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Aus den Geheimakten des Welt-Detektivs – Band 9 – 5. Kapitel

Aus den Geheimakten des Weltdetektivs
Band 9
Die Lady mit dem Kanarien-Brillant
5. Kapitel
Mrs. Bonnets Fehltritt

»Ich werde Ihnen den Brillanten wiederbeschaffen, Mylady, und wenn es mein Leben kostet.«

Mit diesen Worten verabschiedete sich Sherlock Holmes von Lady Diana, nachdem er sie bis an die Ecke der Baker Street gebracht hatte, wo der Wagen auf die Lady wartete.

»Man hat mich bestohlen, Mylady, und ich behaupte, das ist eines der geheimnisvollsten Verbrechen, das seit vielen Jahren in London begangen wurde. Doch ich, der ich so vielen Menschen schon erfolgreich bei der Lösung von Rätseln und der Aufklärung von Geheimnissen, die unergründlich erschienen, beigestanden habe, werde hoffentlich in meiner eigenen Sache nicht versagen.«

Die Lady hatte dem Detektiv nochmals die Hand gedrückt und ihm zugeflüstert: »Kränken Sie sich nicht, Mr. Sherlock Holmes. Selbst wenn dieser unselige Brillant nicht wiedergefunden werden sollte – was liegt daran? Mein Gatte ist durch seinen Besitz nicht um vieles reicher und durch den Verlust nicht um vieles ärmer.«

»Aber ich würde erheblich ärmer werden«, antwortete Sherlock Holmes, »wenn es mir nicht gelänge, den Brillant wieder an seinen Platz zu bringen, denn ich würde vor mir selbst die Achtung verlieren und das Vertrauen in meine Kraft.« Ein Detektiv ohne Selbstbewusstsein, ohne die Überzeugung, fast unfehlbar zu sein, vermag nicht zu bestehen. Deshalb stehe oder falle ich mit der Wiedererlangung des Brillanten. Gute Nacht, Mylady! Sie sehen mich nur mit dem Brillant wieder.«

Sherlock Holmes schloss den Wagenschlag hinter der Frau und kehrte schnell ins Haus zurück.

Als er an der Tür vorbeikam, hinter der Mrs. Bonnet schlief, klopfte er an und rief: »Haben Sie die Güte, Mrs. Bonnet, stehen Sie auf und ziehen Sie sich an, ich habe mit Ihnen zu reden. Ich erwarte Sie sogleich in meinem Zimmer!«

»Um Gottes willen, was gibt es denn, Mr. Sherlock Holmes? Doch kein Feuer im Haus?«

»Nein, Mrs. Bonnet, ängstigen Sie sich nicht, aber kommen Sie sogleich zu mir!«

Mit leichten, elastischen Schritten, als hätte er sich um zehn Jahre verjüngt, schritt Sherlock Holmes die Treppe empor.

Die große Aufgabe hatte die Energie des außergewöhnlichen Mannes nur erhöht.

Wie immer fühlte er sich nun, da er all seine geistigen Kräfte zusammennehmen musste, frischer und lebendiger.

Sobald er das Zimmer betrat, hob er das Stück Holz auf, das er zuvor in seiner Wut weggeworfen hatte, und betrachtete es genau.

»Es bleibt dabei: ein Stück gewöhnliches Holz, nicht einmal echte Eiche, sondern nur auf Eichenart gebeizt«, sagte er. »Wichtig ist jedoch, dass dieses Stück Holz sorgsam vorbereitet wurde, denn es hat genau die gleiche Größe wie die anderen Schreibtischbeine – 20 Zentimeter.«

Sherlock Holmes hatte einen elfenbeinernen, zusammenlegbaren Maßstab hervorgezogen und die Größe des Holzstücks in seiner Hand festgestellt. Nun führte er das Stück Holz an seine Nase.

»Die Beize ist frisch«, stellte er fest. »Ich möchte behaupten, dass das Holz erst heute im Laufe des Tages, wahrscheinlich erst am Nachmittag, bereitet worden ist. Gut«, sagte er, legte das falsche Schreibtischbein auf den Tisch, verschränkte die Hände auf dem Rücken und begann, im Zimmer auf und ab zu gehen. Dabei murmelte er halblaut vor sich hin: »Gut – es wird jetzt darauf ankommen, wer das Geheimnis meines Verstecks wusste. Eigentlich wissen nur Harry Taxon und ich davon.

Ich kann mich nicht selbst bestehlen und Harry hat es sicherlich nicht getan.

Ebenso bin ich von seiner Verschwiegenheit fest überzeugt. Mrs. Bonnet ist eine liebe, einfache Frau, auf die ich mich in jeder Beziehung verlassen kann.

