Frank Reade Library – Nummer 1 – Kapitel 3
Frank Reade jr. und sein neuer Dampfmann
Oder: Die Reise des jungen Erfinders in den Wilden Westen
Kapitel 3
Auf den Prärien
Die Szenerie unserer Geschichte ändert sich nun drastisch.
Wir versetzen die Lesenden von Readestown in die Weiten des Fernen Westens. Ganze fünfhundert Meilen von der Zivilisation entfernt, mitten im feindlichen Sioux-Gebiet.
Frank Reade Jr. hatte den Dampfmensch so weit wie möglich per Eisenbahn transportiert.
Von dort aus reiste er den Rest des Weges über Land.
Bis jetzt hatte sich auf ihrer Reise nichts Aufregendes ereignet. Doch sie standen kurz vor den aufregendsten Abenteuern, wie der Leser später zustimmen wird, die der Mensch erleben kann.
Mit der weiten, rollenden Prärie auf allen Seiten konnte man an einem Morgen im Juni den Dampfmensch in gemäßigtem Tempo entlanggehen sehen.
Frank Reade jr. saß mit Barney und Pomp im Wagen.
Er hielt die Zügel fest und sein scharfer Blick schweifte in alle Richtungen über die Prärie.
So weit das Auge reichte, blieb derselbe weite Ausblick. Es gab wenig, das die Monotonie durchbrach.
Barney und Pomp nutzten eine Pause in ihren Pflichten, um hinten im Wagen eine Runde Poker zu spielen.
Diese beiden einzigartigen Charaktere waren, obwohl sie die besten Freunde waren, dennoch ständig damit beschäftigt, sich gegenseitig zu necken oder Streiche zu spielen.
»Bejabers, ich setze zehn mehr«, rief Barney und warf eine Handvoll Chips hin. »Ich wette, du bluffst nur. Du kannst mich nicht täuschen.«
»Du wirst schon sehen, dass dieser Schwarze nie blufft«, entgegnete Pomp mit einem Kichern. »Pass besser auf dich auf, Pish.«
»Begorra, ich habe keine Angst vor dir, und ich setze die zehn«, rief Barney.
Ein breites Grinsen lag auf Pomps Gesicht. Er hob zehn Chips auf und legte dann zehn weitere dazu.
»Halt, Pish, ich erhöhe auf zehn.«
»Ich nehme an, Be Hivens!«, rief Barney und warf zehn weitere Chips hinein.
Dann legte er seine Hand nieder.
»Kannst du das schlagen?«, rief er triumphierend. »Gib uns den Pott, Kerl. Du taugst nichts.«
Doch dann legte Pomp eine Hand über den Haufen Chips.
»Warte mal einen Moment, Pish.«
»Whurro! Du kannst es nicht schlagen!«, rief Barney zuversichtlich.
Er hatte eine gute Hand mit vier Königen und zwei Assen gespielt. Doch dann legte Pomp ruhig vier Asse hin!
Das Bild war eines Künstlers würdig. Einen Moment lang starrten die beiden verblüfft auf die sechs Asse. Es war ein sehr merkwürdiges Phänomen, dass es sechs Asse in einem Kartenspiel gab.
Dann sprang Barney wütend auf.
»Begorra, du bist ein großer Betrüger!«, rief er verärgert. »Wer hat je so etwas gesehen? Bei meiner Seele, der ganze Haufen gehört mir!«
»Leg deine Hände nicht auf die Chips, Pish!«, rief Pomp wütend.
»Vielleicht kannst du mir erklären, woher du die zwei Asse hast?«
»Bejabers, die waren im Spiel. Aber vielleicht kannst du mir erklären, woher du die vier Asse hast.«
»Ich sage dir, Pish, die waren im Spiel.«
»Bejabers, das ist das erste Kartenspiel, das ich je mit sechs Assen gesehen habe«, entgegnete Barney.
»Jetzt gib mir nicht deinen Quatsch, Pish!«, plusterte Pomp. »Ich mach es dir leid, wenn du es tust.«
»Bejabers, du hast nicht die Größe!«
»Pass auf dich auf, Pish!«
»Whurroo!«
Der Tisch kippte um, die Chips fielen auf den Boden des Wagens und die beiden wütenden Pokerspieler gerieten in einen lebhaften Ringkampf.
