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Der Vampir – Jowans Entschluss

Hans Wachenhusen
Der Vampir
Eine Novelle aus Bulgarien, 1878

Jowans Entschluss

Ein furchtbares Unwetter verwüstete während der Nacht das reizende Jantratal. Mit Getöse gossen sich die von den Höhen des Balkans herabschießenden Fluten in das Felsenbett des Flüsschens, Bruchsteine und entwurzelte Bäume mit sich schleppend und sich in die Donauniederungen ergießend. Wie Kartenhäuser fegte der Orkan die bulgarischen Holzhütten vom Boden, die Schindeln der Dächer wie dürres Laub in die Luft wirbelnd und das Gebälk in dem breiten Strom des aus seinem hohen Bett getretenen Flüsschens zu Tal hinabschwemmend.

Marko saß schweigend am Totenlager seines Kindes. Ihm war es, als sei der Orkan gesandt, um den Mörder Selwas zu vernichten; das Geheul des Sturmes, das Ächzen und Brechen der Riesenstämme über ihm auf dem Felsplateau, das Leuchten und Knattern der Blitze war ihm eine grausige Rache- und Totenmusik. Der erste Sonnenstrahl aus blauem, wieder vollständig geklärtem Himmel fand ihn noch zu Füßen des unter Qualen hingemordeten Lieblings.

Auch Jowan und sein Kind suchten die Nacht den Schlum­mer nicht. Jowan hatte seinen Gast in die oberen Zimmer geführt und hier saßen alle drei beisammen. Das Unglück hatte zwischen ihnen Vertrauen gestiftet; Jowan sah ein, es lohne nicht, aus seinen Schätzen ferner ein Geheimnis zu machen, die er ja kaum noch sein Eigentum nennen durfte. Er be­trachtete sich wie einen verarmten Mann, der nur noch sinnen dürfe, sein nacktes Leben zu retten.

Und so sprach er, als der Sturm sich endlich sänftigte, zu seinem Gast mit einer Fassung, die weniger einer großen Seele, als der Resignation eines Ratlosen entsprang, auf dem Divan zusammengekauert, finster vor sich hinschauend, während die an der Decke hängende Leuchte noch von dem Erschüttern des Hauses bebte, unter welchem der harte Felsboden selbst erzittert.

»Mein dreißig Jahre langes Mühen ist umsonst gewesen! Ich stand mit dem vorigen Pascha auf gutem Fuß und wusste mir seine Freundschaft zu erhalten; der jetzige aber, ein Blutsauger, umlauerte mich stets, wie ein Panther zum Sprung bereit, sobald er meiner und meines Geldes sicher. Ich glaubte, mir auch ihn zum Freund zu machen, aber ich sehe es, ich habe durch meine Geschenke nur seine Habgier gereizt, durch die Summen, die er als Darlehen von mir begehrte, mir in ihm einen unversöhnlichen Feind geschaffen. Meine Stunde hat ge­schlagen; ich ziehe fort, alles zurücklassend, was mich meine beste Lebenskraft gekostet, um fern von hier, in hohem Alter, mut- und kraftlos von Neuem aufzubauen, wenn es meinen müden Händen noch gelingt. Nutzlos wäre es, in diesem Land Schutz zu suchen gegen die Willkür eines Beamten, dem gegen­über ich rechtlos bin, nutzloser, seine Anklage bestreiten zu wollen, wo mir jeder Verteidiger fehlen wird. Ein unglücklicher Rajah, wie ich, hat wohl vor dem Gesetz das Recht, Eigentum zu erwerben, aber nicht es zu besitzen, es sein zu nennen. Herr«, wandte er sich, das Antlitz erhebend, zu Viktor, der scheinbar in seinem Notizbuch blätternd dasaß und heimlich das Mädchen beobachtete, wie es am Kamin kniete, das türkische Blechgefäß an langem Stiel über die Flamme hielt, um den Kaffee aufbrodeln zu lassen, dann sich erhob und die zierlichen Porzellanschälchen auf silbernen Untersetzern ordnete, »Herr, habt Ihr wirklich den Mut, Euch mit dem Pascha in die Haare zu legen? Ihr seid allerdings Franke, Euch schützt Euer Gesandter, Euer Konsul, Euch schützen die Truppen der christlichen Mächte; uns Arme schützt selbst der Himmel nicht, wie fromm wir auch zu ihm beten!«, schloss er mit einem Seufzer.

