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Detektiv Nobodys Erlebnisse und Reiseabenteuer Band 1 – Teil 12

Detektiv Nobodys Erlebnisse und Reiseabenteuer
Nach seinen Tagebüchern bearbeitet von Robert Kraft
Band 1
Kapitel 2, Teil 7

Wir versetzen uns in das bescheidene Empfangszimmer der Villa von Sir Edward Clane – für einen Mann mit solchen Einkünften war es zumindest bescheiden eingerichtet. Denn wenn er es sich leisten konnte, dann ließ sich dieser Rechtsanwalt sehr gut für seine Verteidigung bezahlen – aber nicht für sich selbst. Er übergab alles einer Arbeitsanstalt für entlassene Sträflinge. Er selbst war völlig anspruchslos. In seinem Beruf hatte er nicht einmal Zeit zum Heiraten. Eine alte Köchin und ein Diener genügten ihm. Und die große Villa benötigte er nur wegen seiner reichen Büchersammlung.

»Fred M. Beken, Philadelphia«, stand auf der Visitenkarte, die der Gentleman abgegeben hatte. Er wartete in einer Vormittagsstunde in diesem Empfangszimmer auf die Rückkehr des Dieners oder den Eintritt des Hausherrn.

Es war ein älterer Herr mit einem glattrasierten, von Falten durchzogenen Gesicht. Das stark hervortretende Kinn und die eckigen Züge charakterisierten ihn unverkennbar als echten Yankee. Der Diener hatte das auch sofort aus den Nasallauten seines englischen Dialekts herausgehört.

Kalt und starr blickten die klugen Augen, doch seltsam war, dass diese sonst so starren Augen blitzschnell wanderten, als sich die Tür hinter ihm geschlossen hatte, durch das ganze Zimmer, als wollten sie jeden Gegenstand umfassen und seine Form unauslöschlich dem Gedächtnis einprägen.

Noch seltsamer war, was der Herr in der nächsten Minute tat.

Nachdem er das Zimmer musterte, warf er noch einen Blick zur Tür, hinter der der Diener verschwunden war. Er beugte den Oberkörper wie lauschend vor, trat dann schnell vor einen Wandspiegel, nahm den goldenen Klemmer ab, legte beide Handflächen auf sein Gesicht, als wolle er die Falten glätten, nahm die Hände weg – und tatsächlich, der Spiegel zeigte ihm das faltenlose Antlitz eines jungen Mannes, das mit dem vorherigen nichts mehr gemein hatte. Doch es war nur wie ein Phantom. Mit den Fingerspitzen tupfte und zog er im Gesicht herum. Die hervorgebrachten Falten blieben stehen. Er drückte mit der Hand sein Kinn hervor und es war, als wäre dieses aus Gummi oder besser noch aus Wachs, denn es verharrte ebenfalls in seiner Lage. Nun quetschte er die Nase noch etwas zusammen. Als der Diener wieder hereinkam, sah er genau denselben alten Herrn mit dem charakteristischen Yankeegesicht.

»Sir Clane ist sehr stark beschäftigt und lässt erst um Angabe bitten, in welcher Angelegenheit er Sie sprechen soll.«

»In Sachen des Keigo Kiyotaki«, war die kurze Antwort des fremden Besuchers, der keinen in England unentbehrlichen Empfehlungsbrief abgegeben hatte.

Diesmal blieb der Diener keine zehn Sekunden aus.

»Sir Clane lässt bitten.«

Mr. Beken betrat das mit Büchern vollgestopfte Arbeitszimmer und stand vor der ehrwürdigen Gestalt des alten Rechtsanwalts.

»Verzeihen Sie, wenn ich Sie störe …«

»Wenn Ihr werter Besuch meinen Klienten betrifft, so habe ich stets Zeit. Bitte, nehmen Sie Platz.«

»Ich habe eine Agentur für Tee, China- und Japanwaren in Philadelphia«, begann der Amerikaner mit präziser Kürze. »Ich halte mich hier geschäftlich auf. Ich war viele Jahre in Japan. Keigo Kiyotaki selbst kenne ich nicht, aber seinen Vater und einen seiner Brüder, Dai Oky Goto, habe ich persönlich gekannt. Mir geht die ganze Geschichte durch den Kopf. Mir ist dabei etwas nicht klar. Warum will der Junge nicht sprechen?«

»Weil er ein Japaner ist, der sich mit orientalischem Phlegma in das Unvermeidliche schickt.«

»Nein. Ich kenne die Japaner. Hier liegt etwas anderes vor, irgendein Rätsel. Keigo Kiyotaki kann den Mord gar nicht begangen haben …«

»Was sagen Sie da?!«, rief der Rechtsanwalt mit verständlicher Überraschung.

»Nein, kann nicht, weil er ein Sintus ist.«

»Was ist er?«

»Ein Sintus. So heißen die Bekenner des alten Sinsyn-Glaubens. Ein Sintus darf kein Blut vergießen, nicht töten, nicht einmal eine Fliege.«

»Mr. Beken, wir sind alle schwache Menschen …«

»I beg your pardon. Wenn Keigo einmal Blut vergossen hätte oder jemanden dazu verleitet hätte, es für ihn zu vergießen, dann würde er sich nicht aufhängen, sondern Harakiri begehen … kchkchkch.«

Mit einem nicht wiederzugebenden Laut machte der Amerikaner die Bewegung des Bauchaufschlitzens.

