Heftroman der Woche

Archive
Folgt uns auch auf

Aus den Geheimakten des Welt-Detektivs – Band 1 – 3. Kapitel

Aus den Geheimakten des Welt-Detektivs
Band 1
Das Geheimnis der jungen Witwe
3. Kapitel
Der Detektiv als Einbrecher

»Jonny«, sagte Sherlock Holmes, als er mit dem Fährmann allein war, »du wirst mich heute Nacht begleiten.«

»Wohin es Ihnen beliebt, Mr. Sherlock Holmes.«

»Ich werde deine gewaltigen Arme brauchen. Aber ich wünsche von dir, dass du eine Tür aufsprengst, welche weder die deine noch die meine ist.«

»Macht nichts, Mr. Sherlock Holmes. Wenn Sie diese Tür offen zu sehen wünschen, wird es nicht zu einem schlechten Zweck sein.«

»Auch David mag mit uns gehen«, fuhr Sherlock Holmes fort, »er mag Schmiere stehen, damit wir nicht überrascht werden.«

»Wann soll ich losgehen?«, fragte Jonny.

Sherlock Holmes blickte auf seine Uhr und antwortete dann: »Jetzt ist es Mitternacht – um ein Uhr gehen wir, denn da können die Jungen schon wieder zurück sein.«

Nachdem der Detektiv diese Worte gesprochen hatte, zog er eine kurze Pfeife hervor, stopfte sich dieselbe und begann zu rauchen. In Wolken von Tabakrauch eingehüllt, saß er da, ohne noch ein Wort an Jonny zu richten, der es auch nicht wagte, den Detektiv in seinem Gedankengang zu stören.

Plötzlich griff Sherlock Holmes in seine Brusttasche und zog den Fächer der Mrs. Estrade hervor.

Es war ein sehr eleganter Elfenbeinfächer, der reich vergoldet war.

Sherlock Holmes fand ohne Weiteres auf der dritten Spalte des Fächers die Bleistiftworte wieder, die seine Luchsaugen erspäht hatten, als Ellen in seiner Wohnung den Fächer für einen Moment auf den Tisch niedergelegt hatte.

Nun konnte Sherlock Holmes ungestört die Worte auf dem Fächer lesen, aber sie befriedigten ihn nicht allzu sehr, denn sie erwiesen sich als eine rätselhafte Inschrift, die nicht leicht zu entziffern war.

Auf dem dritten Glied des Elfenbeinfächers war mit Bleistift hingemalt:

11 – aqua destillata – Mildred – 10 – 5 – Dr. Paris

Sherlock Holmes betrachtete diese Inschrift lange, er verschlang sie förmlich mit seinen Blicken, aber er konnte offenbar keine Klarheit daraus gewinnen.

»Ist das ein Rezept«, murmelte er, »welches sich Mrs. Ellen Estrade bei irgendeiner Gelegenheit von einem Freund oder einer Freundin auf den Fächer hat schreiben lassen, um es ja nicht zu vergessen? Aber zum Teufel, wogegen soll denn aqua destillata helfen? Denn irgendeine andere Ingredienz hat der würdige Dr. Paris nicht auf den Fächer niedergeschrieben.

Da sind drei Ziffern, 11 – 10 – 5, kalte nüchterne Ziffern, denen nichts zu entnehmen ist. Der Name des Dr. Paris und schließlich noch der weibliche Vorname Mildred, der in England und Amerika so gebräuchlich ist, dass diejenigen, die ihn tragen, nicht zu zählen sind. Ich hatte mehr von diesem Fächer erwartet, doch ich werde noch darüber nachdenken, es muss sich ja schließlich etwas daraus machen lassen.«

Dann steckte er den Fächer wieder ruhig ein und überließ sich von Neuem dem Genuss feiner Tabakspfeife.

Gegen ein Uhr ließen sich Schritte hören; Sherlock Holmes richtete sich laut und sagte: »Es sind Harry und David – mach ihnen die Tür auf.«

Es waren die beiden Jungen, welche atemlos eintraten. Sie waren sehr schnell gelaufen. Harry trug ein Bündel in der Hand, das er vor Sherlock Holmes auf den Tisch legte.

