Aus den Geheimakten des Welt-Detektivs – Band 9 – 7. Kapitel
Aus den Geheimakten des Weltdetektivs
Band 9
Die Lady mit dem Kanarien-Brillant
7. Kapitel
Der Schneemann
Es war eine fürchterliche Gegend, in die der Geheimnisvolle den Aristokraten Lord Canbury zum nächtlichen Rendezvous bestellt hatte, um ihm den Kanarienbrillanten zu verkaufen.
Die Finchley Road liegt hoch im Nordwesten Londons und führt bereits aus der Riesenstadt hinaus.
Die Straße ist noch nicht einmal gepflastert und die Gebäude erheben sich in unregelmäßigen Abständen, sodass sich zwischen den Häusern gewaltige, unbebaute Plätze erstrecken.
Von der Finchley Road führt ein Tunnel nach South End.
Durch diesen Tunnel fährt die Midland-Eisenbahn, die von ihrer Station Haverstockfield Street kommend den Tunnel passiert, die Finchley Road kreuzt und dann West End London verlässt.
Die Gegend ist sehr einsam und wie jede spärlich bewohnte Gegend Londons bei Nacht außerordentlich gefährlich.
In dieser Nacht, in der ein Schneesturm über London fegte, sah Finchley Road nicht einladend aus.
Der Sturm setzte sich zwischen den Häusern fest, umheulte sie und stürzte sich dann brüllend in den Tunnel, der heute wie der Eingang zur Hölle aussah.
Es gehörte ein großer Entschluss und ein mutiges Herz dazu, in dieser furchtbaren Nacht ein Rendezvous in dieser schrecklichen Gegend zu vereinbaren.
Doch Lord Percy Canbury stand am Eingang des Tunnels, als ihm seine goldene Repetieruhr verriet, dass nur noch fünf Minuten bis halb zwei fehlten. Er wartete mit großer Aufregung und Ungeduld auf das, was da kommen sollte.
Vielleicht hätte Lord Canbury diesen Mut nicht einmal besessen, wenn es sich lediglich um die Wiedererlangung des Kanarienbrillanten gehandelt hätte. Denn so kostbar dieser Edelstein auch gewesen sein mochte, der reiche Lord hätte dieses Kleinod ganz gut verschmerzen können. Doch die Eifersucht tobte in der Seele des Lords und er glaubte fest daran, dass er hier Gewissheit über die Beziehung Fred Archers zu seiner Gemahlin erhalten würde.
Er war fest davon überzeugt, dass derjenige, der ihm den Kanarienbrillanten verkaufen würde, niemand anderes als Fred Archer selbst oder ein von ihm abgesandter Unterhändler sein würde.
Pünktlich war der geheimnisvolle Fremde allerdings nicht. Allerdings hatte er die Zeit zwischen ein und zwei Uhr festgestellt, sodass der Lord noch eine halbe Stunde in diesem fürchterlichen Schneegestöber warten musste.
Schneeflocken wirbelten um ihn herum, es war bitterkalt, der Sturm heulte um ihn herum, und dazu musste der Lord auch noch aufpassen, da es nicht ausgeschlossen war, dass plötzlich ein Zug der Midland-Eisenbahn aus dem Tunnel auftauchte.
Und tatsächlich – gegen 15 vor 2 Uhr vernahm der Lord plötzlich schrille Pfiffe, die gar nicht weit entfernt waren. Er sprang zurück, und an ihm vorüber fauchte und pustete eine Lokomotive, die mehrere Lastwagen zog.
Schnell verlor sich der Zug in der Ferne und der Lord war wieder allein.
Aber wahrscheinlich hatte der geheimnisvolle Briefeschreiber nur diesen Zug abwarten wollen. Während noch die Lichter des Zuges in der Ferne funkelten, regte sich plötzlich am Eingang des Tunnels etwas. Hart an der Mauer entlang kam ein Mann geschritten, der wie ein Jäger aussah.
»Das wird sicher nicht mein Mann sein«, sagte sich der Lord und trat zur Seite.
Es war ein hochgewachsener, junger, schlanker Mann von ungefähr 22 Jahren, der da vorüberging – sicher und unbekümmert.
Er trug ein Pelzjackett, das ihm bis zu den Hüften reichte, eine Pelzmütze, eine mittels eines Riemens an der Schulter befestigte Büchse, Jägermuffens, hohe Stiefel und eng anliegende Beinkleider.
Der Jäger schritt dicht an dem Lord vorüber. Kaum hatte er jedoch einige Schritte getan, drehte er sich plötzlich um und fragte mit scharfklingender Stimme: »Sie sind Lord Percy Canbury?«
»Der bin ich«, antwortete der Lord, während seine Hand unwillkürlich den Kolben seines Revolvers umklammerte, den er in der Tasche trug.