Viktor blickte lächelnd sorglos auf; sein heiteres Gemüt sah alles rosig an. Er legte das Notizbuch von sich und nahm mit dankbarem Blick von der silbernen Platte das Tässchen, das ihm Marinka, noch immer bleich und mit banger Spannung in den Zügen, überreichte. »Ob ich den Mut habe, Herr Jowan? Bassama, ich habe den Mut, mich mit dem Teufel selbst anzulegen, zumal wenn es das Leben, die Ehre, das Glück der anmutigen Marinka betrifft, deren Herz ich noch immer in tiefer Bekümmernis sehe!«

Sein Blick traf dabei den ihren; er sah nicht, wie die Silberplatte in ihrer Hand zitterte, wohl aber, wie ihre bleichen Wangen bei seinen Worten sich wieder färbten. Die Bedroh­lichkeit ihrer Lage, die Angst vor dem Morgen – und die Nachtwende war ja schon da – die Spannung ihrer Nerven hatten in ihrem äußeren Wesen jede mädchenhafte Eitelkeit ver­scheucht; in ihrem schlichten braunwollenen Kleid, das den jugendlich geschmeidigen Leib so knapp umschloss, das dunkle üppige Haar nachlässig aufgeheftet, das Auge bange lauschend an dem Vater hängend, gab sie sich in ihrer Natürlichkeit, und zwischen ihr, dem Vater und dem Gast hatte ja die Gefahr des Hauses ein schweigendes Einvernehmen gestiftet, dem sie sich mit Beruhigung überließ.

Jowan überlegte noch einmal; er rückte das Käppchen auf dem Scheitel, strich sich den großen Schnurrbart.

»Ich kenne Euch nicht, Herr«, fuhr er fort mit einem scheu prüfenden Seitenblick auf Viktor. »Ihr kamt hierher, Ihr nahmt Euch unser an …«

»So tat ich, freilich anfangs nur um meines alten Marko willen, aber jetzt …«

Er suchte Marinka, die sich wieder an den Kamin geflüchtet hatte.

Jowan wartete, dass er fortfahren solle.

»Jetzt, Gospodin Jowan, jetzt ist es mein Wunsch, Eurer Gastfreundschaft zu danken. Gebietet über mich! Ihr braucht mich nicht tiefer zu kennen, wie ich so vor Euch dasitze, ein Mann von guter Familie, aber arm wie eine Kirchenmaus, nur mit einem Patent als türkischer Offizier in der Tasche, von dem ich keinen Gebrauch zu machen gedenke, seit ich mir die Dinge hier angesehen habe und mit einem Reisegeld von einigen Dutzend Magyaren1, die freilich nicht lange vorhalten werden. Jetzt sprecht, was verlangt Ihr?«

»Vor allem, Herr, dass Ihr meine Kasse als die Eure betrachten möget.«

»Das ließe sich hören; indes ich danke für Euer Anerbieten. Es hat noch keine Not bei mir, solange ich Pferd, Sattel, Zaumzeug und meine Pistolen besitze.«

»Besser, Ihr nehmt, als dass es der Mudir nehme!«

»Das soll er nicht, wenigstens nicht so lange, wie ich bei Euch bin! Bei Gott, er soll es nicht! Wisst Ihr was, Herr Jowan? Ich habe nichts in der Welt zu versäumen, und da kommt mir eben eine Idee: Nehmt mich als Euren Diener, Euren Gehilfen – als was Ihr wollt in Euer Haus und lasst sehen, ob ich dem Pascha und seinen Plänen nicht die Zähne zeige. Ich ziehe mir unter irgendeinem Vorwand ein halbes Dutzend entschlossene Leute – lauter Franken, die sich ihrer Haut zu wehren verstehen – ins Haus; wir setzen uns mit den Konsulaten in Verbindung, organisieren uns eine Leibgarde und Ihr, Herr Jowan, habt inzwischen hinreichend Zeit, Eure Angelegenheiten zu ordnen, Euer Geld fortzuschaffen, Eure Liegen­schaften zu verkaufen …«

Jowan schüttelte den Kopf. Marinka, die mit hohem In­teresse und sich verklärendem Gesicht zugehört hatte, blickte getäuscht auf ihn.

