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Der Stern der Anthold – Band 1.3.

Adolph Streckfuß
Der Stern der Anthold
Band 1
Kriminalroman aus dem Jahr 1883

3.

Einen traurigen, peinvollen Abend verlebte Hermann in Schloss Warnitz. Am liebsten hätte er sich auf sein Zimmer zurückgezogen, um den Abend allein oder nur in der Gesellschaft seines Bruders zu verleben, das aber litt die auf dem Schloss herrschende Sitte nicht. Es würde den Dienern auffällig gewesen sein, wenn der kaum von seiner weiten Reise zurückgekehrte älteste Sohn des Hauses am Abend nicht im Salon erschienen wäre, in welchem sich alle Mitglieder der Antholdschen Familie und gewöhnlich noch einige Gäste aus der Nachbarschaft Punkt acht Uhr allabendlich vereinigten. Hermann musste sich daher der Familienordnung beugen, obwohl er vorher wusste, dass ihm langweilige und unangenehme Stunden bevorstanden.

Seine Vorahnung wurde durch die Wirklichkeit noch übertroffen. Unglücklicherweise blieb an jenem Abend jeder Besuch aus der Nachbarschaft aus, die Familie war allein, und die Baronin konnte sich daher, ohne sich vor Fremden genieren zu müssen, ganz dem Vergnügen überlassen, den ihr so verhassten Stiefsohn durch bittere, spöttische Bemerkungen zu kränken. Von diesen erhielt Hermann auch ein so voll gerüttelt und geschüttelt Maß, dass ihm mitunter die Geduld ausging und er seinem Vorsatz, jede Beleidigung der Stiefmutter mit vornehmer Nichtachtung zu übersehen, untreu wurde. Eine scharfe Gegenantwort rief dann nur neue bissige Angriffe der boshaften Gegnerin hervor und führte zu einem unerquicklichen Streit, bei welchem Hermann stets der unterliegende Teil sein musste, weil er sich der schärfsten Waffen des Wortes gegen die Stiefmutter doch nicht bedienen konnte.

Früher hatte ihm bei solchen gehässigen Wortkämpfen meist Hans als Vermittler zur Seite gestanden, heute aber war dies nicht der Fall, denn auch Hans war verstimmt durch das Resultat der Unterhandlungen, deren Zeuge er gewesen war. Er meinte, Hermann sei zu bitter und rücksichtslos gegen den Vater gewesen, der ohnehin durch das ihn bedrohende Unglück schwer genug betroffen werde und eine zarte, rücksichtsvolle Schonung von den Söhnen beanspruchen dürfe. Er hatte bei einem kurzen Spaziergang durch den Garten Hermann offen seine Ansicht ausgesprochen, war aber mit scharfen Worten zurückgewiesen worden. Es lag in Hermanns Art, dass er sich nicht zurechtweisen ließ, wo er sich im Recht glaubte, am wenigsten mochte er dies dem jüngeren Bruder gestatten, der sich verletzt zurückzog, als seine Bitte, Hermann möge milder und nachsichtiger gegen den Vater sein, eine schroffe Ablehnung fand.

Auch Hermanns Entschluss, sich in D. als praktischer Arzt niederzulassen und unter dem bürgerlichen Namen eines Doktor Anthold sich eine ärztliche Praxis zu suchen, berührte Hans peinlich. Welches Aufsehen musste ein solch extravaganter Schritt eines Barons von Anthold in der vornehmen Welt machen! Wie würde über denselben skandaliert werden in der Gesellschaft! Es gingen in dieser ohnehin gehässige Gerüchte um über manchen dunklen Punkt in der Familiengeschichte der Barone von Anthold, Gerüchte, über welche Hans niemals etwas Bestimmtes hatte erfahren können, von denen er aber wusste, dass sie von Mund zu Mund flogen. Hermanns Entschluss musste für solche Klatschereien einen neuen, fruchtbaren Boden schaffen, und dieselben waren für Hans umso fataler, als er unangenehme Erörterungen mit seinem künftigen Schwiegervater, dem sehr aristokratischen Grafen Redigau, befürchten musste. Graf Redigau konnte es ohnehin dem künftigen Schwiegersohn kaum verzeihen, dass dessen Mutter eine Bürgerliche, die Tochter eines Fabrikanten war, und nun wollte auch der Bruder sich einem bürgerlichen Erwerb widmen! Hans fühlte sich hier durch so peinlich berührt, dass er es nicht über sich gewinnen konnte, so freundlich und herzlich gegen den Bruder zu sein, wie er es sonst stets gewesen war; er trat nicht vermittelnd zwischen ihn und die stets zum Streit mit dem Stiefsohn geneigte Mutter, und auch der Baron tat dies nicht, auch er war kalt und unfreundlich gegen Hermann; dieser fühlte sich so fremd und unbehaglich in dem Kreis seiner Familie, dass er beschloss, seinem ursprünglichen Reiseplan entgegen, schon am folgenden Morgen Schloss Warnitz wieder zu verlassen. Er hatte die Absicht gehabt, wenigstens einige Tage auf dem Schloss zu verleben, aber der Aufenthalt in diesem wurde ihm durch den ungemütlichen Abend gänzlich verleidet. Er teilte dem Vater mit, dass er schon am folgenden Morgen in aller Frühe zur nahen Eisenbahnstation und dann weiter nach D. zu fahren beabsichtige; vielleicht erwartete er eine Einladung, länger zu bleiben, aber er erhielt sie nicht.

Der Baron schaute mit einem scheuen, fragenden Blick zu seiner Gattin, als er sah, dass deren Auge freudig aufleuchtete bei der Nachricht, dass Hermann Morgen schon wieder abreisen werde, sprach er sein Einverständnis mit der Absicht des Sohnes aus, und da auch Hans kein Wort des Widerspruchs äußerte, wurde die Abreise fest auf morgen früh bestimmt.

Noch eine langweilige, unbehagliche Stunde verging, dann konnte Hermann, ohne die Hausordnung in unschicklicher Weise zu durchbrechen, sich auf sein Zimmer zurückziehen. Er nahm Abschied vom Vater und der Stiefmutter, die er bei der frühen Abreise am folgenden Morgen nicht mehr zu sehen erwarten durfte; es war ein mehr als frostiger Abschied, der recht klar zeigte, wie angenehm beiden die Abkürzung des Besuchs war. Hans sagte er nur gute Nacht; er hoffte, der Bruder werde ihn begleiten, um noch ein Stündchen mit ihm zu verplaudern, aber er täuschte sich. Hans blieb im Familiensalon bei dem Vater und der Mutter, einem ziemlich kühlen gute Nacht fügte er nur die Bemerkung hinzu, dass er Hermann am folgenden Morgen vor der Abreise noch sehen werde. Der alte Dubois begleitete Hermann zu seinem Zimmer. Er trug ihm den silbernen Doppelleuchter voran durch die Korridore des alten Gebäudes. Das Zimmer, welches Hermann als Knabe bewohnt hatte, wurde ihm auch jetzt als Schlafzimmer angewiesen; ein großes, im Gegensatz zu dem Luxus, den alle übrigen Wohn- und Schlafräume des Schlosses zeigten, sehr einfach, fast ärmlich ausgestattetes Gemach. Es war ein eigenes Gefühl für Hermann, als er sich in dem durch die zwei Kerzen des Doppelleuchters nur zu einem Halblicht erleuchteten Zimmer umschaute, welches er ganz unverändert so wiederfand, wie er es vor Jahren verlassen hatte. Dort stand in der Mitte des Zimmers noch derselbe alte wackelige Tisch, von Hermann schon als Knabe das Zusammenbrechen gefürchtet hatte, wenn er sich an ihn setzte, um die Schularbeiten zu machen; dort die drei Stühle mit den hohen, steilen Lehnen waren noch dieselben, über welche sich Hermann so oft geärgert hatte, dem einen Stuhl fiel immer ein Bein aus, wenn er in die Höhe gehoben wurde, und richtig, dort stand er neben dem schlichten Bett! Hermann hob ihn in die Höhe und das Bein fiel polternd auf den Boden.

Alle die alten, hässlichen, verbrauchten Möbelstücke waren noch da. Wie oft hatte sich Hermann damals als Knabe bitterlich darüber beklagt, dass gerade ihm die schlechtesten Möbel, die selbst von den Dienern als unbrauchbar verschmäht wurden, zum Gebrauch überwiesen waren, wie oft hatte er die nicht achtende Zurücksetzung, welche in diesem Verfahren lag, bitter empfunden. Viele traurige und sehr wenig frohe Stunden hatte Hermann in diesem Zimmer verlebt und doch meinte er, die Vergangenheit sei eine glückliche Zeit gewesen gegenüber dem noch traurigeren jetzt! Nie hatte er seine Vereinsamung, die Entfremdung von seiner Familie peinlicher und schmerzlicher empfunden als an diesem Abend.

Der alte Dubois hatte den Leuchter auf den Tisch gesetzt, er hatte sich überzeugt, dass das Bett aufgedeckt war, dass eine Flasche mit frischem Wasser auf dem Tischchen neben dem Bett stand, er hatte sich in dem dämmerigen Zimmer umgeschaut und sich vergewissert, dass nichts Notwendiges fehle, dann hätte er wohl sich entfernen und Hermann der Nachtruhe überlassen können, aber er zögerte, dies zu tun. Unschlüssig blieb er an der Tür stehen. Er hatte schon die Klinke in der Hand, aber er drückte sie nicht nieder.

»Haben der Herr Baron vielleicht noch Befehle?«, fragte er endlich. »Nein, Dubois, ich bedarf nichts weiter.«

Dies war eine klare Verabschiedung; aber dennoch blieb Dubois stehen. Er räusperte sich, der Respekt, welchen er vor dem ältesten Sohn seines Herrn fühlte, war zu groß, als dass er gewagt hätte, ungefragt ein Gespräch zu beginnen, aber er hatte offenbar den dringenden Wunsch, gefragt zu werden. Hermann war so sehr mit seinen trüben Gedanken beschäftigt, dass er anfangs Dubois’ auffälliges Benehmen gar nicht bemerkte. Nun erst, als er das schüchterne Räuspern hörte, wurde er aufmerksam. Ein Lächeln erhellte seine nicht schönen, aber männlich kräftigen Züge, die sonst meist einen zu ernsten, fast finsteren Ausdruck trugen.

