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Deutsche Märchen und Sagen 182

Johannes Wilhelm Wolf
Deutsche Märchen und Sagen
Leipzig, F. A. Brockhaus, 1845

241. Wie die Steinkohlen entdeckt wurden

Unter der Regierung des Lütticher Bischofs Albert von Cuyck lebte ein Schmied, der hieß Hulloz von Plenneval. Der stand eines Tages in seiner Schmiede und ließ den Hammer lustig auf dem Amboss erklingen, als ein eisgraues Männchen in einem weißen Anzug an der Schmiedetür vorbeikam und den Meister grüßte: »Guten Tag, Meister, nicht zu fleißig und gute Winst!«

Der Schmied hob den Kopf, dankte dem Männchen freundlich und sprach: »Wie wollet Ihr, dass ich einigen Winst habe? Alles, was ich an meiner Arbeit verdiene, fliegt fort, um Buschkohlen zu kaufen.«

Das Männchen lächelte und sprach: »Das glaube ich wohl, Meister, aber es gibt noch anderes, um Feuer zu machen, als Eure Buschkohlen. Geht einmal da drüben auf den Berg, wo die Mönche wohnen, da werdet ihr eine schwarze Erde finden, die viel besser heizt als Eure Buschkohlen.«

Kaum hatte das Männchen so gesprochen, als es verschwand. Der Schmied zögerte nicht der Weisung zu folgen und er befand sich gar wohl dabei, sagte auch jedem davon, den er kannte, sodass sich die Mär bald in der Stadt und in dem Land verbreitete und man von allen Seiten kam, die köstlichen Kohlen zu holen.

242. Der Nicker zu Lichterfelde

Das alte und berühmte Schloss Lichterfelde war lange bekannt und gefürchtet durch einen Nicker, der sich da aufhielt. Zumeist zeigte er sich auf dem Niederhof, wo er nachts in Gestalt eines Pferdes umwandelte und die, welche kühn genug waren, sich dem Schlossgraben zu nähern, angriff und unter schrecklichem Lärm ins Wasser warf, ohne dass sie jedoch anderen Schaden davontrugen als einige Beulen und pudelnasse Kleider. Mehrere Male kam er auch nachts in die Scheune, drosch und wandelte dort mit vielem Geräusch und jagte die Leute so sehr in Angst, dass keiner es wagte, das Bett zu verlassen. Nie fand man aber morgens nach diesem Lärm auch nur ein Strohhälmchen verlegt; im Gegenteil, alles war genau in demselben Zustand, in welchem man es abends verlassen hatte.

Einmal hatte der Nicker wieder die Pferdegestalt angenommen und stand morgens auf der Weide des Niederhofes. Der Kühnste unter den Knechten ging auf das schöne Tier zu, spannte es an die Egge und arbeitete den ganzen Tag aufs Allerfleißigste damit; wurde es einmal unwillig, dann schlug der Knecht es auf eine gottserbärmliche Weise. Alles ging gut; aber als der Knecht es abends ausspannte, da schoss es in Feuer und Flamme auf und erhob sich unter gräulichem Gewieher in die Luft.

Gegen Mitternacht pochte es an Türen und Fenster des Hofes; alle lagen in Angstschweiß gebadet; endlich hörten sie eine Stimme draußen, die rief: »Bauer! Bauer! Bauer! Ich habe deine Egge ins Wasser geworfen.« Dann flog es mit großem Geräusch vom Hof weg. Morgens fand man die Egge, woran der Nicker gezogen hatte, im Wasser liegen.

Danach hat sich der Nicker noch zu verschiedenen Malen als Geißbock gezeigt und trug alsdann eine brennende Kerze zwischen den Hörnern. Als die Gräben aber langsam verfielen und ausgefüllt wurden, verschwand er und soll sich seitdem, wie man versichert, in der nahen Neuzebeek aufhalten.