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Aus den Geheimakten des Welt-Detektivs – Band 9 – 4. Kapitel

Aus den Geheimakten des Weltdetektivs
Band 9
Die Lady mit dem Kanarien-Brillant
4. Kapitel
Der Schreibtisch Sherlock Holmes’

»Du hast also mein Signal verstanden, Harry?«, fragte Sherlock Holmes, während er der Lady die Treppe voranleuchtete und der junge Taxon an seiner Seite schritt. »Die zerbrochene Fensterscheibe …«

»Das konnte kein Zufall sein«, antwortete Harry Taxon, »denn Mr. Sherlock Holmes zerbricht in der Nacht zwischen ein und zwei Uhr keine Fensterscheibe aus Versehen.«

»Sehr richtig, Harry. Ich gebe dir für diese Beobachtung eine gute Note. Und jetzt, Harry, begib dich auf dein Zimmer und verwandle dich sofort in einen waschechten Strolch. Über deine Lumpen wirf einen anständigen Mantel und setze einen respektablen Hut auf. Dann musst du dir einen Mietwagen nehmen und dich so schnell wie möglich an die Finchley Road bringen lassen. Dort wirst du am Eingang des Tunnels einen Mann stehen sehen. Es ist Lord Canbury. Den lass mir nicht aus den Augen. Geh ihm überall nach und bleibe beständig in seiner Nähe, um ihn eventuell zu beschützen. Vergiss den Revolver nicht.«

»Zu Befehl, Mr. Sherlock Holmes«, antwortete der Famulus des großen Detektivs. »In wenigen Minuten werde ich unterwegs sein.«

Dann verschwand Harry Taron hinter einer Tür im Parterre, während Sherlock Holmes die Lady respektvoll ins obere Stockwerk hinaufgeleitete.

»Hat man mich auch nicht gesehen? Wird mein Gatte nichts von meinem nächtlichen Ausgang ahnen?«, stieß Lady Diana hervor, als Sherlock Holmes die Tür seines Arbeitszimmers öffnete und sie mit einer Handbewegung einzutreten bat.

»Seien Sie ganz unbesorgt, Mylady«, gab der Detektiv zur Antwort, »ungesehen sind Sie hergekommen, und ungesehen werden Sie auch nach einer halben Stunde wieder in Ihr Haus zurückkehren. Und nun haben Sie die Güte und nehmen Sie Platz.

Darf ich Ihnen beim Ablegen des Mantels behilflich sein? So, ich bitte Sie nun, sich hier am warmen Kamin niederzulassen. Wenn Sie gestatten, setze ich mich Ihnen gegenüber. Wenn Sie mir die Extraerlaubnis dazu geben, zünde ich mir noch meine kurze Pfeife an.«

Die wunderschöne junge Frau sank langsam, immer noch Angst und Scheu verratend, in den Sessel am Kamin nieder und überflog dann mit ihren Blicken die ihr fremde Umgebung.

Sherlock Holmes hatte sich indessen seine Pfeife gestopft, sie in Brand gesetzt und blickte eine Minute lang sinnend dem Rauch seiner Pfeife nach, bevor er sich Lady Diana zuwandte, die erwartungsvoll an seinen Lippen hing.

»Ich bin fest davon überzeugt, Mylady«, eröffnete Sherlock Holmes das Gespräch, »dass Sie Ihren Herrn Gemahl lieben und aufrichtig bestrebt sind, ihn glücklich zu machen.«

»Ich danke Ihnen für diese Worte, Mr. Sherlock Holmes«, sprach die Lady und streckte dem Detektiv mit einer herzlichen Bewegung beide Hände entgegen, während sich ihre schönen Augen mit Tränen füllten. »Oh, wenn Sie wüssten, wie wohl Sie mir mit diesem Ausspruch getan haben. Ich befürchtete schon, dass ich in Ihren Augen eine Verlorene, eine Verdorbene sei. Doch schwöre ich Ihnen, so wahr ein Gott im Himmel lebt, ich bin unschuldig!«