»Sie sind ganz allein gekommen? Gestehen Sie, wo befinden sich Ihre Begleiter?«
»Sehen Sie sich doch um«, versetzte Lord Percy mit einer Ruhe und Kaltblütigkeit, über die er sich selbst wunderte. »Wenn Sie eine Menschenseele außer uns beiden entdecken, bekommen Sie eine Belohnung dafür.«
Was die Zuversicht des Lords gestärkt hatte und ihm Mut gab, so zu sprechen, war ein höchst geringfügiger Umstand, der jedoch höchst charakteristisch war. Der Lord hatte keine Furcht mehr, als er sah, dass er es mit einem anständig gekleideten Menschen zu tun hatte.
Ein Nimrod, dachte sich der Lord, kann doch kein Verbrecher sein, wenigstens kein Halsabschneider, der sich auf einen anderen Menschen stürzt und ihn tötet, wie es vielleicht ein heruntergekommener Wegelagerer tun würde.
»Ich wusste, dass Sie allein gekommen waren«, versetzte der Jäger, »aber ich wünschte, diese Bestätigung aus Ihrem Munde zu hören.«
Dabei kam er ein wenig näher und Lord Canbury konnte ihn schärfer ins Auge fassen.
Das Gesicht dieses jungen Mannes besaß eine seltene Mischung aus Schönheit und Hässlichkeit.
Schön waren die dunklen Augen, das vorgeschobene Kinn und die leicht gebogene Nase.
Hässlich mussten die allzu üppigen Lippen und die niedrige Stirn genannt werden, die von schwarzem, krausen Negerhaar beschattet wurde.
»Kommen wir zu unserem Geschäft«, fuhr der junge Mann fort. »Haben Sie die 5.000 Pfund Sterling dabei, die Sie für den Brillanten zahlen sollen?«
»Ich habe sie zwar nicht in meiner Tasche«, antwortete Lord Canbury, der sich diese Antwort gut überlegt hatte, »aber sie befinden sich in meiner Nähe, sodass ich sie in fünf Minuten bezahlen kann.
Ich habe sie beim Wirt der Feldmaus deponiert. Wenn es Ihnen recht ist, wenn ich Sie dorthin begleite, können wir gleich den Handel abschließen.«
»In die Taverne Zur Feldmaus?«, gab der junge Jäger lachend von sich. »Ah, ich sehe, Sie haben Lust, uns in eine Falle zu locken. Aber ich bin ja nur ein Unterhändler und habe mich daher ganz nach den Instruktionen zu richten, die ich bekommen habe.«
»Und wie lauten Ihre Instruktionen?«, fragte Lord Canbury ruhig.
»Sie nach dem Wächterhaus zu bringen, das sich auf der anderen Seite des Tunnels befindet. Es ist ein Hundewetter und wir können unmöglich hier im Schneesturm unsere Werte austauschen. Sie werden verstehen, dass wir 5.000 Pfund Sterling in Noten heute Nacht im Freien nicht nachzählen können!«
»Gewiss nicht, und deshalb machte ich Ihnen den Vorschlag, unter Dach und Fach zu gehen.«
»Ein unannehmbarer Vorschlag«, erwiderte der Jäger. »Aber kommen Sie mit mir. Sie finden im Wächterhaus nicht nur den Mann, der Ihnen den Brillanten zurückgibt. Er wird Ihnen auch Dinge mitteilen, die Sie höchst interessieren werden. Dinge, die mit dem anonymen Brief im Zusammenhang stehen, den Sie kürzlich erhalten haben.«
Jeder Blutstropfen wich aus den Wangen des Lords. Dann blitzte es in seinen Augen auf und er stieß mit lauter Stimme die Worte hervor: »Schwören Sie mir, dass man mir, wenn ich Ihnen folge, die Wahrheit über eine Person sagen wird, deren Namen ich noch nicht aussprechen will?«
»Ich schwöre es Ihnen«, versetzte der Jäger. »Kommen Sie also gleich mit mir. Halten Sie sich hart an meiner Seite und lassen Sie uns vorsichtig gehen, damit wir nicht etwa in einen Zug hineinlaufen, der den Tunnel passiert. Nicht wahr, mein Herr?«, fügte der Jäger mit einem höhnischen Lächeln hinzu. »Sie haben das Geld bei sich, denn dem Wirt der Taverne Zur Feldmaus vertraut kein Mensch, der seine fünf Sinne noch hat, eine so große Summe an.«
»Und wer garantiert mir, dass man mich im Tunnel nicht überfällt und beraubt?«, fragte der Lord und erinnerte sich an die Warnung Sherlock Holmes.
