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Der Wildschütz – Kapitel 31

Th. Neumeister
Der Wildschütz
oder: Die Verbrechen im Böhmerwald
Raub- und Wilddiebgeschichten
Dresden, ca. 1875

Einundreißigstes Kapitel

Das Schicksal misst immer billig

Während die Liebenden sich nicht genug über das fröhliche Ereignis zu freuen vermochten, dessen Ursache ein Rätsel für sie blieb, saß der Rechtsanwalt Herr Lorenz wie gewöhnlich unter seinen Büchern vertieft. Er hatte die Angelegenheit über den Mord des Pächter Andreas bereits in seine Hände genommen und die Sache war schon so weit gediehen, dass der Termin festgesetzt werden sollte, an welchem Curt seine Aussage vor Gericht wiederholen sollte.

Einige Tage waren vergangen, als sein alter Diener einen Fremden meldete, der den Rechtsanwalt zu sprechen verlange. Jener war bereit, den Angemeldeten zu empfangen, und der Notar fühlte sich in etwas überrascht, als er in dem Fremden einen von jenen Fremden aus den drei Linden wieder erkannte, und zwar denjenigen, der ihm durch seine Prahlsucht am meisten zuwider gewesen war.

Der Leser wird sich noch aus einem früheren Teil unserer Geschichte erinnern, dass die Gräfin Praßlin sich zweier Männer bediente, welche den Auftrag erhielten, die von ihr tödlich gehasste unglückliche Geliebte ihres Sohnes über den Ozean zu begleiten. Da beide nichts zu verlieren hatten und die Gräfin sich sehr freigebig gegen sie bewies, so willigten sie ein und brachten, wie erwähnt, das arme Mädchen unter der Leitung des Kapitäns auf das Schiff, welches dazu bestimmt war, sie nach Amerika zu bringen. Das Schiff geriet jedoch unter Seeräuber und das Schicksal der unglücklichen Amalie blieb Zeit her ein Geheimnis.

Der Leser wird indessen während dem Auftritte in dem Gasthof Zu den drei Linden die fremden Gäste bereits erkannt haben, und wir wollen nur noch hinzufügen, dass es in der Tat Kunz und Klaus waren, die nach langer Abwesenheit in ihr Vaterland zurückkehrten.

Klaus hatte sich schon beim ersten Zusammentreffen mit dem Rechtsgelehrten angelegentlich nach dem Grafen Praßlin erkundigt. Er hatte aber durch seine Aufschneidereien das Missfallen des Notars in einem ziemlichen Grad erregt, sodass der Letztere bei seinem gegenwärtigen Erscheinen eine etwas finstere Miene machte. Allein das ganze Wesen des Großsprechers schien verändert zu sein.

»Verzeihen Sie, mein Herr«, sagte Klaus mit einer tiefen Verbeugung und mit einer Miene, die den größten Kummer bewies, »ich bin gekommen, um Sie in einer Sache um Rat und Beistand zu ersuchen, die für mich höchst traurig ist. Ach Gott«, fuhr er fort, »mein bisheriger Stolz ist durch ein Ereignis zu Boden geschmettert worden, das für mich entsetzlich ist.«

Der Notar hatte mit Überraschung den klagenden Mann angehört, er bat denselben, sich zu setzen.

Nachdem dies geschehen war, fuhr Klaus in ergriffenem Ton fort: »Ich will, um Ihnen eine vollkommene Schilderung meiner Umstände zu geben, in gedrängter Kürze meine Erlebnisse mitteilen. Es können wohl zwanzig Jahre sein und noch drüber, als ich nebst meinem Gefährten Kunz in Begleitung eines jungen Mädchens, Namens Amalie D. das Vaterland verließ, und zwar nach dem Willen der alten Gräfin Praßlin, die eine Verbindung mit ihrem Sohn und jener Person nicht zugeben wollte. Ich hatte in Deutschland ein Mädchen zurückgelassen, die ich sehr liebte und auch geheiratet haben würde, wenn ich die Einwilligung ihrer Eltern erhalten hätte. Das geschah nun aber nicht und so nahm ich aus Ärger den Antrag der alten ränkevollen Gräfin an und half ihr treulich bei ihren abscheulichen Anschlägen; aber der Himmel hat mich dafür gestraft.

