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Der Vampir – Unter dem Jasmin

Hans Wachenhusen
Der Vampir
Eine Novelle aus Bulgarien, 1878

Unter dem Jasmin

Viktor erhob sich zerstreut, unruhig. Er trat ins Haus, um danach den Abend in der Stadt bei den europäischen Offi­zieren zu verbringen, ihnen Adieu zu sagen. Auch er wollte fort! Was kümmerte ihn Jowan, was dieses Mädchen …

Im Hausflur streifte eine dunkle Gestalt an ihm vorüber. Er erkannte nur das Weiße der Augen, er sah, wie die Gestalt vor ihm den Gang hinabeilte und am Ende desselben ver­schwand.

»Mein Mann!«, murmelte er, langsam folgend. »Er treibt sein geheimes Wesen jeden Abend hier im Haus. Alle Türen scheinen ihm offen zu stehen, dem frommen, heiligen … Petrowic!«

Viktor erreichte sein Zimmer, über den Tschardack schreitend. Marko saß nach seiner Gewohnheit brütend am Ende desselben, seine Holzpfeife rauchend, die Welt um sich her vergessend, wenn sein Tagewerk beendet war.

Teilnahmsvoll blieb Viktor vor ihm stehen. Für ihn hatte der Alte immer noch wenigstens ein freundliches Wort gehabt. Mitleidig schaute er auf den Trauernden, dessen Gemütsstim­mung ihm erst heute erklärlich geworden war. Er hätte gern mit ihm von seinem Kind gesprochen, aber er wagte es nicht.

»Ist Gospodin Jowan zu Hause?«, fragte Viktor. »Ich habe ihm etwas zu übergeben.« »Er ist in der Stadt und noch nicht zurück.«

Der Alte schaute nicht auf; es schien ihm heute selbst lästig, von Viktor gefragt zu werden, dem er sonst gern Rede stand.

Viktor trat in sein Zimmer. Sonderbar! Jowan war nicht zu Hause; der junge Pope wusste offenbar von seiner Abwesenheit. Er suchte das Mädchen, das er allein zu treffen gewiss war.

Von innerer Unruhe aufgejagt, erhob er sich wieder vom Divan und trat zum Tschardack hinaus.

Was kümmerte ihn Jowan, dem er mit all seiner guten Absicht lästig geworden war! Was kümmerte ihn das Mädchen! Er stand hier allen im Wege. Was galt es ihm, ob das Mäd­chen dem Pascha oder dem Priester verfalle! Er verstand diese Leute hier nicht, sie verstanden ihn nicht, und zogen die euro­päischen Offiziere hier ab, was machte der Erstere sich aus ihm!

Mit jeder Minute sank der Abend tiefer, wuchs Viktors Unbehaglichkeit. Er achtete Markos nicht, schritt an diesem vorüber, durchirrte die Gänge mit leisem Tritt, horchte überall und alles war still.

Er erreichte den Hof, durchschritt denselben, an den bereits um ihr Nachtfeuer sitzenden Knechten vorüber und trat zur Hoftür hinaus in das vorderste Gartengehege, von dessen Zaun nach bulgarischer Sitte ihm die auf hohen Stangen aufgesteckten, von der Sonne gebleichten Gerippe der Pferdeköpfe entgegen­grinsten.

Der Sperber ließ aus den Kronen der Bäume sein schrilles Gepfeife ertönen, das Gebell der wilden Hunde schallte über das Tal daher, das Rauschen der Jantra, wie sie sich drüben über die Felsblöcke in die Tiefe stürzte, wurde deutlicher mit dem gänzlichen Absterben des Tageslebens. Selbst der Ruf des Imams von den Minaretten schwieg seit Sonnenniedergang, nur hoch oben auf den Felsgraten rauschte der Höhenwind heftiger in den Gipfeln der Bäume.

