Heftroman der Woche

Archive
Folgt uns auch auf

Deutsche Märchen und Sagen 159

Johannes Wilhelm Wolf
Deutsche Märchen und Sagen
Leipzig, F. A. Brockhaus, 1845

206. Der Mann ohne Kopf in den Begynensleiden

Vier Meilen von Maastricht am linken Maasufer erhob sich ehedem das Städtchen Stockhem und das Schloss, an dem sieben Fürstbischöfe von Lüttich sich tot bauten. Am Fuße der Wälle von Stockhem lag stets ein Boot bereit zur Überfahrt, und der Schiffer hatte auch bei Tage die Hände wohl voll, bei Nacht aber wagte es selten jemand aus der Gegend, sich auf das rechte Maasufer zu begeben; denn jeder fürchtete den Mann ohne Kopf, der da umwandelte. In meinen Kinderjahren wurde mir unter anderem Folgendes über denselben erzählt:

Ein Mann aus einem Dorf vom rechten Ufer war geschäftehalber noch spät in Stockhem geblieben. Als er nun bei Nacht und Unzeit noch überfahren und nach Hause zurückkehren wollte, riet man ihm allgemein, das nicht zu tun, da er leicht dem Mann ohne Kopf begegnen könnte.

Er spottete aber damit und sprach: »Ohne Zähne wird mich keiner beißen«, und machte sich auf den Weg.

Als er zu dem Fährmann kam, wollte der anfangs das Boot nicht losmachen, ließ sich aber doch endlich bewegen und sprach: »Ich will es tun, aber ich wasche meine Hände, ich bin an nichts schuld, was euch begegnen wird«, und setzte den Mann über.

Da ging der erst seinem Weg ruhig nach; plötzlich aber sah er eine ungeheure Gestalt neben sich. Er blieb stehen, die Gestalt auch; er wollte den Bootsmann rufen, aber sein Mund war wie von einer kalten Hand geschlossen. Da schaute er einmal neben sich auf und sah, dass die Gestalt bei fünfzehn Fuß hoch war und in breite Schultern auslief. Erschrocken schlug er die Augen nieder und sie fielen auf zwei große Pferdefüße. Da wurde es ihm doch ein wenig anders, doch sammelte er bald seine Kräfte und schritt tüchtig zu, aber immer blieb die Gestalt ihm zur Seite. Er betete alle Gebete, die er konnte – nichts half.

Da begann er endlich Sankt Jans Evangelium zu beten und kaum hatte er Und das Wort ist Fleisch geworden aus dem Mund, als die Gestalt unter schrecklichem Geheul und mit Hinterlassung eines furchtbaren Schwefelgeruches verschwand.