Meine arme Marie, die mich wirklich sehr liebte, fühlte sich Mutter, ein Umstand, der ihre Eltern noch heftiger gegen mich aufbrachten. Ich durfte ihnen nicht mehr vor die Augen kommen und sagte der Heimat Lebewohl, ohne meine Geliebte noch einmal gesehen zu haben.

Der Gedanke an die Zurückgelassene war mein Begleiter während unserer Fahrt, die zu Beginn glücklich vonstattenging. Eines Tages tauchte plötzlich ein Segel auf, es kam näher und als es auf Schussweite herangekommen war, erhielten wir eine volle Ladung. Vor unseren entsetzten Blicken stieg die schwarze Flagge des Seeräubers gleich einem Raubvogel aus dem Grund des Meeres herauf.

Kapitän Falkland traf seine Verteidigungsmaßregeln, allein wir wurden überwältigt und gefangen genommen.

Der Kapitän, Fluch seinem Namen, erkaufte sich durch ein großes Lösegeld seine Freiheit, während wir schlecht behandelt und als Beute betrachtet wurden.

Nach einer langen Fahrt erreichten wir einen amerikanischen Hafen, der Kapitän erhielt seine Freiheit und wir übrigen Gefangenen wurden als Sklaven verkauft. Das Glück wollte uns indessen wohl und die unglückliche Amalie kam in das Haus eines bejahrten Deutschen, der uns sehr gut behandelte und seine hübsche Landsmännin schon nach einem Jahr heiratete. Durch ihre Vermittlung gewannen wir bald unsere vollkommene Freiheit wieder und diejenige, der wir übel zu tun gedachten, bewies sich als ein Muster echter Christenliebe gegen ihre Feinde.

Ich und mein Freund Kunz gewannen durch Fleiß und Arbeit ein ansehnliches Vermögen. Wir beschlossen, damit nach Deutschland zurückzukehren, und führten diesen Vorsatz auch aus. Der Abschied von unserer ehemaligen Gefährtin wurde uns schwer genug.

Sie bat mich, ihr nach ihrem Zimmer zu folgen, und als wir darin angelangt waren, sagte sie in feierlichem Ton zu mir: ›Lieber Klaus, ich bin Euch gewiss immer eine treue Freundin gewesen, ich verlange keinen weiteren Dank dafür, ausgenommen eine einzige Gefälligkeit.‹

Ich versprach ihr, alles zu tun, was sie nur immer von mir verlangen werde.

›Es ist meine dringende Bitte, wenn Ihr nach Europa kommt, dann sucht den Grafen Praßlin auf und gebt ihm dieses Päckchen.‹

Ich versprach es ihr mit einem heiligen Eid und bald darauf trennten wir uns für immer.

Unsere Fahrt wurde glücklich vollendet und vor wenig Tagen kamen wir hier an, ich hatte die Ehre, Sie kennen zu lernen. Und da Sie dem Grafen als Notar dienen, so glaube ich, dass ich mich meines Auftrags hinlänglich entledigt habe, wenn ich jenes Päckchen zur weiteren Besorgung in Ihre Hände lege.«

Mit

diesen Worten zog er den erwähnten Gegenstand hervor und übergab ihn dem Notar, der den erhaltenen Auftrag pünktlich auszurichten versprach.

Hierauf fuhr Klaus nach einer geringen Pause fort: »Mit stolzer Zuversicht betrat ich die Residenzstadt, wo ich in meiner Jugend manchen tollen Streich gespielt habe. Ich glaube mich jetzt im Hinblick auf mein Vermögen über alles erhoben, was mein errungenes Glück schmälern könnte, allein ich fand mich schrecklich getäuscht. Mein erstes Unternehmen war, mich nach meiner armen Marie zu erkundigen, die ich in so traurigen Umständen verlassen hatte. Ich erkundigte mich nach ihr und erfuhr, dass sie vor etwa zehn Jahren gestorben sei. Sie hatte ein halbes Jahr nach meiner Abreise einen Knaben geboren, der nach ihrem Tod von seinen Großeltern erzogen und sehr übel behandelt wurde. Maries Vater starb auch und ihre Mutter sah in ihrem Enkel die Ursache des Unheils, das ihre Familie getroffen hatte.