Gerade diese heilige Stille der Abende, das Schweigen jeg­lichen Lebens um die Zeit, wo wir unser Werk ruhen lassen und Erholung suchen – gerade diese Stunden sind es, die dem Europäer im Orient ein Gefühl sehnsuchtsvollen Vermissens erregen. Er ist einsam im Genuss gerade desjenigen Moments, in welchem Muskeln und Nerven wieder erstarken nach der Er­schlaffung unter glühender Sonne, in welchem die Seele so empfindungsbedürftig und doch alles um sie her in Trägheit versunken oder in häuslicher Abgeschlossenheit der Welt den Rücken kehrt. Der Orient kennt unsere Schwärmerei für Gottes er­habene Schöpfung nicht, er nimmt die Letztere hin wie etwas Selbstverständliches, und die wunderbarste Offenbarung dieser Allmacht in poetischer Sommernacht erregt ihm keinerlei Em­pfindung, die nach Mitteilung oder innerer Erregung suchte.

Viktor betrat das hintere Gärtchen, dessen wilde Flora von keiner sorgsamen Hand der Pflege genoss, als eben die halbe Mondscheibe hoch oben über dem Felsengrat erschien. Die Zentifolien des Balkans, deren Tränen die Welt mit dem süßesten Wohlgeruch durchduften, sie wuchsen hier in wilder Ursprüng­lichkeit; der Jasmin strömte seinen Duft fast betäubend in die Luft, die stachlige Akazie senkte ihre gelben und weißen Trauben­blüten in dichten Bogen herab, in fantastischem Gewinde um­schlangen die blüteschweren Lianen fast erstickend das üppige Blattwerk der Gebüsche, durchschwirrt von den Glühwürmchen, die wie Irrlichter auf die Wiese hinausgaukelten.

Eine numidische Jungfrau, gestört in ihrer Ruhe, hob ihre Flügel und flatterte auf den Zaun, eine Mandelkrähe huschte über dem eben in den Garten Tretenden durch das Gezweig, im Gras schlüpfte die gelbe Natter in glänzenden Ringeln durch das hohe Gras.

Viktor hielt lauschend inne. Ihm war es, als habe er in der majestätischen Ruhe der Natur um ihn her ein leises Flüstern gehört, das so unähnlich war dem Rascheln und Knistern des trockenen Leseholzes, dem Rascheln der Zweige im Abendwind, dem Huschen der Vögel durch das Gezweig.

Ein bleiches Gesicht tauchte fast gleichzeitig aus dem dunklen Baumschatten vor ihm auf, zwei große, tief liegende Augen starrten ihn geisterhaft an, dieselben, denen er vorhin im dunklen Hausflur begegnet war.

Petrowic stand vor ihm, trat schweigend zur Seite und ohne ihn eines Wortes zu würdigen, schritt er an ihm vorüber zur Hinterpforte des Gehöfts.

Nur einen flüchtigen Blick durch das Dunkel sandte Viktor ihm nach. Entschlossen trat er in den Garten. Hie und da durchdrang wohl das matte Mondlicht die Wildnis des Blätter­werks, wie bleiche Streifen und Rosetten sich auf das Gras legend, die Baumstämme bleichend, ein Wirrsal von grellem Licht und Schatten malend, dem Auge verwirrend.

Viktor stand lauschend, horchend, die Sehkraft anstrengend. Sein Herz pochte. Es war ihm, als sei er nicht allein, als höre er einen Atem, als flüsterten die Blätter, die Blüten um ihn her: Suche nur!

Was hatte Petrowic hier gewollt? Die Knechte und Mägde betraten niemals diese verwilderten Gärten; des jungen Prie­sters Miene hatte ihm deutlich genug gesagt, wie lästig sein Erscheinen hier sei.

Betäubend wirkte der Duft der Rosen, des Jasmin, dessen Blüten sich wie ein Schneebach vor ihm über dem Dickicht wölbten; das Huschen der Mondlichter vor seinen Augen blendete ihn, und nun raschelte es plötzlich, als ob ein Wild, zwischen den Stämmen hindurchschleichend, die Zweige schüttle.

