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Der Detektiv – Band 24 – Der Einsiedler von Tristan de Cunha – Teil 3

Walter Kabel
Der Detektiv
Band 24
Kriminalerzählungen, Verlag moderner Lektüre GmbH, Berlin, 1920
Der Einsiedler von Tristan de Cunha

Teil 3

Es war das erste und das letzte Mal in meinem Leben, dass ich alle Stadien des allmählichen Erwachens durch Wiederbelebungsversuche durchmachte.

Als ich endlich so weit war, mit klarem Verstand die Vorgänge um mich her unterscheiden zu können, als ich die Augen auftat, gewahrte ich dicht über mir das Gesicht Allan Molbotts.

»Ah, er kommt zu sich!«, rief Molbott freudig. »Master Schratt, Master Schratt, Sie haben uns verdammt mehr Mühe gemacht als Master Hirt. Na, nun haben wir Sie ja auch so weit! Da, ein Schluck Brandy! Trinken Sie nur!«

Er richtete mich auf. Ich sah nun, dass Harst vor mir auf dem kahlen Fels saß, mit dem Rücken an den ungeheuren Steinblock gelehnt; sah weiter den jungen Austin Malbott, dann noch einen der Kolonisten namens Reperton; sah auch, dass das Abendrot den Kratergipfel in wundervolle Röte tauchte und aus Harsts Gesicht ein zufriedenes Lächeln.

Ich trank. Der Brandy war scharf. Aber es war wirklich die beste Kur. Ich wurde schnell wieder kräftiger, atmete tief und frei und sagte dann zu Molbott: »So haben Sie uns doch noch zur rechten Zeit aus dem See herausgeholt! Ohne Sie wären …«

»Aus dem See?«, unterbrach er mich. »Nein, Master, keine Rede davon. Das ist gerade das Sonderbare. Sie und Master Hirt lagen hier nebeneinander auf dem Felsboden, als wir ankamen. Wir waren Ihnen entgegengekommen. Wir fürchteten, Sie würden den Rückweg – den bequemsten – nicht finden.«

Ich schaute ihn ungläubig an.

Da erklärte Harst schon: »Ich holte dich heraus, Freund Schratt. Aber dann war es auch mit mir vorbei. Ich verlor das Bewusstsein.«

Zwei Stunden darauf waren wir wieder unten in Molbotts Heim, aßen mit gutem Appetit zu Abend und zogen uns dann in unser Zimmer zurück. Als ich schon im Bett lag, als Harst dann die Petroleumlampe ausgelöscht hatte, als tiefste Dunkelheit uns umgab, setzte Harald sich zu mir auf den Bettrand. Ich vernahm sein Flüstern. Aber zunächst begriff ich kaum, was er sprach. So unglaublich waren diese Mitteilungen.

»Mein Alter, ich habe Molbott und die anderen hier belogen. Nicht ich war es, der dich aufs Trockene brachte. Nein, ich versank genauso wie du, als es mit meinen Kräften vorbei war. Ich war überzeugt: Das ist das Ende! Aber der Einsiedler von Tristan da Cunha hatte uns nur einen halben Tod als Warnung zugedacht. Kein anderer als er kann uns aus dem See herausgezogen und nebeneinander auf den Kraterrand gelegt haben – nur er! Der Mann wollte uns zeigen: ›Lasst die Finger von dieser Sache! Ich weiß, wer Ihr seid!‹ Das Felsstück, mit dem wir abrutschten, war vorbereitet. Das heißt: Das Ganze war ein raffiniertes Attentat. Man hat uns absichtlich durch den Hilferuf an jene Stelle gelockt. Das Felsstück mag schon früher lose gewesen sein, ist dann aber eigens zu unserem Empfang völlig gelockert worden. Wenn zum Beispiel ein dünner Draht von einem Stein, der diesen losgesprengten Randteil des Seeufers stützte, irgendwohin lief, wenn dann an diesem Draht gezogen wurde, dann verlor das Felsstück den Halt und – die Sache hatte geklappt, wie es ja auch tatsächlich geschehen ist. Nun,  dieser Einsiedler ist trotz alledem ein Dummkopf. Ich weiß jetzt nicht nur seinen Namen, sondern auch vieles andere. Er wird es sich gefallen lassen müssen, dass ich ihm noch in dieser Nacht einen Besuch abstatte. Ich werde nach einer Stunde, wenn hier alles schläft, aufbrechen. Der Mann soll merken, dass Harald Harst sich nicht ungestraft halb ersäufen lässt. So ––jetzt gute Nacht, mein Alter.«

»Ich komme mit!«, flüsterte ich und packte seinen Arm. »Du musst mich mitnehmen. Ich lasse dich auf keinen Fall allein gehen.«

Unser Zimmer hatte zwei Fenster und lag im Erdgeschoss nach der Falmouth Bay hinaus, wie der Meereseinschnitt im flachen Vorland der Insel getauft ist. Wir gelangten bequem und unbemerkt ins Freie.

