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Nick Carter – Band 14 – Ein beraubter Dieb – Kapitel 4

Nick Carter
Amerikas größter Detektiv
Ein beraubter Dieb
Ein Detektivroman

Kreuz und quer

Inzwischen war Chick im Auftrag seines Vetters unterwegs gewesen, um Auskunft über die fünf Interessenten einzuziehen, welche versucht hatten, die Pemberton’sche Erfindung von dessen Witwe käuflich zu erwerben. Er hatte festgestellt, dass vier von diesen nur in durchaus geschäftsmäßiger und unanfechtbarer Weise vorgegangen waren, während der Fünfte, dessen Name Mortimer Seaman lautete, in weit geringerem Maß bei seinen Geschäftsfreunden angesehen war. Er galt als gewissenloser, habgieriger und dreister Spekulant, der wahllos jede Gelegenheit wahrnahm, von der er sich Vorteil und Bereicherung versprach; ja, man sagte ihm sogar nach, dass er dank seiner Gerissenheit das Zuchthaus wiederholt nur mit dem Ärmel gestreift habe.

Als Chick das Haus des Meisters erreichte, hatte Patsy dieses nach erstattetem Bericht bereits wieder verlassen. Nick eröffnete seinem Vetter in Kürze, welchen Meisterstreich ihr Jüngster inzwischen mit gutem Gelingen keck in Ausführung gebracht hatte, und ließ sich dann von Chick umfassend Bericht erstatten.

»Well«, meinte er nachdenklich, als Chick damit zum Ende gekommen war, »deine Ermittlungen ergänzen meine eigenen in vortrefflicher Weise, und vereinigt lassen sie tief blicken. Was mich anbelangt, so suchte ich den Rechtsanwalt Samuel Elwell auf. Doch zuvor holte ich Auskunft über ihn selbst ein, und ich muss gestehen, diese hat mir zu denken gegeben. Wie du weißt, ist Elwell der Anwalt, welcher der Rechtsbeistand Pembertons war und nunmehr als Berater seiner Witwe fungiert. Es ist mir nun mitgeteilt worden, dass Elwell und Seaman seit dem Tod des Erfinders sehr häufig zusammen gesehen worden sind, und zwar meistens in den Abendstunden und uptown. Dagegen hat sich Seaman meinen Erkundigungen zufolge noch niemals bei seinem Bekannten Elwell in dessen Büro sehen lassen. Nun würde dieser Umstand an sich wenig zu sagen haben, doch als ich dann Elwell aufsuchte und ihn ganz nebenbei über Seaman befragte, erklärte er mir kaltblütig, eine derartige Person überhaupt nicht zu kennen. Zumindest lässt seine Ableugnung darauf schließen, dass er ein unaufrichtiger Mensch ist. Nun ist dieser Elwell aber der Mann, welcher den Gesellschaftsvertrag zwischen Pemberton und Mr. Herron entworfen hat. Er ist deshalb über die Absichten des Erfinders, der an der Unterzeichnung des Vertrages nur durch seinen plötzlichen Tod gehindert wurde, wohl unterrichtet und weiß auch, welche Summen Pemberton inzwischen von dem Makler schon ausgezahlt erhalten hatte. Dennoch versuchte er die Witwe zur Annahme der Seaman’schen Offerte zu überreden, und gleichzeitig hat er versucht, Zeichnungen und Modell von Mr. Herron wiederzuerlangen.«

»Daraus geht ohne Weiteres hervor, dass dieser Anwalt Elwell ein unaufrichtiges Doppelspiel treibt und es keinesfalls gut mit seiner Klientin, der Witwe Pemberton, meint!«, warf Chick ein.

»Wie ich von den Herron’schen Rechtsbeiständen erfuhr, hat Elwell seine gegen diesen auf Herausgabe der Erfindungsdokumente gerichtete Klage fallen lassen müssen, da sein Vorgehen durch keinen Rechtsgrund unterstützt wurde. Zugleich aber soll sich Elwell im offenen Gerichtssaal zu der Drohung verstiegen haben, man müsse eben auf krummen Wegen zu erreichen suchen, was auf geradem Weg nicht möglich sei.«

»Nun, dann werden wir gut daran tun, den beiden Gentlemen Elwell und Seaman unsere liebevolle Aufmerksamkeit zu schenken«, bemerkte Chick sarkastisch.

Idas Eintritt, welche gleichfalls von ihrem Vetter ausgeschickt worden war, um möglichst die Bekanntschaft der Witwe des Erfinders zu machen, unterbrach die Aussprache.

»Schon zurück, schönes Cousinchen?«, fragte der Detektiv, indem er auf sie zuschritt und ihr herzlich die Hand bot. »Du kannst doch schwerlich schon etwas ausgerichtet haben?«

»Ja, staune nur, Nick«, entgegnete das junge Mädchen lachend. »Ich habe Mrs. Pemberton bereits gesehen und gesprochen.«

»Großartig!«, rief der Detektiv in ehrlichem Erstaunen. »Das nenne ich schnelle Arbeit!«

»Es ist nicht mein Verdienst, sondern ich hatte ungewöhnlich viel Glück«, berichtete nun das junge Mädchen, sich ihren beiden Vettern gegenüber hinsetzend. »Kaum hatte ich die Wohnung von Mrs. Pemberton ausfindig gemacht, so entdeckte ich auch schon, dass ihre Flurnachbarin eine gute Freundin von mir ist. Natürlich stattete ich der Letzteren sofort meinen Besuch ab und brachte weiter heraus, dass sie mit Mrs. Pemberton selbst auf freundschaftlichem Fuß steht. Wie das bei Flurnachbarn der Fall zu sein pflegt, suchen sie sich täglich häufig auf. Richtig, ich war kaum wenige Minuten in der Wohnung meiner Freundin, als auch schon Mrs. Pemberton in der üblichen Weise ihre Aufwartung machte. Ihr könnt euch denken, dass ich es mir angelegen sein ließ, mich in ihren Augen angenehm zu machen und schnell mit ihr bekannt zu werden. Doch war es nicht weiter schwierig, auf das zu sprechen zu kommen, was der Witwe natürlich am meisten am Herzen liegen muss.«

»Das war in der Tat außerordentliches Glück!«, stimmte der Detektiv lachend zu.