»Du hast etwas auf dem Herzen, alter Dubois«, sagte er freundlich. »Was ist es? Hast du mir etwas zu sagen?«

»Nun ja, Herr Baron«, erwiderte der alte Mann verlegen, »ich hätte wohl etwas zu sagen; aber ich fürchte fast, der Herr Baron könnte böse werden.«

»Nicht doch, Alter! Dir kann ich nicht böse werden! Wir sind alte gute Freunde. Ich werde es dir niemals vergessen, wie treu und sorgsam du dich einst des einsamen, freundlosen Knaben angenommen hast. Wenn die anderen Diener, um die Gunst der Mutter zu gewinnen, meinem Bruder Hans schmeichelten, mich aber von oben herab ansahen, als sei ich gar kein Sohn ihres Herrn, hast du stets zu mir gehalten. Du warst mein treuester und bester Freund, das werde ich dir stets gedenken.«

»Ja, ja, Herr Baron, so war es! Wie oft hat es mir in der Seele wehgetan, wenn ich es mit ansehen musste, dass mein lieber junger Herr, der älteste Sohn, dem doch die größte Ehre gebührte, so behandelt wurde, als gehöre er gar nicht ins Schloss.«

»Lass die alte Zeit ruhen, Dubois, wir wollen sie beide vergessen. Mir ist ohnehin das Herz schwer genug. Ich möchte mich nicht durch die Erinnerung noch mehr verbittern.«

»Das ist es eben, Herr Baron, Sie hören nicht gern von der Vergangenheit sprechen, alle Klatschereien sind Ihnen stets zuwider gewesen, und deshalb fürchtete ich, Sie könnten böse werden; aber ich kann doch nicht anders, ich muss Ihnen von der Vergangenheit erzählen. Als ich heute Abend hörte, während ich bei Tisch aufwartete, der Herr Baron wollten morgen früh schon wieder abreisen und sind doch erst vor ein paar Stunden angekommen, da gab es mir einen Stich in das Herz. Ich bin ein alter Mann, bald an die siebzig heran. Wer weiß, ob ich nicht einmal plötzlich die Augen schließe. Ich bin noch einer der wenigen Lebenden aus der alten Zeit. Von denen, die noch der alten Exzellenz gedient haben, bin ich der Einzige im Schloss, die anderen sind sämtlich längst gestorben und verdorben. Da habe ich mir gedacht, wenn du jetzt nicht dem Herrn Baron erzählst, was du nun schon so lange auf dem Herzen hast, dann wirst du es wohl niemals erzählen können und er erfährt es dann gar nicht. Und doch müsste er es wissen, denn der Herr Baron ist ja der älteste Sohn, der muss doch wissen, was einst in seiner Familie vorgekommen ist, und jetzt zumal, da die vierzig Jahre in einigen Monaten vorüber sein müssen.«

»Welche vierzig Jahre?«

»Die vierzig Jahre, seit das gnädige Fräulein Sabine gestorben ist oder gestorben sein soll; aber das ist eben die alte Geschichte, die ich dem Herrn Baron erzählen möchte. Darf ich?«

»Sabine? So hieß die früh verstorbene ältere Schwester meines Vaters.«

»Ganz recht, Herr Baron, aber ob sie wirklich damals gestorben sei, darüber hat man viel hier im Schloss erzählt. Es ist eine traurige Geschichte, die nur noch wenige lebende Menschen kennen. Darf ich sie erzählen?«

Hermann antwortete nicht. Finster sinnend ging er im Zimmer auf und nieder, während Dubois demütig an der Tür stehen blieb. Es widerstrebte dem feinen Gefühl Hermanns, durch einen Diener seines Vaters sich über die Geschichte seiner Familie unterrichten zu lassen.

Er hatte oft Andeutungen vernommen, dass auf dieser Geschichte ein dunkler Flecken ruhe, dass sie ein trauriges Geheimnis berge, aber er war zu stolz gewesen, um weiter nachzuforschen. Seinen Vater hatte er vor Jahren einmal nach den dunklen, über die Familie von Anthold verbreiteten Gerüchten befragt. Er war damals hart zurückgewiesen worden, ohne eine Aufklärung zu erhalten. Sollte er diese jetzt gegen den Willen des Vaters sich durch dessen Diener geben lassen? Hatte er hier ein Recht? Ja, er durfte es tun. Er war berechtigt, das Geheimnis zu erforschen, welches ihm vom Vater niemals entschleiert worden wäre. Von den zarten Rücksichten, welche er gern für diesen genommen hätte, entband ihn dessen Lieblosigkeit, der ihm stets bewiesene Mangel an Vertrauen. Er war entschlossen, aber es war ihm schwer geworden, zum Entschluss zu kommen, und noch schwerer wurde es ihm, das entscheidende Wort zu sprechen, gegen welches sein Stolz sich sträubte. Er vermied es, Dubois in die fragend auf ihn gerichteten Augen zu schauen, als er nach langer Pause zögernd sagte: »Ich will hören, was du mir zu sagen hast, Alter! Setze dich dort auf jenen Stuhl und erzähle mir, während ich im Zimmer auf und nieder gehe und dir zuhöre.«

Der alte Diener folgte der erhaltenen Weisung.

»Es ist eine lange, traurige Geschichte«, so erzählte er, »vierzig Jahre ist es her, dass sie passierte, und doch ist es mir, als sei es gestern gewesen. So tief hat sie mich damals bewegt, dass alles, was ich miterlebte, sich mir unauslöschlich in das Gedächtnis eingegraben hat und mit frischen Farben noch heute in demselben lebt.

Ich sehe ihn noch vor mir, unseren alten Herrn, den Herrn wirklichen Geheimrat Baron von Anthold. Die alte Exzellenz nannten wir Diener ihn, wenn wir von ihm sprachen. Er war ein alter stolzer Herr, streng und hart gegen seine Kinder, die vor ihm fast eine ebenso große Furcht hatten, wie wir Diener. Sie zitterten, wie wir, wenn er die Stirn runzelte und mit seinen dunklen Augen sie zürnend anschaute. Was er befahl, das musste geschehen, ohne Widerrede. Exzellenz haben befohlen! Dies Wort genügte, dann gab es keinen Widerspruch mehr.

Auch die verstorbene Frau Baronin Exzellenz hatte es nie gewagt, einen eigenen Willen zu haben. Sie hatte gezittert, wie alle anderen, wenn Exzellenz etwas befohlen; ihr Bruder aber, der Oberst von Werneburg, zitterte nicht vor seinem Schwager. Er war der einzige Mensch, der diesem oft mit scharfen Worten entgegentrat, ihn einen Tyrannen nannte und sich wenig darum kümmerte, wenn Exzellenz ihn auch noch so drohend anblickte.

Der alte Oberst hatte seine verstorbene Schwester sehr lieb gehabt. Er übertrug seine Liebe auf deren Tochter, auf Fräulein Sabine, die der verstorbenen Mutter Ebenbild war. Seine Neffen, Baron Johann und Baron Robert, Ihr Herr Vater, Herr Baron, standen ihm weniger nahe, aber er trat doch auch mitunter für sie ein, wenn Exzellenz gar zu streng gegen sie waren. Der Oberst kam oft zum Besuch auf Schloss Warnitz, auch nachdem die gnädige Frau gestorben war. Jedes Mal aber, wenn er kam, gab es heftigen Streit zwischen ihm und Seiner Exzellenz über Fräulein Sabine. Er verlangte, Exzellenz solle ihm seine Nichte, die sich höchst unglücklich im Vaterhaus fühlte, überlassen. Er wolle sie zu seiner Erbin machen, auf Schloss Warnitz gehe das arme Kind geistig zugrunde.

Und so war es auch wirklich. Fräulein Sabine hatte eine so entsetzliche Furcht vor dem strengen Vater, dass sie in seiner Gegenwart sich kaum zu regen wagte. Sie zitterte, wenn er ein Wort sprach, wie ein Kind fürchtete sie sich vor ihm und doch war sie schon einundzwanzig Jahre alt und eine wunderschöne stattliche junge Dame.

Sie hatte wohl selbst den alten Onkel gebeten, dass er sie aus Schloss Warnitz fortführen möge, und dieser hatte es ihr versprochen; aber er konnte sein Wort nicht halten, denn Exzellenz verweigerte seine Zustimmung und es kam darüber zu einem so heftigen Streit zwischen den beiden Herren, dass der Oberst in vollem Zorn das Schloss verließ. Ich hörte, dass Exzellenz ihm beim Fortgehen erklärte, er wünsche nicht, dass der Herr Oberst wiederkomme, er werde es nicht dulden, dass ihm seine Kinder durch den Oheim abspenstig gemacht würden. Fräulein Sabine war in tiefster Verzweiflung, als der Herr Oberst abgereist war. Sie wurde von Seiner Exzellenz noch härter als vorher behandelt und jetzt hatte sie gar keinen Schutz mehr, denn die beiden jüngeren Brüder fürchteten sich nicht weniger als sie vor dem Vater, obwohl sie beide schon Offiziere waren. Baron Johann stand bei den Dragonern in S., Baron Robert in D. bei der Garde. Sie waren beide flotte junge Offiziere, Baron Johann sogar mehr als gut war, aber wenn sie nach Schloss Warnitz kamen, wagten sie aus Furcht vor dem Vater kaum den Mund aufzutun.

Nach dem Zwist zwischen Seiner Exzellenz und dem Herrn Obersten gab es auf Schloss Warnitz eine böse Zeit für alle Bewohner. Wir Diener wussten gar nicht mehr, wie wir es dem Herrn recht machen sollten. Exzellenz war in der schlimmsten Laune. Aber freilich, dazu hatte Exzellenz auch guten Grund. Baron Johann kam plötzlich aus seiner Garnison. Er trug keine Uniform, sondern Zivil.

Er hatte urplötzlich den Abschied nehmen müssen. Was da in S. vorgekommen sein mag, habe ich nicht erfahren, aber es muss wohl etwas Schweres gewesen sein, denn Exzellenz war ganz außer sich vor Wut. Das war der erste Schlag und bald kam der zweite. Exzellenz erfuhren durch einen anonymen Brief, dass der Herr Baron Robert, der doch erst neunzehn Jahre alt und dazu Gardeoffizier war, ein Liebesverhältnis begonnen habe mit einem bürgerlichen jungen Mädchen, der Tochter eines reichen Fabrikanten, namens Söchting. Es war die jetzige Frau Baronin.

Exzellenz reiste nach D., Baron Robert musste seinen Abschied nehmen, Exzellenz brachte ihn nach Thüringen als Volontär auf ein großes Gut, damit er die Landwirtschaft erlerne. Der Herr Baron Robert musste gehorchen, er musste sich schon im folgenden Jahr mit Ihrer Frau Mutter verloben und bald darauf, erst einundzwanzig Jahre alt, verheiraten. Ihr Herr Vater wagte keinen Widerspruch, Exzellenz setzte eben alles durch, was sie wollte.

Die Verlobung des Herrn Baron Robert war eben gefeiert worden, da wurde Exzellenz von einem neuen Schlag betroffen, dem härtesten von allen! Fräulein Sabine war plötzlich verschwunden und zugleich mit ihr der Wirtschaftsinspektor.«

»Sie war mit dem Wirtschaftsinspektor geflohen!«, rief Hermann erstaunt.

»Ja. Darüber war niemand im Schloss im Zweifel und auch Exzellenz nicht. Das gnädige Fräulein hatte einen versiegelten Brief zurückgelassen, den fand die Kammerjungfer, als sie des Morgens in das Schlafzimmer kam, um das gnädige Fräulein zu wecken. Was in dem Schreiben gestanden haben mag, hat niemand von uns Dienern erfahren. Exzellenz hat es in kleine Stücke zerrissen und diese dann in das brennende Kaminfeuer geworfen; aber wir wussten doch, wie das so gekommen war und manche von uns sagten, sie hätten es wohl geahnt, dass die Sache so enden werde.