»Machen wir uns fertig«, rief der Detektiv, »ihr, Jonny und David, bedürft keiner Verkleidung, aber wir, Harry, werden uns in Männer aus Whitechapel verwandeln.«

Wenige Minuten später standen der Detektiv und sein Famulus fast in Lumpen gehüllt da, so schlecht waren die Anzüge, die sie angelegt hatten.

Sherlock Holmes setzte eine fuchsig braune Perücke auf den Kopf, die ihn gänzlich veränderte, klebte sich einen Stoppelbart an und wickelte sich dann dreimal einen Schal um den Hals.

»Hast du den Sack mit den Einbruchwerkzeugen?«, fragte er Harry.

»Alles da, Meister«, gab dieser ihm zur Antwort.

»Nun denn, gehen wir«, rief Sherlock Holmes.

»Du willst uns über die Themse fahren, Jonny, denn so werden wir schnell zur Ludgate Street gelangen. Dann können wir auch bis ganz in die Nähe der Straße fahren, und auf dem Wasser sind wir sicher, unbemerkt zu bleiben.«

»Das wollen wir machen«, antwortete der Fährmann. »Kommt nur heraus, ich werde mein bestes Boot nehmen.«

Jonny hatte eine Schiffslaterne angezündet und bemühte sich, beim Schein derselben die Boote zu mustern, die am Fuße des Fährhauses am Wasserspiegel der Themse lagen, aber er schien das rechte Boot nicht finden zu können.

»Goddam!«, schrie er nach einigen Minuten vergeblichen Suchens, »man hat mir das Boot gestohlen! Verdammte Schnapphähne, während ich da drinnen im Haus saß, muss es jemand von der Kette losgerissen haben. Na, da kann ich nichts machen, nehmen wir dafür die Schwalbe, die tut es auch!«

Ein dreisitziges Boot wurde flott gemacht, Sherlock Holmes und Harry nahmen auf der Bank Platz, während Jonny das Steuer bediente und David die Ruder führte.

Die Schwalbe glitt lautlos über den ruhigen Fluss. Die Straßenlaternen warfen einen trüben Schein auf das Wasser, derselbe genügte aber den Fährleuten, sich auf demselben zurecht zu finden, denn ihre eigenen Laternen hatten sie gelöscht.

»Hier sind wir am Ziel,« sagte Jonny, nachdem sie ungefähr eine Viertelstunde gefahren waren, während er sein Boot an eine steinerne Treppe herantrieb, die in den Fluss hinabführte. »Von hier aus werden wir in zehn Minuten in der Ludgate Street sein. Mach das Fahrzeug fest, David. Zum Teufel, ich kann es nicht verwinden, dass sie mir mein bestes Boot gestohlen haben. Ha, wenn ich einen von ihnen erwische! Ich hatte es mir erst vor drei Tagen neu angestrichen – schade um meinen Regenbogen, den werde ich nie wiedersehen.«

»Tröste dich, mein Junge«, sagte Sherlock Holmes zu ihm, »ich werde dich für den heutigen Nachtausflug gut belohnen. Dort liegt aber schon die Ludgate Street vor uns. Jetzt bleibt ihr hier, ich will nämlich ein wenig baldowern, wie es in der Verbrechersprache heißt, und wenn ihr meinen Pfiff hört, dann kommt.«

Jonny, Harry Tacon und David traten in den Schatten einer Mauernische, während Sherlock Holmes langsam auf die Ludgate Street zuschlenderte. Er ging dicht an einem Policeman vorüber, welcher ihn mit argwöhnischen Blicken maß. Aber Sherlock Holmes pfiff einen lustigen Gassenhauer vor sich hin, steckte seine Hände in die Hosentaschen und schien sich gar nicht um den Konstabler zu kümmern.

So gelangte er in die Nähe der Ludgate Street. Von hier aus konzentrierte er sich auf ein zweistöckiges Haus, welches mit der einen Seite an ein anderes Gebäude stieß, auf der Breitseite aber von einer Parkanlage benachbart wurde.

Sherlock Holmes schritt hinüber und wartete auf einen Augenblick, im welchem die Straße menschenleer war, schwang sich dann gewandt über ein eisernes Gitter, welches den Park zur Straße hin abschloss, und stand dann dicht vor dem Haus. Er sah ein kleines Fenster, dessen Existenz ihn sehr zu befriedigen schien, denn er nickte einige Mal, dann stieß er einen schrillen Pfiff aus.

