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Nick Carter – Band 14 – Ein beraubter Dieb – Kapitel 2

Nick Carter
Amerikas größter Detektiv
Ein beraubter Dieb
Ein Detektivroman

Am Tatort

Als der Herr mit der gewünschten Niederschrift fertig war, waren auch Nicks Gehilfen zur Stelle. Er entließ Mr. Herron mit der Bemerkung, dass die Nachforschungen an drei Stellen zu gleicher Zeit beginnen würden.

Nick erzählte zunächst seinen drei Gehilfen die Ereignisse in der vergangenen Nacht, als er zufällig der letzten Szene des Einbruchs beigewohnt hatte.

Dann gab er eine Darstellung der Ausführung, die Mr. Herron gegeben hatte, und schloss mit den Worten: »Dies verspricht ein sehr interessanter Fall zu werden. Ich bin überrascht über die Offenheit Mister Herrons. Allerdings mag er in manchen Punkten nicht aufrichtig gewesen sein. Ich möchte jedoch glauben, dass er es war. Mister Herrons Aufklärungen lenkten den Verdacht naturgemäß auf eine jener Parteien, denen daran gelegen sein musste, die Erfindung in ihren Besitz zu bringen.«

»Und auf die Witwe«, flocht Ida ein.

»Wenn nicht auf die Witwe«, sagte Nick, »so doch auf jemanden, der hinter ihr steht. Bei alledem dürfen wir aber nicht aus den Augen verlieren, dass es sich vielleicht doch nur um einen ganz gewöhnlichen Einbruch handelt und dass die Einbrecher die Kassette, die sie im Haus fanden, mitnahmen, wie jedes andere Wertobjekt auch, ohne im Geringsten zu wissen, welchen Wert Mister Herron gerade auf diese Kassette legen musste. Zu ermitteln, wer alles in dem Haus Zutritt hat, muss Patsys Aufgabe sein. Es ist eine schwere Arbeit, und ich weiß kaum, wie ich dir zu einem Ausgangspunkt verhelfen kann. Doch sollte ich meinen, wenn du dich in die Nachbarschaft der 55th Street begibst und dich dort vorsichtig unter der Hand erkundigst, wirst du vielleicht etwas über den Wagen ausfindig machen und damit einen Anhaltspunkt finden.«

Patsy nickte, schien aber an etwas anderes zu denken.

»Nun«, fragte Nick, »was meinst du, Patsy, hast du noch einen anderen Gedanken? Heraus damit!«

»Die Sache ist die: Sagten Sie nicht, dass dieser Herron sich eine Kassette für die Papiere hatte machen lassen?«

»Ja«, meinte Nick.

»Gut«, erwiderte Patsy. »Dann handelt es sich auch darum, zu wissen, wer außer diesem Herron Kenntnis von der Kassette hatte.«

»Du meinst dann«, sagte Nick, »wir müssten wissen, wer von Herrons Konkurrenten wusste, dass die Modelle und Papiere in einem Behältnis verwahrt wurden, das speziell dafür angefertigt wurde.«

»Das meine ich«, fiel Patsy ein.

»Dieser Punkt ist von Bedeutung«, entgegnete Nick. »Wenn niemand davon Kenntnis hatte und nur Mr. Herron von der Kassette wusste, dann spricht dies sehr gegen den von ihm geltend gemachten Verdacht.«

»Jawohl«, äußerte Chick. »Dann würde man daran zweifeln müssen. Auf der anderen Seite aber sagtest du, dass alle Schränke und Kästen so sorgfältig durchsucht wurden, dass man den Eindruck gewinnen musste, dass nach einem einzelnen Gegenstand gesucht wurde.«

»Daran denke ich auch«, sagte Ida. »Wenn sie so genau waren beim Nachsuchen, dass sie sogar hinter die Gemälde an den Wänden schauten, dann könnt Ihr sicher sein, dass sie auch nicht eine einzige Truhe oder Schachtel oder Kasten oder sonstigen Behälter undurchsucht ließen, und dabei hätten sie doch auch den Kasten mit dem Modell geöffnet und Letzteres gefunden, also gerade das, was sie suchten.«

