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Slatermans Westernkurier 04/2023

Auf ein Wort, Stranger, kennst du die Legende vom Wham Paymaster Überfall in Arizona?

Hold-Ups, also Überfälle auf Postkutschen, Banken oder die Eisenbahn gab es viele in der Pionierzeit Amerikas, ebenso Raubzüge um Frachtwagenkolonnen, Siedlertrecks oder Geld und Waffentransporte auszurauben. Die Zeitungen des Westens waren fast täglich voll von solchen Verbrechen. So ist es auch nicht verwunderlich, dass man im Frühsommer 1889 in der Presse Arizonas ausführliche Berichte über den sogenannten Wham Paymaster Überfall lesen konnte.

Augenscheinlich ein Überfall, wie er Dutzende Male davor und auch wieder danach stattgefunden hatte, aber dennoch war etwas anders.

Im Gegensatz zu anderen Hold-Ups wurden hier die Verbrecher binnen kürzester Zeit gefangengenommen und dem Richter vorgeführt. Dennoch fehlte von der Beute jede Spur, was nach und nach zu der Meinung führte, dass die Banditen das geraubte Geld irgendwo zwischen den Felsen versteckt hatten, die sie als Deckung bei ihrem hinterhältigen Überfall nutzten.

Bald darauf strömten die Menschen scharenweise zum Tatort. Immerhin bestand die Beute aus 28.000 Dollar in Form von Gold- und Silbermünzen. Wenn man bedenkt, dass ein Dollar von damals nach heutigem, inflationsbereinigtem Wert ca. 33 Euro entspricht, weiß man, um was für eine Summe es sich dabei handelte.

Kein Wunder also, das sich nach und nach Legenden um den Paymaster Überfall bildeten, zumal die Beute bis heute noch nicht gefunden wurde. Alles zusammengenommen mehr als ein Grund für den Westernkurier, sich mit den Ereignissen von damals zu beschäftigen.

 

*

 

Am frühen Morgen des 11. Mai 1889 bereitete Major Joseph Washington Wham, seines Zeichens Zahlmeister der US-Armee, einen Treck von Fort Grant, Arizona, in das 46 Meilen entfernte Fort Thomas vor, um den dort stationierten Soldaten sowie ihren Kameraden in Camp San Carlos und Fort Apache die Gehälter auszuzahlen.

Zusammen mit seinen Angestellten William Gibbon und dem Private Caldwell, seinem Burschen und Maultierpfleger, stieg er kurz nach Sonnenaufgang in einen Krankenwagen mit Überdachung, der sie vor der sengenden Sonne Arizonas schützen sollte. Der Kutscher des Gefährts war der Buffalo Soldier Private Hamilton Lewis. Die Gehaltsabrechnungen von über 28.000 Dollar in Gold- und Silbermünzen waren in einem schweren Eichenholztresor im Krankenwagen eingeschlossen.

Major Whams Begleitschutz bestand aus 9 Büffelsoldaten der 24. Infanteriekompanie zu Pferden und einem Wagen mit 2 Soldaten der 10. Kavallerie, ebenfalls ein afroamerikanisches Regiment, der von einem zivilen Angestellten der Quartiermeisterabteilung gelenkt wurde. Bevor sie das Fort verließen, schloss sich ihnen noch die schwarze Spielerin Frankie Campell an, die mitreiten wollte, um als Erste dabei zu sein, wenn den Soldaten ihr Sold ausbezahlt wurde. Sie wusste genau, dass dann ihre Chancen ungleich größer waren, den Soldaten beim Kartenspiel ein paar Dollars abzuluchsen, als wenn sich später dann alle anderen Spieler, Huren und Salooner von Fort Thomas einfanden, um sich auf das Geld der feierwütigen Männer zu stürzen.

Fünfzehn Meilen westlich der Stadt Pima hielt die Karawane kurz nach Mittag im Tal des Gila Rivers an, weil ein großer Felsbrocken die Straße blockierte. Als die Wagen darum nicht herumkamen, legten die Soldaten ihre Gewehre auf dem Fuhrwerk des zivilen Armeeangestellten ab, um den großen Felsen aus dem Weg zu räumen. Sie hatten es gerade geschafft, den riesigen Steinkoloss in Bewegung zu setzen, als jemand etwa 60 Fuß über ihnen von einem Felsvorsprung auf sie hinabschrie: »Passt auf, ihr schwarzen Hurensöhne!«

Gleich darauf prasselte ein wahrer Kugelregen auf die Soldaten und ihre Tiere hernieder.