Einen Moment lang hatte Barney die Oberhand, dann brachte Pomp den Iren zu Fall und beide landeten in einem Haufen auf dem Wagenboden.
Sie stießen gegen die Drahttür im hinteren Teil des Wagens.
Sie war unverschlossen, gab unter dem Druck nach und die beiden Spaßvögel fielen hindurch. Sie landeten auf dem harten Prärieboden.
Sie rollten in einer Staubwolke herum. Hätten sie nicht eine überdurchschnittliche Konstitution gehabt, hätten sie sich die Knochen gebrochen.
Aber sie standen beide unversehrt auf.
Der Dampfmensch hatte sich bereits hundert Meter entfernt, als Frank Reade jr. bemerkte, dass seine Begleiter verschwunden waren. Er schloss sofort die Drosselklappe und hielt den Menschen an.
»Das haben die Schlingel davon«, murmelte Frank, als er sah, wie sie sich aufrichteten. »Sie treiben immer Schabernack, und das führt nie zu etwas Gutem.«
Frank hatte den Dampfmensch gestoppt. Er wartete darauf, dass die beiden Spaßvögel sich aufrafften und zum Wagen zurückkehrten.
Doch in diesem Moment ereignete sich etwas Aufregendes.
Barney und Pomp waren in der Nähe eines kleinen Wäldchens gestürzt.
Aus diesem preschte eine Gruppe berittener Sioux mit wilden Schreien heraus.
Sie waren eine Kriegstruppe, bemalt und mit Federn geschmückt, in voller Kriegsbemalung.
Die Bedrohung, der die beiden Spaßvögel ausgesetzt waren, war nicht zu unterschätzen.
Offensichtlich wollten die Wilden verhindern, dass sie den Dampfmensch wieder erreichten. In diesem Fall wäre ihr Schicksal besiegelt gewesen.
Aber Barney reagierte schnell und erkannte die Situation sofort.
Mit einem wilden Schrei stürmte er in einem wahnsinnigen Lauf in Richtung des Dampfmenschen. Es war eine Frage von Leben und Tod, und er lief so schnell wie nie zuvor in seinem Leben.
Pomp hatte weniger Glück. Während Barney seinen Verfolgern davonlief und es tatsächlich schaffte, den Wagen zu erreichen, fand sich der Afroamerikaner plötzlich abgeschnitten.
Indianerponys umkreisten ihn und die roten Reiter schrien und heulten wie Dämonen.
Vor Angst und Verzweiflung war der arme Afroamerikaner außer sich.
»Verdammte Güte!«, schrie er, während ihm die Haare zu Berge standen. »Was soll ich jetzt tun? Ich bin ein toter Mann.
Es sah tatsächlich so aus. Die Wilden kamen näher und ein halbes Dutzend von ihnen stieg ab und stürmte auf ihn zu.
Der Afroamerikaner war unbewaffnet.
Er hatte weder eine Pistole noch ein Messer. Natürlich war er ihnen ausgeliefert.
In kürzester Zeit hatten die Wilden den erschrockenen Mann umzingelt, ihn auf den Rücken geworfen und gefesselt.
Dann legten sie ihn quer über den Rücken eines Ponys und banden ihn sicher fest.
Anschließend befestigten sie ein Lasso am Zügel des Ponys und zogen mit ihrem Gefangenen in ihrer Mitte davon.
Barney hatte derweil den Dampfmensch erreicht und war in den Wagen geklettert.
Frank Reade jr. hatte die ganze Sache gesehen, war aber einen Moment lang zu erstaunt, um zu handeln.
Als Barney in den Wagen stürzte, wendete Frank den Dampfmensch und jagte den Wilden hinterher.
Dieser Schritt wurde schnell gemacht und der Dampfmensch raste rasch vorwärts. Doch so schnell es auch gegangen war, die Wilden hatten es dennoch geschafft, Pomp gefangen zu nehmen und mit ihm zu entkommen.