Entschlossen trat er unter das Blätterbach, den Fuß in das hohe Gras vergrabend. Ein Ton wie ein unterdrückter Schreckenslaut drang ihm aus der Schwüle des Dickichts entgegen; er sah ein buntes Kopftuch hinter dem grauen Ahornstamm verschwinden. Er streckte die Hand aus, packte herzhaft zu und – ein neuer Angstlaut kam aus dem Halbdunkel.

Ein Arm wand sich in seiner Hand und suchte sich ihm zu entziehen; dann plötzlich hörte der Widerstand auf – Marinka trat ihm entgegen, Marinka, von deren Stirn eben ein Jasmin­zweig das Kopftuch zurückschob und über ihren Nacken warf.

»Was wollt Ihr, Herr? Was verfolgt Ihr mich?«, rief sie, ihm bewusst entgegentretend, mit bleichem Antlitz und zür­nendem Auge.

»Was tatest du mit dem Priester hier?«, fragte Viktor in jenem Gemisch des Grenzidioms, in welchem man sich versteht.

Seine Hand, die immer noch des Mädchens Arm hielt, zitterte, als er in die schönen, zornleuchtenden Augen blickte, in dieses Antlitz, das er in so unmittelbarer Nähe heute zum ersten Mal sah, und das, vom Mondlicht voll überstrahlt, so anders erschien, als es ihm in der Erinnerung an jenen ersten Morgen vor dem Gedächtnis stand.

Er kannte den Typus der Zigeunerin aus seiner Heimat, und als solche hatte sie ihm an jenem Morgen bei so flüchtigem Begegnen wohl erscheinen können. Sie war ihm seitdem aus­gewichen, das Kopftuch, um die schwarzen Flechten geschlungen, hatte ihm immer ihr Antlitz entzogen, nun blickte er ungehindert in dasselbe. Aber dieses regelmäßig schöne, von der Heimatsonne nur leicht gefärbte Gesicht, es gemahnte ihn an den Schnitt der Slavinnen des Südens, es hatte nichts von dem indischen Gepräge der Kinder Hindostans. Es war Jowans Kind, ohne die künstliche dunkle Gesichtsfarbe, ohne die braunen, von Hennah gefärbten Hände, ohne jene das Gesicht entstellende braune Larve!

Marinka schwieg auf seine Frage. Sie schaute zu Boden, das Bemühen vergessend, ihre Hand aus der seinen zu befreien. Viktor sah mit Bewunderung die langen schwarzen Wimpern sich senken, die roten Lippen trotzig sich schließen, die schöne schlanke Gestalt, die er in der Nacktheit der Zigeunerin im Fluge ge­sehen und gewürdigt hatte, von schlichtem braunem Wollkleid züchtig umschlossen.

»Ich frage, was tatest du mit dem Priester hier?«, wiederholte er, ihre Hand pressend, das Wort betonend, absichtlich herrisch, als glaube er an ihr Zigeunertum.

Marinka schlug stolz und selbstbewusst, verletzt durch diesen Ton, und fast verachtend das große Auge auf und maß finster den jungen Mann.

»Die Frage, Herr, geziemt nicht Euch!«, rief sie, sich in ihren schlanken Hüften aufrichtend und ihm gewaltsam die Hand ent­reißend. »Ich schulde niemandem Antwort, Euch so wenig wie Gospodin Petrowic, der mich täglich fragt, was Ihr im Haus Jowans sucht!«

Viktor war betroffen durch die Entschiedenheit dieser Ant­wort. Er lächelte verlegen vor sich hin. In der Sprache des Mädchens lag ein geistiger Akzent, der ihn selbst unsicher machte, und noch mehr tat dies der Inhalt ihrer Antwort.

»Was ich hier suche?«, rief er auflachend. »Das fragt er dich? … So sag dem frommen Herrn, er solle sich um meinetwillen keine Sorge machen«, fuhr er fort, wieder in ihr Antlitz schauend, und beruhigt dadurch, dass sie keine Miene machte, sich von ihm zu wenden. »Du weißt, ich meinte es gut mit Jowan.«

»Ich weiß es und das sagte ich dem Priester.« Marinkas Ton klang plötzlich so voll, so wohlwollend, fast vertraulich. »Was kann ich, eine arme Dienerin, gegen meines Herrn Gast­freiheit?«

»Und was also berechtigte ihn zu dieser Frage?«

Viktor suchte ihre Hand wieder, sie entzog sie ihm.