Wenige Minuten später waren Jonny und die beiden Jungen zur Stelle.

Sherlock Holmes hatte indessen harte Arbeit geleistet, denn er hatte mit einem Glaserdiamanten ein Stück Glas aus dem Fenster herausgeschnitten und konnte, indem er mit dem Armedurch das Loch griff, das Fenster leicht öffnen. Sobald es offen war, schlüpfte er hinein und befahl dann Jonny und Harry Tacon, ihm zu folgen.

»Du, David«, rief er dem Sohn des Fährmannes zu, »du bleibst hier stehen und gibst uns im Falle einer Gefahr das Signal.«

Sie befanden sich nun in einem Hausgang, der in den Hof führte. Sherlock Holmes deutete auf ein stark vergittertes Fenster, durch dessen Scheiben man in eine mit Kisten und Geschäftsbüchern angefüllte Kammer blicken konnte. Sherlock Holmes war der Meinung, dass diese Kammer zu den Geschäftsräumlichkeiten Paul Estrades gehörte, der in diesem Haus sein Bankgeschäft betrieben hatte.

»Jonny«, flüsterte nun der Detektiv dem Fährmann zu, »nun musst du deine Kraft beweisen. Einige von diesen eisernen Traillen musst du aus der Fügung der Mauer herausbrechen, denn ich wünsche, durch dieses Fenster in die Kammer einzudringen.«

Der Riese begann eine der Eisenstangen mit beiden Händen zu rütteln, und er rüttelte an derselben so lange, bis oben das Mauerwerk herausfiel und er wirklich das beinahe unmöglich Scheinende vollbracht hatte: Er hatte die eiserne Traille aus der Fügung gebrochen.

»Bravo«, rief Sherlock Holmes, »noch eine zweite, dann ist die Öffnung breit genug, um hindurchschlüpfen zu können. «

Jonny bluteten die Hände, er wischte sich dieselben an seinen Hosen ab und ging von Neuem ans Werk. Auch die zweite Traille musste weichen.

»Jonny, du bleibst hier, du wirst hier wachen, Harry, du folgst mir. Verdammt eng ist noch immer diese Öffnung, es ist gut, dass man glücklicherweise keinen Fettansatz hat.«

Damit drängte sich Sherlock Holmes durch das geöffnete Fenster in die Kammer hinein und war Harry behilflich, ebenfalls hineinzugelangen.

Sherlock Holmes zündete nun eine Blendlaterne an und schritt auf eine Tür zu, die von der Kammer aus in das angrenzende Gemach führte. Die Tür war verschlossen, aber Sherlock Holmes öffnete sie nach kurzer Zeit mit einem der vielen Dietriche, die er bei sich trug.

Es war ein schönes großes Kontor, in welchem sich Sherlock Holmes und Harry nun befanden. Sechs Schreibtische standen hier, die offenbar für die Angestellten der Firma bestimmt waren. Außerdem erhob sich hier ein großer eiserner Geldschrank, und da sich vor demselben ein siebenter Schreibtisch befand, schloss Sherlock Holmes daraus, dass Letzterer für den Prokuristen der Firma, Charley Bensen, bestimmt sein musste.

Aber Sherlock Holmes schien immer noch nicht an dem Platz zu sein, an dem er zu sein wünschte.

»Dort hinein«, raunte er seinem jugendlichen Begleiter zu und zeigte dabei auf eine Tür, über welche ein grüner Filzvorhang herabfiel.

»Dort befindet sich das Privatkontor Paul Estrades, das beweist mir dieser Vorhang. Filz vor einer Tür lässt das, was hinter dieser Tür gesprochen wird, im Nebenzimmer nicht hören, und deshalb lassen sich die Chefs die Türen mit grünem Filz auspolstern oder einen Vorhang vor die Tür anbringen, damit sie mit ihren Geschäftsfreunden ungestört konferieren können.«

Eine Minute später sah Sherlock Holmes, dass er sich in seiner Vermutung nicht getäuscht hatte. Der Raum, in welchem er sich nun mit Harry befand, musste unbedingt das Privatkontor Paul Estrades gewesen sein. Es war geschmackvoll eingerichtet. Der Schreibtisch aus Rosenholz passte mehr für eine Dame als für einen Geschäftsmann der City. Über dem Schreibtisch hing ein großes Bild Ellens, das die schöne blonde Frau im Ballkostüm vorstellte, ungefähr so, wie Sherlock Holmes sie gesehen hatte.

