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Deutsche Märchen und Sagen 169

Johannes Wilhelm Wolf
Deutsche Märchen und Sagen
Leipzig, F. A. Brockhaus, 1845

224. Weißer Geist zu Nürnberg

Gegen das Jahr 1672 lebte in Nürnberg ein Gold­schmied mit seiner Frau und sechs Kindern. Diese Frau hatte einen Familiengeist, der immer um sie war und ihr vorhersagte, was ihr begegnen würde. Er zeigte sich ihr in Gestalt eines weißgekleideten Kindes, welches eine Sanduhr in der Hand trug.

Einmal sprach er zu ihr: »Frau, Ihr wäret tot gewesen, hätte nicht ein Sandkörnchen, welches ein Loch in diesem Gläschen gestopft hat, Euch geholfen.«

Eine Woche danach fiel sie in ein gefährliches Fieber, entkam demselben aber glücklich.

Auf ein anderes Mal warnte er sie, nicht aus dem Haus zu gehen, denn sonst stürze sie sich in große Gefahr. Gern hätte sie dem Rat gefolgt, doch drängten ihre häuslichen Geschäfte sie zu sehr und sie hatte in der Tat ein großes Unglück.

Bei Nacht sprach sie häufig mit dem Geist, sang mit ihm sehr schöne andächtige Lieder und Psalmen, was ihr Mann am Tag nie an ihr bemerkte.

Einmal bekam sie Lust, den Geist, der gewöhnlich unsichtbar um sie war, zu sehen, und sie bat ihn so lange darum, bis er es ihr zugestand, doch warnte er sie dabei und sprach, ihre Neugier werde sie zu spät bereuen. Als sie nun wenige Tage später in ihrer Kammer etwas zu tun hatte, sah sie an der Mauer wie im Schatten ein Kind von derselben Gestalt, wie oben vermeldet, welches aber gleich darauf verschwand. Kurz darauf fiel sie in eine schwere Krankheit und der Geist hatte sie verlassen.