»Der Bischof achtet in so unruhiger Zeit streng darauf, dass die Gastfreundschaft durch die Fremden, die der Krieg ins Land führt, nicht missbraucht werde. Ihr seid ihm lästig, Herr!«

»Ich, dem Bischof?«, rief Viktor lachend. »Aber ich ver­stehe! … Hast du etwa Klage über mich zu führen?«

Das Mädchen schaute ihn groß an.

»Nein, Herr! Auch würde mir das nicht ziemen.«

»Dir? … Und warum nicht?«

»Weil ich Jowans Magd bin.«

Viktor kreuzte lächelnd die Arme auf der Brust. Sie hatte das in unsicherem Ton gesprochen, als schäme sie sich ihrer Rede.

»Marinka«, sagte er gutmütig. »Du sprichst nicht auf­richtig! Liebst du die Wahrheit?«

Das Mädchen schwieg. Sie versuchte das Kopftuch wieder über den Scheitel zu ziehen; er störte sie in dem Bemühen.

»Als ich dich zum ersten Mal sah, trugst du allerdings das Kleid einer gemeinen Zigeunerin. Du kannst nicht schöner sein, als du in diesem warst, aber du trugst es sicher nicht, weil es dir geziemt, noch weniger aus Eitelkeit.«

Marinkas Antlitz übergoss sich bei dieser Mahnung mit glühender Röte. Beide standen eben im hellsten Licht des Mondes, der fast kreideweiß seinen Schein über sie goss. Sie wandte sich ab, als verdrieße sie diese Rede.

»Antworte mir, Marinka! Du bist nicht das Kind meines alten Freundes Marko, als das du erscheinen möchtest. Du bist auch kein Zigeunerkind! Wer bist du also?«

»Ihr wisst es, Herr! Fragt nicht!«

Sie wollte ihm den Rüden wenden.

»Und wenn ich nun wüsste, wer du bist?« fragte er, sie festhaltend.

»Ich bin Jowans Magd! Was fragt Ihr weiter!«

»Marinka, und wenn ich dich nun frage: Bist du nicht Jowans Kind? … Schau mich an! Lass sehen, ob du, ohne zu erröten, die Unwahrheit demjenigen zu sprechen kannst, von dem du nichts zu fürchten hast, weil du weißt, dass er ein Freund dieses Hauses ist!«

Marinka zuckte zusammen, dann sich fassend, schüttelte sie schweigend den Kopf. Viktor hatte sich, von ihr anfangs unbemerkt, ihrer Hand wieder bemächtigt. Sie ließ es verlegen, vergessend geschehen.

»Lasst mich gehen, Herr!«, rief sie, sich plötzlich besinnend.

»Gospodin Jowan kann schon zurück sein, er wird mich suchen!«

»Gospodin Jowan ist zur Stadt. Er bringt vielleicht dem Mudessarif sein Lösegeld, wenn meine Vermutung richtig ist.« Viktor packte ihre Hand fester. »Ich will ehrlicher, aufrichtiger gegen dich sein als du, so wirst du vielleicht Vertrauen fassen! Jowan ist schweigsam, zurückhaltend gegen mich geworden; er wird heute Abend einsehen, wie töricht er ist. Je mehr er dem Pascha zeigt, dass er Furcht hat, desto unrettbarer ist er ihm verfallen, sobald wir von hier gehen, und das wird bald geschehen. Nach den Kriegsgesetzen ist Jowan unrettbar der Strafe verfallen …«

Die Hand des Mädchens zuckte heftig in der seinen. Sie starrte ihm entsetzt ins Gesicht.