Drei der zwölf Maultiere, welche die beiden Wagen zogen, wurden sofort getötet, die anderen gerieten in Panik, bäumten sich auf und zogen die Fuhrwerke von der Straße.

 

*

 

In der Zwischenzeit griffen die Soldaten bis auf Benjamin Brown nach ihren Gewehren und gingen in Deckung. Obwohl der Sergeant bereits von mehreren Kugeln getroffen war, erwiderte er schwerverletzt und auf dem Boden liegend weiterhin mit seinem Dienstrevolver das Gewehrfeuer der hinterhältigen Schützen.

Ungeachtet des Kugelhagels rannte Private James Young zu Brown, hob ihn hoch und trug ihn mehr als 100 Meter weit in Sicherheit. Korporal Isaiah Mays übernahm in dem Chaos dann das Kommando und befahl den anderen Soldaten, trotz heftigster Proteste vonseiten Major Whams sich in ein etwa 300 Meter entferntes, ausgetrocknetes Bachbett zurückzuziehen.

Die Schießerei dauerte etwa eine halbe Stunde, in der die Büffelsoldaten tapfer versuchten, sich gegen die unbekannten Schützen zu verteidigen. Währenddessen krabbelte die Spielerin Frankie Campell, die vor der Karawane geritten war, auf allen Vieren hinter die nächstbeste Deckung, nachdem sie ihr durch die Schießerei beinahe verrückt gewordenes Pferd abgeworfen hatte.

Nachdem die Banditen acht von Whams elfköpfiger Soldateneskorte zum Teil schwer verwundet hatten und sie damit in Deckung zwangen, machten sich fünf der Verbrecher schießend auf den Weg zu dem Krankenwagen, knackten den Eichenholztresor mit ihren mitgebrachten Äxten und trugen die mit Münzen gefüllten Säcke des US-Finanzministeriums schließlich unbehelligt davon. Als sich die Soldaten aus ihrer Deckung wagten, sahen sie noch, dass es insgesamt zwölf Banditen waren, die sich unter wildem Gelächter aus dem Staub machten.

Nachmittags, so gegen 15 Uhr, machten sich dann die unverletzten Soldaten auf den Weg zu den Wagen, fingen dort einige der überlebenden Maultiere ein. Nachdem sie die Zuggeschirre zusammenspleißen konnten, fuhren sie mit dem Wagen, den der Angestellte aus der Quartiermeisterabteilung gelenkt hatte, nach Fort Thomas zurück, das sie schließlich völlig entkräftet am anderen Morgen gegen 5:30 Uhr erreichten. In der Zwischenzeit war Frankie Campell am Tatort angewiesen worden, sich um die Verletzten zu kümmern. Erstaunlicherweise überlebten die Soldaten trotz ihrer zahlreichen, zum Teil lebensgefährlichen Schusswunden alle.

 

*

 

Da sich die Banditen ihrer Sache sicher waren, hatten sich viele von ihnen nicht die Mühe gemacht, sich irgendwie zu maskieren, um ihre Gesichter unkenntlich zu machen. Deshalb konnten die Soldaten, die am Morgen in Fort Thomas eingetroffen waren, auch fast alle von ihnen erkennen. Aufgrund ihrer Aussagen gelang es US-Marshal William Kidder Meade zusammen mit dem Sheriff vom Graham County innerhalb kürzester Zeit, elf der Täter festzunehmen, von denen die meisten Bürger der Stadt Pima waren.

Daraufhin wurden sieben von ihnen sofort vor Gericht gestellt, was in der Stadt für helle Aufregung sorgte, schließlich war unter den Verdächtigen kein Geringerer als Gilbert Webb, der Bürgermeister von Pima und dessen Sohn Wilfred. Die anderen Angeklagten entpuppten sich als Thomas Lamb, Mark Cunningham, David Rogers und die Gebrüder Lyman und Warren Follett, die allesamt als Cowboys auf der Ranch von Gilbert Webb angestellt waren.

Der Prozess fand vor dem Bundesgericht in Tucson statt und sollte 33 Tage dauern, wobei zu erwähnen ist, dass dieser alles andere als normal verlief. Die Verhandlung war von Anfang an von Politik, Geschäftsinteressen und intriganten Machtkämpfen geprägt, einschließlich der Absetzung des ursprünglichen Richters. Einhundertfünfundsechzig Zeugen sagten während des Prozesses aus, darunter fünf Buffalo Soldier, die drei der Angeklagten identifizierten. Ein anderer Zeuge sagte aus, er habe einige der Angeklagten gesehen, wie sie die Beute in einem Heuhaufen versteckten und die Geldsäcke des US-Finanzministeriums anschließend verbrannten.