»Das weiß niemand besser als ich«, gab Sherlock Holmes zur Antwort, »und eben deshalb habe ich mir erlaubt, Sie durch einen Gewaltstreich – denn so müssen wir den Überfall auf der Regent Street an der Ecke zur Oxford Street wohl nennen – vor einer großen Gefahr zu bewahren.«

»Das haben Sie getan, Mr. Sherlock Holmes – o, ich werde es Ihnen niemals vergessen«, stieß die schöne junge Lady schluchzend hervor. »Oh mein Gott, was hätte daraus werden können, wenn Percy bei mir den Brief von Fred Archer gefunden hätte! Ich schaudere, wenn ich daran denke, und mein Herzschlag stockt. Aber unbegreiflich ist es mir, auf welchem Wege Sie, Mr. Sherlock Holmes, in Erfahrung gebracht hatten, dass ich mich in einer so großen Gefahr befand?«

»Wenn Sie gestatten, Mylady, will ich Ihnen alles erzählen«, erwiderte Sherlock Holmes. »Ich will Ihnen die Ereignisse der Reihe nach schildern, und Sie werden mir erlauben, hier Ihren kleinen Roman zu schildern, der, wie ich glaube, und wie ich fest überzeugt bin, ein ganz unschuldiger war, der aber durch die Ausnutzung eines Erbärmlichen zu einem unheilvollen werden konnte.«

»Die Verblendung einer jungen Mädchenseele«, unterbrach Diana, indem sie eine Hand auf ihre wogende Brust drückte und die andere wie beteuernd erhob. »Ich schwöre Ihnen, Mr. Sherlock Holmes, ich habe nicht nötig, vor Ihnen zu erröten. Vor allem aber brauche ich nicht vor meinem Gatten die Augen niederzuschlagen.

Was mir geschehen ist, widerfährt wohl jedem Mädchen mehr oder weniger, bevor es heiratet.«

»Ganz recht«, versetzte der Detektiv. »Nur war es ein wenig unvorsichtig von Ihrem Herrn Papa, dem Grafen Bastione, diesen Fred Archer zum Fechtlehrer seiner Tochter zu machen. Denn diese Tochter zählte, als der Unterricht begann, 16 Jahre und war die glänzendste Mädchenknospe, die man weit und breit finden konnte.

Aber so sind die Väter sehr oft«, murmelte Sherlock Holmes mit seinem behaglichen, leisen Lachen. »Sie machen ihr Haus zu einer Burg, bauen um dieselbe eine siebenfache Mauer, verriegeln alle Türen und Fenster und bilden sich nun ein, sie hätten ihre Tochter in Sicherheit, und dabei haben sie selbst schon den Feind in die Burg hineingeführt. Entweder in Gestalt eines Klavierlehrers mit romantischem Aussehen, Lockenhaar und Christusbart oder in Gestalt eines Reitlehrers mit ehernen Schenkeln und einer ehernen Stirn. Bei Ihnen, Lady Diana, war es halt zur Abwechslung einmal der Fechtlehrer, den Ihnen Ihr Vater selbst zuführte, damit es Ihnen doch auch an Ihrem Mädchenroman nicht fehle.«

»Diese Absicht hat mein guter Papa sicherlich nicht gehabt«, antwortete Lady Diana, »aber als ich Fred Archer sah, mit seiner eleganten Erscheinung und seiner Gewandtheit, den Säbel und das Florett zu führen …«

Lady Diana schlug die Augen nieder, sanfte Röte überzog ihre Wangen und ein leichter Seufzer entfuhr ihren Lippen. »Da, Mr. Sherlock Holmes, verliebte ich mich eben in ihn, denn er erschien mir so, wie ich mir mein Ideal immer vorgestellt hatte.«

»Ein nettes Ideal«, sagte Sherlock Holmes, sich die Hände reibend. »Aber begreiflich, sehr begreiflich. Denn er ist, unter uns gesagt, ein verdammt hübscher Junge, dieser Fred Archer. Schade, dass er ein ausgemachter großer Lump ist.«

Diana fuhr bei diesem herben Urteil, das dem Geliebten ihrer Mädchenseele galt, zusammen.