»Harry«, sagte Sherlock Holmes, indem er seine Blendlaterne auf den Schreibtisch stellte, »tritt dort auf die Schwelle hinter den grünen Vorhang, und falls wir etwa überrascht werden sollten, so gib mir leise ein Zeichen, damit wir uns verbergen können.«

»Ich glaube nicht«, antwortete Harry, »dass eine Überraschung überhaupt möglich ist, denn vor dem Fenster, durch das wir hereingekommen sind, steht ja Jonny, und er würde doch das Signal geben, wenn Gefahr droht.«

»Du musst ein wenig aufmerksamer sein«, antwortete Sherlock Holmes, »hast du denn nicht gesehen, dass das große Kontor, welches wir soeben durchschritten haben, eine Tür besitzt, durch die man es bequem betreten kann? Diese Tür aber mündet ohne Zweifel in den Hausflur, und in den Hausflur gelangt man durch den Toreingang. Indessen glaube ich nicht, dass man uns stören wird, ich werde mich daher an meine Arbeit machen.«

Mit diesen Worten nahm Sherlock Holmes an dem Schreibtisch Platz und öffnete die Fächer desselben mit einem seiner Nachschlüssel.

Eine Menge von Papieren, Büchern, Briefen, Rechnungen und Geschäftsformularen fielen ihm in die Hände.

Mit der Sorgfalt eines Bücherrevisors begann Sherlock Holmes diese Papiere zu prüfen und zu mustern. Er schüttelte einige Male den Kopf, und ein Lächeln umspielte feine Lippen. Dann untersuchte er den Schreibtisch noch einmal genau und entdeckte ein Geheimfach, dem er ein kleines Buch und eine Mappe entnahm.

In der Mappe befanden sich eine Anzahl sogenannter Kontokorrents, und jeder dieser Bogen war mit dem Wort »Bilanz« überschrieben.

Sherlock Holmes überzeugte sich, dass diese Bilanzen bis auf das Gründungsjahr zurückreichten, und dass die Letzte vor vier Wochen aufgestellt worden war.

Charley Bensen, dem Prokuristen der Firma, lag es ob, diese Bilanzen aufzustellen, um damit seinen Chef über das Vermögen und die Entwickelung des Geschäftes in Kenntnis zu setzen. Jeder dieser Bogen war mit dem Namen des Prokuristen unterzeichnet.

Das Buch aber, welches Sherlock Holmes nun aufschlug, trug auf der ersten Seite die Worte »Geheimbuch der Firma Paul Estrade, London.«

Der Detektiv vertiefte sich zuerst in die Bilanzen, dann durchblätterte er mit größtem Interesse das Buch.

Hätte Harry Tacon Anlage zur Ungeduld gehabt, so hätte ihn dieselbe gewiss nun übermannt, denn Sherlock Holmes verweilte schon eine volle Stunde vor dem Schreibtisch des ermordeten Estrade und war noch immer mit der Prüfung der Papiere beschäftigt.

»So viel steht fest«, murmelte Sherlock Holmes dabei vor sich hin, »entweder hat Paul Estrade seine junge Frau über seine Vermögensverhältnisse absichtlich getäuscht oder diese schöne Blondine hat mir die Unwahrheit gesagt, denn die Firma Paul Estrade stand unmittelbar vor dem Bankrott. Estrade besaß nicht nur kein Vermögen, sondern eine gehörige Schuldenlast. Das würde harmlose Gemüter sofort überzeugen, dass er freiwillig aus dem Leben geschieden sei. Aber nur harmlose. Teufel, was gibt es?«, rief in diesem Augenblick Sherlock Holmes.

»Man kommt, die Tür im großen Kontor öffnet sich leise, wir müssen uns …«

Weiter kam Harry nicht, denn schon war Sherlock Holmes an seiner Seite, hatte ihn gepackt und mit den Worten zurückgeschleudert: »Gleich hinter das Sofa!«; ein Befehl, dem Harry mit katzenartiger Gewandtheit nachkam.

Sherlock Holmes verbarg sich hinter einem Flügel des Vorhangs, nachdem er mit einer schnellen Bewegung seinen Revolver hervorgezogen hatte, und wartete.