»Marinka, es wäre besser, mir zu vertrauen«, fuhr Viktor mit einschmeichelnder Stimme fort. »Du schaust mich zweifelnd an! Du fragst: Was kannst du, Armseliger, gegen den Mu­dessarif! … Du hast recht. Aber sieh, ich habe sämtliche Papiere Jowans, die ihn kompromittieren könnten, nach Bravadi an den Vorpostenkommandeur, den General Brown, gesandt. Wenn Jowan will, können seine Verbindungen drüben dem General von hohem Nutzen sein. Jowans Person steht bereits zur Disposition des Generals, also unter dem Schutz desselben; hier ist der Befehl, den ich heute erhielt.«

Er legte die Hand an die Brust.

Ein unwillkürlicher, dankbarer Druck war des Mädchens Antwort. Schweigend war zwischen beiden ein Vertrauen ge­keimt, dem das Mädchen bewusstlos Ausdruck gab.

»Ein anderes, Marinka«, fuhr Viktor fort, »ist es mit dem Vermögen, dem Besitztum Jowans, auf das der Mudessarif es abgesehen hat. Wo die Geldsäcke liegen, die Jowan, wie ich höre, dem Pascha gesandt hat, da wird dieser auch noch andere suchen.«

Ein Seufzer war die Antwort des Mädchens.

»Und damit wird er auch Jowas größten Schatz zu finden wissen, sein Töchterchen!« Das Mädchen erschrak sichtbar. Sie setzte bereits den Fuß zur Flucht an, als brenne ihr plötzlich der Boden unter dem­selben. Bleich vor Angst stand sie da, als höre sie die Gefahr schon nahen.

»Sei ohne Sorge«, sprach lächelnd Viktor, ein Papier hervorholend. »Dir selbst, Marinka, übergebe ich den Schutzbrief, denn du wirst seiner am meisten bedürfen, wenn ich morgen mit Tagesanbruch von hier gehe. Ich stehe deinem Vater sowie dem jungen Priester hier im Wege, und was ich anfangs nur um meines alten Marko willen getan habe, ich tue es heute für dich, magst du selbst vor mir nicht sein wollen, was du bist.«

»Nein, nein! Nicht fort!« Ton, Miene, Haltung und Sprache wechselnd, ergriff sie seine Hand. Sie sprach plötzlich im reinsten Deutsch; sie wuchs vor Viktors Augen, wie sie sich in ihrer Furcht aufrichtete, gleichsam die Maske abwerfend. »O, Sie wissen nicht, was ich leide, welch eine Existenz ich hier führe, ich, die ich bessere, mildere Sitten kennen und lieben gelernt habe, als sie in diesem Volk, freilich meinen Glaubens- und Leidensgenossen, herrschen! Seit ich, fast ein Kind noch, Ab­schied nehmen musste von jener schönen Welt dort hinter dem Donaustrom, habe ich wohl hundertmal den Vater beschworen, von hier zu ziehen. Als Kind führte mich mein Vater von hier, als Mädchen holte er mich zurück. Ich verstand erst jetzt all die Rohheit und Sittenlosigkeit um mich her, wie sehr mich der Vater auch von ihnen fernzuhalten versuchte; ich fühlte mich unglücklicher bei jeder Berührung mit diesen unseligen, de­mütigenden Zuständen, und jetzt …« Sie schlug die Hände vor das Antlitz. »Und jetzt diese Schmach, wie die elendeste Sklavin mein Leben, meine Ehre einem in seiner Willkür schrankenlosen Despoten preisgegeben zu sehen …«

Viktor hatte ihr staunend zugehört. Er löste teilnahmsvoll und schonend die Hände von ihrem Gesicht. Er schaute mitleidig in das bleiche Antlitz. Die Worte fehlten ihm in der Überraschung über den an dem Mädchen vorgegangenen Wandel.