»Ja, ein Lump«, wiederholte Sherlock Holmes, »und ich werde mir erlauben, im Laufe unseres Gesprächs dies noch zu beweisen. Sehen Sie, Lady Diana, wäre dieser Fred Archer nicht ein schlechter Mensch, hätte er Ihnen niemals seine Liebe gestehen dürfen, denn er musste ja von vornherein wissen, dass sie ganz aussichtslos ist. Zwischen Ihnen, der Tochter des hoch angesehenen Grafen Bastione, des italienischen Botschafters am Hofe der Königin von England, und ihm, dem hergelaufenen Abenteurer – denn das ist Fred Archer – konnte niemals eine anständige Verbindung entstehen. Glücklicherweise konnte der Bursche es bei Ihnen nicht so weit bringen, wie er es wünschte. Indessen war es unvorsichtig genug von Ihnen, Lady Diana, ihm Ihre Neigung rückhaltlos zu offenbaren. Eines Tages schnitten Sie sich sogar eine Ihrer herrlichen roten Locken ab und schrieben ihm dazu einen zärtlichen und schwärmerischen Brief. Um das Maß der Unvorsichtigkeit und arglosen Vertrauensseligkeit vollzumachen, sprachen Sie in diesem Brief noch entzückt von einer heimlichen Zusammenkunft, die Sie mit Fred Archer im Hyde Park gehabt hatten.«

Bei den letzten Worten des Detektivs war jeder Blutstropfen aus Dianas Wangen gewichen.

Beschwörend hob sie die Hände zu Sherlock Holmes empor und rief: »O, mein Gott, auch das wissen Sie? Bleibt Ihnen denn absolut nichts verborgen?«

»Glücklicherweise ist es mir zur rechten Zeit bekannt geworden«, gab der Detektiv zur Antwort. »Und nun, Lady Diana, bereiten Sie sich vor, dieser törichten Mädchenschwärmerei, die Sie ja schon überwunden haben, die letzten drei Hände voll Erde ins Grab nachzuwerfen. Denn nun bin ich leider gezwungen, der Erinnerung an Fred Archer, soweit dieselbe noch ungetrübt in Ihrem Leben sein mag, einen recht derben Stoß zu versetzen.

Ich nannte diesen Menschen schon vorher einen Lumpen, ich hätte ihn ebenso gut auch einen Verbrecher oder Schurken nennen können.

Wissen Sie, Mylady, Fred Archer hat vor acht Tagen einen Brief an Ihren Herrn Vater geschrieben. Darin schrieb er dem Herrn Grafen Bastione mit zynischer Frechheit, dass er, falls er nicht unverzüglich 30.000 Pfund zahle, gewiss sehr kompromittierende Dinge über das Vorleben seiner jungen Gemahlin erfahren würde. Glücklicherweise kam Ihr Herr Papa auf die gute Idee, mich sofort aufzusuchen und mir den Brief des Erpressers zu unterbreiten.

Zittern Sie nicht, Lady Diana, Sie können vollkommen ruhig sein, Ihr Brief und Ihre Locken befinden sich bereits im Besitz Ihres Vaters. Er ist in diesen Tagen nach Rom gereist und hatte die Absicht, Sie von diesen Vorfällen nichts wissen zu lassen, damit Ihre reine Seele nicht getrübt wird.«

»Mein guter Papa«, stieß Lady Diana hervor, »doch wie – wie hat man Fred Archer dazu bewegen können, den unglückseligen Brief und meine Locken herzugeben? Hat man ihn dafür bezahlt, den Elenden?«