Der Wirtschaftsinspektor, Schröder war sein Name, war ein schöner, stattlicher Mann, der sich zu benehmen wusste. Er soll der Sohn eines Predigers gewesen sein und studiert haben. Er war ganz der Mann dazu, einer jungen Dame den Kopf zu verdrehen; wer ihn nicht kannte, hielt ihn wohl gar seinem feinen Wesen nach für einen Adeligen, und zu schwatzen verstand er, als ob er sein Leben lang in der vornehmsten Gesellschaft verkehrt habe.

Mit dem gnädigen Fräulein war er oft im Garten zusammengetroffen. Wenn Exzellenz sich längst zur Ruhe gelegt hatte, war das gnädige Fräulein noch spät abends im Garten spazieren gegangen, und dann hatte sich jedes Mal der Inspektor zu ihr gefunden. Stundenlang waren sie beide durch die dunklen Gänge zusammen gewandelt, der Gärtner hatte sie gesehen, aber kein Wort darüber gesprochen. Er wollte dem unglücklichen gnädigen Fräulein nicht das Leben noch schwerer machen, als es ohnehin war. Dafür jagte ihn Exzellenz Knall und Fall aus dem Dienst, als es zu spät war, ihn und auch die Kammerjungfer, weil sie ebenfalls um das Liebesverhältnis ihrer Herrin mit dem Inspektor gewusst haben musste.

Auch wir anderen Dienstboten hatten eine schwere Zeit. Exzellenz war kaum seiner Sinne mächtig vor Wut und er ließ diese an jedem aus, der ihm zu nahekam. Den Baron Johann, der doch gar nichts von der ganzen Sache wusste, behandelte er wie einen ungezogenen Knaben. Einmal hatte er ihm sogar in Gegenwart der Leute eine Ohrfeige gegeben. Aber er konnte damit nicht ungeschehen machen, was geschehen war, und wenn er auch der gesamten Dienerschaft bei Strafe der sofortigen Dienstentlassung verbot, ein Wort über die ganze Geschichte zu sprechen, verschwiegen blieb sie doch nicht. Bald genug war es in der ganzen Umgegend bekannt, dass das gnädige Fräulein Sabine mit dem Inspektor Schröder davongelaufen sei, weil sie es in dem Schloss Warnitz nicht mehr habe aushalten können und der adelsstolze strenge Vater doch niemals seine Einwilligung zu einer Heirat mit dem bürgerlichen Geliebten gegeben haben würde.

Etwa vier Monate mochten vielleicht nach der Flucht des gnädigen Fräuleins vergangen sein, da fuhr eines Tages der Herr Oberst von Werneburg in einer Extrapostchaise in den Schlosshof. Ich stand gerade vor dem Portal auf der Rampe und eilte, ihm den Schlag des Wagens zu öffnen. In demselben Augenblick kam aber auch Exzellenz aus dem Garten, und als sie sah, dass der Herr Oberst aussteigen wollte, rief sie mir schon von fern mit donnernder Stimme zu: ›Den Wagenschlag geschlossen, Dubois! Du bist aus meinem Dienst entlassen, wenn du dem Herrn erlaubst, aus dem Wagen zu steigen!‹

Ich musste wohl den Schlag wieder schließen; ich bat den Herrn Oberst um Entschuldigung, der aber nickte mir freundlich zu. ›Dir habe ich nichts zu verzeihen, armer Bursche‹, sagte er, ›du erfüllst nur die Befehle deines Herrn.‹ Dann aber wandte er sich an Exzellenz. ›Schwager!‹, rief er dem inzwischen Nähergekommenen zu. ›Nur eine kurze Unterredung fordere ich von dir.‹

Exzellenz antworteten nicht, aber sie näherten sich dem Wagen mehr und mehr. Wenn Exzellenz im Zorn war, dann rötete sich das Gesicht, dann funkelten die schwarzen Augen. Das war ein schlimmes Zeichen, aber ein schlimmeres war es, wenn alle Farbe das Gesicht verließ, wenn dieses totenblass wurde, der Mund sich zuckend verzog und die Augen förmlich blitzten. Mich überkam ein Grauen, als ich Exzellenz anschaute. Ich wusste, dass mein Herr seiner inneren Wut kaum noch Meister werden konnte. Er trat dicht an den Wagenschlag heran, ich zog mich zurück; aber auf der Rampe hinter dem Portal blieb ich stehen. Mir war es, als dürfte ich nicht fort, als komme ein großes Unglück. So konnte ich denn jedes Wort hören, welches dort unten gesprochen wurde.

Ich hörte, wie der Herr Oberst mit ruhigen Worten seine Bitte wiederholte. ›Ich muss mit dir sprechen, Sabines wegen!‹, so fügte er, französisch sprechend, hinzu.

Der Name war kaum ausgesprochen, da erfolgte auch der Ausbruch der verhaltenen Wut.

›Ich will nichts wissen von der entlaufenen Dirne‹, schrie Exzellenz, aber so viel Besinnung hatte sie doch, dass sie ebenfalls französisch sprach, damit der Postillon nichts verstehen könne. ›Ich verfluche sie, die meinen Namen entehrt hat. Könnte ich sie erwürgen mit meiner eigenen Hand, ich würde es mit Freuden tun! Und auch dir fluche ich, du hast die Tochter dem Vater entfremdet!‹

›Du hast sie dir selbst entfremdet durch deine grausame Tyrannei! Deshalb hat sie sich an mich gewendet in ihrer höchsten Not. Ihr Entführer, mit dem sie nach England geflohen war, wo selbst ihre Vermählung stattfand, hat sie verlassen. Wenn du dein Kind im Elend verkommen lassen willst, dann werde ich die Tochter meiner Schwester zu mir nehmen. Was sie in der Verzweiflung getan hat, dir, nicht ihr rechne ich es zu!‹

Ich glaubte nach diesen Worten, Exzellenz würde in noch heftigere Wut geraten; aber es kam anders. Mein Herr war plötzlich ruhig geworden, merkwürdig, unnatürlich ruhig. Wenn er nach der Wut plötzlich so ruhig erschien, dann fürchteten wir uns am meisten vor ihm, dann war er unerbittlich. Ich glaube, er hätte in solcher Stimmung einen Mord begehen können. Mir lief es kalt über den Rücken, als ich ihn nun so ruhig und gleichgültig, als habe er gar nicht vorher getobt, sagen hörte: ›Schon jetzt? Das ist schnell gegangen! Ich wusste, dass es dahin kommen müsse. Herr Schröder glaubte mich durch die Entführung und das fait accompli der in England vollzogenen Heirat mit der Baronesse Anthold zur Anerkennung derselben zwingen zu können. Er hoffte auf meine nachträgliche Einwilligung, vor allem auf eine reiche Mitgift. Als mein Schwiegersohn meinte er ein gemachter Mann zu werden. Den Wahn habe ich ihm genommen. Er hat an mich geschrieben und ich habe ihm gebührend geantwortet. Jetzt, da er weiß, dass er keine Hoffnung hat, auch nur eines Pfennigs Wert von mir zu erhalten, hat er natürlich die Elende verlassen, die sich ihm in die Arme geworfen hat. Nutzen kann er von ihr nicht haben, weshalb sollte er sie länger füttern? Herr Schröder ist ein praktischer, verständiger Mann, er hat getan, was er tun musste. Die Verlassene wird irgendwo verhungern, das ist vielleicht das beste Ende der ganzen Geschichte.‹

Exzellenz sprach so leichthin, er hatte die Stimme nicht erhoben und doch konnte ich jedes Wort verstehen. Er sprach so ruhig, als handle es sich um die gleichgültigste, unbedeutendste Sache. Ich beugte mich ein wenig hinter dem Torflügel vor, er stand am Wagenschlag, auf den er die linke Hand gelegt hatte, in der rechten hielt er die Reitpeitsche, mit der er wie spielend seine Stiefel leicht schlug.

Er schien ruhig, aber als ich sein geisterbleiches Gesicht sah, die tiefe Falte auf der Stirn, den zuckenden Mund, die gespenstisch leuchtenden Augen, da wusste ich, dass es in ihm kochte und schnell zog ich mich zurück, nicht um die Welt hätte ich in dem Augenblick von ihm gesehen werden mögen, so sehr fürchtete ich mich vor ihm.

Der Herr Oberst hatte Exzellenz ausreden lassen, nun aber antwortete er: ›Du irrst, Schwager. Sabine wird nicht verhungern. Da du sie von dir stoßen willst, wird sie fortan meine Tochter und meine Erbin sein.‹

›Um das mir zu sagen, bist du zu mir gekommen?‹, fragte Exzellenz ebenso ruhig wie vorher.

›Nein! Ich wollte versuchen, dich zu bewegen, deinem unglücklichen Kind zu verzeihen! Nicht an dein Herz wollte ich mich wenden, ich weiß, dass es der Milde unzugänglich ist, aber an deinen Verstand. Dir steht die Ehre deines Hauses so hoch, dass ich meinte, du würdest ihr ein Opfer bringen können. Noch kursieren über Sabines Flucht und Eheschließung nur dunkle Gerüchte. Wenn du deiner Tochter erlaubst, nach Schloss Warnitz zurückzukehren, wenn sie nach wie vor in deinem Haus lebt, werden die Gerüchte bald verstummen. Nach einigen Jahren wird sich niemand mehr der ganzen Sache erinnern. Die Ehre deines Namens bleibt unbefleckt. Wenn ich dagegen Sabine in mein Haus nehme, gewinnen die dunklen Gerüchte Bestätigung.‹

Exzellenz antwortete nicht. Ich hörte deutlich, wie die Reitpeitsche leise taktmäßig gegen die Stiefel schlug, sonst nichts. Da schaute ich denn wieder vorsichtig hinter dem Torflügel hervor. Das Gesicht meines Herrn war noch ärger verzerrt als vorhin, der Mund zuckte unaufhörlich. Exzellenz sah furchtbar aus, noch heute ist es mir grauenhaft, wenn ich mir sein Bild von jenem Tag in die Erinnerung zurückrufe und doch sind schon vierzig Jahre seitdem vergangen.

Eine lange Zeit hatte Exzellenz schweigend vor sich nieder geschaut, ohne das Spiel mit der Reitpeitsche zu unterbrechen, wie lange weiß ich nicht. Mir kam es ewig lange vor, dann aber wendete sich Exzellenz plötzlich zu dem Herrn Obersten.