»Bejabers, sie haben Pomp an ein Pferd gefesselt«, rief Barney aufgeregt. »Schau dir das mal an, Mister Frank. Wir müssen die Schurken erwischen und ihnen eine Lektion erteilen.«
»Ich hoffe, wir schaffen es«, erwiderte Frank besorgt, »aber ich fürchte, die roten Teufel werden sich verstecken, bevor wir sie einholen können.«
»Whurroo! Ich werde ein paar von ihnen erledigen!«, rief Barney und nahm sein Gewehr auf.
Die Wilden galoppierten wie wild über die Prärie.
Sie hatten den Dampfmensch gesehen, der ihnen wie eine Inkarnation des Teufels erschien – ein böses Wesen, das sie zerstören wollte.
In wildem Schrecken peitschten sie ihre Ponys bis zum Äußersten.
Es war ein verrücktes Rennen.
Doch der Dampfmensch holte auf.
Er machte gewaltige Schritte. Frank zog das Pfeifenventil, und die Schreie, die in die Luft drangen, waren erschreckend.
Die Wilden hatten immer mit Staunen auf das eiserne Pferd des weißen Mannes geschaut, das seine Stahlspur durch ihre Prärien zog.
Doch dieser neueste Auftritt, der Dampfmensch, war zu viel für ihre Nerven. Sie konnten es nicht ertragen und flohen.
Der Dampfmensch hätte sie sicherlich eingeholt.
Aber bis man die Baumreihe umbog und eine Erhebung in der Prärie erklomm, waren in der Ferne einige Hügel sichtbar.
Auf diese bewegten sich die Wilden zu. Wenn sie diese erreichten, würden sie ihrem Verfolger sicherlich entkommen.
Und die Chancen standen gut.
Frank sah mit einem eigentümlichen Schauer, dass sie tatsächlich im Begriff waren, den angepeilten Punkt zu erreichen.
Er trieb den Mann mit voller Geschwindigkeit an.
Barney platzierte sich an einer Schießscharte und begann, so schnell er konnte, auf die fliehenden Feinde zu feuern.
Das Ergebnis war, dass viele von ihnen fielen und die anderen ihre Anstrengungen verdoppelten, um zu entkommen.
Weiter ging die Jagd in Richtung der entfernten Hügel.
Die Ponys kamen dem Zielpunkt immer näher.
Mit schwindendem Herzen sah Frank, dass die Indianer sie vermutlich erreichen würden, bevor der Dampfmensch sie einholen konnte.
Das würde natürlich Sicherheit für die Wilden bedeuten, denn der Dampfmensch konnte die Ponys auf dem unebenen Gelände nicht verfolgen.
»Um Himmels willen, wir werden Pomp nicht retten!«, rief Frank verzweifelt. »Was sollen wir tun, Barney? Ist das nicht schrecklich?«
Barney war damit beschäftigt, frische Patronen in seine Winchester zu laden.
»Begorra, ich werde den Kerl retten, auch wenn ich mein eigenes Leben opfere!«, rief der großherzige Ire. »Es ist meine eigene Schuld, dass er durch die Tür fiel und von den Roten geschnappt wurde.«
Frank legte alles an Dampf auf, was er sich traute, und der Mann machte gewaltige Schritte vorwärts.
»Wir werden einen gewaltigen Versuch unternehmen«, knurrte er, während er den Dampf erhöhte.
»Bejabers, hier geht’s für einen der Schurken!«, rief Barney.
Dann krachte das Gewehr des Iren.
Einer der Wilden stürzte vom Rücken seines Ponys.
Barney lud nach und feuerte so schnell er konnte. Doch die Gelegenheit wurde ihm nicht lange gewährt.
Plötzlich stürmte die Kavalkade der Wilden in den Eingang des Passes.
Im Handumdrehen waren sie außer Sichtweite. Der Dampfmensch musste anhalten.
Es gab riesige Felsbrocken und Steinhaufen, die den Durchgang blockierten. Barney und Frank Reade jr. tauschten Blicke voller Verzweiflung aus.
»Das ist das Ende von Pomp«, stellte der junge Erfinder mit einem Schaudern fest. »Ich habe keinen Zweifel, dass das ein Teil von Black Buffalos Bande ist, und er verschont nie ein Leben.«
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