»Nicht einen Penny hat er bekommen«, versicherte Sherlock Holmes lächelnd, »ich habe einen kurzen Prozess mit ihm gemacht. Während er die Nacht bei einer Tänzerin verbrachte, improvisierte ich in Gemeinschaft mit meinem treuen Begleiter Harry Taxon einen kleinen Einbruch in seine Wohnung. Der Bursche ist noch lange nicht gerieben genug. Dieser Fred Archer hat noch die dumme Angewohnheit, wichtige Dinge dort zu verstecken, wo ein erfahrener Detektiv sie immer zuerst sucht.«

»In seinem Schreibtisch vermutlich?«

»Oh nein, darauf lässt sich kein Verbrecher ein, obwohl es vielleicht ungefährlicher wäre, eine gestohlene Brieftasche oder einen Brief, der zu Erpressungszwecken benutzt werden soll, im Schreibtisch aufzubewahren. Wir Kriminalisten legen keinen Wert auf einen Schreibtisch, weil wir ganz genau wissen, dass man ihm keine wichtigen Dinge anvertraut. Aber dieser Fred Archer hatte eine kleine Blechkassette, und diese lag in der Asche des Herdes. Das ist ein ganz gewöhnlicher Kniff unter Verbrechern, und jeder x-beliebige Detektiv läuft, wenn er etwas sucht, zuerst zum Herd und wühlt in der Asche herum.

Wir brauchten nicht lange zu suchen – wir fanden die Blechkassette, brachen sie auf und fanden neben anderen zärtlichen Briefen auch Ihren, Lady Diana, und auch die Locke fehlte nicht.

Fred Archer mag am nächsten Tag, als er den Diebstahl entdeckte, wie ein wildes Tier mit den Zähnen geknirscht haben.

Aber es war für ihn zu spät, wir hatten ihm die wichtige Waffe entrissen.«

»Wie soll ich Ihnen danken, Sir? Sherlock Holmes«, rang es sich über die Lippen der Lady, »Sie sind in der Tat zu meinem Lebensretter geworden. Denn hätte Fred Archer meinen Gatten diesen Brief vorlegen können, hätte er mich damit in den Tod getrieben! Diese Enthüllung hätte ich nicht überleben können.«

»Nun bin ich immer der Meinung«, fuhr Sherlock Holmes fort, »ein Detektiv muss wie ein Arzt sein, der sich nicht damit begnügt, seinen Patienten nur über die Krise hinweggeholfen zu haben, sondern der in der Rekonvaleszenz seine doppelte Aufmerksamkeit aufbietet, damit kein Rückfall oder Komplikationen eintreten.

Ich hatte sofort das Gefühl, dass dieser Fred Archer, obwohl ich ihm den Giftzahn selbst ausgebrochen hatte, doch noch versuchen würde, auf anderen Wegen an sein Ziel zu gelangen.

Da es bei Ihrem Vater nicht geglückt war, Mylady, lag es auf der Hand, dass er es bei Ihrem Gatten, bei Lord Canbury, versuchen würde.

Ich ließ den Burschen also nicht aus den Augen, schlich ihm in verschiedenen Verkleidungen nach und folgte ihm auch am Abend des 7. Februars. Zu meinem großen Erstaunen schlug er den Weg zu Ihrem Haus ein. Er wartete vor der Tür, vor der bereits die Equipage hielt. Bevor ich noch irgendeine Maßnahme ergreifen konnte, öffnete sich plötzlich das Portal und Sie, Mylady, schwebten, in einen langen Abendmantel gehüllt, über den Läufer, der von der Treppe Ihres Palais bis zum Wagen ausgelegt war.

Als Sie gerade im Begriff waren, Ihren Wagen zu besteigen, sprang Fred Archer auf Sie zu.