»Vater!«, rief sie mahnend, nicht begreifend, wie er des jungen Mannes Anerbieten von der Hand weisen könne.

»Es ist nichts mit dem Plan!«, schüttelte Jowan wieder be­denklich das Haupt. »Ihr habt alle die Briefe, die ich von meinen Geschäftsfreunden jenseits der Donau empfangen habe, dem General übergeben?«

»Alle! Und der General glaubte dafür in Euch den rechten Mann gefunden zu haben, sich geheime Nachrichten über die Bewegungen des Feindes drüben zu verschaffen. Ich selbst und meine Freunde, wir haben uns für Euch verbürgt.«

»Ich will Euch gleiches Vertrauen dafür schenken«, versetzte Jowan. »Kennt Ihr ein sicheres Obdach drüben bei den Euren für mein Kind? Erst soll das in Sicherheit geborgen sein, denn der Pascha weiß, wo er mich am tödlichsten treffen kann.« Jowan legte schmerzbewegt die Hand auf die Brust.

»Kennt Ihr ein Obdach, ich will das Mädchen Eurer Ehren­haftigkeit anvertrauen; Ihr führt sie in Bubenkleidung heimlich und über Nacht von hier, und dann erst will ich an mich und das Übrige denken.«

Marinka hatte in höchster Erregung zugehört. Den Blick zu Boden gesenkt, stand sie da. Sie wagte nicht aufzuschauen.

»Ein Obdach für Marinka!«, rief Viktor in freudiger Überraschung, zugleich die Unruhe des Mädchens beobachtend. »Aber drüben?«, setzte er, den Kopf schüttelnd, hinzu. »Herr Jowan, der Kriegsplatz ist keine Stätte für Frauen! Es sind wohl an die vierzigtausend französischer und englischer Truppen, die in Varna gelandet werden; alles schafft, wie ich höre, eilig seine Frauen in Sicherheit und wir sollten Marinka gerade da mitten hineinführen?«

»Und dennoch halte ich mein Kind dort für sicherer als hier!«, antwortete Jowan starrköpfig. »Wollt Ihr auf meinen Vorschlag eingehen? Wollt und könnt Ihr Marinka unter sichere Obhut bringen?«

Viktor überlegte. Sein Auge blitzte freudig auf. »Und doch wird es gehen!«, rief er aus. »Der Dampfer von Triest, der diese Woche in Varna eintrifft, wird von einem Jugendfreund von mir geführt. Er schilderte mir erst kürzlich am goldenen Horn das Glück seiner jungen Ehe; er wird Marinka in seinen Schutz nehmen.«

Jowan ergriff des jungen Mannes Hand und schüttelte sie dankbar erregt.

»So sei es!«, rief er. »Ein Tagesweg für Euch hin, ein anderer zurück hierher! Ihr bringt mein Kind an Bord, Ihr kehrt zu mir und helft mir alles ordnen. Mit Gottes Hilfe bringt auch mich das nächste Schiff in sicheren Port! … Marinka«, rief er dem Mädchen zu, sich erhebend, »ich lade meinen Gast ein, mit mir zu gehen; so lange es Nacht ist, besteht keine Gefahr für uns, beobachtet zu werden. Du wirst mit der Magd allein hier oben bleiben. Gib Acht auf alles, was vorgeht und gib mir im Notfall das Zeichen … Darf ich Euch bitten, mir zu folgen, Herr? Ihr sollt Euch überzeugen, wie Jowan Silowic Eure Freundschaft ehrt; Ihr sollt wissen, bei wem Ihr seid!«

Viktor erhob sich. Während der Alte hinausschritt, um eine Leuchte zu suchen, trat er auf das Mädchen zu, das mit gesenktem Blick in der Ecke des Gemachs auf dem Divan saß und die Hände im Schoß faltete.

»Marinka«, sagte er, mit dem Herzen in der Stimme, »Sie hörten Ihres Vaters Wunsch! Werden Sie dasselbe Vertrauen in den Fremden setzen?«

Marinka wagte nicht zu sprechen. Schweigend nickte sie vor sich hin. Er sah ihre Unruhe, ihre Befangenheit.

»Ich wage nicht, Ihnen zu sagen, wie glücklich Ihres Vaters Auftrag mich macht«, fuhr er fort, sich neben sie setzend. »Werden Sie den Mut haben, mir in den Lärm des Krieges zu folgen?”