»Trotz alledem«, sagte Nick, »ist Patsys Ansicht nicht schlecht. Und davon ausgehend, wird er schon auf irgendeinen Punkt von Wichtigkeit stoßen. Also, Patsy, los, und geh von der Person aus, die den Kasten anfertigte. Vielleicht lässt sich schon dort etwas Wichtiges ermitteln.« Sich zu Chick wendend, fuhr er fort: »Du hast die Liste der übrigen Bewerber um die Erfindung, Chick. Ermittle alles über sie, was sich ermitteln lässt, was für Leute es sind und welchen Kreisen sie angehören.« Zum Schlusse wandte er sich an Ida: »Du musst versuchen, die Bekanntschaft der Witwe zu machen, und sehen, was dort zu erfahren ist. Es ist schwer, vorher zu erraten, wie man dort vorgehen muss. Aber wenn es dir gelingt, ihr Vertrauen zu erwerben, wird sie dir vielleicht Aufschlüsse über die Personen geben, die mit ihr in Verbindung traten, und diese dürften vielleicht für die Untersuchung von großem Wert sein. Ich selbst gehe in die 35the Street und werde dort an Ort und Stelle alle Spuren untersuchen. Auch werde ich mich mit Mr. Herrons Anwalt in Verbindung setzen. Nun ans Werk. Später werden wir zusammenkommen und unsere Resultate vergleichen. Alsdann wird sich ein besserer Operationsplan entwerfen lassen als jetzt, da wir noch nichts wissen.«

 

*

 

Nick Carters erster Gang führte ihn in das Haus Mr. Herrons. Dieser erwartete ihn schon.

»Seit meiner Rückkehr habe ich sorgfältig den Wert der Gegenstände zusammengestellt, die abhandengekommen sind«, sagte er zu Nick. »Die gesamten Juwelen, die in dem Geldschrank meiner Frau aufbewahrt wurden, fehlen. Ihr Gesamtwert beträgt fünftausend Dollar. Alles Tafelgerät war echtes Silber und ist ebenfalls gestohlen. Der Wert desselben beträgt nicht über 2500 Dollar. Glücklicherweise hatte meine Frau den wertvollsten Teil ihrer Juwelen vor etwa vierzehn Tagen auf der Bank deponiert, da sie dieser in den nächsten Monaten nicht bedurfte. Infolgedessen beschränkt sich der Verlust auf etwa 7500 Dollar, abgesehen von der Kassette, an der mir am meisten liegt.«

»Abgesehen von der Kassette«, fragte Nick, »und von dem, was aus ihrem Geldschrank gestohlen wurde. Fehlt sonst nichts?«

»Nein«, erwiderte Mr. Herron. »Der Wert der Kassette beläuft sich allerdings auf über 33.000 Dollar. Mir kommt alles darauf an, die Kassette samt Inhalt wiederzuerlangen. Und ich werde gern auf alle übrigen Wertsachen verzichten, wenn ich nur die Kassette wiederbekomme. Ich bin bereit, jede Summe daran zu wenden, und überlasse Ihnen alle weiteren Schritte, wie Sie es für am besten halten. Auf alle Ihre Forderungen werde ich eingehen.«

Darauf blickte Nick Carter Mr. Herron fest in die Augen und sagte dann: »Nun, Mr. Herron, Sie wissen doch, dass vor dem Auge des Gesetzes die ganze Sache leicht einen Anstrich von Hinterziehung haben könnte.«

Mr. Herron schüttelte den Kopf, als ob er den Sinn der Worte Nicks nicht verstanden hätte.

Der berühmte Detektiv fuhr fort: »Ihre Worte könnten leicht so gedeutet werden, als ob ich bei dieser Hinterziehung Beistand leisten sollte.«

»Ich habe durchaus nicht die Absicht, irgendetwas Schlechtes zu tun«, entgegnete Herron, »und ich möchte Ihnen die Überzeugung beibringen, dass meine einzige Absicht die ist, den Kasten samt Inhalt wiederzuerhalten, selbst wenn es mir außerordentliche Kosten verursachen sollte.«

Nick erwiderte hierauf nichts.

Er machte eine Verbeugung und fuhr dann fort: »Gestern befand sich ein junger Mann namens Temple in dem Haus. Ich sprach mit ihm.«

»Jawohl«, antwortete Mr. Herron, »einer meiner Neffen, der Sohn einer Schwester. Er lebt zwar nicht bei uns, ist aber trotzdem sehr vertraut im Haus. Während meiner Abwesenheit schlief er auf meinen Wunsch hier in der Wohnung.«

»Glauben Sie nicht etwa«, fuhr Nick fort, »dass ich mit meinen Fragen einen Verdacht erwecken oder einem solchen Ausdruck verleihen will. Ich muss mich eben über die geringsten Einzelheiten informieren, die auf die Sache Bezug haben könnten. Sie haben Vertrauen zu diesem jungen Mann?«

»Unbedingt!«

»Wie ist seine Führung?«

»Ausgezeichnet!«

»Macht er große Ausgaben?«

»Nein, in keiner Weise! Wenn es etwas in seinem Leben gibt, an dem man Anstoß nehmen könnte, so ist es das, dass er sich zu viel mit Sport und Athletik befasst und dass er außerhalb des Geschäftes nur hierfür Interesse hat.«