›Und wenn ich nun deinen Wunsch erfüllte, wenn ich Sabine wieder zu mir nähme, würdest du es dann über dich gewinnen können, dich fernzuhalten von jeder Einmischung in meine häuslichen Angelegenheiten? Ich dulde keinen Vermittler zwischen meinen Kindern und mir. Ich könnte vielleicht Sabine verzeihen, ihr gestatten, bei mir in Schloss Warnitz zu leben, aber nur, wenn du mir auf dein Ehrenwort versprichst, dich nicht zwischen sie und mich zu drängen, nie den Versuch zu machen, Sabine zu sehen, solange sie bei mir lebt.‹

›Ich verspreche es dir!‹

›Dann will ich mir die Sache überlegen! Morgen oder übermorgen werde ich dich in D. aufsuchen, um dir meine Entscheidung zu bringen, oder willst du sie hier abwarten, dann steige aus. Dein Zimmer soll für dich bereitet werden. Für heute will ich vergessen, dass ich dich aufgefordert habe, Schloss Warnitz nie wieder zu besuchen.ֹ‹

›Aber ich habe es nicht vergessen! Ich erwarte dich in D.!‹. erwiderte der Herr Oberst.

Bisher hatte er, ebenso wie Exzellenz, stets französisch gesprochen, nun aber befahl er auf Deutsch dem Postillon, zu der nächsten Poststation zurückzufahren. Der arme Kerl wollte gern wenigstens seine Pferde tränken, aber der Herr Oberst litt das nicht.

Exzellenz schauten mit finsterem Blick dem fortrollenden Extrapostwagen nach, dann stiegen sie langsamen Schrittes die Rampe in die Höhe. Ich aber beeilte mich, fortzukommen, um nicht beim Lauschen ertappt zu werden.

Ich habe Ihnen erzählt, Herr Baron, wie mir das alles in der Erinnerung geblieben ist. Es mag vielleicht ein oder das andere Wort mir entfallen sein, aber das kann ich Ihnen zuschwören, fast wörtlich habe ich behalten, was die Herren gesprochen haben. Gerade weil sie in meiner lieben Muttersprache sich unterhielten, ist mir fast jedes Wort unvergesslich geblieben; hätten sie deutsch gesprochen, dann würde ich sie nicht so ganz verstanden haben, denn damals war ich erst kurze Zeit hier im Dienst und der deutschen Sprache noch nicht so mächtig wie heute. Man lernt wohl etwas in vierzig Jahren.

Mit bangem Herzen wartete ich, was nun wohl geschehen würde. Wer Exzellenz nicht kannte, der hätte sich vielleicht durch die Ruhe täuschen lassen, die er zuletzt gezeigt hatte, der hätte geglaubt, Exzellenz habe möglicherweise wirklich die Absicht, seiner unglücklichen Tochter zu verzeihen; ich aber wusste es besser. Ein Kammerdiener kennt seinen Herrn genauer als irgendein anderer Mensch. Exzellenz konnte gar nicht verzeihen! Wer ihn einmal beleidigt hatte, den hasste er sein Leben lang. Sein Herz war der Milde und Versöhnung niemals zugänglich, die Liebe kannte es nicht, es war ganz ausgefüllt von Ehrgeiz und Stolz. Exzellenz brütete über irgendeinem finsteren Plan, das sah ich ihm an, als ich ihm abends beim Auskleiden half. Er sprach kein Wort, aber sein Mund zuckte fortwährend, er sah nicht, was um ihn her vorging, er war so tief in Gedanken, dass er mich gar nicht einmal ausschimpfte, als ich seinen Schlafrock, den ich ihm reichen wollte, fallen ließ. In der Nacht schlief Exzellenz nicht einen Moment, auch ich nicht. Ich lag wachend in meinem Kämmerchen neben dem Schlafzimmer und lauschte auf jede seiner Bewegungen. Er warf sich in dem Lager hin und her, mitunter seufzte er, dann murmelte er wieder verworrene Worte, die wie Flüche oder Verwünschungen klangen.

Am folgenden Morgen befahl mir Exzellenz, etwas Wäsche für eine kurze Reise in den kleinen Handkoffer zu packen. Er wolle verreisen. Der Kutscher musste anspannen und Exzellenz fuhr fort. Auf der nächsten Station wurde der Wagen zurückgeschickt, Exzellenz reiste mit Extrapost weiter; acht Tage etwa blieb sie fort, dann kehrte sie zurück, und wahrhaftig, ich wollte meinen Augen nicht trauen, neben Exzellenz saß in dem Extrapostwagen seine Tochter Sabine.

Aber wie hatte sie sich verändert in den wenigen Monaten! Sie war so schön gewesen! Wie bleich und vergrämt sah sie aus. Die blauen Augen schauten trüb und matt, sie waren umgeben von dunklen Rändern. Die Wangen waren fahl und eingefallen. Es war nur der Schatten des Fräulein Sabine, die blühend und kräftig Schloss Warnitz vor wenigen Monaten verlassen hatte.

Sie saß nicht allein im Wagen mit Exzellenz, auf dem Rücksitz saß noch ein hässliches Frauenzimmer.

Ich öffnete den Wagenschlag, neben mir stand Baron Johann, der eben zu Pferd auf dem Feld gewesen war, die nahende Extrapost gesehen hatte und im Galopp herbeigeritten war, um den gnädigen Herrn Vater bei der Ankunft zu begrüßen.

Exzellenz stieg zuerst aus; der Herr Baron Johann wurde nur eines kurzen, finsteren Grußes gewürdigt, dann wandte sich Exzellenz zu mir; ich bekam ordentlich einen Schreck, als der Blick meines Herrn mich traf, es lag etwas so finster Böses, Unheimliches in den funkelnden schwarzen Augen, und doch hatte ich gar keine Ursache zu erschrecken, denn er sagte ganz ruhig und auf seine Art sogar freundlich zu mir: ›Meine Tochter und ihre Kammerfrau werden in den drei Zimmern des linken Flügels wohnen. Sorge dafür, dass die Zimmer sofort eingerichtet werden. Im blauen Zimmer wird meine Tochter wohnen, im gelben schlafen, im Vorzimmer schläft die Kammerfrau. Die Möbel aus den früheren Zimmern meiner Tochter werden dorthin gebracht. In spätestens einer Stunde muss, alles fertig sein. Du meldest mir, wenn es soweit ist. Keine Minute wird unnütz verloren.‹

Eine Stunde war eine kurze Zeit für die mir aufgetragene Arbeit, ich musste mich eilen, wenn ich fertig werden wollte. Nicht einmal Fräulein Sabine, wie wir sie noch immer nannten, konnte ich begrüßen. Als ich ihr aus dem Wagen helfen wollte, donnerte mir Exzellenz zu: ›Marsch, fort! Hast du nicht gehört, dass ich dir Eile befohlen!‹ Da musste ich fort und hatte alle Hände voll zu tun, aber ich wurde glücklich fertig, ehe noch die Stunde abgelaufen war. Ich hatte während der Arbeit nicht viel Zeit für andere Gedanken; aber ich musste mich doch wundern, weshalb wohl eigentlich Exzellenz Fräulein Sabine nicht in ihren früheren Zimmern wohnen lassen wollte. Dafür gab es wohl nur eine Erklärung, die durch die Erinnerung an die Flucht des gnädigen Fräuleins sich von selbst darbot. Aus den Zimmern des linken Flügels konnte das Fräulein nicht fliehen, ohne, wie der Herr Baron wissen, durch den langen Korridor zu dem Vorsaal zu gehen. Damals befand sich in dem Korridor unmittelbar neben der Tür des grünen Zimmers, in welchem Exzellenz schlief, eine Tür, die heute nicht mehr vorhanden ist, sie stand meist offen, weil es keinen Zweck hatte, sie zu verschließen; aber wenn sie verschlossen wurde, war der Korridor abgesperrt. Ich ahnte es wohl, als ich behilflich war, das Bett des Fräuleins durch den Korridor zu tragen und als ich die Tür sah, dass die Zimmer im linken Flügel bestimmt seien, ein Gefängnis für das unglückliche gnädige Fräulein zu werden.

Und so war es auch. Nachdem Fräulein Sabine mit ihrer neuen Kammerfrau durch Exzellenz selbst in ihre Zimmer geführt worden war, wurde die Korridortür verschlossen, Exzellenz steckte den Schlüssel in die Tasche und seitdem hat kein Schlossbewohner außer Exzellenz, dem Herrn Baron Johann und der neuen Kammerfrau das gnädige Fräulein wieder lebend gesehen!

›Das gnädige Fräulein sei krank und müsse deshalb auf ihrem Zimmer speisen!‹ So erzählte schon am ersten Abend zur Ankunft die neue Kammerfrau der Köchin, als sie das Abendessen für zwei Personen aus der Küche holte. Was dem Fräulein fehle, hatte sie nicht gesagt und sich überhaupt in keine weitere Unterhaltung eingelassen. Sie war eine sonderbare Person, die gar nicht zur Kammerfrau einer jungen Dame passte. Von guter Lebensart wusste sie nichts, sie war grundhässlich, hatte eine verkrüppelte linke Hand, drei Finger waren zusammengewachsen und oben drein war sie krank. Sie hatte einen fürchterlichen Husten, der sie überfiel, während sie in der Küche auf das Essen wartete, und sie für Minuten unfähig machte, zu reden. Die Köchin meinte, die Person möge wohl die Schwindsucht haben, das verrieten auch die abgezirkelten roten Flecke auf den bleichgelben hageren Wangen und die eingedrückte Brust.

Das gnädige Fräulein war krank und blieb krank, es verließ das Zimmer nicht wieder, die Korridortür blieb verschlossen, nur morgens, mittags und abends wurde sie geöffnet, wenn die Kammerfrau das Essen für das gnädige Fräulein besorgte.

Nach vier Wochen etwa befahl Exzellenz, ein Wagen solle nach F. fahren, um den Doktor Treu nach Schloss Warnitz zu holen.

Schon während dieser vier Wochen war unter der Schlossdienerschaft manch heimliches Wort über die sonderbare Krankheit des gnädigen Fräuleins geflüstert worden. Als wir nun aber hörten, dass gerade der Doktor Treu aus F. herbeigeholt werden sollte, schüttelten wir noch mehr die Köpfe und wir hatten wohl ein Recht, uns zu wundern, denn der Doktor Treu stand in der ganzen Gegend in einem recht bösen Ruf.«

»Einen Augenblick, Dubois!«, so unterbrach Hermann den Erzähler, »der Name Treu fällt mir auf. War der Doktor Treu, von dem du sprichst, verwandt mit dem geheimen Kommerzienrat Treu.«

»Der Vater, Herr Baron.«

»Seltsam! Fahre fort!«

Dubois fuhr fort: »Bisher war noch niemals bei einer Krankheit im Schloss der Doktor Treu zu Rate gezogen worden, sondern immer der alte Doktor Neumann, der noch eine halbe Stunde näher in Bornitz wohnte. Weshalb ließ Exzellenz gerade den Doktor Treu rufen, der zwar ein sehr geschickter Arzt war, dem aber doch niemand recht traute!«

»Weshalb stand er in einem so schlechten Ruf?«

»Man erzählte viel von ihm, beweisen konnte man ihm nichts Schlechtes. Die Leute munkelten, er habe vor ein paar Jahren seiner kranken Frau etwas eingegeben, weil sie eifersüchtig auf die schöne Wirtschafterin, die Doktorliese, wie sie allgemein hieß, gewesen sei. Die Frau sei gestorben, aber er wage nun doch nicht, die Liese zu heiraten, weil er sonst in den Verdacht kommen könne, ihretwegen die Frau vergiftet zu haben. Auch in Untersuchung war er schon gewesen wegen eines falschen Krankheitszeugnisses, welches er ausgestellt haben sollte; aber er war freigesprochen worden. Es gingen manche dunkle Gerüchte über ihn um, aber ich habe vergessen, was es eigentlich war, nur dessen erinnere ich mich, dass man ihm alles Böse zutraute.