»O, ich bin nicht feige!«, antwortete sie leise, zitternd, doch bereits ruhiger. »Ich bebe nur vor Gefahren, wie sie uns hier umgeben! Ich will mich Ihnen blind anvertrauen, wenn Sie mir versprechen, auch über des armen Vaters Sicherheit zu wachen und ihn bald, recht bald zu mir zu führen!«

»Ich verspreche es!«

Jowan kehrte zurück mit der Leuchte. Ein kurzer Wolfspelz, über den Hüften durch einen Riemen gehalten, umhüllte seine Riesengestalt. Er achtete nicht auf das Gespräch der beiden und reichte Viktor einen zweiten Pelz hin, den er auf dem Arm trug.

»Für Euch, Herr! Unser Weg ist ein kalter; legt das um Eure Schultern! … Marinka, der arme Marko sitzt noch an der Leiche seines unglücklichen Kindes; sei auf deiner Hut, denn auf ihn ist nicht zu rechnen. In einer Stunde sind wir zurück.«

Viktor nahm mit Befremden das Kleidungsstück. Er suchte nach dem Revolver, den er auf den Divan gelegt hatte.

»Lasst gut sein!«, winkte Jowan. »Auf unserem Weg ist keine Gefahr!«

Er gab ihm ein Zeichen, ihm zu folgen und schweigend trat Viktor ihm nach.

Marinka lauschte regungslos, bis die Tritte draußen ver­hallt waren. Sie stand da, vor sich hinstarrend, dann heftig das Haupt schüttelnd, die Hand an die Stirn, an das Herz legend.

»Was ist das alles!«, rief sie, während das Blut ihr heftig zur Stirn drang. »Können so wenige Stunden, kann ein Augenblick genügen, um … Und wie ist mir denn?«

Sie eilte ans Fenster, schlug den Laden auf und badete die plötzlich so glühende Stirn in den letzten, noch stark bewegten Luftwellen, die der Sturm zurückgelassen hatte. Sie kehrte in fiebernder Unruhe ins Zimmer zurück, lief umher, fand keine Rast und warf sich endlich auf den Divan, das Antlitz in den seidenen Kissen bergend.

»Was ist doch das alles!«, wiederholte sie in der Verwir­rung, die sie so plötzlich überkommen hatte. »Selwa tot, meine arme, arme Selwa, und er, dieser Fremde … Ich habe ihn gemieden, wie Petrowic mir befahl; ich sah, ich sprach ihn heute Abend zum ersten Mal, und er war so gut, so herzlich! Es war eine Stimme aus der Welt meiner Träume und deshalb befing sie so mein Gemüt! Sie brachte mir Grüße von drüben, wohin all mein Sehnen geht; es war ein Antlitz, so gewinnend und schmeichelnd trotz seiner Keckheit! Mir war es, als gehe das Herz mir auf, wie er zu mir sprach, und als man die unglückliche Selwa brachte und er hinzutrat, war es, als teile sich mein Herz plötzlich zwischen ihr und ihm, und als falle ihm, den ich heute zum ersten Mal sah, der größere Teil davon zu … Und was dann kam, es war ja des Vaters Schuld! Ihm will er mich übergeben, der Vater, der sonst so misstrauisch gegen alles … Mir schlägt das Herz wie ein Hammer, wenn ich mir denke, ich soll an seiner Seite … Allein mit ihm, ganz ihm überlassen … Und doch, ich miss­traue ihm nicht! Es ist fast, als wäre es die Furcht vor der Gefahr nicht allein, die mich die Stunde ersehnen lässt, wo ich von hier gehe! … Und was will jetzt der Vater mit ihm?«

Sie trat an die Tür und lauschte hinaus. »Er führt ihn in die Gewölbe! … Wenn er ihn missbrauchte, wenn er verriet! … Ich bin so allein hier! … Ich will hinunter zu Marko, will noch einmal in Selwas liebes Antlitz sehen, obwohl es so grausig bleich schon war … O, wie schrecklich der Tod doch ist!«

Ein Schauder durchfröstelte sie. Furchtsam blickte sie umher und schlich dann auf den Fußspitzen zum Zimmer hinaus.

Show 1 footnote

  1. Österreichische Dukaten