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Sternenlicht 13

Man schreibt das Jahr 3166. Nach den verhängnisvollen Kriegen gegen die Frogs sind über hundert Jahre vergangen. Das Staatengebilde der Menschheit ist in eine Vielzahl von kleineren Reichen zerfallen. Eins der aufstrebenden neuen Reiche ist die Sternenlichtvereinigung. Nach der wirtschaftlichen Erholung beginnt eine neue Phase der Expansion. Riesige Expeditionsschiffe stoßen in unerforschte Regionen der Galaxis vor und lassen ihre Erkundungskreuzer ausschwärmen.

Die STEPHEN HAWKING ist das fortschrittlichste Forschungsschiff der Sternenlichtvereinigung und der Stolz des Wissenschaftsrates. Als dem ehrgeizigen Kapitän ein wissenschaftliches Experiment aus dem Ruder läuft, verschwindet sie spurlos. Die Crew des Erkundungskreuzers MCLANE beteiligt sich an der Suche, aber über ihrer Mission schwebt von Beginn an ein dunkler Schatten, denn viel spricht dafür, dass es ihre letzte sein wird.

Mit dem inzwischen dreizehnten Roman aus der Sternenlichtreihe präsentiert Johannes Anders den zweiten Band einer dreibändigen Reihe. Er und Peter R. Krüger haben ihre Handlungsstränge miteinander verbunden. Dies ist der erste Versuch, zwei Handlungsstränge zu verbinden. Das Besondere an dieser Reihe ist, dass kann die Romane eines Autoren lesen kann, wenn man nur einem Handlungsstrang folgen will. Die verschiedenen Autoren haben je eines der Forschungsschiffe als Basis und lassen die Forschungskreuzer der Orion-Klasse die verschiedenen Abenteuer erleben.

Im vorliegenden Roman geht es um das Forschungsschiff  STEPHEN HAWKING, die im Sternschweifnebel verschwand. Die MCLANE befindet sich ebenfalls auf der Suche nach dem Forschungsschiff und gerät bald in gefährliche Abenteuer.

Das Buch

Johannes Anders
Sternenlicht 13
Die Havarie der STEPHEN HAWKING

Science-Fiction, Verlag Saphir im Stahl, Bickenbach, November 2022, 218 Seiten, 13,00 EUR, ISBN: 9783962860660, Titelbild: Thomas Budach

Leseprobe

1

Morgendämmerung

Jo Rosen gab Gas und der Speedster raste der aufgehenden Sonne entgegen. Seine schwarzen Haare flatterten im Wind, kalte Luft schlug ihm ins Gesicht und machte ihn wach. Hinter ihm wirbelten Staubwolken auf. Industrieanlagen flogen vorbei.

Yes! Was für ein Ritt!

Das dumpfe Wummern des Scooters weckte Erinnerungen an die Party, die Jo am Abend zuvor besucht hatte: Blondierte Schönheiten waren mit Bierflaschen in der Hand in das Zimmer gestürmt, als die Band Whisky in the Jar anstimmte. Der Sänger hatte den Gurt so weit gestellt, dass die Gitarre fast auf seinem Knie hing. Rhythmisch prügelte er auf das Instrument ein und sang mit rauer Stimme den klassischen Heavy-Metal-Song:

As I was goin’ over
The Cork and Kerry Mountains
I saw Captain Farrell
And his money, he was countin’

Zwei Ladys stolperten mit Getränken in der Hand eine Treppe herunter, sprangen über einen Tisch und landeten vor dem Sänger auf dem Boden, wobei sie den Alkohol über seine Jeans vergossen. Zwei andere fütterten sich gegenseitig Hi-Hat-Pillen. Eine trank Wasser aus einem Sektkühler statt des Sektes. Joints kreisten. Es war eine ausgelassene Stimmung.