Schließlich muss aber eine Person in mein Zimmer gekommen sein, die den Austausch der Beine besorgt hat. Das ist allerdings nahezu ausgeschlossen, denn Mrs. Bonnet hat den strikten Befehl, in meiner Abwesenheit niemanden in mein Zimmer zu lassen. Und sie wird von dieser Anordnung niemals abgewichen sein. Mrs. Bonnet, ein Fremder hat dieses Zimmer nicht betreten, oder?«

»Gott bewahre, Mr. Sherlock Holmes«, antwortete die alte Hausdame, die inzwischen das Zimmer betreten hatte, »ich weiß ja, dass Sie das ein für alle Mal streng verboten haben.«

»Nun, Mrs. Bonnet, ich muss Ihnen leider mitteilen, dass im Laufe des heutigen Nachmittags trotzdem ein Fremder hier war. Derselbe muss sich ohne Ihr Wissen über die Treppe hinaufgeschlichen haben.«

»Ja, wenn die Haustür nicht verschlossen gewesen wäre, könnte das möglich sein. Aber die Haustür war den ganzen Tag fest verschlossen.«

»Nun, denken Sie genau nach, Mrs. Bonnet«, forderte Sherlock Holmes, während er dicht vor die alte Dame trat, die nur mit Unterrock und Nachtjacke bekleidet vor ihm stand. »Wem haben Sie im Laufe des Nachmittags die Tür geöffnet?«

Mrs. Bonnet strengte offenbar ihr Gehirn an, denn sie schwieg eine Minute lang und fuhr sich mit dem Zeigefinger der rechten Hand beständig über die Nasenspitze, als wollte sie ihre Gedanken aus der Nase kitzeln. Offensichtlich hatte sie, so plötzlich aus dem Schlaf gestört, ihre Gedanken noch nicht ganz beisammen.

»Warten Sie, Mr. Sherlock Holmes«, sagte sie schließlich, »da war zuerst der Milchmann. Er wurde an der Haustür abgefertigt. Dann klingelte es, und es kam der Küster Metcalf. Sie kennen ihn ja, Mr. Sherlock Holmes. Metcalf ist an der Trinitykirche angestellt, und weil er mein einziger lebender Verwandter ist, hat er mir einen Besuch abgestattet.«

»Sie ließen den Küster also eintreten und begaben sich mit ihm, wie ich glaube, auf Ihr Zimmer, um dort ein Plauderstündchen mit ihm zu halten?«

»Oh nein, Mr. Sherlock Holmes, ich habe mit ihm zwischen Tür und Angel gesprochen. Er war durch nichts zu bewegen, Kaffee oder Tee bei mir zu nehmen, denn er hatte große Eile. Er kam nur, um mir mitzuteilen, dass sein ältester Sohn, der in Amerika lebt, ein Töchterchen bekommen hat.«

»Metcalf ging also wieder, ohne das Haus betreten zu haben?«

»Ja, ganz bestimmt. Sie können Patty fragen. Gerade als ich mit meinem Vetter, dem Küster, an der Tür sprach, kam er und brachte die Briefe von der Post.«

»Sie nahmen Patty also die Briefe ab und er ging weiter?«, fragte Sherlock Holmes.

»Nein, das tat ich nicht. Patty lief an mir vorbei und sagte: ›Ich weiß schon, Mr. Sherlock Holmes ist nicht zu Hause. Er hat den Empfangsschein für den rekommandierten Brief, den er gestern erhalten hat, auf dem Schreibtisch liegen lassen. Ich werde ihn mir holen, Mrs. Bonnet. Lassen Sie sich in Ihrem Gespräch nicht stören. Dabei nehme ich auch gleich den Brief mit hinauf.‹«

Sherlock Holmes zuckte leicht zusammen.

Dann presste er die Lippen aufeinander, schloss die Augen für einen Moment und als er sie wieder öffnete, waren sie mit einem Ausdruck erfüllt, wie ihn ein Tiger in seinen grimmig funkelnden Augen haben mag, wenn er sich zum Sprung auf sein Opfer anschickt.

»Mrs. Bonnet«, stieß er mit heiser klingender Stimme hervor, »denken Sie einmal scharf nach, wenn Sie mir nun eine Frage beantworten sollen. Stand Patty Ihnen mit dem Gesicht zugewandt oder mit dem Rücken, als er Ihnen jene Worte zurief?«

»Habe ich vielleicht eine Dummheit angestellt, Mr. Sherlock Holmes?«, rang es sich von den Lippen Bonnets. Bonnets.

»Der Junge wartete nicht ab, bis ich ihn zurückhalten konnte. Und dann glaubte ich auch, Sie hätten ihm wegen des Empfangsscheins von dem rekommandierten Brief erlaubt, Ihr Zimmer zu betreten. Patty ist doch ein braver Junge, den wir seit Jahren kennen. Ich wusste, dass er seinen kranken Vater im Dienst vertrat. Er trug ja auch die Uniform. Und dann …«

»Stand er mit dem Gesicht Ihnen zugewandt oder mit dem Rücken?«, rief Sherlock Holmes heftig, stampfte zornig mit dem Fuß auf den Boden und trat der bestürzten alten Dame einen Schritt näher.