Sie sahen ihn nur den Bruchteil einer Sekunde im flatternden Licht der Wagenlaterne, und mir entging nicht, dass Sie bei seinem Anblick zurückbebten, als hätte sich ein Grab geöffnet und die Leiche, die Sie darin sicher wähnten, sei auferstanden.«

»Fred Archer hatte sich mir bis dahin, seit dem Augenblick meiner Vermählung mit dem Lord, nicht mehr genähert«, erklärte Lady Diana mit erregter Stimme. »Ich wusste nicht einmal, ob er noch in London war. Und offen gestanden, Mr. Sherlock Holmes, habe ich mich auch für sein Schicksal nicht mehr interessiert. Ich hatte längst eingesehen, dass ich meine Neigung einem Unwürdigen geschenkt hatte und dass es nur törichte Mädchenlaune gewesen war, die mich diesen Fechtmeister ein paar Monate hindurch für das Ideal eines Mannes hatte halten lassen!«

»Vortrefflich«, sagte Sherlock Holmes, »ganz, wie ich es mir gedacht habe. Sie stutzten also bei seinem Anblick. Er aber drückte Ihnen einen Brief in die Hand. Ich sah es ganz deutlich und wollte vorstürmen, um Ihnen den Brief sofort zu entreißen. Denn mir war schon damals klar, dass dieser nichtswürdige Fred Archer eine Machination vorhatte, durch die er Sie ins Verderben stürzen wollte. Aber es war zu spät für ein Dazwischentreten. Ich sah nur noch, wie Sie den Brief mit zitternder Hand in Ihren Busen schoben und wie Sie dann schnell im Inneren Ihres Wagens verschwanden. Ihr Wagen setzte sich sogleich in Bewegung und fuhr durch den Nebel davon.

Fred Archer war mir ebenfalls aus den Augen gekommen, aber er interessierte mich in diesem Augenblick nicht so sehr. Meine Blicke richteten sich auf eine andere Person, die unmittelbar nachdem Ihr Wagen um die Ecke verschwunden war, auf der Szene erschienen war.

Es war Lord Percy Canbury, Ihr Gatte.

Ein einziger Blick in das bleiche, verstörte Gesicht des Lords belehrte mich, dass er eine sehr aufregende Nachricht erhalten hatte. Ich sah, wie er zornig mit dem Fuß auftrat und dem Türhüter wütend und ungeduldig zurief: ›Mein Wagen – wo bleibt mein Wagen?‹

Da wusste ich alles – ich wusste, dass Archer Ihnen den Brief zugesteckt hatte, Mylady, damit der Lord ihn bei Ihnen fände.

Offenbar hatte er den Lord in einem anonymen Brief aufgefordert, den zugesteckten Brief bei Ihnen zu suchen, sobald Sie das Palais des Herzogs von Connaught betreten würden.

Deshalb die Eile des Lords, Ihnen zu folgen, deshalb die zornige Art, in der er nach seinem Wagen rief, deshalb seine zitternde Aufregung.

Blitzschnell war mein Entschluss gefasst.

Der Lord durfte den Brief bei Ihnen nicht entdecken. Für eine Warnung oder Erklärung war keine Zeit mehr, denn ich wusste, dass Sie mir nicht glauben würden, wenn ich plötzlich vor Ihnen erscheinen und Sie nach dem Brief fragen würde.

Ich warf mich daher in einen Mietwagen und versprach dem Kutscher eine gute Belohnung, wenn er so schnell wie möglich Ihrer Equipage nachfahren würde. Unterwegs hatte ich mir meinen Plan zurechtgelegt. Er war zwar sehr gewagt, aber es gab keine andere Möglichkeit, um schnell und sicher ans Ziel zu gelangen.

Der Mann tat seine Pflicht. An der Ecke der Regent Street verließ ich den Wagen und drückte dem Kutscher ein Goldstück in die Hand.

Dann lief ich so schnell ich konnte die Regent Street hinauf und erwischte Ihre Equipage an der Ecke zur Oxford Street.

Glücklicherweise musste Ihr Kutscher in dem Gewühl der Wagen, die die Regent Street passierten, sehr langsam fahren.