Jo wedelte den Rauch beiseite und genehmigte sich einen weiteren Whisky. Das besoffene Publi­kum streckte die Hände in die Luft, tanzte durch das Zimmer und sang den Text mit. Jo zog Marin zu sich und schwankte mit ihr die Treppe hinauf. Auf den Stufen warfen sie ihre Kleider von sich und fielen übereinander her. Die anderen ließen ihre Hüllen auf der Tanzfläche fallen. Jo zog Marin an den Händen auf die Beine und ver­schwand mit ihr im Schlafzimmer, wo sie sich auf das Bett fallen ließen. Aber sie fanden keine Ruhe, weil ein besoffener Kerl ins Zimmer stürmte und sie mit dem Feuerlöscher besprühte. Scheiße, nichts wie raus hier!

Während sie die Treppe hinunterstolperten, heizte die Band ungerührt weiter ein. In der Küche wurden Bauchtänze aufgeführt. Eine betrunkene Lady schrieb mit einem permanenten Filzstift obszöne Worte auf die nackten Bäuche der Tänzerinnen. Eine andere sprühte mit Rasier­schaum Genitalien auf die Fensterscheiben.

Das Wissen über die Musik der prästellaren Epoche der Menschheit war nur lückenhaft überliefert worden, aber es lag auf der Hand, warum Heavy Metal seit Jahrhunderten verboten war. Genauso klar war Jo allerdings auch, warum das Verbot nur den Spaß an den Exzessen gesteigert hatte. Die Gäste führten sich auf, als wäre es der letzte Tag der Welt. Ein Tänzer stolperte und kippte Flaschen um. Jemand wollte ihn übertreffen und wischte alle Flaschen und Getränke vom Küchentisch. Andere machten sich einen Spaß und schlitterten über den alkoholgetränkten Teppich. Ein summendes Holophon wurde aus dem Fenster geworfen und ging zu Bruch. Dem Schlagzeuger wurde eine Trommel entwendet und hinterherge­worfen. Das Mischpult folgte. Der Sänger warf seine Gitarre hinterher und sang dabei a cappella weiter.

Am Ende büßten die meisten auf dem vollge­kotzten Klo für die Ekstase. Eine junge Frau war dort halbnackt in ihrem Erbrochenen eingeschla­fen. Ein Typ schnarchte in der Badewanne dane­ben, mit einer Flasche in der Hand.

Die noch durchgehalten hatten, schlugen sich aufgeplatzte Kissen um die Ohren, deren Federn an ihren nassgeschwitzten Körpern kleben blieben. Aber das bekam Jo Rosen nur noch im Halbschlaf mit.

Als er am Morgen auf dem stinkenden, feuch­ten Boden aufwachte, lag Marin in seinen Armen. Die junge Frau schlummerte selig und träumte, hoffentlich von ihm. Vorsichtig zog er seinen Arm weg und bettete ihren Kopf auf ein aufgeplatztes Kissen. Überall lagen Leute auf dem Boden und schliefen ihren Rausch aus. Vorsichtig stieg er über die Schlafenden hinweg und suchte seine Leder­hose. Auf der Treppe fand er sie. Leider war der Schlüssel nicht in der Hosentasche. Wo hatte er ihn verloren?

Da fiel es ihm wieder ein: Marin hatte ihm den Schlüssel am Abend weggenommen, damit er nicht betrunken losfuhr. Hingerissen betrach­tete er die nackt vor ihm liegende Schönheit. Wo mochte sie den Schlüssel versteckt haben? Einer Eingebung folgend öffnete er ihre Hand und entwand ihn ihr.

»Gehst du schon?«, flüsterte sie.

»Ich muss. Leider! Leider!«

»Sehen wir uns wieder?«

»Bestimmt!«

Jo Rosen hätte nichts dagegen gehabt, die süße, schlanke Frau wiederzusehen, aber das böswillige Schicksal hatte anderes mit ihm vor.

Er gab noch mehr Gas. Der Speedster machte einen Satz nach vorne. Kleine Insekten prallten auf sein Gesicht, sodass er die Augen zusammen­kneifen musste.