»Sein Gesicht habe ich gar nicht gesehen. Er lief gleich die Treppe hinauf. Aber ich schwöre Ihnen, Mr. Sherlock Holmes, es dauerte keine drei Minuten, bis er wieder unten war. Gerade, als ich meinem Cousin, dem Küster, die Hand schüttelte und ihm Adieu sagte, kam er wieder. Und hinter Patty und dem Küster schloss ich zugleich die Tür.«

»Nun denn, Mrs. Bonnet«, rang es sich ruhig, doch tonlos, über die Lippen des Detektivs. »Sie haben nicht Patty, den Sohn des Briefträgers, eingelassen, sondern einen Gauner, der mir einen großen Verlust zugefügt hat. Aber ich muss gestehen, der Trick ist ausgezeichnet ausgedacht und muss das Resultat scharfer Beobachtung meiner Lebensweise und der Bewachung dieses Hauses sein.«

»Barmherziger Gott«, schrie Mrs. Bonnet. »Patty war also nicht Patty?«

»Nein, Patty war nicht Patty, das steht fest. Und nun, Mrs. Bonnet, legen Sie sich wieder schlafen – gute Nacht!«

»Teurer Mr. Sherlock Holmes«, rief Mrs. Bonnet mit Tränen in den Augen, »schicken Sie mich fort, wenn Sie mich nicht brauchen können. Ich bin vielleicht schon zu alt, aber Sie wissen, während der zwanzig Jahre, in denen ich in Ihren Diensten stehe, leben wir unter einem Dach, und niemals ist das Geringste vorgekommen.«

»Ich weiß, gute Frau«, rief Sherlock Holmes. »Lassen Sie sich kein graues Haar darüber wachsen«, fügte er lächelnd hinzu und blickte dabei auf den grauen Kopf der alten Dame. »Gewöhnen Sie sich nur für die Zukunft daran, jedem Menschen scharf ins Gesicht zu sehen. Ich kann Ihnen versichern, dass dies das einzige Mittel ist, um Menschen einigermaßen zu erkennen. Der Rücken verrät nicht viel, das Gesicht hingegen alles. Gute Nacht, Mrs. Bonnet!«

Sobald sich die Tür hinter Mrs. Bonnet geschlossen hatte, trat Sherlock Holmes an den Tisch, tippte mit dem Finger auf die Tischplatte und murmelte vor sich hin: »Patty ist nicht Patty, das steht so fest wie ein mathematischer Grundsatz. Wenn Patty aber nicht Patty war, wer war er dann? Das wäre vor allem zu ergründen. Und nun weiß ich schon, wo ich den Hebel einsetzen werde, um die Ereignisse ins Rollen zu bringen. Ich habe mich geirrt. Es sind nicht zwei Personen, die um das Geheimnis dieses Schreibtisches wussten. Es war bekannt, dass sich im vorderen rechten Untersatz ein hohler Raum befand, der sich durch eine Feder öffnen ließ. Nein, es gibt noch eine dritte Person, der ich heute Nacht noch in die Augen sehen will. Ich glaube, mich auf der richtigen Fährte zu befinden.«

Im nächsten Moment wandte sich Sherlock Holmes einer Tür zu, die in sein Schlafzimmer führte.

Er öffnete einen großen, in die Mauer eingelassenen Schrank, in dem es aussah wie in einer Maskenleihanstalt.

Aus dem großen Vorrat von Verkleidungsstücken wählte er eine alte, zerrissene Hose, eine Weste zweifelhafter Qualität und einen langen Rock, der so viele Flicken aufwies, dass man den ursprünglichen Stoff nicht mehr erkennen konnte.

Nachdem er diese Kleidungsstücke angelegt hatte, die ihm das Aussehen eines Strolches verliehen, setzte er eine struppige, graue Perücke auf und befestigte einen kurzen Vollbart aus grauweißem Haar vor seinem Gesicht.

Dann ergriff er einen Knotenstock, steckte seinen Revolver und seinen Schlagring ein, setzte eine Schildmütze auf und nickte wohlgefällig, als er sein keineswegs anziehendes Konterfei im Spiegel erblickte.

Eine halbe Minute später löschte er die Lampe aus, verließ das Haus und schloss die Tür leise hinter sich. Nun blieb nur noch Mrs. Bonnet zurück.

Die Ärmste wälzte sich schlaflos auf ihrem Lager und beweinte ihren ersten Fehltritt im Dienste Sherlock Holmes’.

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