie Glas Lichtwellen durchlässt, bot Almit Anziehungsschwingungen kein Hindernis, sobald es positiv elektrisch aufgeladen wurde.

Keuchend wälzten zehn Männer gerade einen gar nicht allzu großen, silbergrauen Block mit Hebebäumen herein. Das sollte der gewichtslose Almit sein. Um den Beweis seiner Behauptungen anzutreten, leitete Richard nun einen elektrischen Strom hindurch. Und tatsächlich: Als er den Block an einer Ecke mit zwei Fingerspitzen anfasste, hob er ihn wie eine Feder empor. Als er zurücktrat, schwebte der Block sogar frei in der Luft. Der elektrische Strom wurde ausgeschaltet. Nun schlug der Block donnernd auf die Grunddiele auf, sprang wieder hoch und schlug erneut donnernd auf. Dies wiederholte sich, denn der Block war elastischer als ein Gummiball. Die Elastizität war also eine zweite Eigenschaft des Almits, das außerdem unzerbrechlich war.

Richard beobachtete den springenden Block durch ein Instrument und entwarf eine schnelle Berechnung.

»Würde ich die Bewegung jetzt nicht aufhalten«, erklärte er, »würde er noch 846 Stunden, 25 Minuten und 0,32 Sekunden so weiter springen, ehe er vollkommen zur Ruhe käme. Nun werde ich den Herren zeigen, welche Wirkung negative Elektrizität auf Almit ausübt.«

Er hob die Schwerkraft des hüpfenden Blocks auf und legte ihn, die Drähte der Elektrikbatterie daran lassend, wie ein Federkissen auf ein Fensterbrett. Dann zog er die Uhr und sagte: »Jetzt ist der Block noch positiv elektrisch. Wollen die Herrschaften nun scharf auf den Block sehen? In dem Moment, wenn ich jetzt sage, schalte ich den positiven Strom aus und lasse dafür den negativen Strom hindurchgehen. Achtung – jetzt!«

Plötzlich war der Block spurlos von der Fensterbank verschwunden und man hörte nur ein sausendes Pfeifen, das schnell verklang.

Richard sah auf die Uhr, trat an die Tafel und rechnete: »Der Almitblock wurde von der Erde abgeschleudert und bewegt sich nun als Meteor mit einer Geschwindigkeit von 303 478,6588 Metern pro Sekunde durch den Weltraum.«

Dann wischte er die Berechnung ab und malte auch gleich noch die Flugbahn dieses neuen Meteors um die Sonne, die ganz von derjenigen der Erde abwich.

Die Eigenschaft, die die negative Elektrizität im Almit erzeugte, war hauptsächlich dafür verantwortlich, dass das Weltallschiff fliegen konnte. Es wurde erst gewichtlos gemacht. In dem Moment, in dem die Elektrizität gewechselt wurde, löste es sich von der Erde ab und wurde in das Weltall hinausgeschleudert – ähnlich wie eine Kugel von einer rotierenden Scheibe abgeschleudert wird. Dies war die erste Geschwindigkeit. Dazu kam das Gesetz des Beharrungsvermögens. Da sich die Erde nämlich mit einer mittleren Geschwindigkeit von 4,1 Meilen pro Sekunde um die Sonne bewegt, machte das abgeschleuderte Luftschiff auch diese Bewegung mit, allerdings in eine andere Richtung. Wie der junge Ingenieur weiter erklärte, konnte man diese Richtung ebenso wie die Geschwindigkeit ändern.

Es sollen nun noch die Hauptmerkmale des Luftschiffes hervorgehoben werden. Die kolossale Maschinerie des Weltallschiffs wurde durch Elektrizität angetrieben, die wiederum durch Elektrik erzeugt wurde. Die Hauptkraft der Elektrik lag im beständigen Wechsel von Erzeugen und Aufheben der Schwerkraft. Durch Verringern des Gewichts innerhalb des Schiffes selbst konnte außerdem die Richtung der Flugbahn verändert werden. Außerdem gab es eine Vorrichtung, um die vorrätige, von der Erde empfangene Kraft in Wärme umzuwandeln. Auf diese Weise konnte man sowohl die Geschwindigkeit mäßigen und sogar ganz hemmen als auch, wenn sich die Kraft derweil als Wärme immer mehr aufgespeichert hatte, die Geschwindigkeit bis zu jedem beliebigen Grad steigern.

Kurz, das Problem, im Weltall herumzufliegen und an jedem beliebigen Stern zu landen, war gelöst. Es fehlte nichts mehr, nicht einmal die Frage der Proviantierung machte noch Sorgen, denn Richard hatte durch chemische Experimente gezeigt, wie man aus den Elementen Stickstoff, Sauerstoff, Kohlenstoff und Wasserstoff Nahrungsmittel herstellen konnte, die dann nur noch der Kunst des Kochs überlassen waren. Diese Elemente konnten mit Leichtigkeit aus der Atmosphäre gewonnen oder in komprimiertem Zustand in einer Menge, die für die gesamte Schiffsmannschaft über Jahrhunderte ausreichte, mitgeführt werden. Donnernder Applaus belohnte den jungen Erfinder und ersten Weltallkapitän, der in den nächsten Tagen die Reise zum Mars antreten wollte, die er in zehn bis zwölf Wochen zurücklegen wollte.

Doch Richard lehnte jede vorzeitige Ehrung bescheiden ab. Er wies vielmehr darauf hin, dass auch die Weltallschifffahrt gelernt sein wolle. Zwar war er fest überzeugt, mit seinem Schiff fremde Weltkörper erreichen zu können, doch fehlte noch jede Erfahrung. Auch hier musste man mit Schiffbruch und unbekannten Mächten rechnen. Er sagte von vornherein, es stehe infrage, ob er den Mars überhaupt fände.

Vielleicht, schloss er scherzend, würde es ihm wie Kolumbus ergehen, der den Seeweg nach Ostindien suchen wollte und dabei Amerika entdeckte.

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