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Kriminalakte 16 – Das Monster von Meran

Das Monster von Meran

Meran liegt in Südtirol im Etschtal, am Ufer der Passer. Die Stadt gilt seit Mitte des 19. Jahrhunderts als Kurort und ist bekannt als Touristenhochburg. Anfang des Jahres 1996 jedoch erlangte sie durch einen Serienkiller, dessen Leben und Wirken sich bis heute in die Köpfe der Einwohnerschaft und in die Annalen der Südtiroler Kriminalgeschichte eingebrannt hat, eine zusätzliche, wenn auch traurige Berühmtheit.

In den nachfolgenden Zeilen wird das Protokoll über das Monster von Meran wiedergegeben.

Ferdinand Gamper wurde am 12. September 1957 geboren. Er wuchs in Kuens, am Eingang ins Passeiertal in unmittelbarer Nähe der Kurstadt, auf. Er arbeitete als Hirte in der Schweiz und als Vertreter für Bettwäsche. Bevor Gamper zum ersten Mal mordete, lebte er beinahe fünf Jahre lang in einer hergerichteten Scheune am Rande von Meran und verdingte sich seinen Lebensunterhalt als Schäfer. Er galt als scheuer und wortkarger Einzelgänger, der von den Nachbarn nur der ›einsame Wolf‹ genannt wurde.

Karl Daprà, der Besitzer eines Friseursalons am Meraner Brunnenplatz, war nicht nur ein ehemaliger Schulkamerad Gampers, sondern auch so etwas wie seine Vertrauensperson. Daprà schilderte ihn als psychisch labil und er war es auch, der schließlich den entscheidenden Hinweis zur Identifizierung des Serienkillers gab.

 

*

 

Das mediterrane Klima mit Temperaturen zwischen 6 Grad plus und maximal 5 Grad minus im Winter lädt auch von Dezember bis Februar zum Spaziergang entlang des Ufers der Passer ein. Ein Umstand, den auch der 61jährige deutsche Bundesbankdirektor Hans Otto Detmering zusammen mit seiner elf Jahre jüngeren italienischen Geliebten Clorinda Ceccetti ausnutzte, um am Abend des 8. Februar 1996 über die winterliche Kurpromenade zu flanieren.

Doch die beiden kamen nicht weit.

Kurz nach 19 Uhr krachten plötzlich Schüsse und das Leben des Paares wurde jäh durch mehrere Kugeln beendet. Wie die Polizei im Nachhinein feststellen konnte, stammten die Projektile aus einem Jagdgewehr Kaliber.22.

Der Doppelmord auf der Kurpromenade riss die vom Tourismus abhängige Stadt jäh aus ihrer winterlichen Lethargie. Es wurde in alle Richtungen ermittelt und unter den Bürgern grassierten die wildesten Spekulationen. Doch die Behörden tappten vorerst im Dunkeln, der oder die Täter konnten nicht gefunden werden und auch ein Motiv konnte nicht ausfindig gemacht werden.

Die Polizei hatte zwar zunächst den 24jährigen Anstreicher Luca Nobile unter dringendem Tatverdacht festgenommen, doch sein Alibi erwies sich als wasserfest.

Nach fünf Tagen beruhigten sich die Schlagzeilen der Presse wieder, es gab andere, wichtigere Dinge, über die berichtet werden musste. Unter anderem wurde spekuliert, dass Russland Ende des Monats dem Europarat beitreten und die Duma danach die Auflösung der Sowjetunion erklären wollte. Als weitere Topthemen der Nachrichtenberichterstattung galt ein türkischer Urlaubsflieger, der am 6. Februar kurz nach dem Abflug von der Dominikanischen Republik in den Atlantik stürzte, ein Unglück, bei dem 189 Menschen starben, und der 8. Februar, an dem mit der 24 Hours in Cyberspace die erste weltweite Online-Veranstaltung stattfand.

Aber dann kam der 14. Februar, an dem alle weltpolitischen und kulturellen Ereignisse außerhalb Merans wieder zur Makulatur wurden. Es war der Tag, an dem im Meraner Vorort Sinich der 57jährige Landarbeiter Umberto Marchioro tot aufgefunden wurde. Auch er wurde erschossen und auch hier stellten die Ballistiker fest, dass die Tatwaffe ein Jagdgewehr Kaliber.22 war, das gleiche Gewehr, mit dem auch schon der Bankier und seine Freundin erschossen wurden.

Damit war auch der inhaftierte Anstreicher Nobile endgültig entlastet und kam frei.

Die Unruhe unter den Menschen nahm schlagartig wieder zu und auch die Berichterstattungen der Presse wurden um einige Nuancen schärfer.

Je länger die Suche nach dem Monster von Meran, wie ihn die Zeitungen nun titelten, andauerte, umso mehr breitete sich Panik in der Stadt aus. Franz Albert, der damalige Bürgermeister von Meran, empfahl den Bürgern der Stadt, die Häuser nicht mehr zu verlassen, während die ersten Touristen abreisten.