Doktor Treu kam, er besuchte das gnädige Fräulein. Als er wieder fortfuhr, begleitete ihn Exzellenz selbst an den Wagen. Da sagte der Doktor recht laut, sodass nicht nur der Kutscher, sondern auch der Gärtner, der in der Nähe stand, ihn hören konnte: Es sei eine böse Sache mit der Krankheit des Fräuleins, er werde am folgenden Tag wiederkommen und eine Wärterin mitbringen, denn die Kammerfrau sei selbst viel zu kränklich und schwach, um eine Schwerkranke zu pflegen.

Der Gärtner erzählte dies in der Küche. Da meinte die Köchin, es sei sehr vernünftig vom Doktor, wenn er für eine tüchtige Krankenwärterin sorge, denn die Kammerfrau sei wirklich so elend, dass sie kaum mehr schleichen könne. Mit der werde es nicht mehr lange dauern, sie werde ja von Tag zu Tag schwächer.

Am folgenden Tag kam Doktor Treu wieder. Er brachte eine kräftige, robuste Frau mit, die zu dem Fräulein als Krankenwärterin einquartiert wurde, Madame Schulz nannte sie sich.

Madame Schulz übernahm nicht nur die Pflege des Fräuleins, sondern auch die Bedienung, welche die Kammerfrau nicht mehr besorgen konnte. Sie erhielt den zweiten Schlüssel zur Korridortür, holte das Essen und besorgte alles. Sie verkehrte auch mit Exzellenz und stattete täglich Bericht ab über das Befinden des gnädigen Fräuleins. Von der Kammerfrau hörte und sah man nichts mehr, sie sei selbst krank, erzählte Madame Schulz. Sie war redseliger als die Kammerfrau und liebte es, mit der Köchin zu plaudern. Jedes Mal, wenn sie zur Küche kam, hatte sie zu erzählen. Mit dem Fräulein gehe es täglich schlechter; die arme junge Dame habe wohl viel Gram gehabt und könne deshalb die schwere Krankheit nicht überwinden. Es gehöre Kraft des Körpers und des Geistes dazu, um vom Typhus wieder in die Höhe zu kommen, und den Typhus habe das gnädige Fräulein.

Die Äußerungen der Madame Schulz erregten großen Schrecken in der Dienerschaft. Die Köchin und auch die meisten Bedienten fürchteten die Ansteckung des Typhus. Als nun auch Doktor Treu nach einigen Tagen dem Herrn Baron Johann, der ihn an den Wagen begleitete, mit lauter Stimme mitteilte, es sei jetzt nicht mehr zweifelhaft, dass Fräulein Sabine im höchsten Stadium des Typhus liege, als er zugleich dringend zur größten Vorsicht mahnte, denn die Krankheit sei entsetzlich ansteckend, war der Schrecken im Schloss groß. Wer es nicht nötig hatte, kam sicherlich der Korridortür nicht zu nahe, die Köchin ließ selbst Madame Schulz nicht mehr in die Küche, sie setzte ihr die nötige Speise auf einen Tisch im Vorraum, um nur nicht mit der Krankenwärterin in irgendeine Berührung zu kommen.

Drei Wochen etwa vergingen so, da kam gegen Abend Madame Schulz weinend zur Küche, vor der Tür blieb sie stehen und rief der Köchin zu, das arme gnädige Fräulein sei soeben gestorben. Die Kammerfrau sei halb wahnsinnig vor Entsetzen, die arme kranke Person heule und schreie und lasse sich gar nicht beruhigen. Frau Schulz bat die Köchin, mit ihr zu kommen und ihr ein wenig bei der Umbettung der Leiche behilflich zu sein, da die Kammerfrau zu nichts zu gebrauchen sei, aber sie erhielt einen grob abweisenden Bescheid. Lieber wolle die Köchin ihren Dienst aufgeben, als sich den Typhus bei der Leiche holen; auch die beiden Hausmädchen weigerten sich auf das Bestimmte, in das Sterbezimmer zu gehen, und so hätte denn Frau Schulz ihr trauriges Geschäft allein besorgen müssen, wenn nicht der Herr Baron Johann den Mut gehabt hätte, ihr behilflich zu sein.

Ein Wagen wurde zum Doktor Treu geschickt. Es war schon dunkel, als dieser im Schloss eintraf. Er ging direkt in das Sterbezimmer. Nach einer Stunde etwa fuhr er wieder fort, aber nicht allein, die Kammerfrau begleitete ihn. Er und Madame Schulz führten die arme Schwindsüchtige, die so schwach war, dass sie nicht allein gehen konnte. Sie hoben sie in den Wagen, und Madame Schulz setzte sich neben sie und umfasste sie mit den Armen. Es war ein rauer Abend, Madame Schulz hatte deshalb den Kopf der Kranken mit einem Tuch vollständig verhüllt und sogar den Zipfel des Tuches über das ganze Gesicht hergezogen, damit die arme Schwindsüchtige nicht direkt die kalte Luft einatme.

Während Madame Schulz bei der Kranken im Wagen blieb, kehrte Doktor Treu noch einmal in das Portal zurück, um mit dem Herrn Baron Johann einige Worte zu sprechen, welche die kranke Kammerfrau nicht hören sollte, vor mir aber genierte er sich nicht. Ich stand im Portal und er sprach so laut, dass ich ihn wohl verstehen musste. Er erzählte dem Herrn Baron, die unglückliche Person die Kammerfrau, trage schon den Keim der Ansteckung in sich. In den nächsten Tagen werde die Krankheit auch bei ihr zum vollen Ausbruch kommen. Er nehme sie mit sich, damit die Krankheit sich nicht im Schloss Warnitz weiter verbreite. Bei sich behalten werde er sie nicht, sondern sie, solange es noch angehe, in irgendein Lazarett schaffen.

Er warnte dann noch den Herrn Baron dringend vor der Ansteckung durch die Leiche des verstorbenen Fräuleins. Niemand außer Madame Schulz, die sich vor Ansteckung zu schützen wisse, dürfe das Sterbezimmer betreten. Frau Schulz solle ihn nur bis F. begleiten, dann werde er sie zurückschicken, damit sie die Leiche bewache. Baron Johann musste dem Doktor versprechen, dass kein Mitglied der Schlossdienerschaft zu der Leiche gelassen werde. Er hätte das Versprechen nicht nötig gehabt, denn freiwillig hätte gewiss niemand von uns das gefürchtete Sterbezimmer aufgesucht.

Spät in der Nacht kehrte Madame Schulz zurück, am anderen Morgen erzählte sie der Köchin, die arme Person, die Kammerfrau, sei halb wahnsinnig vor Todesfurcht. Es sei merkwürdig, dass solche schwindsüchtige Kranke, die doch höchstens noch einige Wochen zu leben haben, eine so große Angst vor einer anderen Krankheit haben könnten. Der Doktor glaube mit Sicherheit, dass die Kammerfrau ebenfalls dem Typhus verfallen sei und habe sie deshalb noch in der Nacht weiter nach D. ins Lazarett geschickt. Ein paar traurige stille Tage verflossen. Das gnädige Fräulein Sabine war bei der Schlossdienerschaft beliebt gewesen, sie hatte sich immer gegen uns freundlich und gütig gezeigt, konnte sie doch keinem Menschen ein hartes Wort sagen! Vielleicht war sie zu furchtsam, schwach und nachgiebig gewesen, das aber machten wir ihr nicht zum Vorwurf. Wir hatten sie herzlich lieb gehabt und trauerten um ihren Tod, aber die meisten von uns meinten doch, sie sei nicht zu beklagen, denn ihr Leben würde sicherlich ein sehr trauriges gewesen sein, wenn es länger gedauert hätte.

Am Montag gegen Abend war Fräulein Sabine gestorben, am Donnerstag früh sollte die Leiche in der Familiengruft beigesetzt werden. Exzellenz hatte es so bestimmt. Obwohl der Herr Doktor meinte, es sei der Ansteckung wegen besser, die Beisetzung so früh wie möglich stattfinden zu lassen, wollte Exzellenz davon nichts wissen. Eine Baronesse Anthold dürfe nicht wie eine Lazarettkranke am Tag nach dem Tod verscharrt werden, erklärte Exzellenz, alle in der Familie von alter Zeit her üblichen Feierlichkeiten müssten erfüllt werden.

Und so geschah es auch. Die Leiche wurde im Paradesarg in dem mit Blumen reich ausgestatteten Sterbezimmer aufgestellt, die Dienerschaft erhielt gegen das Verbot des Doktor Treu die Erlaubnis, sie zu sehen, aber niemand machte davon Gebrauch. Alle fürchteten sich zu sehr vor der Ansteckung; hatte sich doch keine der Mägde herbeigelassen, bei der Ausschmückung des Sterbezimmers behilflich zu sein, und so war der Herr Baron Johann gezwungen gewesen, der Madame Schulz, die sich gar nicht vor der Ansteckung fürchtete, hilfreiche Hand zu leisten.

Exzellenz, Baron Johann und Madame Schulz hatten allein die Leiche zuerst in den leichten Holzsarg gelegt und sie dann, als der metallene Paradesarg aus D. angekommen war, mit dem Holzsarg in denselben gehoben; keine Menschenseele war ihnen dabei behilflich gewesen. Es hatte sich keiner von der Dienerschaft zur Hilfeleistung angeboten, wir waren froh darüber, dass wir dazu nicht gezwungen wurden. Erst als Exzellenz sich sehr ungnädig darüber äußerte, dass kein Diener so viel Respekt vor der Herrschaft habe, um ihr die letzte Ehre zu erweisen, wurden wir am Mittwochabend gezwungen, zu dem Sterbezimmer zu gehen, um ein Gebet am Sarg zur alten Sitte des Hauses zu sprechen. Der Paradesarg stand in der Mitte des Zimmers, dessen Fenster dicht verhängt waren. Zu Häupten des Sarges standen zwei große Kandelaber, in jedem brannten sechs Wachslichter. Das ganze Zimmer war reich mit Blumengirlanden geschmückt, ein betäubender Geruch entströmte denselben, der Gärtner hatte auf besonderen Befehl von Exzellenz so viel stark riechende Blumen wie möglich zu Kränzen gewunden.

Von der in dem offenen Sarg liegenden Leiche konnten wir wenig sehen, da wir uns so fern wie möglich vom Sarg aufstellten; überdies verhüllte ein dichter weißer Schleier das Gesicht und die starre Gestalt.