»Nick Carters Glück!«, sagte das schöne Mädchen aufgeräumt.

»Durchaus nicht«, wehrte Nick ab. »War es irgendjemandes Glück, so war es dein eigenes, Ida. Doch alles in allem glaube ich kaum, dass die launische Glücksgöttin damit irgendetwas zu tun hatte. Was macht den Detektiv aus? Doch nichts anderes, als sich darbietende Zufälligkeiten geschickt auszunutzen, und das hast du getan. Aber nun sage, was hast du erfahren?«

»Well, ich kann mich kurzfassen«, berichtete Ida ohne Besinnen. »Alles in allem gewann ich den Eindruck, als ob die Witwe sich im Glauben befand, dass sie schlecht beraten worden ist. Sie kommt immer mehr zu dem Bewusstsein, dass sie besser daran getan hätte, von Anfang an der zwischen ihrem verstorbenen Gatten und Mr. Herron stattgehabten Abmachung beizutreten, zumal sie arm und augenblicklich fast gänzlich mittellos ist.«

»Das kann nicht stimmen, Ida«, wendete der Detektiv kopfschüttelnd ein. »Denn Mr. Herron sagte mir selbst, dass er ihr einen Scheck in Höhe von 10.000 Dollar überwiesen hat.«

»Da irrst du, Nick«, widersprach seine Cousine. »Wie mir Mrs. Pemberton ausdrücklich versicherte, wurde dieser Scheck an Mr. Herron zurückgegeben, als sie sich entschloss, die Seaman’sche Offerte anzunehmen. Wie hätte sie sonst auch auf Herausgabe des Modells und der Zeichnungen klagen können!«

»Das ist mir schleierhaft«, beharrte der Detektiv. »Ich weiß nur, dass Mr. Herron keinen Scheck zurückerhielt.«

»Aber Mrs. Pemberton behauptete noch vor einer Stunde, dass Herron seinen Scheck zurückerhalten habe. Sie hat ihn ihrem Anwalt Elwell ausgehändigt, und dieser hat sie darüber verständigt, dass der Scheck von Mr. Herron zurückgenommen worden sei.«

»Ah, diese infamen Schurken!«, stieß Nick Carter hervor, zornig vom Stuhl aufspringend. »Die Kerle wollen die arme Witwe um den letzten Cent bringen! Gelingt es ihnen, nun auch noch Zeichnungen und Modell in ihren Besitz zu bringen, so hat die unglückliche Witwe das leere Nachsehen!«

Wie ein gereizter Löwe begann Nick Carter im Zimmer auf- und abzugehen. Dann blieb er unvermittelt vor Ida, die seine Gewohnheit schon kannte und ihm nur lächelnd nachschaute, wieder stehen.

»Du erwähntest vorhin den Namen Seamans und bezeichnetest ihn als den Mann, dessen Anerbieten Mrs. Pemberton anzunehmen willens war. War bei der Gelegenheit der Anwalt Elwell auch zugegen?«

»Ganz gewiss, die Witwe erwähnte ausdrücklich, dass Elwell in Seamans Gegenwart als ihr Vertreter die Verhandlungen leitete und auch einen Revers ausfertigte, welchen die Witwe unterzeichnen musste und in dem sie sich zum Verkauf des Patentes gegen eine gewisse Summe, zahlbar in genau festgesetzten Raten, verpflichtete. Ein ebensolcher Revers wurde auch von Seaman unterzeichnet, und diesen nahm Elwell an sich.«

»Das sind höllische Schurken!«, ereiferte sich Nick Carter von neuem. »Dieser Elwell gehört mit Schimpf und Schande aus dem Anwaltsstand gestoßen! Er weiß ganz genau, dass von Rechts wegen und auch ehrenhalber Mrs. Pemberton verpflichtet war, den von ihr mit Herron eingegangenen Vertrag zu halten. Durch einfache Annahme des Schecks in Höhe von 10.000 Dollar war der Vertrag in Form rechtens zustande gekommen. Doch dieser Elwell hat den Scheck veruntreut und der Witwe auch noch nicht einen Cent davon zukommen lassen. Ich will dafür sorgen, dass dieser Scheck nicht eingelöst wird. Was dich anbetrifft, Ida, so wirst du gut daran tun, eine recht innige Freundin dieser leichtgläubigen Witwe zu werden!«

Damit begab sich der Detektiv auch schon in großer Eile zum Herron’schen Büro und erfuhr von dem Makler, dass der betreffende Scheck bis zur Mittagsstunde noch nicht bei seiner Bank zur Einlösung vorgelegt worden sei. Eine Anfrage über den Fernsprecher ergab, dass dies auch seither noch nicht geschehen war, und auf Anraten des Detektivs wurde nunmehr die Zahlung überhaupt untersagt und festgesetzt, dass der Scheck nur eingelöst werden dürfte, falls er von Mrs. Pemberton persönlich vorgelegt würde.