Sei es nun, dass mein Sohn durch eine strenge Behandlung auf Abwege geriet, kurz, er ist zu meinem Schrecken zum Verbrecher herabgesunken; ach Gott, welch ein Jammer für mich, seinen armen Vater – denken Sie sich das Grässliche: Vor wenigen Tagen ist das Urteil an ihm vollzogen worden, es heißt, er habe einen gewissen Pächter Andreas beraubt und ermordet und man hat ihn zum Galgen geführt, wo er sein junges Leben enden musste. Ist das nicht zum Verzweifeln, mein Herr! Möchte ich nicht vor Schande und Scham vergehen? Ich wollte alles hingeben, was ich habe, wenn ich vermöchte, sein Leben zu erkaufen.«

»Das ist ein schlimmer Fall, und zwar ist es überhaupt zu erwarten, dass der Verurteilte unschuldig an jenem Verbrechen ist«, sagte Herr Lorenz.

»Unschuldig?«, schrie Klaus laut auf, »heiliger Gott, man hätte ihn gemordet, o, ich beschwöre Sie, sagen Sie mir alles, ich, als der Vater des Unglücklichen habe ein Recht, nach den entsetzlichen Ereignissen zu fragen. Haben Sie Erbarmen und erfüllen Sie diese meine flehende Bitte.«

Die Aussicht auf einen neuen Prozess lag nun klar vor den Blicken des Advokaten und er gab dem betrübten Klaus die Zusicherung, ihm glänzende Genugtuung zu verschaffen. Der Letztere entfernte sich mit einem schweren Seufzer.

»Und wenn diese Genugtuung noch so erfolgreich und glänzend ist, so ist unsere Entschädigung dennoch ein trauriger Sieg, den ich an dem Grab meines armen Sohnes bejammern muss«, murmelte der arme Mann. »Ach Gott, du suchst mich schwer heim und dein Ratschluss verhing eine harte Prüfung über mich!«

Einige Tage darauf trat Curt als beglaubigter Zeuge gegen die drei angeschuldigten Verbrecher auf. Er erzählte vor Gericht, wie er Zeuge des Mordes gewesen war, welcher in der Schlachtkammer von den Angeklagten verübt wurde. Seine Aussage bewog das Gericht zu einer Besichtigung der Bärenschänke und schon am folgenden Tag wurden Georg nebst Berthold und Julian zu dem Ort ihres Verbrechens abgeführt.

Auch Curt befand sich in der Begleitung des Kriminalrichters, der sich nebst noch anderen Gerichtspersonen auf einem zweiten Wagen befand.

Nachdem man vor dem Haus angekommen war, wurde der Eingang von einem Gemeindevorstandsmitglied geöffnet. Man nahm alles in Augenschein und endlich musste Curt in die noch vorhandene Biertonne kriechen, die in jener Nacht als Versteck gedient hatte, um dadurch seine Aussage durch den aufgestellten Beweis noch mehr zu unterstützen.

Die Umstände stimmten vollkommen miteinander überein. Curt berichtete mehrere Einzelheiten, die jene schreckliche Handlung begleiteten, und erzählte, wie Berthold den Kopf vom Körper des Ermordeten abgeschnitten hatte. Die Untersuchung dauerte mehrere Stunden und die Gefangenen wurden erst spät zu ihren Gefängnissen zurückgebracht.

Georg sah nun ein, dass ein ferneres Leugnen seine Lage nur verschlimmern musste. Da er hoffte, ein offenes Geständnis werde sein Urteil mindern, so gestand er am 3. Tag nach der Untersuchung in der Wohnung seines Vaters alles ein. Er bezeichnete auch die Stelle, wo der Leichnam Andreas’ verscharrt liege. Infolge dieses Geständnisses suchte man an der bezeichneten Stelle nach und der kopflose Körper wurde auch wirklich aufgefunden. Sein entsetzlicher Anblick lieferte den klaren Beweis, dass Curt Zeuge jenes fürchterlichen Verbrechens gewesen war. Wie wäre er sonst imstande gewesen, die Angabe von der Verstümmelung des Ermordeten zu machen? Die Verbrecher sahen nun mit Beben ihrem Urteilsspruch entgegen und die feierlichen Beteuerungen Georgs ließen es nicht länger in Zweifel, dass der unglückliche Klaus eines unverschuldeten Todes am Galgen gestorben war.

Die Unschuld des jungen Menschen, dessen Los ein so trauriges geworden war, wurde allgemein bedauert, und man spendete seinem armen Vater die Beweise des größten Mitleids.