Wir sprachen die vorgeschriebenen Gebete und mussten um den Sarg herumgehen, erst dann durften wir das Sterbezimmer verlassen. Keiner von uns warf einen Blick zurück, wir eilten sämtlich so sehr wie möglich, um ins Freie zu kommen. Wir standen auf dem Hof und steckten die Köpfe zusammen, da wurde unsere leise Unterhaltung plötzlich unterbrochen.

Eine Extrapost fuhr in den Schlosshof ein und im Wagen saß der Herr Oberst Baron von Werneburg. Als der Postillon vor der Rampe hielt, sprang der Herr Oberst aus dem Wagen, er winkte mich zu sich heran.

›Hat die Beisetzung schon stattgefunden?‹, fragte er mich. Als ich es verneinte und ihm mitteilte, die Leiche sei im Paradesarg ausgestellt, wir hätten eben den Trauergottesdienst abgehalten, forderte er mich auf, ihn in das Sterbezimmer zu führen.

Ich befand mich in einer recht peinlichen Verlegenheit, denn ich wusste nicht, ob ich den Befehl befolgen dürfe. Ich sagte dem Herrn Oberst daher, ich würde ihn bei Seiner Exzellenz melden, aber er wollte davon nichts wissen, sondern direkt zu dem Sarg geführt werden.

Glücklicherweise trat, ehe ich nötig hatte, mich zu weigern, Exzellenz aus dem Schlossportal.

›Was willst du hier?‘, herrschte er den Obersten an. ›Hast du dein Ehrenwort vergessen?‹

›Es galt nur, solange Sabine bei dir lebte! Du hast selbst allen Verwandten und Bekannten den Tod deiner Tochter angezeigt und sie eingeladen, morgen früh an der feierlichen Beisetzung der Leiche in der Antholdschen Familiengruft teilzunehmen. Mir hast du zwar keine Einladung gesendet; aber ich habe als Sabines nächster Verwandter das Recht, dennoch zu kommen, um meine unglückliche Nichte noch einmal zu sehen, ehe sie in die Gruft versenkt wird.‹

›Dieses Recht bestreite ich dir!‹, erwiderte Exzellenz schroff. ›Ich dulde nicht, dass du je wieder mit einem Fuß den Boden von Schloss Warnitz betrittst!‹

›Ich soll die Leiche nicht sehen?‹

›Nein!‹

›Weshalb?‹

›Ich will es nicht, das muss dir genug sein!‹

›Es ist mir nicht genug!‹, rief nun mit donnernder Stimme der Herr Oberst aus. ›Alle diese deine Diener rufe ich als Zeugen auf, dass du dich weigerst, mich die Leiche meiner Nichte sehen zu lassen! Ich will und muss sie sehen, denn ich bin überzeugt, dass du ein niederträchtiges, betrügerisches Schauspiel vor der Welt aufführst.

Wenn du Sabine nicht etwa gemordet hast, so ist sie in Wirklichkeit nicht tot! Eine Puppe liegt dort oben im Paradesarg! Ich wusste es, als ich die Todesnachricht hörte, deine Weigerung bestätigt meine Ahnung! Ich bin gekommen, um dir die Maske vom Gesicht zu reißen, um dein trügerisches Spiel zu vernichten. Ich klage dich, Baron von Anthold, des frechen niederträchtigen Betruges an und ich werde diese Anklage vor Gericht erheben, werde die Ausgrabung der Leiche veranlassen, wenn du dich weigerst, mich an den Sarg zu führen! Antworte mir!‹

Exzellenz war, als der Herr Oberst die fürchterlichen Worte sprach, geisterbleich geworden, sein Gesicht verzerrte sich in gräulicher Weise, seine schwarzen Augen schienen Flammen zu sprühen; hoch atmend, mit bebender Hand, mit zuckendem Mund stand er da, dann erhob er plötzlich den Spazierstock, auf den er sich gestützt hatte, und dem Herrn Obersten über den Kopf schlagend schrie er mit heiserer Stimme: ›Das ist meine Antwort!‹

Einen Moment stand der Herr Oberst starr vor Entsetzen, dann aber wollte er sich auf Exzellenz stürzen. Wir sprangen hinzu, der Kutscher, der Gärtner und ich, wir hielten ihn zurück. Wir mussten es wohl tun, wir durften doch nicht dulden, dass er unseren Herrn in unserer Gegenwart schlage. Wir hoben ihn in den Wagen und hielten ihn fest.

›Du wirst mir Genugtuung geben!‹, schrie der Oberst, der nun ganz rasend vor Wut war und den wir drei Männer kaum zu halten vermochten.

›Genugtuung bist du mir schuldig und ich werde sie von dir fordern‹, erwiderte plötzlich wieder ganz ruhig Exzellenz. ›Morgen unmittelbar zur Beerdigung werde ich dir nach D. folgen. Dort wird sich das Weitere finden!‹

›Du oder ich! Wir können nicht mehr beide zusammen auf dieser Erde leben!‹, rief der Oberst.

›Das meine ich auch!‹, erwiderte Exzellenz. ›Auf Wiedersehen also zum letzten Kampf.‹

Nach diesen Worten kehrte Exzellenz in das Schloss zurück. Der Herr Oberst war jetzt ruhig geworden; wir konnten ihn loslassen und aus dem Wagen springen.

Er saß ein Weilchen finster sinnend, dann wendete er sich plötzlich zu mir: ›Dubois, hast Du die Leiche meiner Nichte gesehen?‹, fragte er. ›Ja, Herr Oberst‹, erwiderte ich, ›wir alle hier haben sie gesehen. Wir haben soeben am Sarg gebetet.‹ Der Herr Oberst schüttelte bei meiner Antwort zweifelnd den Kopf, dann blickte er mich mit seinen scharfen blauen Augen recht durchdringend an. ›Und das kannst du beschwören, Dubois?‹, fragte er. ›Du kannst beschwören, dass die Leiche, die du im Sarg gesehen hast, die meiner Nichte war? Hast du ihr Gesicht gesehen, ihre Züge erkannt? Besinne dich gut, Dubois, du wirst einen Eid vor Gericht leisten müssen!‹

Ich war niedergedonnert durch diese Fragen, die ich nicht mit Ja beantworten konnte. Bis zu jenem Augenblick war mir kein Zweifel in den Sinn gekommen, aber plötzlich erwachte er. Ich wagte nicht zu antworten, nur den Kopf schüttelte ich.

›Ah, ich wusste es wohl‹, sagte der Herr Oberst, dann wandte er sich an die übrigen Diener, die sich rings um den Wagen gesammelt hatten und fragte auch sie. ›Ist einer unter euch, der die Leiche meiner Nichte so genau gesehen hat, dass er einen Eid leisten könnte?‹

Keiner wagte zu antworten, aber alle schüttelten stumm die Köpfe.

›Ich weiß genug! Fort, Postillon, nach F.!‹, so nun jetzt der Oberst und fast wie ein Frohlocken erklang sein Ruf. Der Postillon peitschte die Pferde und in der nächsten Minute verließ die Extrapost den Schlosshof.

Wir Diener schauten stumm dem fortrollenden Wagen nach. Erst als er in die Buchenallee eingebogen und unseren Blicken entschwunden war, sahen wir uns gegenseitig fragend an. Keiner wollte zuerst reden und so schwiegen wir alle. Wir hatten jedes Wort gehört, welches gesagt worden war, und da die Herren Deutsch gesprochen hatten, war auch die ganze Unterhaltung von allen verstanden worden. Bis zu diesem Augenblick hatte wohl keiner von uns irgendeinen Zweifel darüber gehabt, dass oben im Paradesarg die Leiche des gnädigen Fräuleins ruhe; aber die Worte des Herrn Obersten hatten nicht nur in mir, sondern auch in allen anderen den Zweifel angeregt. Direkt auszusprechen, wagte ihn noch niemand.

Die Krankheit des gnädigen Fräuleins sei am Ende gar nicht so ansteckend gewesen, wie der Doktor Treu gesagt habe, sonst hätten doch Madame Schulz und der Herr Baron Johann angesteckt werden müssen, die hätten ja doch die Leiche in den Sarg gehoben, das Sterbezimmer mit Blumen und Kränzen ausgeschmückt und viele Stunden des Tages in demselben zugebracht. Es sei doch ein Unrecht von uns, dass keiner es gewagt habe, nahe an den Sarg zu treten und dem gnädigen Fräulein zum Abschied die Hand zu drücken. Das gnädige Fräulein sei immer so gut gegen alle gewesen, sie habe es nicht um uns verdient, dass sie jetzt so verlassen dort oben im Sarg liege! So äußerte sich zuerst nach langem Schweigen die Köchin, der Gärtner und der Kutscher stimmten ihr bei. Der Gärtner fügte ohne alle Veranlassung hinzu: Es sei doch merkwürdig, dass die Kammerfrau, als sie vom Doktor im Wagen fortgeführt worden sei, gar nicht gehustet habe, während sie doch sonst kaum ein paar Minuten verbracht habe, ohne husten zu müssen.

Wir schauten uns wieder gegenseitig schweigend an, dann sagte die Köchin entschlossen, sie werde nicht ruhig werden, wenn sie nicht das Versäumte nachhole! Sie wolle zurückkehren ins Sterbezimmer, um das gnädige Fräulein noch einmal zu sehen, ehe der Sarg zugemacht werde. Sie wolle der lieben Toten die kalte Hand drücken, und zwar die linke Hand, die sei dem Herzen am nächsten.

Wir wussten alle, was die Köchin wollte, obwohl sie es nicht auszusprechen wagte. Jeder von uns erinnerte sich ja, dass die Kammerfrau eine ganz verkrüppelte linke Hand gehabt habe. Der Gärtner hatte mit seiner Bemerkung unsere Gedanken auf einen bestimmten Punkt hingelenkt, schon hatten wir nicht mehr einen leisen Zweifel, sondern einen bestimmten Verdacht.

Die Köchin zögerte nicht, ihre Absicht zur Ausführung zu bringen. Noch fühlte sie wohl, wie sie später oft erzählt hat, eine bange Furcht, aber die Begierde, sich zu überzeugen, ob ihr Verdacht begründet sei, war doch noch größer als die Furcht. Zuerst mit langsamen Schritten, dann schneller ging sie dem Schloss zu, ich folgte ihr, ein Hausmädchen, der Gärtner und der Kutscher schlossen sich ebenfalls an.

Wir stiegen leise und vorsichtig auf den Zehen die Treppe in die Höhe. Keiner wagte auch nur hörbar zu atmen. Als wir den Vorsaal erreicht hatten, blickten wir uns scheu, furchtsam um, ob nicht etwa Exzellenz uns sehen könne, dann schlichen wir weiter, aber wir mussten bald halt machen, denn die Tür im Korridor war fest verschlossen! Wir blieben stehen. Ein eigentümlicher Ton ließ sich im Inneren des Korridors hören. Wir lauschten. Das waren Hammerschläge und sie ertönten dumpf gedämpft durch die Entfernung.

›Der innere Sarg wird soeben vernagelt‹, flüsterte die Köchin.