»Und wie sind seine geschäftlichen Verhältnisse?«

»Er ist Sekretär und Kassierer einer kleinen Fabrikantenvereinigung, deren Chef ich selbst bin, und er ist zugleich mein Bevollmächtigter.«

»Nun, und sein sonstiger Umgang?«

»Er ist Mitglied eines Athletenklubs und bringt seine ganze freie Zeit in dem Umgang mit den Mitgliedern desselben zu. Wie ich erfahren habe, sind das junge Leute, die ihren Ehrgeiz darin suchen, ihre physischen Kräfte zur höchsten Vollendung auszubilden.«

»Wie heißt dieser Klub?«

»Der griechische Athletenklub.«

Nick notierte sich diesen Namen und wendete seine Aufmerksamkeit nur noch auf den einbruchsicheren Schrank im Esszimmer zu.

Eine eingehende Untersuchung zeigte ihm, dass die Öffnung ohne Gewalt erfolgt war. Das Kombinationsschloss war ordnungsgemäß geöffnet worden.

Ferner fand er, was Mr. Herron übersehen hatte, dass die Vorhänge des Parlors dazu verwendet worden waren, das aus dem Schrank genommene Silberzeug einzuwickeln. Nick wandte sich nun zu dem kleineren Schrank im Zimmer der Hausfrau und fand, dass auch dieser tadellos geöffnet worden war.

Während dieser Untersuchung stand Mr. Herron ruhig daneben und fragte kurz, als Nick fertig war: »Nun?«

»Wie ich Ihnen schon diesen Morgen sagte«, erwiderte Nick, »handelte es sich um das Werk gewohnheitsmäßiger Einbrecher. Meine jetzige Untersuchung beweist mir aufs Neue, dass meine Ansicht richtig war. Ich gehe sogar weiter und behaupte, hier ist ein geschickter schwerer Junge bei der Arbeit gewesen.«

»O!«, machte Herron, doch in einem Ton, der Nick zeigte, dass er die Bedeutung dieser Worte in ihrer Tragweite nicht erkannte. »Sie verstehen mich nicht«, sagte Nick. »Ich will damit sagen, dass ich jetzt meine Nachforschungen nach den Einbrechern auf einen kleinen Kreis beschränken kann. Derart geschickte schwere Jungs gibt es unter den Einbrechern nicht so zahlreich, als dass sie der Polizei nicht alle wohlbekannt wären.«

Seit der Rückkehr Mr. Herrons und seiner Frau war im Haus nichts verändert worden, und Nick ging dazu über, die Spuren der Verbrecher beim Aufbrechen der Behältnisse und Schränke zu verfolgen.

Er suchte nicht erst nach weiteren Erklärungen; er war zufrieden damit, festgestellt zu haben, dass tatsächlich beim Einbruch nach einem ganz bestimmten Gegenstand gesucht worden war, und zwar ganz regellos und ohne System. In anderen Worten, die Spitzbuben hatten gesucht, ohne über etwas anderes informiert zu sein als über den Behälter, in welchem das Gesuchte verborgen war. Es war klar, dass sie nur gewusst hatten, dass Mr. Herron die Zeichnungen und Modelle mit in seine Wohnung genommen hatte, und diese Benachrichtigung musste von Mr. Herron selbst stammen.

Nick befragte Mr. Herron über diesen Punkt, aber dieser konnte sich nicht entsinnen, dass er irgendjemandem hiervon Mitteilung gemacht hatte; er konnte nur versichern, sich beim besten Willen nicht daran zu erinnern.

Das Ergebnis der ganzen Untersuchung war also, dass die anfängliche Überzeugung des Detektivs nur ihre Bestätigung gefunden hatte.

»In das Haus sind Einbrecher von Beruf eingedrungen«, sagte er zu sich selbst. »Ob diese nur mit dem Vorsatz eingedrungen sind, einen Diebstahl zu begehen, und die Kassette mit sich nahmen, weil sie sie zufällig fanden, oder ob sie beauftragt waren, hier einzudringen und den Kasten zu stehlen, und dabei das Silbergeschirr und die Juwelen mit sich nahmen, weil sich die Gelegenheit dazu bot und sie dies leicht tun konnten. Das sind Fragen, die mich der Tatbestand hier nicht beantworten lässt.«

Während er so sprach, befand er sich in Mr. Herrons Zimmer, wandte sich dem Fenster zu und blickte hinaus.

Auf der gegenüberliegenden Straßenseite saß Patsy auf den Stufen eines Hauses und sprach da mit einem nicht besonders einladend aussehenden Individuum, das sich neben ihm niedergelassen hatte.

Ein kurzer Blick zeigte Nick, dass Patsy seine Zeit nicht vertrödelte, sondern einen bestimmten Zweck verfolgte.