Um elf waren wir aufgebrochen. Wir schritten kräftig aus. Schon nach zehn Minuten rann mir der Schweiß den Rücken entlang. Harst machte den Führer und ging so sicher, als hätte er den erloschenen Vulkan schon so und so oft bestiegen.

Es war ½ 1 Uhr, als wir uns nun mit größter Vorsicht dem Gipfel näherten. Das Licht war nicht zu bemerken. Dunkel und düster ragte die abgeplattete Kraterspitze in das Sternengefunkel hinein.

Je höher wir nun kamen, desto behutsamer wählten wir den Weg, hielten uns stets im Schatten höherer Felspartien und vermieden jedes Geräusch.

Die letzte Strecke krochen wir auf allen vieren. Harst richtete es so ein, dass wir von Osten her an den großen Felsblock uns sacht heranschlängelten. Dann blieben wir in einer Bodenvertiefung zwischen Steingeröll liegen und harrten der Dinge, die vielleicht kommen würden – vielleicht!

Aber es geschah nichts. Vor uns auf etwa zwanzig Meter hatten wir den ungeheuren Block. Die Felskanzel, auf die Harst mich nachmittags aufmerksam gemacht hatte, sahen wir von der Seite wie einen Buckel.

Da die Nacht windstill war, vernahmen wir nur ganz undeutlich das Getöse der Brandung, die dauernd die Westseite von Tristan da Cunha umdonnert. Hin und wieder erklang der klagende Schrei eines Seevogels. Das war alles.

Eine Stunde mochte vergangen sein. Ich war halb eingeschlummert. Da fühlte ich Harsts Hand auf meinem Arm, wurde schnell wieder munter. Sein Mund berührte mein Ohr, als er mir zuraunte: »Ein Mann erklimmt den Felsblock …«

Ich schaute hin. An der rissigen, kahlen Wand des riesigen Blocks bewegte sich etwas. Ich hörte das Poltern losbrechender Steine. Meine Augen gewöhnten sich an die schwache Beleuchtung. Ich gewahrte den Kletterer nun deutlicher, der bereits der Felskanzel nahe war. Jetzt streckte er den rechten Arm aus, versuchte sich an der Oberseite der Felsnase festzuhalten. Nun schwang er sich mit dem halben Leib hinauf.

Aber seine Kräfte schienen ihn plötzlich verlassen zu haben. Ein lauter Angstruf. Der Mann verlor den Halt, stürzte ab, prallte gegen einen kleinen Vorsprung, versuchte sich hier festzuklammern, glitt wieder aus und schlug mit dumpfem Krach auf den Steinboden am Fuße des Felsens auf.

Harsts Hand hielt mich zurück. Ich hatte mich aufrichten wollen. »Keine Bewegung!«, flüsterte er. »Wir schweben hier in nicht geringerer Gefahr als der, den man hier soeben aus fünfzehn Meter Höhe hinabbefördert hat!«

Wieder dieselbe Stille wie vorhin. Ich kann nicht behaupten, dass mir damals besonders behaglich zumute war. Nein, der Gedanke, dass da vor uns vielleicht ein Mensch mit gebrochenem Genick lag, dass ein anderer Mensch hier mit allen Mitteln ein Geheimnis unbekannter Art verteidigte, hatte zu viel Aufregendes an sich.

Wir warteten. Der harte Steinboden bildete gerade keine sehr angenehme Sitzgelegenheit. Und dabei durfte ich nicht einmal versuchen, mir hin und wieder eine andere Lage zu geben. Sofort presste Harst meinen Arm mit aller Macht. Das hieß: Verhalte dich gefälligst ruhig!

Dann – endlich im Osten ein fahler Schimmer des neuen Tages; dann stand Harst auf, meinte halblaut: »Wagen wir es jetzt, dem vorwitzigen Draaken Hilfe zu bringen, falls er überhaupt noch lebt.«

»Wem: Draaken?«, fragte ich erstaunt.