Das Verschwinden des Verurteilten vom Hochgericht erregte indessen nicht wenig Aufsehen. Keine Spur zeigte an, was aus dem Leichnam geworden war. Das rätselhafte Verschwinden desselben machte das Tagesgespräch der ganzen umliegenden Gegend aus. Nachdem jedoch der tätige Rechtsanwalt die Beweise von der Unschuld des jungen Mannes vor den Augen der Welt offen dargelegt hatte, da hielt es Herr John nicht mehr länger für nötig, das Geheimnis offen zu enthüllen. Curt blieb dabei nicht untätig. Er hatte von dem Rechtsanwalt die Umstände, welche mit dem Geretteten zusammenhingen, vernommen und sein gutes Herz feierte den Triumph, als er seinen jungen Freund gesund und mit dem Lächeln des Entzückens über seine Freisprechung in die Arme seines Vaters führte.

Beide waren einander fremd; der Jüngling sah seinen Vater zum ersten Mal. Klaus eilte ihm freudenvoll entgegen.

»Er ist es, der Sohn meiner Marie!«, rief er entzückt, »ihre Augen strahlen in den seinen und sein Anblick erinnert mich an sie, die ich verlassen habe, während sie sich in der größten Not befand. Doch ich will mein Unrecht an ihrem Sohn wiedergutzumachen suchen, ich will alles tun, um die Selige mit mir auszusöhnen. Mein Sohn», fuhr er fort, »du sollst alles haben, was mein ist, und wenn der Besitz von Reichtum glücklich zu machen vermag, so wirst du es gewiss sein; mein ganzes Vermögen gehört dir und ich will es dir überlassen, außer einem bestimmten Jahrgehalt, den ich in deiner Nähe zu verzehren gedenke.«

Dann wandte er sich gegen den Rechtsgelehrten, und seine Hand mit Wärme drückend, sagte er: »Mein Herr, Sie haben unsere Sache gut verfochten und ich werde gewiss nicht undankbar dafür sein.« Mit diesen Worten drückte er dem Notar eine gewichtige Börse in die Hand.

»Danken Sie jenem jungen Mann«, sagte Herr Lorenz, »er rettete Ihrem Sohn das Leben, ohne seine Hilfe wäre der heutige Tag ein freudloser für Sie gewesen.«

»Ja, ja, er rettete mir mein Leben!«, wiederholte der junge Klaus, an die Brust des Wildschützen sinkend, »ich bin es nicht imstande, die Schuld der Dankbarkeit jemals gegen denselben abzutragen!«

»Noch ein Wort, Herr Notar«, fuhr Klaus fort, »haben Sie sich meiner Botschaft an den Grafen Praßlin entledigt.«

»Bereits vor mehreren Tagen«, antwortete der Gefragte, »er schien sehr bewegt und wünschte sofort, ungestört zu sein, zugleich übergab er mir die Urkunde über eine Schenkung, die er Ihnen, mein lieber Curt, vermacht, mit der Weisung, Ihnen dieselbe zu übergeben. Das Schreiben ist gerichtlich abgefasst und erklärt Sie als den Besitzer des großen Freigutes Hochstein. Was den Grafen immer dazu bewegen mag, so wünscht er doch, seinen Willen nicht durch unzeitige Einsprüche zu beeinträchtigen. Er tut viel, ohne es zu sagen weshalb. Darum nehmen Sie seine Güte mit Dank an und seien Sie in Verein Ihrer schönen, jungen Braut glücklich.«

»Ach, wenn es mir wenigstens gestattet würde, dem Grafen für die unverdiente Gnade zu danken«, sagte Curt, »ohne befürchten zu müssen, dadurch von ihm verkannt zu werden. Ich will es wagen, und Käthchen soll mich zum alten Waldschloss begleiten, wo sie genug wegen mir dulden musste.«

»Tun Sie das«, sagte Herr Lorenz, »und ich glaube, dass Ihr Dank dem Grafen nicht missfällig sein wird.«

Nach einiger Zeit schieden die vier Personen unter den herzlichsten Glückwünschen voneinander. Als Herr Lorenz allein war, warf er seine Feder weg, nahm Stock und Hut, indem er vergnügt ausrief: »Für heute sei es genug mit Arbeiten, ich will mir eine kleine Erholung gönnen und in den drei Linden ein Tässchen Kaffee trinken und eine Pfeife dazu rauchen.«

Gesagt, getan, und noch ehe der Zeiger einen halben Zoll fortgerückt war, befand sich der Rechtsgelehrte auf dem Weg zu seinem Lieblingsort.