Die unangenehme Wahrheit war, dass er Marin eigentlich gar nicht hätte treffen dürfen. Die Party hatte mehr als 700 km südlich von Neu Paris stattgefunden, viel zu weit weg, um jetzt noch pünktlich zurückzukommen. Nun stand ihm eine unangenehme Begegnung mit seinem alten Herrn bevor. Admiral Rosen hasste Unpünktlichkeit, besonders bei seinem Sohn.

Verdammter Mist! Jo fingerte eine Sonnen­brille aus einer Tasche seiner Motorradjacke, um sich vor den Insekten zu schützen, und gab Vollgas. Auf der kleinen Astroscheibe zwischen der Lenkergabel blinkte eine War­nung. Hinter dem Speedster bildete sich ein tornadoartiger Wirbel. Sand wurde in großer Menge angesaugt.

Die getöteten Insekten fingen an, eine Kruste auf seinem Gesicht zu bilden. Hätte er sich bloß den Helm aufgezogen!

Plötzlich ein Leistungsabfall! Der Speedster wurde langsamer und sank kontrolliert zu Boden. Was war los, war der Antrieb überhitzt? – Unwahrscheinlich!

Jo Rosen stieg ab und fand sich auf einem Feldweg zwischen Weizenfeldern und Wein­bergen wieder. Zwei kleine Punkte erschienen am Himmel.

»Scheiße! Die Bullen!« Verärgert schlug er auf die Astroscheibe. »Wozu habe ich den teuren Patch gekauft, der angeblich alle Poli­zeifallen anzeigt? Die Mistkerle haben mich reingelegt!«, schimpfte er lauthals.

Die beiden Polizisten landeten ihre Scooter links und rechts von ihm. Der eine zog sich den Helm ab und baute sich vor ihm auf. Der andere sicherte von hinten.

»Officer, was habe ich verbrochen?«, erkun­digte Jo sich.

Der Polizist grinste schief. »Dass Sie das noch fragen!«

»Okay, ich war ein bisschen schnell. Zugege­ben. Ich fliege die Dinger sonst nur im Welt­raum, da gibt es keine Geschwindig­keitsbeschränkungen. Habe für einen Moment vergessen, wo ich bin.«

»Fliegen Sie im Weltraum auch ohne Helm?« Breiter als der Polizist konnte man nicht grinsen.

»Gut, Mann, Asche über mein Haupt. Ich wollte den Wind im Gesicht zu spüren. Können Sie das verstehen?«

»Können wir. Aber alles hat seinen Preis.«

»Kein Problem, ich bezahle gerne. Was muss ich drauflegen, damit das nicht im System verbucht wird? Mein alter Herr macht mich so klein mit Hut, wenn er das erfährt!« Jo deutete mit zwei Fingern in etwa die Größe an, auf welche er zusammengestaucht werden würde.

»Das ist schon automatisch verbucht, Junge!«, grinste der Polizist. »Tut mir leid. – Oder vielmehr: Tut mir nicht leid, das hast du dir verdient. Zieh den verdammten Helm auf, wenn du weiterfliegst!« Dem Polizisten wich das Grinsen nicht aus dem Gesicht, während Jo sich ärgerte, seinen Vater ins Spiel gebracht zu haben. Jetzt behandelten sie ihn wie einen dummen Jungen.

Der Polizist setzte sich seinen Helm wieder auf, und die Streife flog davon.

»Sadistische Mistkerle!«, schimpfte Jo, während er seinen Speedster wieder startete. Wenigstens hatten sie die Flugsperre aufgehoben. Einmal hatten die Bullen ihn schon mit deakti­viertem Fahrzeug zurückgelassen und er musste sehen, wie er in bewohnte Gegenden zurückfand.

Während das Fluggerät an Höhe gewann, sah er sich nervös um. Zwei kleine Punkte folgten ihm mit großer Distanz. Die Polizisten waren misstrauisch.

Jetzt muss ich mit Kriechgeschwindigkeit über die Felder dümpeln und komme erst recht zu spät, ärgerte er sich.