»Ja, nur er kann der Abgestürzte sein – nur er! Sein Lächeln vorgestern Abend bei der Erörterung des Tristan da Cunha-Geheimnisses war so vielsagend, dass ich mir gleich dachte: Draaken muss dem Geheimnis halb und halb auf der Spur sein! Es ist ein kräftiger Mensch, bedächtig, wie alle Holländer, aber doch zu unvorsichtig einem Gegner gegenüber wie diesem Einsiedler. Komm, hoffentlich ist er nur bewusstlos und hat nur mit ein paar Rippenbrüchen seine Kühnheit bezahlt.«

Nun – Draaken lebte. Er war nur bewusstlos. Wir trugen ihn schnell aus der Nähe des Felskolosses weg. Harst schien sich vor einem Angriff durch Felsstücke von oben zu fürchten.

Es wurde heller und heller. Draaken hatte am Hinterkopf eine blutige Wunde. Auch sein linker Unterarm war gebrochen. Als er schließlich wieder zu sich kam, als er uns erkannte, schien er seinen Augen nicht trauen zu wollen, dass gerade wir beide neben ihm knieten. Er musste einen sehr widerstandsfähigen Körper besitzen, da er sehr bald sich aufrecht setzte und auch Harsts Fragen beantwortete.

Er gab zu, sich seit Langem mit der geheimnisvollen Lichterscheinung auf eigene Faust beschäftigt zu haben. So hatte er schließlich auch herausgefunden, dass das Licht nur auf dem einzeln stehenden großen Felsblock seinen Standort haben könne. Als er einmal diesen Felskoloss am Tage näher untersucht hatte, war jedoch plötzlich von der Höhe ein Stein von fast 2 Zentnern Gewicht herabgesaust und hätte ihn beinahe erschlagen. Ob hierbei Menschen die Hand mit im Spiel gehabt hätten, war nicht festzustellen gewesen. Immerhin warnte ihn dieser Vorfall und kühlte auch seine Unternehmungslust bedeutend ab. Er ließ viele Wochen verstreichen, ehe er sich wieder einmal auf den Berg wagte, und zwar an einem stürmischen, regnerischen Abend, an dem man, wie er betonte, wirklich keinen Hund hinter dem Ofen hervorgejagt hätte. »Diesmal nun hatte ich Glück, Master Hirt«, berichtete Draaken weiter. »Sogar sehr großes Glück. Ich überraschte nämlich dort am Fuße des Felsblockes zwei Menschen.«

»Aha«, warf Harst ein. »Einen Mann und eine Frau!«

»Ganz recht, Master, das heißt: Ich hütete mich natürlich, mich sehen zu lassen. Ich wusste ja: Bei dem schlechten Wetter war keiner der Kolonisten hier oben! Es konnte sich also nur um die Leute handeln, die mit dem Licht irgendetwas vorhatten und die mir vielleicht auch mit dem 2-Zentnerstein das Leben hatten verkürzen wollen. Aber, Master Hirt, mir fällt da eben ein: Haben Sie denn auch schon den Mann und die Frau beobachtet, die hier allerhand dunkle Dinge treiben?«

»Ja«, erwiderte Harst zu meinem Erstaunen. »Ich beobachtete die beiden. Aber mit dem geistigen Auge.«

»So so. Das ist wohl so ein moderner Name für eine neue Sorte Fernglas dieses geistige Auge, Master Hirt?«

»So ähnlich!«, nickte Harst. »Was taten der Mann und die Frau denn, bester Draaken?«

»Sie unterhielten sich sehr eifrig. Und dann …« Er lächelte trotz seiner Verletzungen ein wenig. »Dann …«

»… küssten sie sich und die Frau eilte davon«, vollendete Harst.

Draaken riss den Mund vor Staunen auf.

»Waren Sie denn dabei, Master Hirt?«, fragte er kopfschüttelnd und musterte Harst nun sehr argwöhnisch, fügte plötzlich hinzu: »Sie … Sie sind keine Gelehrten, keine Naturforscher! Sie sind …«

»Detektive – allerdings!«, bejahte Harst leise. »Aber das bleibt unter uns, lieber Draaken. Wir sind auch nur sogenannte Liebhaberdetektive. Wir lassen uns unsere Arbeit nie bezahlen. Der Gouverneur Lord Balleray bat mich, das Geheimnis von Tristan da Cunha aufzuklären. Die Hauptsachen habe ich aufgeklärt. Doch jetzt müssen wir an Sie denken, Draaken. Ich werde Ihnen den Arm schienen. Können Sie wohl zu Fuß den Berg hinab?«

»Gewiss kann ich es! Wir sind hier zäh, Master Hirt.«