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Deutsche Märchen und Sagen 170

Johannes Wilhelm Wolf
Deutsche Märchen und Sagen
Leipzig, F. A. Brockhaus, 1845

225. Der Geist mit der Schellenkutte

Ein paar Mönche kamen auf der Reise in eine Herberge, in welcher ein Zimmer nicht bewohnt werden konnte, weil dort ein Geist hauste. Der Wirt war erfreut, als er die Mönche sah, nahm sie freundlich auf, denn er dachte, sie würden den Geist leichtlich beschwören und bannen können. Er schlug ihnen denn auch ein Bett in der Kammer auf, wo der Geist sich stets zeigte.

In der Nacht, als die Mönche kaum schliefen, begann der Geist sein Spiel und zupfte sie bei den Haaren, die ihre kahlgeschorenen Scheitel spärlich umsäumten.

Der Guardian hielt das nicht lange aus, sondern beschwor den Geist und bannte ihn in das Kloster, wo er mit den Mönchen wohnte. Der Geist gehorchte treulich und als die Mönche nach abgelegter Reise nach Hause kamen, fanden sie ihn schon am Tor, wo er sie freundlich grüßte und empfing. Die Mönche hielten ihn bei sich und wiesen ihm ein Eckchen in der Küche an, dass er sich da aufhalten könne. Damit sie ihn aber stets und überall schon von Weitem erkennen könnten, gaben sie ihm eine Kutte, mit kleinen Schellen behangen. Er diente ihnen und trug ihnen alles zu, was sie begehrten. Sie hörten ihn aber nur rauschen und sprechen, sahen weiter nichts von ihm.

So oft er Bier holte, nahm er sich fleißig in Acht, dass nichts überlief oder er nicht zu wenig brachte. Er sprach: »Seht, ich bringe Euch gut Maß, gebt auch Ihr ein gerechtes Maß.«

Einmal hatte der Küchenjunge sein Eckchen nun mit heißem, dann mit schmutzigem Wasser besprengt, auch anderen Tort ihm angetan. Um sich dafür zu rächen, hing der Geist ihn querleibs an einen Balken, tat ihm aber keinen Schaden am Leben.

Die Mönche wurden darüber so ängstlich, dass sie dem Küchenjungen den Dienst aufsagten, denn sie fürchteten, es möge ihm mehr und schwerer Leides geschehen.