Ob er auf ihn selbst wartete oder nicht, konnte Nick natürlich nicht wissen. Er zog die Vorhänge beiseite und stellte sich hinter das geschlossene Fenster.

Sobald ihn Patsy bemerkte, gab er Nick eine Reihe eiliger Winke. Es schien diesem, als ob Patsy einen Mann aufgefunden hätte, der für ihre Sache von Wichtigkeit sein musste und dass er wünschte, den Mann verfolgt zu wissen, während er, Patsy selbst, eine Änderung in seiner äußeren Erscheinung vornehmen wollte.

Nick verabschiedete sich schnell von Herron, indem er sagte, dass er hier vorläufig nichts weiter unternehmen könne, stieg die Treppe hinab, öffnete die Haustür, blieb einen Augenblick im Hausgang stehen und gab Patsy durch einen Wink mit der Hand zu verstehen, dass er alles begriffen hätte.

Patsy sprang sofort auf und entfernte sich nach einigen Worten an seinen Mann nach Westen, ohne sich weiter umzusehen.

Der Strolch schlich die Straße hinab in östlicher Richtung, und Nick Carter folgte ihm in sicherer Entfernung, indem er vorsichtshalber auf derselben Seite ging wie jener.

Der große Detektiv wusste zwar nicht, aus welchem Grund er dem Strolch folgen sollte, aber er hatte genügend Vertrauen zu Patsy, um seinen Anweisungen Folge zu leisten.

Der Mann führte Nick zur 3rd Avenue. Dort wandte er sich nach rechts, d.h. also nach der 44th Street. Hier machte Nick ein Zeichen mit roter Kreide an das Eckhaus, welches Patsy die Richtung angeben sollte, nach welcher er sich gewandt hatte.

An der Ecke der 34th Street kreuzte der Mann die 3rd Avenue. Er lehnte sich an einen Pfeiler der Hochbahn, und zwar an einer Stelle, von welcher aus er alle vier Straßenecken im Auge behalten konnte. Er überwachte dieselben so sorgfältig, als ob er aus jeder einzelnen die Ankunft von irgendjemandem erwartete.

Nick Carter selbst stellte sich außer Sichtweite auf, nachdem er wiederum mit roter Kreide ein Zeichen auf das Pflaster gemacht hatte, welches Patsy bei seiner Rückkehr angeben sollte, wo er selbst sich aufhielt, und wartete.

Aber er hatte noch nicht lange dort gestanden, als Patsy in tadellosem Anzug auftauchte, und zwar auf der östlichen Seite.

Sowie er das Zeichen auf dem Pflaster sah, schaute er sich um, zuerst einmal, um zu sehen, wo der Mann stand, den er hatte verfolgen lassen, dann aber, um zu sehen, wo sich sein Chef befand. Nick Carter winkte ihm von einem Hausflur aus zu, und Patsy begab sich zu ihm.

»Wer ist das, Patsy?«, fragte Nick.

»Es ist ein Strolch«, entgegnete Patsy. »Ich kenne ihn schon seit langer Zeit. Er ist zwar bei dem Fall in der 35th Street nicht beteiligt, aber er steht in Verbindung mit den Leuten und hat vielleicht bei den Vorbereitungen die Hand mit im Spiele gehabt.«

»Was willst du damit sagen?«, fragte Nick.

»Die Sache ist die: Der Mann ist Spike Thomas. Er vermutet, dass zwei Leute, mit denen er früher zusammengearbeitet hat, in der letzten Nacht einen Streich ausgeführt haben. Er vermutet ferner, dass es sich um den Fall in der 35th Street handelt. Er will nun seinen Anteil. Er weiß, wer die Kassette in der Hand hat, und will den Versuch machen, uns auf die Spur zu bringen.«

»Was hast du ihm gesagt?«

»Dass wir bis jetzt noch nichts herausgefunden, aber auch niemanden im Verdacht haben. Jedenfalls hielt ich das für die einzig richtige Vorgehensweise bei ihm.«

»Weißt du, wen er im Verdacht hat?«

»O nein! Das verrät er nicht. Aber ich bin überzeugt, dass die zwei, die er im Verdacht hat, auch die Täter sind.«

»Vielleicht hast du recht, Patsy.«

»Nun ja«, antwortete Patsy. »Jetzt will ich mich hinter ihm hermachen, um zu sehen, wo er hingeht.«

»Recht so«, erwiderte Nick. »Ich will mich nun einer anderen Spur zuwenden.«

Der Meisterdetektiv entfernte sich, und Patsy nahm seinen Beobachterposten wieder ein.

Wie Thomas blieb er an einer Ecke stehen, indem er jeden, der eine der vier Ecken passierte, scharf ins Auge fasste.