»Dafür bürgt Ihnen der Umstand, dass wir Mann gegen Mann stehen.«
Mit dem einzigen Unterschied, dass Sie eine Büchse bei sich haben.«
»Ihnen wird es sicherlich nicht an einem Revolver fehlen. Im Übrigen, wenn Sie meiner Büchse misstrauen – sehen Sie her!«
Mit einer schnellen Bewegung riss der Jäger die Büchse von der Schulter, dann schien er sich nach einem geeigneten Platz umzusehen, an dem er die Büchse zurücklassen konnte.
»Ich bin nämlich bereit, meine Waffe hierzulassen«, sagte er zu dem Lord gewandt, »denn ich werde Sie später wieder hierherbringen. In dieser fürchterlichen Nacht kommt ganz gewiss kein Mensch hierher, der mir die Waffe stehlen könnte.« Ah, sehen Sie, hier haben die Gassenjungen, die tagsüber am Tunnel spielen, einen großen Schneemann aufgestellt. Dem will ich meine Büchse in den Arm geben. Nicht wahr, Mylord, Sie glauben auch, der wird keinen üblen Gebrauch davon machen?«
Hart am Eingang des Tunnels, etwa 20 Schritte von der Stelle entfernt, an der sie gestanden hatten, ragte ein großer Schneemann empor.
Die Kinder der Gasse hatten ihn offenbar gegen Abend erbaut und der starke Frost hatte die Schneemasse vorzüglich zusammengehalten.
Er war gar nicht schlecht gemacht. Die Kinder hatten ihm das Aussehen eines Strolches gegeben, der in zerlumptem Rock, mit gebogenen Knien und ausgebreiteten Armen dastand.
»So, da nimm meine Büchse«, rief der Jäger und lehnte sie dem Schneemann an die rechte Achsel. »Passe mir gut auf die Waffe auf!« Nicht wahr, Mylord, jetzt sind Sie mit mir zufrieden. Nehmen Sie nun Ihren Revolver aus der Tasche und begleiten Sie mich.«
Lord Canbury war nun fest überzeugt, dass man mit ihm ein ehrliches Spiel trieb, da sein Begleiter unbewaffnet war und er einen Revolver besaß. Er glaubte, sich getrost in den Tunnel hineinwagen zu können. Die Aussicht, von dem geheimnisvollen Unbekannten Auskunft über das Verhältnis seiner Gattin zu Fred Archer zu erhalten, lockte ihn mit unwiderstehlicher Gewalt.
»Also Seite an Seite«, versetzte der Lord.
»Gewiss«, erwiderte der Jäger, »wenn es Ihnen beliebt, gehen Sie voraus. Denn Sie werden doch nicht von mir verlangen, dass ich einen Mann mit einem Revolver hinter mir gehen lasse.«
»Gewiss nicht«, entgegnete der Lord und schritt voraus.
Die Eifersucht verblendete ihn und raubte ihm jedes klare Denken. Denn sonst hätte er sich niemals verleiten lassen, mit einem Unbekannten in den düsteren Schlund hinabzusteigen.
Eine Viertelminute verging. Der Sturm umheulte den Tunnel. Von dem Lord und seinem Begleiter war nichts mehr zu sehen.
Da plötzlich wurde der Schneemann lebendig.
Er fasste die Büchse, die der Jäger zurückgelassen hatte, mit der rechten Hand, dann schüttelte er sich und die Schneemassen stürzten von ihm herab.
Zum Vorschein kam das Gesicht und die Gestalt Harry Taxons.
Mit genialer Art hatte Harry den Auftrag Sherlock Holmes’ vollzogen, ein wachsames Auge auf Lord Canbury zu haben.
Noch ehe der Lord den Tunnel erreicht hatte, war Harry bereits dort gewesen, hatte sich schnell zum Schneemann herausstaffiert, indem er sich im hochliegenden Schnee gewälzt und diesen an sich gepresst hatte, und so hatte er nun dagestanden und gewartet.
Kein Wort der Unterredung zwischen dem Jäger und dem Lord war ihm entgangen. Harry musste sich zusammenreißen, um nicht laut aufzulachen, als der fremde Jäger ihm, dem bewegungslosen Schneemann, seine Büchse anvertraute.
»Sie wollen ihn töten«, sagte Harry zu sich selbst. »Ich werde ihnen einen Strich durch die Rechnung machen. Schnell ihnen nach! Dem Fremden jage ich eine Ladung in die Beine, um ihn kampfunfähig zu machen. Und den Lord werde ich aus dem Tunnel retten. Also, vorwärts! Nicht warten!«
Harry stürzte so schnell er konnte in den Tunnel hinein. Er hörte nicht mehr die drei schrillen Pfiffe, die plötzlich über die Einöde der Finchley Road hallten und offenbar für sein Ohr bestimmt waren.
Am letzten Haus der Finchley Road tauchte eine Gestalt auf, die wie ein Strolch aussah – es war Sherlock Holmes.
Schreibe einen Kommentar