Knapp zwei Wochen später eskalierte die Situation schließlich vollends.

 

*

 

Es war der 27. Februar 1996, ein milder Spätwinterabend.

Der 36jährige Paolo Vecchiolini nutzte den lauen Abend, um mit seiner Verlobten Yvonne Sanzio durch die engen Gassen von Meran zu spazieren. Als sie in der Innenstadt den Pfarrplatz überqueren wollten, sprang ihnen eine dunkle Gestalt in den Weg, hob ein Gewehr und erschoss Paolo.

Yvonne, seine Verlobte, überlebte nur, weil sie gellend um Hilfe schrie und damit den Mörder verscheuchte. Der damals 26jährige Klaus Innerhofer, ein Journalist, war einer der Ersten am Tatort.

»Ich kam gerade aus der Redaktion und habe das Blaulicht wahrgenommen«, sagte er später bei der Vernehmung. »Ich bin den Carabinieri gefolgt und kam zum Pfarrplatz, welcher gerade abgesperrt wurde. Dort lag der Tote, überall war Blut und die Frau hat nur geschrien.«

Yvonne Sanzio stand völlig unter Schock, dennoch hatte sie die Kraft, den Beamten eine genaue Täterbeschreibung zu geben, die schließlich zu einem Phantombild führte.

Mit diesem Bild gingen die Polizisten von Haus zu Haus, bis sie schließlich den Friseurladen von Karl Daprà betraten, der die auf dem Foto abgebildete Person sofort identifizieren konnte.

»Natürlich kenne ich diesen Mann«, sagte er zur Überraschung der Beamten. »Das ist Ferdinand Gamper. Mit ihm war ich am Tag zuvor noch Ski fahren.«

Auf der Suche nach Gamper entdeckte die Polizei am 1. März im Meraner Vorort Riffian noch einen weiteren Toten, ebenfalls erschossen mit einem Gewehr Kaliber.22.

Der Name des Mannes war Tullio Melchiori, ein Nachbar Gampers.

Die Carabinieri fuhren sofort zu seinem Wohnhaus, um die Familie zu vernehmen, wo sie dann auch auf den nebenan stehenden Heuschober stießen. Während sich seine Kollegen im Haus der Melchiori umsahen, ging der 54jährige Carabiniere Guerrino Botte zu der Scheune hinüber und öffnete die Tür. Im gleichen Moment wurde der Polizist von Gamper, der sich dort verschanzt hatte, kaltblütig erschossen. Das Tragische daran war, dass Botte in drei Monaten in Pension gehen wollte.

Gamper nahm anschließend sofort auch die anderen Polizisten unter Feuer. Es waren dann schließlich beinahe einhundert Polizisten, mit denen sich Gamper ein dreistündiges Feuergefecht lieferte. Schließlich wurde Tränengas und Brandmunition eingesetzt und die Scheune ging in Flammen auf.

Als die Polizei die Scheune nach dem Feuer betrat, hatte sich Gamper bereits mit einem Schuss in die Stirn selbst gerichtet. Neben ihm lag sein Jagdgewehr Kaliber.22 mit abgesägtem Schaft. Der Wahnsinn, der in der Kurstadt in den zurückliegenden drei Wochen insgesamt sieben Menschenleben gefordert hatte, war zu Ende.

 

*

 

Nach dem Tod von Gamper begann die Aufarbeitung des Falles. Wie konnte es dazu kommen, war die Frage, die nicht nur Kriminologen, sondern auch Psychologen beschäftigte. Auch wenn der sechsfache Mörder nicht mehr am Leben war, gelang es ihnen nach und nach, die Fragen nach dem Warum aufzuklären.

Gampers Behausung war verziert mit Zeichnungen von Flaggen von Deutschland und Südtirol, mit rechtsextremistischen Parolen und Aufklebern der nationalsozialistisch geprägten Schützenbewegung Ein Tirol. Er hasste alles Italienische und suchte sich deshalb gezielt italienisch sprechende Opfer. Er war geprägt von deutschnationalem Gedankengut und er war, wie sich herausstellte, nicht nur psychisch labil, wie sein einziger Freund Karl Daprà behauptete, sondern er war geistesgestört.

Ferdinand Gamper war im Nachhinein betrachtet der wohl gefährlichste Mann der Südtiroler Kriminalgeschichte. Ein wahnsinniger Neonazi, bewaffnet mit einem Jagdgewehr und Unmengen an Munition, der sein rassistisches Gedankengut ohne Rücksicht auf jedwedes Leben in ganz Tirol durchsetzen wollte.

Nicht auszudenken, was hätte geschehen können, wenn ein solcher Mann womöglich noch in den Besitz von Polizeiwaffen und Ausrüstungsgegenständen gekommen wäre. Gedanken, die gar nicht so abwegig waren, denn was wäre wohl geschehen, wenn es Gamper gelungen wäre, Guerrino Botte und seine Kollegen zu töten, bevor diese Verstärkung angefordert hatten?

Quellenhinweis:

tirol.orf.at

www.focus.de

(gsch)