›Wenn Exzellenz selbst oder der Herr Baron Johann sich solcher Arbeit unterziehen, so müssen sie wohl ihre Gründe dafür haben‹, bemerkte der Gärtner; aber er blickte sich über sein eigenes Wort erschreckt um, als er es gesprochen hatte.

Keiner von uns wagte noch ein Wort. Wir schlichen zurück, in der Küche versammelten wir uns; aber die Furcht, welche wir alle vor Exzellenz hatten, war so groß, dass noch immer niemand es wagte, offen auszusprechen, was alle dachten. Es wurden wohl kaum misszuverstehende Andeutungen gemacht, aber niemand wagte offen mit der Sprache herauszugehen, selbst nicht der Gärtner, der doch mit dem Mund sonst immer vornweg war. Am folgenden Morgen kamen von weiter, von den entfernteren Gütern die Herrschaften ins Schloss Warnitz, um der Verstorbenen die letzte Ehre zu erweisen und dem Leichenbegängnis beizuwohnen. Exzellenz, Baron Johann und Baron Robert, Ihr Herr Vater, der spät am Abend von Schloss Lösen angekommen war, empfingen im großen Saal die Gäste.

Zwölf Männer aus dem Dorf trugen dann den Sarg vom Schloss zum Dorf hinunter zur Pfarrkirche. Hinter dem Sarg gingen Exzellenz, zu seiner Rechten Baron Robert, zu seiner Linken Baron Johann, dann kamen all die vornehmen Herrschaften, der ganze Adel aus der weitesten Umgegend, den Schluss des langen Zuges machte die Schlossdienerschaft. Der Gärtner ging neben mir. Als wir aus dem Hoftor traten und in der breiten Buchenallee den langen, glänzenden Zug überschauen konnten, wandte sich der Gärtner zu mir und flüsterte mir zu: ›Ob wohl die hässliche, schwindsüchtige Kammerfrau je im Leben gedacht hat, dass ihrem armen Leichnam solche Ehre widerfahren wird?‹

Nach der Beisetzung der Leiche in der Familiengruft und dem Gottesdienst, mit dem die Feierlichkeit geschlossen wurde, nahmen die Herrschaften ein Frühstück im Schloss ein, dann fuhren sie nach allen Himmelsrichtungen hin wieder fort. Eine Stunde später verließ auch Exzellenz das Schloss. Ich hatte zuerst den Befehl erhalten, Exzellenz auf der Reise zu begleiten; aber noch im letzten Augenblick wurde es anders bestimmt. Ich musste im Schloss bleiben, Exzellenz reiste allein. Nach ein paar Tagen verbreitete sich plötzlich im Schloss das Gerücht, zwischen Exzellenz und dem Herrn Obersten von Werneburg habe in D. ein Duell stattgefunden, in welchem der Herr Oberst erschossen worden sei; der Gärtner brachte die Nachricht mit aus F., er hatte sie vom Herrn Doktor Treu selbst gehört.

Wir Diener waren alle tief entsetzt; wir hatten sämtlich den Herrn Oberst sehr gern gehabt, er war freundlich mit uns gewesen und hatte immer gute Trinkgelder gegeben. Dass er nun von unserem Herrn erschossen worden war, flößte uns vor diesem eine noch viel größere Furcht ein, als wir bisher vor ihm gehabt hatten. Wir hatten in den letzten Tagen manch freies Wort über das Leichenbegängnis und den Tod des gnädigen Fräulein Sabine gesprochen, nun aber verstummten wir plötzlich wieder. Wir erinnerten uns alle, dass der Herr Oberst seinen Tod gefunden habe, weil er seine Überzeugung ausgesprochen hatte, Fräulein Sabine sei gar nicht tot. Der Gärtner, der mutigste von uns, erklärte, er werde sich hüten, noch ein Wort über die ganze dumme Geschichte zu verlieren, denn er traue es unserem Herrn zu, dass dieser jeden, der es wage, über Fräulein Sabines Tod zu sprechen, wie einen tollwütigen Hund niederschießen werde. Ein so vornehmer Herr dürfe sich so etwas schon erlauben, dem gehe deshalb kein Gericht an den Kragen.

Wir wussten alle, dass der Gärtner recht habe, kam doch Exzellenz ganz ruhig nach Schloss Warnitz zurück; allerdings erhielt später Exzellenz eine Strafe, aber nachdem er drei Monate auf der Festung als großer Herr gelebt hatte, wurde er begnadigt, obwohl er doch seinen eigenen Schwager, einen vornehmen Herrn, erschossen hatte.

Das hieß eine Strafe, es war aber keine, das weiß ich am besten, denn ich habe Exzellenz als sein Kammerdiener zur Festung begleitet und ihn dort bedient. Es war nur eine Scheingefangenschaft, Exzellenz konnte frei in der Festung umherspazieren, Besuche machen und Gesellschaft empfangen, ganz wie er wollte.

Des Gärtners Warnung hatte uns eingeschüchtert. Nur im Geheimen, wenn zwei zusammentrafen, die recht vertraut miteinander waren, wurde noch über die traurige Geschichte des Fräulein Sabine geflüstert. Da erzählten wir uns dann auch, dass der Herr Oberst ein ganz sonderbares Testament hinterlassen habe. Genaueres über dasselbe habe ich nie erfahren, aber so viel weiß ich, dass der Herr Oberst dies Testament am Tag vor dem Duell gemacht und darin ausgesprochen haben soll, dass seiner Überzeugung nach Fräulein Sabine noch lebe. Er soll ihr und nach ihrem Tod ihren etwa existierenden Kindern sein ganzes über hunderttausend Taler betragendes Vermögen vermacht haben. Einen berühmten Advokaten in D. soll er zum Testamentsvollstrecker ernannt und beauftragt haben, jedes Mittel aufzubieten, um Fräulein Sabines Aufenthaltsort aufzufinden und dafür zu sorgen, dass sie ihr Erbteil bekomme. Vierzig Jahre, vom Todestag des Herrn Obersten an, solle, wenn Fräulein Sabine nicht aufgefunden werde, das ganze Vermögen für sie durch den Testamentsvollstrecker verwaltet und Zins und Zinseszins dem Kapital zugeschlagen werden. Wenn aber nach vierzig Jahren weder Fräulein Sabine noch ihre etwaigen Kinder gefunden seien, dann solle Ihr Herr Vater, Baron Robert, der Erbe werden. Den Herrn Baron Johann soll der Herr Oberst ganz von der Erbschaft ausgeschlossen haben, weil er ihn in Verdacht gehabt hat, der Mitschuldige von Exzellenz gewesen zu sein.

Ob das Testament genauso, wie ich erzählt habe, gelautet haben mag, will ich nicht mit Bestimmtheit behaupten, aber sicher ist, dass der jetzige Herr Justizrat Meuding in D. noch bis auf den heutigen Tag das Vermögen des Herrn Obersten verwaltet, und erst vor einigen Tagen hat der gnädige Herr, Ihr Herr Vater, ganz offen mit der gnädigen Frau Mutter darüber gesprochen, dass alle Not und Sorgen für ihn vorüber sein werden, wenn es ihm nur gelinge, die nächsten drei Monate sich aufrecht zu erhalten. In drei Monaten seien die vierzig Jahre verflossen, dann werde er das ungeheure Werneburgische Erbe antreten.

Das war es, Herr Baron, was ich Ihnen zu erzählen hatte«, so schloss der alte Kammerdiener seinen langen Bericht. »Es hat mir schon seit langer Zeit auf dem Herzen gelegen, dass ich wohl die Pflicht hätte, Ihnen oder dem Herrn Leutnant die Geschichte zu erzählen; aber Sie waren fern und der Herr Leutnant, nun, der Herr Leutnant schauen so heiter und glücklich in die Welt hinein, dass ich meinte, für ihn passe wohl solche traurige Geschichte nicht, die selbst einem ernsten Mann das Herz schwer macht. Deshalb habe ich gewartet, bis Sie zurückkommen würden von Ihrer Reise, Herr Baron! Ich habe auch wohl manchmal gebangt, dass ich sterben könnte, ehe ich Ihnen alles erzählt habe, denn das Alter macht sich mir doch recht fühlbar, nun aber habe ich mir, Gott sei Dank, mein Herz erleichtern können und Sie wissen alles.«

Mit gespannter Aufmerksamkeit hatte Hermann der langen Erzählung des alten Dubois gelauscht. Sie beleuchtete manche ihm bisher rätselhafte Andeutung auf die dunkle Familiengeschichte derer von Anthold, und doch war ihm noch vieles nicht ganz klar. Ging nicht aus Dubois’ Worten hervor, dass dieser nicht an den Tod der unglücklichen Sabine glaubte? Ruhte in der Antholdschen Erbgruft die Leiche der verstorbenen Kammerfrau? Hatten der wirkliche Geheimrat Baron von Anthold und sein ältester Sohn gemeinsam einen schmachvollen Betrug begangen, um eine Verletzung der Familienehre zu bestrafen und Sabine aus der Welt verschwinden zu lassen? Ein solches Verbrechen des Vaters gegen die Tochter, des Bruders gegen die Schwester war zu widernatürlich, zu schmachvoll, als dass Hermann es hätte glauben können! Aber ergaben sich nicht dennoch viele gewichtige Verdachtsgründe aus der einfachen Erzählung des alten Kammerdieners?

War es denkbar, dass der Oberst von Werneburg so fest vom Leben seiner Nichte überzeugt war, dass er ihr sein ganzes Vermögen hinterließ, wenn er nicht guten Grund für seinen Glauben hatte? Und das Testament existierte wirklich, daran zweifelte Hermann nicht; erklärte sich ihm jetzt doch leicht, weshalb sein Vater so dringend eine kurze Frist von nur drei Monaten ersehnte.

»Sie wissen alles!«, so hatte Dubois seine Erzählung geschlossen; aber Hermann wusste noch nicht alles, er bedurfte noch weiterer Aufklärungen.

»Du hast mir eine seltsame, abenteuerliche Geschichte erzählt, Alter«, sagte er, nachdem er längere Zeit schweigend, tief sinnend in dem großen Zimmer auf und nieder gegangen war. »Sie klingt wie ein Märchen, wie eine müßige Erfindung, deren Zweck es ist, einen Schmutzflecken auf das Andenken des strengen, stolzen Geheimrats von Anthold, meines Großvaters zu werfen!«

Dubois fuhr bei diesen Worten erschreckt vom Sessel auf. Er rief mit ängstlich erhobener Stimme: »Bei Gott, ich schwöre Ihnen, Herr Baron.«

Aber Hermann unterbrach ihn. »Beunruhige dich nicht, alter Dubois«, sagte er freundlich. »Dich klage ich nicht an. Ich kenne dich seit meiner frühesten Kindheit und weiß, dass du mich sicherlich nicht belügen willst. Du glaubst, was du sagst, dir liegt es fern, deinen alten Herrn verlästern zu wollen. Du hast mir nur erzählt, was du erlebt hast oder erlebt zu haben glaubst, davon bin ich überzeugt; aber nicht davon, dass alles sich richtig so gefügt habe, wie es dir Deine Fantasie vorgespiegelt hat. Wenn der Doktor Treu wirklich, wie du andeutest, nicht die Kammerfrau, sondern meine unglückliche Tante Sabine damals aus Schloss Warnitz fortgeführt hätte, dann würde diese doch sicherlich später noch irgendein Lebenszeichen gegeben haben. Hast du je von einem solchen gehört?«

»Niemals, Herr Baron; aber auch die Kammerfrau des gnädigen Fräuleins ist seit jener Nacht spurlos verschwunden. Der Herr Doktor Meuding, der jetzige Herr Justizrat, der Testamentsvollstrecker, hat sich damals große Mühe gegeben, ihren Aufenthalt zu erforschen. Er hat selbst in den Zeitungen eine hohe Belohnung ausgeboten, aber es ist alles vergeblich gewesen.«

»Hat er sich nicht an die Gerichte gewandt und eine Untersuchung gefordert?«

»Freilich hat er dies getan, aber er ist zurückgewiesen worden, da er nicht einen einzigen Beweis für seine Behauptung, Fräulein Sabine sei noch am Leben, beibringen konnte. Exzellenz war so einflussreich, dass kein Gericht es gewagt haben würde, gegen einen so vornehmen Herrn ohne die gewichtigsten Beweismittel einzuschreiten.

