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Die Gespenster – Dritter Teil – 43. Erzählung

Die Gespenster
Kurze Erzählungen aus dem Reich der Wahrheit von Samuel Christoph Wagener
Allen guten Schwärmern, welchen es mit dem Bekämpfen und Ablegen beunruhigender Vorurteile in Absicht des Geisterwesens ernst ist, liebevoll gewidmet von dem Erzähler Friedrich Maurer aus dem Jahr 1798
Dritter Teil

Dreiundvierzigste Erzählung

Der Teufel will sich mit Geld eine Seele erkaufen

Im Winter des Jahres 1786 ging der Feldprediger eines zu Berlin in Besetzung liegenden Regiments in der Heide vor dem Teltower Tor spazieren. Die Fluren lagen mit Schnee bedeckt, die Witterung war streng und der Wind schneidend. Er hatte daher sich und die Ministerialkleidung, die er zufällig eben trug, in einen Mantel gehüllt. In der Heide begegnete ihm eine arme Soldatenfrau, die, mit dem Ausdruck des Grams und Kummers im Gesicht und mit einem Bündel Strauchholz beladen, in die Stadt zurückkehrte. Er ließ sich mit ihr in eine Unterredung ein und fragte sie endlich mehr zufällig und um doch etwas zu sagen als auf Veranlassung, ob sie auch wohl zuweilen zum Abendmahl gehe.

Sie antwortete, sie sei gegangen und auch nicht gegangen; d.h. sie hätte zum Abendmahl gehen wollen und wäre zum Ende des Tages zuvor zur Vorbereitung gegangen, sie sei aber gleich darauf so krank geworden, dass sie eine geraume Zeit das Bett habe hüten und für diesmal die Handlung des Kommunizierens versäumen müssen. Was ihre Not noch vergrößere, sei der Umstand, dass ihrem Mann verschiedene Wunden, die er aus dem bayerischen Erbfolgekrieg mitgebracht hatte, aufgebrochen wären und viel Unrat, Haare usw. von sich gegeben hätten. Sie könne daher nicht anders glauben, als dass böse Leute ihnen etwas angetan und sie behext haben müssten.

Der Feldprediger suchte ihr diesen schädlichen Aberglauben auszureden, gab ihr, um ihr Elend einigermaßen zu mildern, eine Hand voll ungezählten Geldes, so viel er in seiner Tasche fassen konnte, und ging, um ihr den Dank zu ersparen, rasch in das Gebüsch zurück, aus welchem sie beide eben gekommen waren.

Die arme Frau, die wegen ihrer schweren Bürde, welche den Kopf niederbeugte, den Geber nicht recht angesehen, wohl aber, als dieser den Mantel zurückschlug, um Geld aus der Tasche zu holen, bemerkt hatte, dass er ganz schwarz war, erschrak über die Handvoll Geld. So viel auf einmal hatte sie lange nicht gehabt.

Ohne zu wissen, wer sie beschenkte, sieht sie den schwarzen Geber verschwinden. Hexerei hatte sie im Kopf. Fast natürlich drängte sich ihr daher der Gedanke auf: Der Teufel habe es ihr gegeben, um sie in Versuchung zu führen.

Sie kam bestürzt nach Hause und erzählte ihren Freunden und Nachbarinnen, der Teufel sei ihr erschienen und habe ihr eine Handvoll Geld gegeben.

Der Feldprediger, zufrieden, die Not dieser armen Frau gemildert zu haben, ahnte nichts davon, erfuhr es aber einige Zeit danach auf folgende sonderbare Art:

Einer von den Zivilpredigern Berlins war, wie sie alle, in den Kindervorbereitungsstunden eifrig bemüht, seinen Katechumenen jeden unchristlichen Aberglauben auszureden, und besonders die ohne Not beunruhigende Meinung von einem willkürlichen Einfluss des Teufels auf die Menschen, unwirksam zu machen. »Christus«, sagte er unter anderen nach Maßgabe der Auffassungskräfte der Kinder, »sei in die Welt gekommen, die Werke des Teufels zu zerstören; der Teufel könne also keinem Menschen erscheinen, noch weniger eine Seele mit Geld erkaufen oder dem Menschen irgendetwas geben.«

»Ja, Herr«, fing hierauf eins von den Kindern an, »vor einigen Tagen ist er doch wirklich einer Soldatenfrau erschienen und hat ihr eine ganze Handvoll Geld gegeben.«

Den Katecheten setzte diese naive Einrede fast in Verlegenheit; indessen versicherte er, die Frau sei unstreitig entweder betrogen oder sie wolle betrügen und versuchte den Kindern dies begreiflich zu machen.

Nach einiger Zeit kam von ungefähr der milde Feldprediger zu ihm, dem er die Anekdote von der rätselhaften Einrede jenes zweifelnden Kindes zum Besten gab. Da entwickelte sich nun die Geschichte nach ihrem wahren Verlauf und Zusammenhang.

So kann, wenn Einfalt und Wahnglaube die Köpfe verrückt haben, selbst eine wohltätige Handlung durchaus missverstanden, dem Teufel selbst zugeschrieben und eine Nahrung für den Unverstand des gemeinen Mannes werden.