»O, ich habe ja keinen Augenblick gehofft, dass dieser ent­setzliche Mensch an die Täuschung glauben werde!«, rief sie mutlos. »Er war in Wien bei der Gesandtschaft, als ich dort als Kind erzogen wurde. Er sah mich und mehrere andere junge Mädchen aus den Städten der unteren Donau; er kam zuweilen, sich nach uns zu erkundigen, da wir gewissermaßen dem Schutz der Gesandtschaft anvertraut waren. Er weiß längst, dass ich hierher zurückgekehrt bin; ich vermied es, von ihm gesehen zu werden, und doch hörte ich, dass er öfter nach mir fragen ließ. Ich hatte keine Ahnung, dass er solcher Gewalttat fähig, aber ich hatte ebenso wenig Hoffnung, dass die Täuschung gelingen werde. Und jetzt …«

Trauernd schüttelte sie das Haupt.

»Marinka … Darf ich Sie ferner bei diesem Namen nennen?«, fragte Viktor in bescheidenem Ton.

Sie nickte schweigend.

»Was ist es mit diesem jungen Priester, den ich …«

Marinka schaute auf, verletzt durch den Sinn, den sie in dieser Frage vermutete.

»Sie sprechen zu Jowan Silowics Tochter!«, sagte sie vor­wurfsvoll, beleidigt.

»Ich sah Jowan Silowics Tochter mit diesem Mann allein! Ich fürchte sogar, wir sind auch jetzt nicht allein, wenigstens wird er nicht fern sein.«

Das Mädchen schaute fast erzürnt in das Mondlicht hinein, als suche sie. Trotzig warf sie dabei die Stirn auf.

»Kola Petrowic ist der Freund dieses Hauses«, sagte sie in tiefem Ernst. »Er hat das ganze Vertrauen meines Vaters …«

»Und das Ihre, Marinka?«

»Warum diese Frage?«

»Weil ich überzeugt bin, er sucht eben mehr das Ihre.«

»Und warum sollte ich es ihm vorenthalten? Ich darf nicht wählerisch im Umgang sein, hier in dieser Verbannung. Petrowic versucht meinen Missmut zu zerstreuen, er weiß zu unterhalten und ich sehne mich oft nach der Gesellschaft gesitteter Menschen.«

»Petrowic, ich weiß es, versucht Sie zu überreden, das Haus Ihres Vaters zu verlassen; ich wette, er tat es soeben noch.«

Fragend, misstrauisch blickte ihm das Mädchen in die Augen.

»Ja!«, antwortete sie mit tiefem Ernst.

»Und Sie?«

»Seine Absicht ist edel; er verlangt von mir, mich in das Haus des Bischofs führen zu lassen.«

»Der augenblicklich eine Tagesreise von hier wohnt.«

»Ja!«

»Und Sie hätten den Mut, sich seiner Führung zu über­lassen?«

»Wenn der Bischof es gebietet …«

Marinka hatte die letztere Frage mit unsicherer Stimme be­antwortet; sie wurde verlegen.

»Halten Sie diesen Mann eines solchen Vertrauens für würdig?«

Marinka schwieg.

»Glauben Sie wirklich, es sei ihm mehr um Ihre Sicherheit als um Ihre … Person? … Würden Sie eine War­nung vor diesem Mann annehmen?«

Sie schaute ihn fest und fast herausfordernd an.

»Petrowic, wie er sich hier nennt, ist Ungar wie ich; er war Honved wie ich. Er wurde mit Schanden aus unseren Reihen gestoßen, um einer ehrlosen Handlung willen, ging zu den Russen über und verriet ihnen unsere Stellungen. Dem russischen Einfluss dankt er, der allerdings früher das Seminar besucht, ohne Zweifel sein hiesiges Amt, indes liegt es an mir, ihn, der sicher heute noch den russischen Interessen dient, dahin zu bringen, dass ihn selbst der Schutz des Bischofs nicht retten kann. Wer sein Vaterland verraten hat, wird auch andere ver­kaufen!«

Viktor sprach das mit lauter, weit schallender Stimme. Er vermutete den Priester in der Nähe. Marinka schien kaum überrascht. Sie schwieg. Ihr selbst schien es unheimlich zu sein bei dem Gedanken, dass Petrowic ihn gehört haben könne. »Lassen Sie uns gehen«, sagte sie leise, sich in der Richtung des Hauses wendend. »Es ist spät!«

»Nehmen Sie den Schutzbrief, Marinka!« Er reichte ihr das Papier. »Haben Sie kein freundliches Wort des Abschieds?«

Sie wandte sich wieder zu ihm. »Sie dürfen nicht fort … nicht morgen!«, sprach sie flüsternd.