Auch nach dem Tod der Exzellenz machte Doktor Meuding noch einen Versuch, eine Untersuchung zu erzwingen. Er legte Protest gegen die Erbteilung zwischen den beiden Herren Söhnen des Verstorbenen ein, indem er wieder behauptete, Fräulein Sabine lebe noch, er brachte es auch wirklich dahin, dass die Erbregulierung verzögert wurde.

Als aber der Herr Baron Johann den regelrechten Totenschein vorlegte und an Eidesstatt versicherte, er selbst habe mithilfe der Madame Schulz die Tote in den Sarg gebettet, als auch Doktor Treu aussagte, er habe die Kranke bis zu ihrem Tod behandelt und sich bereit erklärte, dies zu beschwören, wurde der Herr Doktor Meuding mit seinem Anspruch abgewiesen. Er forderte die Vernehmung der Madame Schulz, aber diese war ebenso wenig aufzufinden wie die Kammerfrau. Wegen der Letzteren gab es noch Schwierigkeiten, Doktor Treu musste Auskunft geben, wo sie geblieben sei, nachdem er mit ihr das Schloss verlassen habe. Er erklärte, ein Fuhrmann, der noch in derselben Nacht von F. nach D. gefahren sei, habe die Kranke mit sich genommen mit dem Versprechen, sie im Krankenhaus abzuliefern. Seitdem habe er nichts mehr von ihr gehört, sie werde jedenfalls im Krankenhaus gestorben sein. Er gab auch den Namen des Fuhrmannes an, aber dieser konnte nicht zum Zeugnis aufgefordert werden, er war inzwischen verstorben. Alle Versuche des Herrn Doktor Meuding, eine Fortführung der Untersuchung zu veranlassen, waren vergeblich. Vom Gericht wurde der Beweis, dass das gnädige Fräulein Sabine gestorben sei, als geführt anerkannt, die Erbteilung erfolgte ganz so, wie das von Exzellenz hinterlassene Testament es anordnete. Baron Johann, als der ältere Bruder, erhielt die beiden großen Herrschaften in Polen, die viel wertvoller waren als Warnitz, Ober- und Niederlösen, welche der gnädige Herr, Ihr Herr Vater, erbte. Aber es ruhte kein Segen auf der Erbschaft. Nicht viele Jahre hat es gedauert, da hatte der Herr Baron Johann die polnischen Herrschaften so mit Schulden überlastet, dass er sie nicht mehr halten konnte. Er hatte sich nicht um seine Güter gekümmert, diese den Verwaltern überlassen, während er selbst mit seiner jungen Frau, einer polnischen Gräfin, von einem Bad zum anderen, von einer Spielbank zur anderen reiste. Da flog das Geld zum Fenster hinaus, und als es zu Ende war, da, aber man spricht nicht gern davon; ich will lieber schweigen, der gnädige Herr würde es mir nie vergeben, wenn er erführe, dass ich von seinem Herrn Bruder erzählt habe.«

»Du hast zu viel gesagt, um nicht noch mehr sagen zu müssen!«, erwiderte Hermann finster. »Ich will endlich klar sehen in dieser traurigen Familiengeschichte. Auf dem Stammbaum steht unter dem Namen des Onkels Johann ein Kreuz mit der Jahreszahl, nichts davon, dass er verheiratet gewesen ist. Weshalb ist seine Vermählung nicht erwähnt? Ich habe nie erfahren können, wo und wie er gestorben ist, der Vater hat mir darüber jede Auskunft verweigert, jetzt sollst du sie mir geben!«

Dubois schüttelte bedenklich den Kopf. »Ich tue es nicht gern«, sagte er zögernd, »aber wenn Sie es fordern, Herr Baron, darf ich es nicht verweigern. Der Stammhalter des Geschlechts, der älteste Sohn, hat doch gewiss ein Recht darauf, die Geschichte seiner Familie genau zu kennen. Es ist wieder eine traurige Geschichte; sie lässt sich in wenigen Worten erzählen. Als der Herr Baron Johann die schönen polnischen Herrschaften verspielt hatte und keinen roten Pfennig mehr besaß, machte er Wechselschulden. Er wollte an der Spielbank wieder gewinnen, was er verloren hatte, und die schöne polnische Gräfin, seine Gemahlin, saß auch mit an der Spielbank; aber es half nichts, das Glück war ihm nicht hold. Er wollte es zwingen, und da er kein anderes Mittel mehr hatte, Geld zu bekommen, machte er falsche Wechsel. Es wurde entdeckt, er kam in Untersuchung und wurde verurteilt. Der Adel wurde ihm aberkannt und er musste ins Gefängnis wandern. Während er saß, wurde ihm ein Sohn geboren. Als er die Freiheit wieder erhalten hatte, suchte er hier in Schloss Warnitz eine Zuflucht. Er kam in einem schlechten Bauernwagen mit seiner Frau, die gar nicht mehr schön, sondern recht vergrämt und jammervoll aussah, und mit seinem kleinen Sohn eines Abends spät an und forderte, der gnädige Herr solle ihn aufnehmen. Es sind nun fast dreißig Jahre her, aber ich habe es nicht vergessen, wie traurig der Einzug der Familie ins Schloss war; solche Erinnerung bleibt für das Leben! Der gnädige Herr wollte nichts von seinem Bruder wissen, der die Familie entehrt, den Namen Anthold mit Schande bedeckt habe, und die gnädige Frau Baronin weigerte sich, den Schwager und die Schwägerin nur zu sehen. Unten vor dem Portal stand der Leiterwagen, auf einem Strohbund saß die arme Frau mit ihrem kleinen Knaben und wartete, während der Herr Baron Johann hier im Schloss bei dem gnädigen Herrn war. Sie musste zitternd vor Frost, denn es war ein hässlicher, kalter Abend, lange Zeit warten, endlich aber erhielt ich vom gnädigen Herrn den Befehl, die Frau und das Kind in den Seitenflügel zu führen, in dasselbe Zimmer, welches das gnädige Fräulein Sabine zuletzt bewohnt hatte.

»Der gnädige Herr«, so berichtete der alte Kammerdiener dem Baron Hermann weiter, »hatte eine lange Unterredung mit dem Herrn Bruder gehabt, es war zu heftigen, harten Worten gekommen, drang doch der laute Ton der Stimmen bis zu mir ins Vorzimmer hinaus; das Resultat der Unterredung war die Aufnahme der Familie in Schloss Warnitz. Das hatte der Herr Baron Johann durchgesetzt, aber dass die gnädige Frau Baronin ihn oder seine Frau empfange, konnte er nicht durchsetzen. Einige Tage blieb der Herr Baron Johann im Schloss; ich nenne ihn noch immer nach alter Gewohnheit so, obwohl er eigentlich nur noch Herr Johann Anthold genannt werden durfte. Er hatte oft lange Unterredungen mit dem gnädigen Herrn, es ging dabei immer laut und stürmisch zu, fast jedes Mal, wenn die beiden Herren auseinandergingen, waren sie beide im heftigsten Zorn.

Erst als der Herr Baron Johann vom gnädigen Herrn eine bedeutende Geldsumme erhalten hatte, reiste er mit seiner Frau wieder ab. Der Wirtschaftsdirektor hat es mir im Vertrauen gesagt, dass er fast den ganzen Kassenbestand, gegen viertausend Taler, aus der Kasse habe hergeben müssen, und später hat er noch oft ebenso große Summen nach diesem oder jenem Badeort an Herrn Johann Anthold senden müssen. Nach Schloss Warnitz ist der Herr Baron Johann nicht wieder gekommen, aber er hat so manches Mal geschrieben; ich habe die Handschrift erkannt, wenn ich dem Briefträger die Briefe abnahm, um sie dem gnädigen Herrn zu überbringen, und jedes Mal, wenn solch ein Brief ankam, wusste ich, dass schon in den nächsten Tagen eine Geldsendung abgehen werde, wenn auch das Geld in der Gutskasse noch so knapp sein mochte. Der gnädige Herr hat den Herrn Bruder nicht in Not und Elend verkommen lassen wollen. Es ziemt sich wohl für einen Diener nicht, es zu sagen, aber Ihnen, Herrn Baron, muss ich es doch gestehen, der gnädige Herr hat solche Summen an den Herrn Bruder geschickt, dass nun, es hilft nichts, es muss heraus, dass oft der Wirtschaftsdirektor gar nicht wusste, woher er das Geld nehmen sollte; da sind dann Wechsel ausgeschrieben worden und um sie zu decken, hat der gnädige Herr versucht, durch Spekulationen Geld zu verdienen, aber es ist alles missglückt und so, aber nein, weiter sage ich nichts, ich habe schon viel zu viel gesagt! Ein Glück ist es nur, dass vor etwa drei Jahren der Herr Baron Johann gestorben ist, sonst sähe es wohl noch schlimmer auf Schloss Warnitz aus, als es leider Gottes der Fall ist!«

Der alte Kammerdiener schwieg, er blickte furchtsam zu Hermann auf; er war doch zweifelhaft, wie sein junger Herr die ihm gemachten Mitteilungen aufnehmen werde. Er konnte zufrieden sein. Hermann nickte ihm freundlich ernst zu, dann sagte er: »Ich danke dir, Dubois. Es waren keine erfreulichen Mitteilungen, welche du mir gemacht hast. Aber ich bin dir dennoch dankbar für dieselben. Geh jetzt zur Ruhe, Alter, es ist spät. Gute Nacht!«

Noch lange Zeit, nachdem Dubois ihn verlassen hatte, ging Hermann mit langsamen, gleichmäßigen Schritten sinnend im Zimmer auf und nieder. Erst als die körperliche Ermüdung ihn zwang, den Zimmerspaziergang zu beenden, begab er sich mit schwerem Kopf und schwerem Herzen zur Ruhe. Aber Schlaf vermochte er in dieser Nacht nicht zu finden.