»Oder, wenn er kein Messer hat«, setzte er noch hinzu, »sich in seiner Zelle aufhängen oder seine Zunge verschlucken oder sich auf irgendeine andere Weise das Leben nehmen. Ich kenne den Japaner, der findet immer ein Mittel dazu.«

Erregt war Sir Clane aufgestanden, um einen Gang durch das Zimmer zu machen. Wahrhaftig, dieser Mann brachte ihn auf einen Gedanken, auf den noch kein Mensch in London gekommen war – und das, obwohl es dort doch auch gründliche Japankenner gab.

»Ja, aber … das bei ihm gefundene Schwert …«

»Das hat er von Mr. Deacon auf ganz ehrliche Weise bekommen.«

Der Rechtsanwalt blieb wie erstarrt stehen.

»Das heißt«, fuhr der Yankee durch die Nase fort, »auf eine für uns christliche Europäer ganz ehrliche Weise. In den Augen eines Japaners mag er ein großes Verbrechen begangen haben. Vielleicht hat er für das ihm so wertvolle Schwert dem Mr. Deacon, der sich doch für alles Japanische interessierte, ein wichtiges Geheimnis seiner Priesterkaste verraten. Aber das darf kein Japaner erfahren. Deshalb schweigt der Junge. Er will lieber sterben, als von seinem Volk verdammt zu werden. Und weil er sich nicht selbst töten darf, verteidigt er sich nicht. Er will von anderer Hand gehängt werden. – Sir Clane, ich möchte diesen Keigo Kiyotaki gern einmal sehen. Vielleicht bringe ich ihn ja zum Sprechen. Könnten Sie mir diese Gelegenheit verschaffen?«

»Aber sofort! Sofort!« rief der Rechtsanwalt, dem als Verteidiger jederzeit eine Unterredung unter vier Augen mit dem Angeklagten gewährt werden musste.

Fünf Minuten später befanden sich die beiden im Wagen. Der Weg zum Untersuchungsgefängnis führte sie auch durch die Bedford Street am Haus des Mr. Deacon vorbei.

»Nicht wahr, das Haus wurde vom Erbschaftsgericht versiegelt?«, fragte Mr. Beken.

Sir Clane bestätigte es und erläuterte näher, wie es dazu gekommen war.

Gleich am Tag nach der Mordnacht war Loftus Deacons Testament eröffnet worden. Der Erbe seiner kostbaren Raritäten war das Britische Museum. Dieses Testament wurde jedoch sofort von den eigentlich Erbberechtigten angefochten, da es Unklarheiten enthielt. Einerseits behaupteten die anderen Erben, die Schenkung erstrecke sich nur auf die Sachen, die Mr. Deacon bis zu dem Zeitpunkt angeschafft hatte, als er das Testament unterzeichnete. Andererseits habe das British Museum kein Recht, das gesamte Haus als Museum zu beanspruchen.

Nun gibt es in England ein eigentümliches Gesetz. Sobald es zweifelhaft ist, wer der rechtmäßige Besitzer eines Hauses ist, wird dieses unter Siegel genommen, solange der Prozess schwebt. Ein Zinshaus muss augenblicklich – oder doch innerhalb von zwölf Stunden – von sämtlichen Mietern geräumt werden. Die Türen und Fenster werden versiegelt. Kein Handwerker, kein Gerichtsbeamter, niemand darf das Haus mehr betreten, bis die Sache entschieden ist.

So war es auch mit Deacons Haus. Die gerichtliche Untersuchung war am zweiten Tag nach der Mordnacht bereits abgeschlossen, die Diener mussten es sofort verlassen und niemand hatte Zutritt – Ausnahmen gibt es allerdings immer. Die Staatsanwaltschaft hätte das Haus noch betreten können, hatte die richterliche Untersuchung jedoch bereits für beendet erklärt.

»Schade«, meinte Mr. Beken, »ich hätte die japanischen Altertümer gern einmal besichtigt. Gibt es keine Möglichkeit, noch einmal hineinzukommen?«

»Nein, das ist ganz ausgeschlossen«, erklärte der kundige Rechtsanwalt, »und so bald wird dieser Prozess nicht entschieden sein, da kann ein Jahr vergehen.«

Der Wagen hielt vor dem Untersuchungsgefängnis und der Verteidiger des Angeklagten stellte an vorschriftsmäßiger Stelle sein Verlangen.

»Können wir mit dem Gefangenen allein und ungestört sprechen?«, fragte der Amerikaner, als sie etwas warten mussten.

»Selbstverständlich«, entgegnete der Rechtsanwalt.

»Wir werden auch nicht belauscht?«

»O nein, mein Herr, was meinen Sie wohl! Das würde ich mir sehr stark verbitten!«

Die beiden betraten die Zelle. Teilnahmslos saß der junge Japaner da und wandte nicht einmal den Kopf nach den Eintretenden. Mr. Beken redete ihn erst in fließendem Japanisch an, dann, mit Rücksicht auf den Rechtsanwalt, sprach er auf Englisch zu ihm und sagte, dass er seinen Vater und seinen Bruder gekannt habe. Keine Antwort, kein Blick. Dann setzte sich der Amerikaner ihm gegenüber und …

Doch nun müssen wir die beiden aus einem besonderen Grund allein lassen.

»Dieses hartnäckige Schweigen ist mir unbegreiflich«, sagte Sir Clane, als sie nach einer Viertelstunde die Zelle wieder verließen.

»Ja, ich hatte gehofft, ihn zum Sprechen bringen zu können«, entgegnete der Amerikaner.

Der Besuch war also erfolglos gewesen, Keigo Kiyotaki hatte kein Wort über seine Lippen kommen lassen.

Aus welchem besonderen Grund durfte der geneigte Leser dann nicht weiter in der Zelle bleiben?

Das soll später bei Gelegenheit erläutert werden, nun ist es noch nicht Zeit dazu.

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