Andere gaben zu Protokoll, dass sie diese Männer am Tag vor dem Hinterhalt in dieser Gegend gesehen hätten, als sie wahrscheinlich ihre Verstecke vorbereiteten, aus denen sie dann die Soldaten beschossen. Eine weitere Ungereimtheit des Prozesses war, dass die Spielerin Frankie Campell, die mehrmals öffentlich behauptete, dass sie mehrere der Banditen und auch ihren Anführer Gilbert Webb erkannt hatte, nie zu einer Aussage vor Gericht aufgefordert wurde. So kam es schließlich, dass Webb und seine Komplizen, verteidigt von dem berühmten Anwalt Marcus Aurelius Smith, allesamt freigesprochen wurden.

 

*

 

Danach wurde allgemein behauptet, dass der politische Druck des amtierenden Gouverneurs es den Dieben ermöglichte, freizukommen. Der gesamte Fall war eine einzige Brutstätte von Religion, Rassismus und Politik, da die Stadt Pima als Mormonenkolonie gegründet wurde, deren Bürgermeister Gilbert Webb, einer der einflussreichsten Männer in der Gegend war und noch dazu aus der langen Reihe der Pioniermormonen stammte. Er war in der Gegend auch als großzügiger Mann bekannt, der Jobs für notleidende Nachbarn besorgte, Kredite gewährte und Lebensmittel bereitstellte. Obwohl die meisten Angeklagten keine Mormonen waren, lebten sie alle in der Mormonenkolonie und hatten durch Freunde und Verwandte viele Verbindungen zu der Kirche.

Für viele mormonische Einwohner war der Raub und der Prozess eine peinliche Schande für die Stadt und ihre Bewohner, und darüber zu sprechen, konnte Freunde oder Nachbarn beleidigen oder die mormonische Glaubensgemeinschaft beschämen.

Daher wurde der Raub außerhalb von Arizona kaum in den Zeitungen publik gemacht.

Es wird angenommen, dass Webb den überwiegenden Teil des geraubten Geldes verwendet hat, um damit seine Schulden zu begleichen, die Schulden anderer Mormonen zu tilgen und um Marcus Aurelius Smith zu bezahlen sowie seinen Komplizen ihren vereinbarten Anteil auszuhändigen.

Im Jahr nach dem Prozess wurde er übrigens zum Delegierten der Territorial Democratic Convention gewählt.

In der Zwischenzeit wurde Major Joseph Washington Wham als kommandierender Offizier für den Verlust des Geldes zur Rechenschaft gezogen, später aber wieder von jeglicher Schuld freigesprochen. Zwei der Buffalo Soldiers wurden für ihre Rolle in dem Feuergefecht mit den Banditen mit der Medal of Honor ausgezeichnet. Obwohl in den Unterleib geschossen und an beiden Armen verletzt hatte Sergeant Benjamin Brown den Kampf fortgesetzt. Corporal Isaiah Mays erhielt ebenfalls die Ehrenmedaille, da er gegen Ende des Feuergefechts, obwohl man ihm in die Beine geschossen hatte, zwei Meilen zur nahegelegenen Cottonwood Ranch kroch und dort Alarm schlug.

Die anderen Büffelsoldaten Hamilton Lewis, Squire Williams, George Arrington, James Wheeler, Benjamin Burge, Thomas Hams sowie James Young und Julius Harrison wurden für ihre Tapferkeit bei dem Vorfall mit dem Verdienstzertifikat ausgezeichnet.

Gilbert Webb wurde Ende 1890 des Betruges an dem Pima Schulbezirk angeklagt, worauf er sich nach Mexiko absetzte.

Fragen zur Schuld oder Unschuld der Banditen sowie zum endgültigen Verbleib der Beute bleiben bis heute unbeantwortet. Im Lauf der Jahre hat der Raub verschiedene Versionen der Ereignisse hervorgebracht, die darauf deuten, dass die Münzen immer noch in der Gegend um den Gila River versteckt sind.

Historiker jedoch haben, wie der Westernkurier recherchierte, mithilfe neuester Technologien noch einmal in allen damaligen Akten und Zeugenaussagen nachgeforscht und auch alle späteren Ereignisse in und um Pima analysiert und sind dabei zu dem Ergebnis gekommen – und jetzt Achtung, alle Schatzsucher, nun müsst ihr stark sein – dass allein schon durch die Tatsache, dass alle Verurteilten freigelassen wurden, es zu 99 Prozent nicht wahrscheinlich ist, dass auch nur noch eine Münze dort versteckt ist.

Quellenangabe:

  • Kathy Alexander, Legends of America, aktualisierter Bericht von Dezember 2022