»Auch Sie werden bleiben?«

»Ja! … Wenn dieses Papier mich schützen kann!«

Sie zeigte auf Viktors Hand und er fühlte unerwar­tet diese Hand berührt, fühlte einen warmen Druck auf derselben.

»Versprechen Sie mir!«, flüsterte sie, seine Hand behaltend. »Sobald der Vater zurück ist, soll Marko Sie rufen! Es war alles bereit für meine Flucht zum Bischof … Ich bleibe! Ich vertraue mich Ihrem Schutz!«

Sie wies das Papier zurück, dann schritt sie ihm schnell voran, sich scheinbar von ihm trennend. Viktor schaute ihr nach, ihr langsam folgend, wie sie über das hohe Präriegras dahinschwebte und in der Tür des Gehöfts verschwand.

»Bei Gott, eine seltsame Begegnung hier in dieser Wild­nis mit einem Mädchen, das, im Besitz aller gesellschaftlichen Formen, mit seiner Schönheit der Brutalität eines Beamten preisgegeben, schutzlos für seine Tugend, seine Ehre zittert, während zwei der größten, mächtigsten Kulturvölker sich auf­machen, um dieser im Schlamm sittlichen und religiösen Unflats verkommenen Nation ihren Schutz zu leihen, die ungestraft Leben und Ehre unserer Glaubensgenossen zur Schlachtbank führt … Ich wüsste ein Mittel, dieses schöne Mädchen vor jeder Unbill zu schützen!«

Er blieb sinnend stehen. Ein wunderlicher, ihn selbst über­raschender Gedanke kreuzte sein Gehirn. Marinka war bereits seit Minuten verschwunden, als er noch dastand.

»Es ist ein wunderliches Abenteuer, in das ich mich seit heute Abend ernstlicher verwickelt sehe, als ich es in sorglosem Übermut geahnt hatte! Habe ich denn vermuten können, was in diesem Geschöpf steckt, das ich anfangs als elende Zigeuner­dirne, dann als Magd des Hauses beobachtete, das mich anzog, nicht nur seiner körperlichen Reize, sondern wohl mehr des Ge­heimnisses wegen, von dem ich dieses Mädchen umwoben sah! Und heute überraschte ich ein ganz anderes, das mit Seele, mit Anmut, mit all dem Geist, den unsere Bildung uns einhaucht, zu mir sprach! Ein Bulgarenkind, hier im tiefsten Winkel des Balkans aufgeblüht wie die wilden Rosen, die es umgeben, köstlichen Duft ausatmend wie sie, die Blume des Balkans, wie das alte Zigeunerweib sie nannte, aber nicht wild wie jene mehr, erzogen in großstädtischer Schule, ohne die Verkünstelung unserer Mädchen, ein wunderbar befangener Zusammenklang von nationaler Ursprünglichkeit und gesellschaft­licher Veredelung in ihren schönsten Formen, ein Naturkind und dennoch … Aber ich bin verrückt!«, riss er sich los. »Ich schnüre mein Bündel noch heute, und morgen früh, ehe die Sonne über meiner Dummheit aufgeht, bin ich unterwegs! Ich kann zu ihrem Schutz nicht mehr tun als ich getan habe, und sind sie beide klug, sie und der alte Jowan, so werden sie sich schon den Pascha vom Leibe halten! Ich ziehe morgen mit Sonnen­aufgang meines Weges und habe in wenigen Tagen Marinka und alle die Übrigen vergessen! … Aber hören will ich doch, sehen will ich sie dennoch, heute Abend! Marko soll mich rufen! Es gelüstet mich dennoch, heute Abend gründlicher zu erfahren, was in dem Mädchen steckt, wie viel Echtheit in dem Duft dieser Blume des Balkans ist!«