Was dann geschah, wissen Sie, Mylady. Ich drückte meinen Hut tiefer ins Gesicht, öffnete blitzschnell die Tür Ihrer Kutsche, als diese dicht am Bürgersteig vorbeifuhr, und sprang zu Ihnen hinein.

Ich hoffte, die Angelegenheit durchführen zu können, ohne Sie zu beschämen, Mylady, ohne Ihnen merken zu lassen, dass Ihre Beziehung zu Fred Archer einen fremden Mitwisser hatte.

Deshalb forderte ich von Ihnen nicht die Herausgabe des Briefes, sondern hielt Ihnen den Revolver vor und griff mit der rechten Hand zu, um Ihnen den Brief aus dem Busen zu reißen. Dabei blieb die Brosche, die Sie an der Brust trugen – die Brosche mit dem kostbaren Kanarienbrillanten – gleichfalls in meiner Hand.

Natürlich hatte ich keine Zeit, Ihnen galant den Brillanten zurückzuerstatten; das wollte ich am nächsten Tag tun.

Augenblicklich hatte ich meinen Zweck erreicht – alles andere musste dagegen in den Hintergrund treten.

Ich verließ den Wagen, schloss die Tür hinter mir ab und trug Brief und Brillant in meine Wohnung.

Am nächsten Morgen waren alle Zeitungen voll von dem Raub des berühmten Kanarienbrillanten. Gleichzeitig brachten sie die Nachricht, dass Sie, Mylady, der Überfall so tief erschüttert hätte, dass Sie fiebernd und sogar schwer krank darniederlägen, wenn man den Berichten Glauben schenken durfte.

Infolgedessen musste ich einige Tage verstreichen lassen, bis Sie endlich außer Bett waren und ich mich durch Lord Canbury selbst bei Ihnen einführen lassen konnte.«

Sherlock Holmes fuhr mit der Hand in die Brusttasche und zog ein geschlossenes Kuvert hervor.

»Hier ist der niederträchtige Brief, den Fred Archer Ihnen zugestellt hat. Nein, lesen Sie ihn nicht, Lady«, rief der Detektiv, als Diana mit zitternder Hand nach dem Umschlag griff. »Ersparen Sie sich die Beschämung, die Tränen und die bittere Erinnerung, die Sie nicht so bald wieder verlassen würde.

Gestatten Sie mir, dass ich dieses abscheuliche Machwerk menschlicher Niedrigkeit sogleich vor Ihren Augen den Flammen des Kamins übergebe.«

»Ja, tun Sie das, Mr. Sherlock Holmes«, rief Lady Diana und erhob sich aus ihrem Sessel.

»Mehr als die Asche dieses Briefes soll von meiner unglückseligen, mädchenhaften Verblendung auch in meiner Seele nicht übrig bleiben.«

»Also fort damit«, stieß Sherlock Holmes mit scharfer Stimme hervor und schleuderte den Brief in die Flammen des Kaminfeuers, die er vorher mit einem eisernen Haken angeschürt hatte. »Ich kann keinen Unrat in meinem Haus dulden!«

»Wie prächtig das brennt«, fügte er dann mit seinem behaglichen Lachen hinzu. »Jetzt fehlt mir zu meinem Vergnügen nur noch, Fred Archer selbst in einem solchen Feuer schmoren zu sehen.

Aber ich fürchte, die reinliche Flamme würde sich gegen dieses Geschöpf verwahren.«

Da eilte Diana, überwältigt von dem Gefühl der Dankbarkeit, zu dem Detektiv. Sie umfasste seine rechte Hand mit beiden Händen. Während heiße Tränen ihren Augen entrannen, rief sie: »Mr. Sherlock Holmes, ich weiß nicht, womit ich es verdient habe, in Ihnen einen so guten, treuen Freund gefunden zu haben. Aber lassen Sie uns diese Freundschaft für das ganze Leben bewahren! Ich werde niemals aufhören, Ihnen dankbar zu sein! Sie haben mir mehr als mein Leben gerettet, Sie haben mir das Glück meines Lebens gerettet.«

