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Deutsche Märchen und Sagen 176

Johannes Wilhelm Wolf
Deutsche Märchen und Sagen
Leipzig, F. A. Brockhaus, 1845

233. Der Perückenmacher und die Kaboutermännchen

In Brügge wohnte vor langer Zeit einmal ein Perückenmacher, der mit vielen Gesellen arbeitete. Zu dem kam eines Morgens ein Herr, der wollte eine neue Perücke für den folgenden Tag haben, wo er dem Leichendienst eines Verwandten beiwohnen musste. Der Perückenmacher sprach aber, das wäre eine ganz unmögliche Sache, denn um eine gute und schöne Perücke zu machen, brauche er wenigstens zwei volle Tage. Der Herr bat und bat, aber der Perückenmacher blieb dabei, es wäre unmöglich. Eben wollte der Herr wieder fortgehen, als einer der Gesellen sich erhob und sprach: »Meister, ich nehme es auf mich, die Perücke bis morgen fertig zu machen.«

»Narr«, sprach der Meister, »bleibe an deiner Arbeit, das ist ja lächerlich.«

»Ach«, fiel der Herr da ein, »wenn du das könntest, Geselle, ich bezahlte die Perücke doppelt und gäbe dir noch einen Krontaler Trinkgeld obendrein.«

Da war der Meister es zufrieden und der Knecht sprach: »Nun gebt mir alles, dessen ich benötigt bin, und ein Kämmerlein, worauf ich ungestört allein sein kann bis morgen früh, dann will ich Euch die Perücke liefern.«

Der Meister schüttelte den Kopf, doch gestand er dem Gesellen alles zu, was derselbe begehrte, und der ging auf seine Kammer.

Es wurde Mittag und der Abend nahte schon, ohne dass man etwas von dem Gesellen gehört, noch gesehen hätte.

Da sprach die Meisterin: »Wo mag er bleiben, ich höre nicht, dass er sich regt, noch bewegt auf der Kammer.«

»Geh und guck einmal durchs Schlüsselloch, was er macht«, sprach der Meister.

Die Frau stieg leise die Treppe hinauf und guckte durchs Schlüsselloch; doch kam sie eilig und leichenblass wieder herunter und sank auf einen Stuhl, ohne ein Wort sprechen zu können.

»Was ist dir?«, fragte der Meister verwundert.

»Ach, geh selbst und sieh«, sprach die Frau und der Meister ging; aber er kam ebenso erschrocken zurück und nun ging die Magd und die Gesellen und sie kamen alle zurück, wie die Frau Meisterin und der Meister.

»Wer hätte das gedacht?«, hub da dieser an, »da sitzt der Bursche und schläft, dass er schnarcht und hundert und mehr Kabouterchen arbeiten an der Perücke; das ist gegen Gott und Gebot.«

Am anderen Morgen kam der Geselle, nichts ahnend, die Treppe herab und bot die Perücke dem Meister. Der schickte ihn damit zu dem Herrn. In der Zwischenzeit machte der Meister des Gesellen Rechnung und als der arme Bursche zurückkam und, erfreut über den Krontaler Trinkgeld, dem Meister das Geld brachte und erzählte, wie der Herr so zufrieden gewesen sei, da sprach der Perückenmacher: »Gut, nun sieh einmal hier: Du hast von mir noch fünfzehn Franken zu bekommen, hier sind die und nun pack dich aus der Tür, denn ich will dich nicht länger im Hause haben.«

»Gut«, antwortete der Geselle lächelnd, »das wird Euch schon gereuen.« Er nahm das Geld und ging weg.

Als der Herr nun mit der neuen Perücke in die Kirche kam, da hatte er nicht so bald Weihwasser genommen und auf die Stirn gesprengt, als die Perücke in tausend und abermals tausend Härchen von seinem Kopf fiel und er von allen Umstehenden derb ausgelacht wurde. Wütend darüber lief er zu dem Perückenmacher. Der entschuldigte sich nun zwar mit dem Gesellen, aber das half ihm wenig. Als man in der Stadt davon hörte, da wollte kein Mensch mehr eine Perücke von ihm und er wurde so arm, dass er betteln gehen musste. Das war das Ende des Spiels.