»Mylady«, versetzte Sherlock Holmes, sich verneigend, »es wird mir eine Ehre sein, mich stets Ihr Freund nennen zu dürfen – und nun gestatten Sie, dass ich Ihnen noch den Kanarienbrillanten zurückgebe. Dann kehren Sie in dem Wagen, der Sie an der Straßenecke erwartet, sogleich nach Hause zurück. Sehen Sie, Mylady«, fuhr Sherlock Holmes fort, während er vor den alten eichenen Schreibtisch trat und diesen liebevoll beklopfte, »wir sprachen zuvor darüber, dass ein Detektiv bei einer Hausdurchsuchung gewöhnlich dem Schreibtisch keine besondere Beachtung schenkt, da er annimmt, dass ein Verbrecher zu klug ist, um seine Geheimnisse einem solchen Möbelstück anzuvertrauen. Doch manchmal ist es auch umgekehrt. Ein Dieb sucht heutzutage nicht mehr im Schreibtisch, weil auch er glaubt, dass der Besitzer schlau genug ist, um nichts Wertvolles in einem so ins Auge fallenden Behältnis aufzubewahren.

Gerade deshalb habe ich Ihren kostbaren Kanarienbrillanten hier in diesem Schreibtisch aufbewahrt – allerdings in einem Geheimfach, dessen Existenz nur zwei Personen kennen: ich und mein treu ergebener Gehilfe Harry Taxon.

Sie können ruhig zusehen, wie ich das Geheimfach öffne, Mylady. Wenn Sie so freundlich wären, an meine Seite zu treten.

Sehen Sie, an diesem Schreibtisch gibt es überhaupt kein Schloss, und deshalb auch keinen Schlüssel. Mit einem einzigen Druck öffne ich alle Kästen.«

Sherlock Holmes drückte auf eine Feder an der Seite des Schreibtisches, und sogleich klappten sämtliche Kastendeckel herunter. Der Inhalt des Schreibtisches, der fast ausschließlich aus Papieren bestand, wurde offenbar.

»Da der Kanarienbrillant aber so kostbar ist und ich wusste, dass sein Verlust den Lord und Sie tief betrüben würde, habe ich ihn in das geheimste Geheimfach gelegt, das dieser Schrank enthält. Um das zu sehen, müssen Sie, Mylady, die Güte haben, ein wenig niederzuknien, so wie ich es tue.

Sehen Sie, der Schreibtisch steht auf vier ganz kurzen Beinen, von denen keines über 20 Zentimeter hoch ist. Betrachten Sie nun bitte das rechte Bein des Schreibtisches nach vorn.

Dieses Bein ist hohl und öffnet sich, wenn ich auf eine Feder drücke. In dieser Höhlung befindet sich gegenwärtig Ihr Brillant.

Ich bitte Sie, Mylady, greifen Sie hinein und nehmen Sie sich den Brillanten selbst heraus, denn ich drücke jetzt auf die Feder und …«

Das Wort erstarb plötzlich auf Sherlock Holmes’ Lippen, und er wurde im Gesicht so weiß wie der Kalk an der Wand.

Dann packte er das Bein des Schreibtisches, an dem er vergeblich die Feder gesucht hatte, mit beiden Händen und riss es unter dem Schreibtisch weg.

Wie ein Wahnsinniger eilte er mit dem Stück Holz zum Tisch, auf dem die Lampe brannte. Er drehte es einige Male in fieberhafter Erregung in seinen Händen hin und her und schleuderte es dann mit einem Schrei auf den Teppich nieder.

»Es ist ein Klotz!«, rang es sich über seine Lippen. »Nichts weiter als ein plumpes Stück Holz, massiv und nicht ausgehöhlt. Das hat man anstelle des echten Schreibtischbeines geschoben, welches man gestohlen hat – zusammen mit Ihrem Kanarienbrillanten, Mylady!«

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